Heute in den Feuilletons

Zum komplexen Sinnverstehen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.07.2009. Die FR ist erstaunt über den Buchhändler Amazon, der sich ausgerechnet bei einer elektronischen Orwell-Ausgabe als Gedankenpolizei entpuppte. In der Welt erzählt Brigitte Zypries, wie schwer es war, in New York einen Anwalt gegen Google zu finden.Außerdem schreibt Gesine Schwan über Leszek Kolakowski. Carta fragt: Wo ist die Qualität im deutschen Magazinjournalismus? Die NZZ vermutet, dass Google mit dem Einscannen von Büchern gar kein Geld verdienen will - jedenfalls nicht direkt.

FR, 21.07.2009

Amazon hat gerade ohne Warnung zwei E-Bücher von den Kindles seiner Leser gelöscht, nachdem sich herausgestellt hatte, dass der Verlag gar nicht die Rechte am digitalen Vertrieb hatte. Thomas Rohde macht dieser Fall klar, "dass sich das 'Whispernet' nicht nur für eine bequeme Art des Buchshoppings, sondern auch für eine besonders ruppige Form des Digital Rights Management eignet. (...) Mit dieser Aktion hat Amazon den größten technologischen Vorzug seines Geräts in einen gravierenden Nachteil verwandelt: Von nun an wird jedem Nutzer eines Kindle klar sein, dass stets eine Thought Police seine digitale Bibliothek im Blick haben und mit ihr unbeobachtet nach Belieben schalten und walten kann. Dies sollte vor allem im Auge behalten, wer einen weiteren Vorzug des neuesten Kindle-Modells DX nutzen will: Dessen eingebaute pdf-Software 'ermöglicht es Ihnen', wie Amazon verspricht, 'all Ihre persönlichen und beruflichen Dokumente unterwegs zu lesen'. Möglicherweise nicht nur Ihnen."

Weitere Artikel: Julia Kospach schreibt den Nachruf auf den Schriftsteller Frank McCourt. In Times Mager erinnert sich Christian Thomas an die Mondlandung.

Besprochen werden die Ausstellung "Modell Bauhaus" im Berliner Martin-Gropius-Bau, die Aufführung von Salvatore Sciarrinos Oper "Das Tor zum Gesetz" in Mannheim und einige Bücher zum Darwin-Jahr.

Aus den Blogs, 21.07.2009

Gabriele Bärtels erzählt in Carta aus dem Alltag unseres unbestechlichen Magazin-Journalismus: "Gestern zum Beispiel: Da sollte ich für ein Lifestyle-Magazin einen Text über zwei Schauspieler schreiben, die in einem Fitness-Studio trainieren, um sich für eine Mega-Inszenierung, deren Hauptdarsteller sie sein werden, fit zu machen. Tatsache ist aber, dass sie nie in diesem Fitness-Studio trainieren, nur an diesem Tag, unter den Augen und in der Obhut von Fotograf, Assistent, Stylistin, Produktionsleitung und natürlich der Marketing-Dame des Studios."

Burkhard Müller-Ullrich merkt in der Achse des Guten an: "Nicht die Sonne ist das Vernunftgestirn, sondern der Mond. Denn der Mond ist ein Medium der Reflexion. Er reflektiert nicht nur das Sonnenlicht, er fördert jede Art des Nachdenkens. Das hat sich zum 40. Jahrestag seiner Erstbegehung in aller Deutlichkeit erwiesen."

Google wird seinen extrem erwarteten neuen Dienst Google Wave, ein Mittelding aus Mail- und Messengerdienst im September einführen und demnächst 20.000 neue Versuchskaninchen für die Betaphase einladen, meldet TechCrunch.

(Via twitter.com/ronniegrob). Jens Jessen: "Das Internet befindet sich am Scheideweg." Jetzt mit Musik.

Aus den Radios, 21.07.2009

(via Netzpolitik) Lars Reppesgaard, Autor des Buchs "Das Google-Imperium" kommentiert im Deutschlandradio die Forderungen der Verlage nach einem Leistungsschutzrecht: "Kassieren wollen die Verleger von Zeitungen und Magazinen übrigens nicht erst, wenn jemand einen kompletten Text reproduziert. Google verweist ja nur auf die Nachrichten, die sie ins Netz stellen. Schon diese Verweise - die sogenannten Internetlinks - sollen Geld kosten. Nun ist ein öffentlicher Diskurs schlichtweg nicht möglich, wenn man nicht mal auf bestimmte Texte verweisen darf."
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TAZ, 21.07.2009

Beim Theaterfestival von Avignon hat Andreas Klaeui entweder "vornehme Blässe" oder Versuche erlebt, Kasse zu machen. "Ist es die Krise? Derentwegen ganz allgemein keine Aufbruchstimmung herrscht? Avignon ist der Ort, wo sehr grundsätzlich über Theater debattiert wird. Es wird viel über Kulturpolitik geredet in diesem Jahr, was wohl auch damit zusammenhängt, dass mit Frederic Mitterrand, dem Neffen von François Mitterrand, soeben ein neuer Kulturminister angetreten ist, dem man mehr Nähe zum künstlerischen Milieu zutraut. Es wird aber auch über den Zwiespalt geredet zwischen Erstarrung im subventionierten Betrieb und die beliebig anmutende Anpassung an einen vermuteten Publikumsgeschmack. Dass das Publikum immer unterschätzt wird, es wird ja nie überschätzt. Man redet wieder darüber: dass das subventionierte Theater angetreten war, um den Zugang zur Kunst weniger elitär zu halten, und dass dies nicht gelungen ist - ein Arbeiter geht nach neun Stunden Schicht nicht ins Theater."

"Das Band der Macht, das die beiden Erben Chomeinis in den vergangenen zwanzig Jahren einte, ist zerrissen", glaubt Alessandro Topa nach der Rede Rafsandschanis und bemerkt: "Eine Regierung, die zuletzt ihrem Volk verbergen wollte, dass ihre wichtigste Schutzmacht (nämlich China) systematisch Muslime unterdrückt, wie dies zu Beginn der Uigurenaufstände in den staatlichen iranischen Medien der Fall war, muss bald an einer Realität zerschellen, von der sie sich täglich mehr entfremdet."

Weitere Artikel: Paul Wrusch kann "wilde Hüpforgien" vom Melt!-Festival in Sachsen-Anhalt melden. Julia Große fragt sich, warum Londoner für ein Rauchverbot in Filmen demonstrieren und wann sie solche Spaßbremsen geworden sind. Laura Ewert trauert um die Berliner Bar25, die im August geschlossen wird: "So einen Ort wird es nie wieder geben. Nirgendwo auf der Welt." Christiane Müller-Lobeck berichtet von einer Tagung der Streik Academy in Bremen. Ralf Sotschek schreibt zum Tod von Frank McCourt.

Und Tom.

NZZ, 21.07.2009

Nach der Frankfurter Tagung zur "Autorschaft als Werkherrschaft in digitaler Zeit" schlüsselt Joachim Güntner noch einmal den Unterschied zwischen dem angelsächsischen Copyright als Verwertungsrecht und dem kontinentaleuropäischen Urheberrecht auf. Und liefert zu Googles Book Search folgende Mutmaßung: "Wollen wir ernsthaft glauben, der Internetgigant wittere ein Geschäft mit vergriffenen oder 'verwaisten' Büchern, das so lukrativ ist, dass es die enorm hohen Kosten der Digitalisierung wieder einspielt? Der Niederländer Auke Haagsma, vormals Berater der Europäischen Kommission und nun Leiter von ICOMP, einer Initiative for a Competitive Online Marketplace, weiß es besser: Google füttere seine Server vor allem deshalb mit Weltliteratur, damit die Suchmaschine die Anfragen der Nutzer gleich übersetzen und ihnen dann Antworten aus vielen Sprachen der Welt liefern könne. Polyglott und zum komplexen Sinnverstehen fähig also soll die Maschine werden, Syntax und Semantik lernen für ihr Kerngeschäft, die Suchanfrage."

Weiteres: Jürgen Tietz betrachtet Möglichkeiten, leerstehende Kirchen sinnvoll zu nutzen. Irene Binal schreibt zum Tod des irisch-amerikanischen Autors Frank McCourt. Alfred Zimmerlin berichtet von der Eröffnung des Menuhin-Festivals in Gstaad.

Besprochen werden Saul Bellows Romane in neuer Übersetzung, Carlos Fuentes' Erzählungen "Alle glücklichen Familien" und Navid Kermanis Überlegungen "Wer ist wir?" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Welt, 21.07.2009

Im Interview mit Welt Online spricht Justizministerin Brigitte Zypries über das Raubkopieren: "Schon in meiner Jugend war das Mitschneiden von Musik aus dem Radio üblich, damals auf Tonbändern oder Kassetten. Es gibt also eine gewisse Tradition zu glauben: Man darf das." (Der Grund dafür könnte einfach sein: Man darf das!) Zum Google Book Settlement sagt Zypries: "Es war nicht ganz einfach, einen Anwalt zu finden, der bereit war, uns in den USA gegen Google zu vertreten. Nun haben wir in New York einen gefunden, der arbeitet gerade an der Stellungnahme für das Gericht."

Auf der Forumsseite schreibt Gesine Schwan zum Tod Leszek Kolakowskis, über den sie ihre Doktorarbeit geschrieben hat und den sie gut kannte. Unter anderem schätzte sie seine paradoxe Gläubigkeit:"Gern wäre der Ungetaufte anstelle von Wojtyla Papst geworden, schon weil seine wunderbare Frau Tamara eine ausgezeichnete 'Madame la Papesse' geworden wäre."

Weitere Artikel: Musikredakteur Manuel Brug kann nach Abschluss eines Überblicksartikels jedenfalls zufrieden sein: "Die Sommerfestivals widerstehen alle dem allgemeinen Wirtschaftstrend." Sascha Lehnartz greift ein Interview mit Bernard-Henri Levy aus dem Journal du dimanche auf, in dem der Philosoph rundheraus die Auflösung der Sozialistischen Partei in Frankreich fordert. Wieland Freund schreibt zum Tod des Schriftstellers Frank McCourt. Berthold Seewald fürchtet, dass die verstärkte archäologische Tätigkeit des Vatikans nur der Untermauerung gewünschter Ergebnisse gilt. Lucas Wiedemann berichtet über Gerüchte, wonach die Büste der Pharaonin Hatschepsut im Ägyptischen Museum Berlin (wie ja auch bereits die Nofretete) eine Fälschung sei. Jenni Roth berichtet über erneute Zweifel an der Echtheit von Capas legendärem Foto eines sterbenden loyalistischen Soldaten im Spanischen Bürgerkreig.

FAZ, 21.07.2009

In London und München gibt es zwei wenig beachtete britische Maler der viktorianischen Epoche zu entdecken: J.W. Waterhouse und Frederic, Lord Leighton. Vor allem Waterhouse hält Julia Voss für außerordentlich signifikant. Auf den ersten Blick scheint bei ihm alles prä-raffaelitisch-mythisch entrückt, bei näherer Betrachtung ist es aber der elektrifizierten Gegenwart seiner Zeit durchaus nah:"Die Erforschung der Tiefenzeit, die infolge von Charles Darwins Evolutionstheorie in Gang gesetzt worden war, holte gleichzeitig die Mischwesen aus Mensch und Tier, von denen zuvor die Sagen berichteten, in den Raum des Möglichen zurück. Die moderne Wissenschaft hatte die Welt zu einem Steinbruch gemacht, in dessen Schichten neue Mythen wie Gold funkelten. Sie gaben dem Unsichtbaren ein Zuhause, den Kräften im Verborgenen und einer vergangenen Welt, in der das Tier noch nicht vom Menschen geschieden war. Waterhouse mit seinen detailversessenen Darstellungen war kein entrückter Romantiker. Er war der Protokollant der Moderne."

Weitere Artikel: "LZ" meldet, dass die Dali-Stiftung, die sogar das Recht an der Nennung des Namens von Dali im Film hält, zwei neue Hollywood-Großprojekte untersagt hat: Nicht wirklich verwunderlich im Fall von "'Dali & I' mit Al Pacino in der Hauptrolle und Regisseur Andrew Niccol", denn "das Buch stammt von Stan Lauryssens, einem überführten Dali-Fälscher, und konzentriert sich auf die betrügerische Fabrikation seiner Werke im Multimillionendollarbereich - an der sich Dali maßgeblich beteiligt haben soll." In der Glosse geht es um die beiden Orwell-Bücher, die Amazon seinen Kunden ungefragt - wenn auch gegen Gutschein - vom Kindle löschte. Regina Mönch zieht eine Bilanz des DDR-Städtebaus und weist auf das Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS; Website) in Erkner bei Berlin hin, in dessen Archiv sich aufschlussreiche Dokumente zum Thema befinden. Martin Kämpchen teilt mit, dass es einen neuen Essayband von Arundathi Roy gibt (mehr hier) und dass Vikram Seth einen neuen Roman angekündigt hat. Martin Halter schreibt zum Tod des autobiografischen Schriftstellers Frank McCourt.

Besprochen werden das Lady-Gaga-Konzert in Berlin, ein Chick-Corea-Konzert in Dortmund, bei dem Herbie Hancock als Überraschungsgast auf die Bühne kam, die "Herlinde Koelbl"-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau, das neue Album "Jedes Tier" der deutschen Band Tele und sämtliche Studer-Romane Friedrich Glausers in einem Zweitausendeins-Band (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 21.07.2009

Henrik Bork beschreibt in einem interessanten Hintergrundartikel, welche Rolle sexuelle Projektionen in den jüngsten Konflikten in Xinjiang spielten: Ausgelöst wurden die Unruhen durch das falsche Gerücht, eine Han-Chinesin sei von Uiguren vergewaltigt worden. Daraufhin schaukelte sich Gewalt auf beiden Seiten auf. Und die Han-Chinesen stellen sich die Uiguren, die selbst durch die Islamisierung immer prüder werden, gern als sexuell lockeres Naturvölkchen vor: "Auf dem Großen Basar im Zentrum von Urumqi, auf dem bei den gewaltsamen Zusammenstößen am 5. Juli die meisten Menschen starben, lassen an gewöhnlichen Tagen han-chinesische Touristikunternehmer Uigurinnen in Kostümen tanzen, 'die von den meisten Uiguren als äußerst skandalös empfunden werden', wie ein uigurischer Blogger namens Porfiry schreibt."

Weitere Artikel: Henning Klüver fürchtet um die bereits jetzt totzersiedelte sardische Stadt Cagliari, wo nun selbst "die punische Nekropole auf dem felsigen Hügel Tuvixeddu" durch Immobilienprojekte bedroht ist: "Wenn Städte vor Schmerzen schreien könnten, müsste man sich in Cagliari die Ohren zuhalten." Thomas Steinfeld schreibt zum Tod des Schriftstellers Frank McCourt. Susan Vahabzadeh konstatiert, dass "Brüno", der neue Film von Sacha Baron Cohen, floppt. Christopher Schmidt erklärt in einem geradezu philosophischen Text, warum der Quelle-Katalog, verglichen mit der Wunschmaschine Internet, obsolet ist. Gerhard Matzig besucht das neue Dornier-Museum in Friedrichshafen

Besprochen werden eine Dan-Graham-Retrospektive in New York, eine Aufnahme von Antonio Vivaldis Oper "La fida ninfa" unter Jean-Christophe Spinosi, Nachwuchstheater beim Theaterfestival "Kaltstart" in Hamburg und Bücher, darunter Matias Faldbakkens Roman "Unfun. Skandinavische Misanthropie III" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).