Heute in den Feuilletons

Wenn auch der Böseste nicht verloren ist

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.12.2009. Die SZ bringt eine chinesische Rede Martin Walsers mit einer Hommage auf den Kollegen Mo Yan. Die Welt erklärt Internet-Abstinenz zum Luxusgut. Die Blogs diskutieren über den Vorstoß einiger Springer-Zeitungen, die online nur noch im Bezahlabo zu lesen sind (oder durch die Google-Hintertür).  Die taz bringt ein Dossier zum Thema Vorratsdatenspeicherung. Die Kritiker sind beeindruckt von James Camerons 3D-Spektakel "Avatar". (Aktualisiert)

Welt, 16.12.2009

Gleich mehrere Studien zeigen, dass die Internetnutzung mit Bildungsgrad und Status zunimmt. Im Bemühen um Distinktionsgewinn zieht Wieland Freund daraus den Schluss, dass es demnächst ganz anders sein wird: "'Vornehm', das könnte bald heißen: unplugged und privat. 'Luxus' wiederum könnte sein, zumindest zeitweise aus der Digitalität zu emigrieren, während sich 'Leistungsträger' nur nennen darf, wer das auch aushält."

Weitere Artikel: Hendrik Werner stellt zwei Hofmaler neuen Typs vor: die Wanderkünstler Antje Schiffers und Thomas Sprenger, die Bauernhöfe malen und sich im Gegenzug von den Bauern Videodokumentationen ihres Alltags erstellen lassen - beides ist nun in der Städtischen Galerie Nordhorn zu sehen. Matthias Heine schreibt zum 150. Todestag von Wilhelm Grimm. Rainer Haubrich meldet, dass der Bund eine Stiftung Berliner Schloss gegründet hat, die künftig als Bauherr fungiert.

Auf der Meinungsseite glaubt Naomi Wolf, dass der westliche Feminismus die Frauen ruiniert und bei ihnen zu einer "immerwährenden, persönlichen Unruhe" führt. (Deshalb muss sie so viel schreiben!)

Besprochen werden eine Ausstellung sowjetischer Fotokunst im Museum Ludwig in Köln und Peter Brooks afrikanisches Stück "Eleven and Twelve" in Paris.

Weitere Medien, 16.12.2009

Das Hamburger Abendblatt (und übrigens auch die ebenfalls von Springer betriebene Berliner Morgenpost) ist künftig nur noch gegen Geld im Internet zu lesen. 7,95 kostet die Zeitung künftig monatlich. Der stellvertretende Chefredakteur Matthias Iken fleht seine Leser förmlich, endlich zu zahlen: "Es geht um das langfristige Überleben der Medien, es geht um die vierte Gewalt. Es geht um die Demokratie, wie wir sie kennen. Medien sind gerade im Lokalen, vor Ort, wichtiger denn je. Die Meldung vom Nobelpreis für Obama ist auf vielen Webseiten zu finden, weil alle Nachrichtenagenturen darüber berichten. Aber was ist mit einem Bürgerbegehren in Alsterdorf, einem Umweltskandal in Billbrook...?"

Auch Youtube überlegt, einen zahlbaren Aboservice für einen Kanal einzurichten, auf dem dann die neuesten Fernsehshows und Filme gezeigt werden könnten, berichtet Bobbie Johnson im Guardian: "In an interview with Reuters, Google executive David Eun - who is in charge of partnerships with media companies - confirmed that paid subscription was an option as it tries to convince more TV channels and Hollywood studios to sign up."

Aus den Blogs, 16.12.2009

Wie man die Bezahlhürde beim Hamburger Abendblatt umgeht, steht schon in den Kommentaren zu Matthias Ikens Editorial, hat Robin Meyer-Lucht in Carta herausgefunden: "Schlagzeile + Abendblatt googeln und man hat den Text." (Denn nur die Abonnenten sollen denken, dass man zahlen muss, für Google sollen die Artikel erreichbar bleiben, so scheint es.)

Auch andere Blogger kommentieren den Vorstoß des Springer Verlags. Stefan Niggemeier glaubt nicht ans Abo-Modell: "Das Bezahl-'Konzept' des Abendblattes ist kein neues Geschäftsmodell. Es ist der verzweifelte Versuch, das alte, für die Verlage komfortable Geschäftsmodell des Abonnements und des Kaufs ganzer Zeitungen, in ein neues Medium zu retten, das die Kunden von den Fesseln solcher Geschäftsmodelle befreit." Ähnlich sieht es Thomas Knüwer.

Die Akzeptanz für Zahlmodelle ist bei den Deutschen nicht besonders hoch, berichtete schon vorgestern Holger Schmidt im FAZ-Blog Netzökonom: "Nach einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GFK-Verein) sind nur 9 Prozent der Deutschen bereit, für digitale Informationen im Netz zu zahlen. 11 Prozent sind es im europäischen Durchschnitt. Für Nachrichten wollen 10 Prozent der Nutzer in Deutschland zahlen."

In Bewegliche Lettern vergleicht Thomas Rhode das deutsche mit dem französischen Projekt zur Digitalisierung von Büchern: "Reiche Beute bei französischen Autoren, Fehlanzeige bei deutschsprachigen: Die BnF hat mit ihrem großartigen, seit 1997 laufenden Gallica-Projekt schon jetzt sehr viel mehr zur Europeana beigesteuert als die deutschen Bibliotheken."

Netzpolitik informiert ausführlich über die Verhandlung in Karlsruhe zur Vorratsdatenspeicherung: hier, hier und hier.
Anzeige

Zeit, 16.12.2009

Auf Zeit online geht die Debatte über Filesharing (mehr hier) weiter: Diesmal überlegt die Piratenpartei, wie neue Geschäftsmodelle im Netz aussehen könnten. "Die Möglichkeiten sind vielfältig und werden auch schon vermehrt genutzt. Musik- und Filmemacher können ihre Werke zum Beispiel über Downloadanbieter wie iTunes vertreiben. (...) Aber auch die klassischen Verwertungsmodelle sind nicht zum Scheitern verurteilt. So werden zum Beispiel CDs oder DVDs als aufwendige Editionen auf den Markt gebracht und bieten einen echten Mehrwert gegenüber einem Download. Der Kunde erhält neben dem eigentlichen Werk aufwendig gestaltete Cover, Beilagen, Hintergrundinformationen oder Zusatzangebote und nimmt diese Angebote in der Regel gern an."
Stichwörter: Piratenpartei, Zeit Online

FR, 16.12.2009

Auf wenn die neue Ausgabe von Shakespeares "Maß für Maß" einen hässlichen Fehler hat - "die Seitenangaben bei den Anmerkungen sind durchgehend falsch" -, ist Peter Michalzik einfach begeistert von der Übersetzungskunst B. K. Tragelehns. "In Tragelehns Sprache haben sich unterschiedliche Traditionen und Schichten angelagert. Da ist zunächst natürlich Shakespeare, derb und feierlich, grob und fein. Dann die trockene, weltaufschließende Brecht-Sprache, nah am Gedanken, nah am Sachverhalt. Und die Weiterentwicklung dieser Sprache durch Heiner Müller, die Verstärkung des gravitätisch-klassizistischen Elements, das Majuskelhafte und Mythologische, die Lust am verdichtenden Sprachspiel."

Weitere Artikel: Judith von Sternburg schreibt über Wilhelm Grimm, der vor 150 Jahren starb. Auf der Medienseite porträtiert Lukas Grasberger den Journalisten Matthias Eberl, der für eine Audio-Slide-Show über die X-Cess Bar den Deutschen Reporterpreis in der Kategorie Online gewonnen hat.

Besprochen werden James Camerons Film "Avatar" (den Daniel Kothenschulte trotz "formelhaften Drehbuchs" wegen der 3D-Technik super findet), Volker Löschs Inszenierung von "Berlin Alexanderplatz" an der Berliner Schaubühne, ein Konzert der Pet Shop Boys in der Frankfurter Jahrhunderthalle und Christian Linders Böll-Biografie (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 16.12.2009

Reines Rezensionsfeuilleton heute in der NZZ: Besprochen werden eine laut Alfred Schlienger eher missglückte Bühnenadaption von Matias Faldbakkens Misanthropie-Trilogie am Theater Basel eine Ausstellung zu Brigitte Bardot im Musee des Annees 30 in Boulogne bei Paris, eine Ausstellung über den Architekten Alfred Messel im Kulturforum in Berlin und Bücher, darunter Felix Philipp Ingolds Kulturgeschichte Russlands "Die Faszination des Fremden", Manil Suris Roman "Shiva" und Claire Beyers Roman "Rohlinge" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Bereits gestern stellte Marcel Falk auf der Medienseite das amerikanische Wissenschaftsmagazin Seed vor. Christian Müller besprach Stephan Russ-Mohls Analyse der amerikanischen Zeitungsbranche "Kreative Zerstörung".

Berliner Zeitung, 16.12.2009

Marin Majica erzählt, wie er sich fühlte, als sein Vorgesetzter ihm eine Freundschaftsanfrage auf Facebook schickte: "als hätte er mir vorgeschlagen, dass wir uns in der Sauna gegenseitig unsere Tagebücher vorlesen".
Stichwörter: Facebook

TAZ, 16.12.2009

Seit gestern überprüft das Bundesverfassungsgericht das vor zwei Jahren von Brigitte Zypries (SPD) entworfene Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung, wonach alle Telefon- und Internetverbindungen registriert und sechs Monate lang aufbewahrt werden müssen. Doch ist die Zwangsspeicherung "eben kein deutscher Sonderweg, sondern wurde von den 27 EU-Staaten gemeinsam beschlossen", erklärt Christian Rath. "Zwar könnte Karlsruhe Korrekturen bei der Nutzung der Daten vorschreiben, denn hier hat die EU den Mitgliedsstaaten relativ freie Hand gelassen. Doch die Kläger wollen mehr. Sie halten schon die sechsmonatige Speicherung der Telekom-Verbindungsdaten für verfassungswidrig. Für die Überprüfung von EU-Rechtsakten ist jedoch nicht das Bundesverfassungsgericht, sondern der Europäische Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg zuständig." Rath skizziert vier Möglichkeiten, wie das das Bundesverfassungsgericht darauf reagieren könnte.

In einem zweiten Artikel berichtet Rath über die in Karlsruhe vorgetragenen Argumente. Und Julia Seeliger freut sich: Habemus Bürgerrechtsbewegung 2.0.

Im Kulturteil spricht der Musikkabarettist Rainald Grebe, dessen neues Stück "Die Karl-May-Festspiele Leipzig" heute am Centraltheater in Leipzig aufgeführt wird, im Interview über Ostindianer und 1968. Jan Feddersen berichtet über eine Göttinger Tagung zur Situation schwuler Männer in den Anfangsjahren der BRD. In taz zwei schreiben Klaus Hartung und Max Thomas Mehr den Nachruf auf taz-Mitbegründer Dietrich Willier.

Besprochen wird James Camerons Science-Fiction-Film "Avatar": "Ob das Konzept des 'Zwiebelfilms' - Häutung um Häutung vom Popcornkino über das message picture zum Philosophieseminar - so recht aufgeht, ist schwer zu sagen", meint Georg Seeßlen, der selbst von soviel Kriegs- und Kapitalismuskritik schwer begeister ist.

Und Tom.

SZ, 16.12.2009

Martin Walser hat in China einen Preis für seinen Goethe-Roman bekommen und bringt in seiner in der SZ dokumentierten Dankesrede eine kleine Hommage auf Mo Yan ("Die Sandelholzstrafe") unter: "Der Romanerzähler liebt alle seine Figuren. Er lebt in allen seinen Figuren. Auch wenn sie furchtbare Handlungen exekutieren müssen. Das ist für mich die Attraktion schlechthin: Wenn auch der Böseste nicht verloren ist." (Mo Yan gehörte bei der Buchmesse zur offiziellen Delegation, mit der er sich bei einer denkwürdigen Gelegenheit solidarisierte, indem er germeinsam mit ihr aus dem Saal spazierte, die Welt griff das vorgestern noch mal auf.)

Ausgerechnet die Wiederkehr des immer Gleichen ist das eigentlich Spannende an James Cameron, meint Susan Vahabzadeh in einem lauen Lob der neuen Superproduktion "Avatar": "James Cameron kann man, so scheint es, hinschicken, wo man will - in die Zukunft, ins Wasser, ins All: Er findet im Herzen überall dieselben menschlichen Mechanismen wieder; und nur das macht seine intergalaktische Romanze zwischen Jake und Neytiri interessant." Tobias Moorstedt erklärt in einem zweiten Artikel, was es mit dem für den Film entwickelten "Virtual Cinematography System Creator" auf sich hat.

Weitere Artikel: Klaus Birnstiel lauschte einem Vortrag des amerikanischen Philosophen und Religionskritikers Daniel Dennett in München. Der Rechts- und Sozialpsychologie Günter Bierbrauer erzählt, dass das berühmte Milgram-Experiment (man versetzt einem Scheinprobanden, sofern er nicht spurt, auf Anweisung einer wissenschaftlichen Autorität Elektroschocks) wiederholt wurde - mit dem gleichen erschreckenden Ergebnis. Jörg Königsdorf stellt den Schweizer Blockflötenstar Maurice Steger vor. Bernd Graff lässt sich von einem Slate-Artikel zu einer qualitätsjournalistischen Kompilation über die Frage, warum Rapper die Pistole seitwärts halten, inspirieren.

Besprochen werden neue Frankfurter Inszenierungen und eine Ausstellung mit Skulpturen von Pedro Cabrita Reis in Hamburg.

In einer Seite 3-Reportage erzählt Christian Zaschke, wie Übersetzer, Verleger, Buchhändler und Journalisten zwei Bücher, die es verdienen, aber nicht gerade Leichtgewichte sind - nämlich die Romane von David Foster Wallace und Roberto Bolano - zu Bestsellern machten.

FAZ, 16.12.2009

Online lesen kann man Andreas Maiers Hommage von gestern an die im Iran festgehaltene Künstlerin Parastou Forouhar und Karen Krügers Reportage vom Samstag über drei Deutschländer, die in die Türkei zurückgehen wollten oder mussten.

Aus dem Feuilleton von heute: Michael Althen ging nicht ohne Skepsis in die Pressevorführung, "Avatar" ansehen, und kam mit der Überzeugung wieder heraus, womöglich tatsächlich die Zukunft des Kinos erlebt zu haben: "Es geht ... gar nicht darum, den Film in gewohnter Weise zu reflektieren, sondern allein darum, dass man sich zum ersten Mal vorstellen kann, wie ein Sechzehnjähriger aus dem Kino kommt und das Erlebnis in 3D fortan für den Maßstab dessen hält, was Film kann."

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Richard Wagner legt dar, warum der Dichter und Securitate "IM" Werner Söllner seiner Kenntnis nach weniger unschuldig ist, als jetzt alle tun. Dirk Schümer glossiert die transalpinische Hypobank-Katastrophe. Wie es kommt, dass die Berliner Philharmoniker auch zukünftig in Salzburg zu hören sein werden, weiß Jan Brachmann. In französischen Zeitschriften liest Jürg Altwegg Essays zum Thema Sport, Fußball vor allem. Regina Mönch stellt angesichts aktueller Lebenszeichen erleichtert fest: "Es gibt sie also doch: die Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung." Gina Thomas gehen die Augen auf bei ihrem Besuch des nach der Renovierung viel helleren Victoria and Albert Museum in London: "Ein Triumph".

Auf der Medienseite erläutert Hendrik Wieduwilt ein Urteil des Bundesgerichtshofs, das Internetseiten erlaubt, die Namen der Sedlmayr-Mörder in ihren Archivtexten zu belassen. (Mehr dazu bei Spiegel online)

Besprochen werden eine Aufführung von Händels Oper "Giulio Cesare in Egitto" und Bücher, darunter Palmi Ranches Erzählungsband "Ein bisschen Glück für später" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).