Heute in den Feuilletons

Statt einer Wirbelsäule ein Schwert

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.10.2009. In der FR bekennt Mircea Cartarescu seine Ehrfurcht vor Herta Müller. Bob Dylan hat Weihnachtslieder eingesungen. Das Projekt ist seriös, erläutert die Berliner Zeitung. Auch Prominente wie Roman Polanski sollten eine Chance auf einen fairen Prozess haben, meint Telepolis. Die SZ zitiert aus einem Gedicht des offiziellen frankfurtreisenden Parteidichters Wang Zhaoshan über das Erdbeben von Sichuang: "Naturkatastrophen sind unvermeidlich / Wie könnte ich da über meinen Tod klagen..."

FR, 12.10.2009

Der rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu verneigt sich vor Herta Müller, bekennt aber auch, dass sie ihn immer eingeschüchtert hat: "Ihr Stil ist nicht einfach aufrichtig. Ihr Streben nach Reinheit - die moralische eingeschlossen - ist wie ein Schwert, das sie in sich trägt, als habe sie statt einer Wirbelsäule ein Schwert, wie in einem von Kafkas Träumen. Die Antworten auf den Schrecken und die Schönheit der Welt sind nur ja, ja oder nein, nein, wie es im Evangelium heißt. Dazwischen gibt es nichts, keinen Kompromiss zwischen der Obsession des Ekels gegenüber den Unterdrückern und einem ebenso obsessiven Mitleid für die von ihnen Unterdrückten."

Johannes Groschup schickt eine Reportage aus Shenyang: "Im Nordosten Chinas gelegen, in der ehemaligen Mandschurei, gehört die Stadt wegen der vielen Kohlegruben und Erzvorkommen im Umland und dank der angeschlossenen Schwerindustrie zum Rostgürtel, einer seit hundert Jahren ausgebeuteten und entsprechend trostlosen Landschaft."

Weiteres: In Times mager beschäftigt sich Daland Segler mit Christian Thielemanns Weggang aus München. Christian Schlüter schreibt zum Tod des Schriftstellers Raymond Federman. Besprochen werden Karin Henkels Inszenierung der "Drei Schwestern" am Frankfurter Schauspiel und eine Aufführung von Luigi Nonos "Al gran sole carico d'amore" in Leipzig.

Berliner Zeitung, 12.10.2009

Bob Dylan hat eine Platte mit Weihnachtsliedern aufgenommen. Frank Junghänel kann nach dem Hören des ersten Lieds "Here Comes Santa Claus, here comes Santa Claus..." seine Erschütterung nicht verbergen: "Doch noch ehe der Song zu Ende ist, beginnt man zu begreifen, dass das gar keine Parodie ist. Es handelt sich bei dieser Interpretation um eine durchaus seriöse Aneignung dieses freundlichen Kinderliedes durch einen ebenso freundlichen Kinderschreck."

NZZ, 12.10.2009

Die Bamberger Autorin Nora Gomringer erzählt vom Leben im Ledig House in New York, in dem sie zur Zeit als Writer in Residence unter geradezu idyllischen Bedingungen wohnt: "Der eine oder andere erlaubt sich einen Scherz, indem er auf die ausgelegte Einkaufsliste unter 'desired item' (erwünschtes Produkt) Whiskey und unter 'person requesting' (für wen) Dorothy Parker schreibt. So necken wir den sehr freundlichen Jim, der uns die Schränke der Küche mit Lebensmitteln zur Selbstversorgung vollpfropft. Natürlich gibt es zu dieser Art des Autorenhumors noch zahlreiche Varianten, die wir mit Vorliebe morgens auf den Block kritzeln: Madeleines - Proust, Zigaretten - Simone de Beauvoir, Absinth - Rimbaud..."

Weitere Artikel: Martin Zingg verfasst einen Nachruf auf den Schweizer Schriftsteller Jacques Chessex, dessen Schreiben ein Wechselspiel zwischen Calvinismus und "selbstzerstörerischer erotischer Begierde" sei. Angela Schader schreibt zum Tod des französisch-amerikanischen Schriftstellers Raymond Federman. Jürgen Tietz stellt neue Entwicklungen in der Stadtarchitektur Luxemburgs vor, bei der nun auch einheimische Architekten eine Rolle spielen.

Außerdem erscheint heute die Buchbeilage zur Frankfurter Buchmesse  (die Kritiken darin findet man auch im Bereich Buchrezensionen der NZZ Online). Im Aufmacher bespricht Andreas Breitenstein Mo Yans Roman "Die Sandelholzstrafe".
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Aus den Blogs, 12.10.2009

All denen, die im Fall Polanski sofort ein klares Urteil parat hatten, stellt Rüdiger Suchsland in einem ausführlichen Artikel für Telepolis die Gegenfrage: "Auch der Stammtisch der Online-Portale reagierte mehrheitlich recht klar: Wieso soll jemand bevorzugt behandelt werden, bloß weil er hervorragende Filme macht? Gute Frage! Allerdings sollte er deshalb auch nicht benachteiligt werden, und genau das ist hier der Fall." Auch Polanskis Opfer Samantha Geimer zitiert Suchsland: "Who wouldn't think about running when facing a 50-year sentence from a judge who was clearly more interested in his own reputation than a fair judgment or even the well-being of the victim?"

Wolfgang Blau, Chef von Zeit Online, macht sich im Interview mit der österreichischen Zeitschrift Horizont einige Gedanken über die Zukunft des Journalismus, bei denen die Printkollegen der Zeit möglicherweise noch schlucken müssen: "Eine unserer Aufgaben wird sein, das Fachwissen unserer Leser zu bündeln, zu verifizieren, zu moderieren."

Schon am Samstag verkündete die New York Times die traurige Nachricht, dass der japanische Modedesigner Yohji Yamamoto Bankrott angemeldet hat: Die Japanerinnen kaufen in der Wirtschaftskrise lieber bei H&M. Hier ein Grund, warum das traurig ist. Und ein zweiter und ein dritter und ein vierter und ein fünfter.

Welt, 12.10.2009

Der chinesische Schriftsteller Yan Lianke hat Bücher veröffentlicht, die höchste Preise in China erhalten haben und andere, die nicht veröffentlicht werden durften. Zur Frankfurter Buchmesse darf er nicht fahren, sein neuer Roman aber ist ein großer Erfolg in China. Wie geht das alles zusammen, fragt ihn Johnny Erling? "Schriftsteller haben heute mehr Freiraum. Ein Grund ist sicher auch, dass ich keine politischen Aufsätze oder Polemiken, sondern Literatur schreibe. Von meinem neuen Roman 2009 'Wo yu fubei' (Ich und meine Vorväter), in dem ich meine Rückkehr zu den bäuerlichen Wurzeln aus heutiger Sicht reflektiere, sind schon 220.000 Exemplare verkauft worden. Verlage und Medien lassen sich nicht mehr alles gefallen, die Zivilgesellschaft entwickelt sich auch weiter. Dennoch gibt es Grenzen. Während der Olympischen Spiele 2008 untersagten die Zensurbehörden öffentliche Kontroversen. Die Medien durften in dieser Zeit meinen Namen nicht einmal nennen."

Weiteres: Johnny Erling stellt die Aktion "Softpower" vor, mit der China sich im Ausland in Medien, Verlagswesen, Kulturbetrieb Gehör verschaffen will. Manuel Brug findet es ganz passend, dass Christian Thielemann die Philharmoniker in München sitzen lässt und nach Dresden geht: Das kann jetzt "seine Stellung als wiedererstandene Kulissenstadt des Kulturkonservatismus weiter ausbauen". Twittern wird zur Kunst, meldet Hendrik Werner in der Leitglosse. Berthold Seewald gratuliert dem Historiker Ernst Schulin zum Achtzigsten. Heute eröffnet die Humboldt-Universität ihre neue zentrale Bibliothek, das 75,5 Millionen teure Grimm-Zentrum, berichtet Gerwin Zohlen. Harald Schmidt liest heute im Prater der Volksbühne aus David Foster Wallaces "Unendlicher Spaß", meldet stark.

Besprochen werden die neue CD der Plastic Ono Band und die Aufführung zweier Kurzopern von Puccini und Leoni in Frankfurt.

Im politischen Teil auf der Seite drei stellt Uwe Wittstock die Frankfurter Buchhändlerin Angelika Schleindl vor, der es - verglichen mit den unter der Krise leidenden Ketten wie Thalia und Hugendubel - ganz gut geht, denn: "'Die haben jetzt die hohen Innenstadtmieten am Hals', meint Angelika Schleindl, 'und sie spüren die Internetkonkurrenz mehr als wir.'" Und in einem zweiten Artikel meldet Wittstock: der Buchhandel machte in der ersten Hälfte 2009 ein Umsatzplus von 2,2 Prozent.

TAZ, 12.10.2009

Der Schwerpunkt ist China gewidmet. Der Autor Yu Hua - er darf nach Frankfurt kommen - kann auch nicht erklären, wie die Zensur in China funktioniert: "Mir ist bis heute nicht klar, was deren Maßstäbe sind. Mein Buch 'Leben', das vor 17 Jahren veröffentlicht wurde, muss bis heute jedes Jahr wiederaufgelegt werden und wird ebenfalls im Schulunterricht gelesen. Die Verfilmung dieses Buches hingegen ist bis heute verboten. Wenn schon mir das Vorgehen dieser Behörden unergründlich ist, wie unergründlich muss es dann erst auf Ausländer wirken!"

Xu Xing, der nicht zur Buchmesse eingeladen wurde, meint: "Ich schätze die Entwicklung einerseits sehr optimistisch ein: In Zukunft wird wahrscheinlich noch auf einigen Ebenen zensiert werden, im Bereich Sex und Gewalt und in den Bereichen, die als sittenwidrig gelten. Allerdings wird immer mehr Konsens bei den Fragen der Meinungs- und Publikationsfreiheit aufkommen. Andererseits schätze ich die Sache auch pessimistisch ein: Zensur wegen Sex und Gewalt könnte als Ausrede für andere Zensur genutzt werden."

Außerdem: Sven Hansen stellt einige chinesische Romane vor, die sich durchaus heiklen Themen wie dem Tiananmen-Massaker widmen: Kritik ist also erlaubt, meint er, nur "zu weit" darf sie nicht gehen. Susanne Messmer schreibt über Dorfliteratur.

Brauchen wir noch Gewerkschaften? Die können schon noch nützlich, meint Oskar Negt im vorderen Teil, aber nur, wenn sie es schaffen, endlich auch die Menschen anzusprechen, die über Betriebe gar nicht mehr erreichbar sind: Arbeitslose, prekär Beschäftigte, Kreative. "Der Deutsche Gewerkschaftsbund unterhielt in den 1980ern noch Ortskartelle, Büros in Stadtteilen, in denen politische Bildung oder Rechtsberatung angeboten wurde. Also eine regionale und städtisch auf Probleme der Menschen bezogene Strategie. Heute sind Gewerkschaften mit ihren Kooperationsangeboten kaum mehr im öffentlichen Raum präsent. Und ihr Symbolvorrat ist aufgezehrt, auch selbst verschuldet."

Im Kulturteil liest Robert Misik Artikel von Paul Krugman und Francis Fukuyama über den "intellektuellen Kollaps" der Wirtschaftswissenschaften. Besprochen werden die Ausstellung "elles@centre pompidou" mit 500 Werken von 200 Künstlerinnen aus dem Sammlungsbestand des Centre Pompidou, eine Aufführung der Oper "Tomorrow, in a year" über Charles Darwin durch das Elektropopduo The Knife in Dresden und die Aufführung von "Vung bien gio'i" durch Rimini Protokoll am Staatsschauspiel Dresden.

Schließlich Tom.

Tagesspiegel, 12.10.2009

Der jüdische Historiker Michael Wolffsohn ist nicht einverstanden mit den Äußerungen des Generalsekretärs des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer, der Sarrazin mit Hitler verglich: " Unabhängig von der Bewertung der jüngsten Bemerkungen Thilo Sarrazins fragt man sich: 'Hat der Mann noch alle Tassen im Schrank?' Kennt ausgerechnet der Generalsekretär 'der' deutschen Juden nicht das Gedankengut jener Mega-Verbrecher, Hitler & Co?"
Stichwörter: Michael Wolffsohn

SZ, 12.10.2009

Unter den wenigen Schriftstellern, die China nach Frankfurt schickt, ist auch der Parteikader Wang Zhaoshan, der nach dem großen Erdbeben von Sichuan folgende Verse zu Papier brachte:

"Naturkatastrophen sind unvermeidlich
Wie könnte ich da über meinen Tod klagen
Der Parteivorsitzende ruft, der Ministerpräsident auch
Die Partei bemuttert, das Vaterland liebt mich..."

Henrik Bork berichtet, dass der Mann sogar in der offiziellen Delegation umstritten ist.

Die ganze Seite 2 des politischen Teils widmet die SZ dem Abgang Christian Thielemanns, den es nun also nach Dresden zieht. Kernstück ist ein nicht sehr tiefschürfendes Gespräch, das er Joachim Kaiser gewährte, "dem einzigen Partner, mit dem er überhaupt noch reden wollte" (außer Julia Spinola in der FAZ). Reinhard Brembeck und Egbert Tholl schildern die Reaktion der Münchner Stadtpolitiker. Und im Aufmacher des Feuilletons fragt Brembeck dann noch, ob es ein Leben nach Thielemann gibt und kommt zu dem Schluss, dass ja.

Weitere Artikel: In den "Nachrichten aus dem Netz" greift Niklas Hofmann den Streit um die Google Sidewiki auf, die es Nutzern der Google-Toolbar gestattet, zu beliebigen Seiten Kommentare zu hinterlassen und darum den Ärger der Blogger auf sich zieht. Aus dem Guardian wird Timothy Garton Ashs neueste Kolumne übernommen - er denkt über die transatlantischen Beziehungen im Obama-Zeitalter nach. Hans-Peter Kunisch schreibt zum Tod des französischen Autors Raymond Federman. Franziska Augstein gratuliert dem Historiker Ernst Schulin zum Achtzigsten. Nachgedruckt wird eine Würdigung Martin Mosebachs auf Eckhard Henscheid (hier Henscheids Artikel in der Jungen Freiheit, der neulich für einen leichten Ausschlag des Debattenseismometers gesorgt hatte)

Besprochen werden eine Ausstellung des Jugendstil-Künstlers Alfons Mucha in München, eine Ausstellung über den Architekten Martin Elsaesser in Frankfurt, neue DVDs, das Tanzstück "Burka Bondage" in Berlin, in dem Helena Waldmann den Zwang der Burka laut Dorion Wieckmann mit Exzessen westlicher Freiheit konfrontiert, und Bücher (mehr ins unserer Büchrschau ab 14 Uhr).

FAZ, 12.10.2009

Unsere tägliche Seite Herta Müller gib uns heute: Wolfgang Schneider besucht die frischgebackene Nobelpreisträgerin in ihrer Wohnung in Berlin-Friedenau, bekommt was ab vom Nobelpreisträgerinnen-Apfelkuchen, spricht mit ihr über die Securitate sowie den "'inneren' Oskar Pastior" und erhält Einblick in die Collage-Werkstatt der Autorin: "Zierlich wie Herta Müller ist das rückenschonende Stehpult, auf dem sie sonst den Laptop zum Schreiben plaziert. Derzeit liegen dort viele Papierschnipsel: Worte, Worte, Worte, aus Magazinen und Katalogen geschnitten, Material, aus dem sie ihre Textcollagen klebt. Die Bewohner des Hauses sind gebeten, ihre Zeitschriften nicht in die Papiertonne zu werfen, sondern sie der Schriftstellerin auf die Türschwelle zu legen." Und Richard Friebe berichtet von einer Ortsbegehung im Banat, der alten Heimat der Schriftstellerin.

Weitere Artikel: Rose-Marie Gropp hält ein flammendes Plädoyer dafür, dass das Land Hessen Hans Holbeins d.J. zum Verkauf stehende Darmstädter Schutzmantelmadonna (Bild) ankauft; ebenfalls ausgeführt werden im Text die intrikaten juristischen Hintergründe der Angelegenheit. Christian Thielemann erklärt im Interview, wie es zuging, dass er demnächst definitiv in Dresden und nicht mehr in München Kapellmeister ist - und resümiert: "Das große Rätsel dieser ganzen Geschichte ist doch, warum man auseinandergeht, obwohl man künstlerisch alles andere als zerstritten ist." Helmut Mayer gibt einen Überblick über wichtige Sachbücher, Felicitas von Lovenberg über die herausragende Belletristik des zu ihrem Bedauern von Long- und Shortlisten überschatteten Bücherherbsts.

In der Glosse macht sich Jordan Mejias Gedanken, wie Barack Obama aus der Sache mit dem Nobelpreis wieder rauskommt. In Ingeborg Harms' "Blick in deutsche Zeitschriften"-Kolumne geht es diesmal sehr lyrisch zu. Timo John berichtet über den Streit, der in Stuttgart um den Abriss des ehemaligen Hotels "Silber", das auch einmal Gestapo-Sitz war, entbrannt ist. Mark Siemons meldet, dass sämtliche Spuren der missliebigen taiwanesischen Autorin Lung Yingtai aus dem chinesischen Netz gelöscht wurden. Jürg Altwegg schreibt den Nachruf auf den Schweizer Autor (und einzigen Schweizer Goncourt-Preisträger) Jacques Chessex. Und die Geburtstagsglückwünsche der Woche gehen an den Schriftsteller Michael Köhlmeier (60), die Künstlerin Carolee Schneemann (70), den Mode-Desigern Ralph Lauren (70), den Historiker Ernst Schulin (80) und den "Filmnarren" Enno Patalas (80).

Besprochen werden Karin Henkels "Drei Schwester"-Inszenierung in Frankfurt, ein Abend mit dem Ballett Mainz unter dessen Direktor Pascal Touzeau, die Monet-Ausstellung im Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal, die Ausstellung "Otto IV. Der Traum vom welfischen Kaisertum" in Braunschweig und Bücher, darunter David Albaharis Roman "Ludwig" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).