Heute in den Feuilletons

Ich bin verrückt nach Reichtum

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.07.2009. In der New York Times erklärt der Juraprofessor Jonathan Zittrain, warum das FBI sich über Google.docs freut. Der Spiegelfechter erklärt, warum Microsoft sich über Ursula von der Leyens Netzsperren freut. Auf Youtube plaudert Vladimir Nabokov über seine Lolita. In der FR beschreibt Abbas Abdolmohamadi, wie sich der schiitische Klerus hat korrumpieren lassen. Die NZZ erklärt sich den Erfolg der Leipziger Schule mit ihrer Regression in Kindbereiche. Die Welt porträtiert den chinesischen Stand-Up- Comedian Zhou Libo. In der FAZ schlägt Wolfgang Pehnt die ultimative Bauhaus-Ausstellung vor: Eine Bauhaus-Ausstellung ohne Bauhaus.

NZZ, 22.07.2009

Ursula Seibold-Bultmann versucht ein weiteres Mal, den Erfolg der Neuen Leipziger Schule von Neo Rauch, Matthias Weischer und David Schnell zu erklären. "Das New York Times Magazine sprach von einem 'sehr deutschen Gebräu' angesichts der Art, wie Rauch rigorose Präzision mit nebelhaftem Mystizismus verbinde. Doch das wohl Wichtigste sagt der Künstler selbst: Er prüfe den phantomhaften Charakter seiner Traumbilder 'unter Hinzuziehung einer Art Regression in Kindbereiche'. Daraus nun resultiert eine magische Suggestivität subjektiver Phantasien, die das Publikum auf kaum etwas verpflichten außer auf eigene driftende Wunsch- und Schreckensbilder. Und damit bekommt man es schwer- und leichtgemacht zugleich, ohne dass Auge oder Geist wesentlich geschärft würden."

Weiteres: Ronald D. Gerste besucht das neue Ford's Theater Museum in Washington, das an die Ermordung Abraham Lincolns erinnert. Besprochen werden eine Schau des Wiener Architektenduos Jabornegg und Palffy im Architekturmuseum München, eine Ausstellung zu DDR-Fotografie in der Akademie der Künste in Berlin, die Septuaginta in deutscher Übersetzung, Roger Chickerings Studie "Freiburg im Ersten Weltkrieg" und Mirko Bonnes Roman "Wie wir verschwinden" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Weitere Medien, 19.07.2009

(Via Crooked Timber) In der New York Times beschreibt der Juraprofessor Jonathan Zittrain in einem sehr lesenswerten Artikel die Gefahren des Cloud Computing: "Zum Teil dank des Patriot Act dürfen die Bundesbehörden einige Details Ihrer Online-Aktivitäten von den Providern einfordern - und müssen Ihnen das nicht sagen. Seit das Gesetz verabschiedet wurde, sind tausende solcher Anfragen gestellt worden, und selbst die Revisionen des FBIs haben gezeigt, dass dabei - vielleicht gänzlich unbeabsichtigt - häufig überagiert wird. Das Cloud Computing kann außerhalb der USA sogar noch gefährlicher sein, weil es autoritären Regimes einfach macht, ihre Bürger auszuspionieren. Die chinesische Regierung hat die chinesische Version der Skype Messenger Software benutzt, um Text-Übertragungen abzuhören und alle unerwünschten Wörter und Phrasen zu blockieren. Peking und alle anderen autoritären Regimes überwachen routinemäßig den gesamten Internet-Verkehr, der - abgesehen vom E-Commerce und Bank-Transaktionen - kaum gegen Schnüffler abgesichert ist."
(Nachtrag: Auch Christian Stöcker schreibt heute bei Spiegel online über das Thema.)

FR, 22.07.2009

In einem Hintergrundartikel beschreibt Abbas Abdolmohamadi, wie sich der schiitische Klerus durch die Islamische Revolution im Iran hat korrumpieren lassen, die ihm zu Posten und Privilegien verhalf. Das war bisher eigentlich nur bei den staatlich finanzierten sunnitischen Geistlichen so. "Sie mussten immer und müssen auch heute staatliche Richtlinien akzeptieren. Sie waren auch stets eng mit den regierenden Politikern verbunden... Die schiitischen Kleriker auf der anderen Seite sind abhängig von ihren Glaubensanhängern und deren Vorstellungen. Selbst gegen Aberglauben und die reine Lehre verfälschende religiöse Traditionen können sie nur schwer angehen. Sie sind abhängig von den Gläubigen, und von denen hängen viele sehr sehr starr an den Glaubensüberlieferungen ihrer Väter. Andererseits war der schiitische Klerus politisch immer engagiert und motiviert genug, um für die schiitischen Gläubigen eine letzte Zuflucht zu sein und deren Rechte gegen die Herrschenden zu verteidigen."

Ohne erkennbaren Anlass, einfach nur sehr schön erzählt Jutta Stössinger von Rudolf Borchardts Garten in der "Villa Bernardini", der ihm am Vorabend des Zweiten Weltkriegs ein Manifest gegen die Barbarei war: 'Noch im allerkleinsten, mit Hingabe gehegten Parzellen-Garten sind aus Rudolf Borchardts Sicht poetische Entdeckungen zu machen. Und 'darin, dass dicke Männer in den besten Jahren, eben von der Arbeit gekommen, im sechsten Stocke eines Hinterhauses ein Fensterbrett mit blauen Petunien unter Wasser setzen,- darin liegt mehr Wirklichkeit des Gartens der Menschheit als in dem beim Gartenarchitekten gebrauchsfertig bestellten hochmodernen Staudengarten.'"

Weiteres: In Times mager meldet Harry Nutt dramatische Zufriedenheitsverluste bei Ostlern und Milliardärinnen. Stefan Pannor freut sich über die Wednesday Comics, die DC wiederauflegen lässt. Besprochen werden das Patti-Smith-Konzert in der Frankfurter Jahrhunderthalle und Michael Palins Buch "Europareise".

Die FR weist heute ganz kurz auf das neue Heft der Gegenworte hin, das sich ausschließlich mit Open Access beschäftigt. Hier das Inhaltsverzeichnis. Online lesen darf man einen Artikel von Martina Franzen und Peter Weingart, der an einem Einzelbeispiel auch dem Nichtwissenschaftler gut verständlich macht, wie wissenschaftliches Publizieren heute funktioniert.
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Aus den Blogs, 22.07.2009

(Via BoingBoing) Als ältliche, dickliche, bebrillte Männer noch umwerfend waren! Vladimir Nabokov diskutiert Mitte der 50er Jahre im Fernsehen mit Lionel Trilling über seinen Roman "Lolita". Mit seinem harten russischen Akzent ist er schwer zu verstehen. Aber schon ihm zuzugucken ist interessant. Dieser so bieder aussehende Mann spricht mit der größten Selbstsicherheit über seinen Helden, der Sex mit einer 12-Jährigen hat.



Hier der zweite Teil des Interviews.

Bei Slate schreibt Christopher Hitchens einen Nachruf auf Polen großen Philosophen Leszek Kolakowski: "Ich erinnere mich an seine Antwort, als der ungarische Philosoph Georg Lukacs behauptete, selbst der schlimmste Sozialismus sei dem besten Kapitalismus vorzuziehen: 'Ja, Albaniens Vorzüge gegenüber Schweden sind offensichtlich.' Er durfte solche Bemerkungen machen. Als glühendem Kommunisten im Vor- und Kriegspolen (und ein eingefleischter Gegener der klerikalen, chauvinistischen und antisemitischen Rechte in Polen bis zum heutigen Tag) wurde Kolakowski der Stalinismus bei einem Besuch in Moskau ausgetrieben. Er wurde zum führenden 'revisionistischen' Marxisten des polnischen Frühling von 1956."

(via f!xmbr) Jens Berger beschreibt im Spiegelfechter die Verbindung von Ursula von der Leyen zu Microsoft. Die Netzsperren für Kinderpornografie sind nämlich auch ein ziemlich lukrativer Markt für Dienstleister: "Zertifikate, die Zertifizierungsinfrastruktur und die damit zusammenhängende Netzwerktechnik sind ein Milliardengeschäft. Da kann es nicht schaden, den Fuß bereits in der Tür zu haben und das Problem größer erscheinen zu lassen, als es eigentlich ist. Microsoft hat seinen Fuß bereits in der Tür. Der Softwareriese ist Exklusivpartner und Finanzier des International Centre for Missing and Exploited Children (ICMEC). Das ICMEC wiederum ist die fragwürdige Quelle, aus der Ursula von der Leyen so gerne ihre Zahlen und Daten schöpft, mit denen sie das Gesetz zur Filterung von Internetseiten verteidigt. Seriös sind diese Zahlen und Daten natürlich nicht, dienen sie doch primär dazu, ein groteskes Gefahrenpotenzial vorzugaukeln, um als Retter ins Geschäft zu kommen."

Tolles Photo bei Jezebel von der portugiesischen Turnerin Ana Oliveira bei den World Games in Kaohsiung.

Welt, 22.07.2009

Johnny Erling porträtiert den ersten chinesischen Stand-Up-Comedian, der sich wirklich etwas traut, den 42-jährigen Zhou Libo, der in Schanghai extrem erfolgreich auftritt und auch im Netz sehr populär ist: "Sein Sketch 'Ich bin verrückt nach Reichtum', in dem er Chinas Führer von Mao Tsetung, Deng Xiaoping bis zum in Shanghai noch lebenden Ex-Parteichef Jiang Zemin veräppelt, ist Kultprogramm im Internet. Dort kann man bei Chinas Youtube die im Shanghaier Dialekt von Zhou Libo gesprochenen Sketche nicht nur in voller Länge, sondern auch mit chinesischen Untertiteln verfolgen."

Weitere Artikel: Hannes Stein erzählt vom Flop des neuen Sascha Baron Cohen-Films "Brüno", der offensichtlich durch ein massenhaftes Abwinken per Twitter gekillt wurde. Der gleiche Hannes Stein liest Dokumente, die Ernest Hemingways Kontakte zu Stalins KGB nachweisen (was ja anders als eine Nähe zu den Nazis als eine lässliche Sünde gilt). Die Erkenntnisse beruhen auf dem Buch "Spies - The Rise and Fall of the KGB in America" von John Earl Haynes und Harvey Klehr. Peter Dittmar kommentiert den Verbleib Georg Quanders als Kulturdezernent in Köln - die Stuttgarter Staatsoper hatte ihn fast abgeworben. Außerdem unterhält sich Michael Loesl mit Xavier Naidoo und den Söhnen Mannheims über ihr neues Album.

Besprochen werden die Ausstellung zum 90. Geburtstag des Bauhauses in Berlin und die vom Sammler Axen Vervoordt verantwortete Ausstellung "In-Finitum" in Venedig.

Tagesspiegel, 22.07.2009

2012 endet die Neubearbeitung des gedruckten Grimmschen Wörterbuchs, die dann bis zum Buchstaben F gediehen ist, meldet Thomas Wegmann. Die Berliner Akademie hat beschlossen, das Wörterbuch fortan nur noch im Netz fortzuführen. Das Dilemma der Printausgabe: Wenn alle Bände fertig sind, ist ihr Inhalt schon wieder veraltet. "Der Vorteil des Digitalen Wörterbuchs ist", zitiert Wegmann den Wissenschaftsdirektor der Berlin-Brandenburgischen Akademie Wolf-Hagen Krauth, "dass man sich nicht alphabetisch vorarbeiten muss, sondern die Wortartikel zu allen Buchstaben ständig bearbeiten und vertiefen kann."

TAZ, 22.07.2009

Hilal Sezgin kommt noch einmal auf den Mord an Marwa El Sherbini zurück, beklagt die doch recht dünnen Reaktionen deutscher Politiker und hält daran fest, dass der Mord aus "Islamophobie" geschah: "Islamophobie ist kein Privatvergnügen scheinbar überempfindlicher Muslime, kein Privileg, das sie gegenüber der Mehrheitsgesellschaft ausspielen wollen. Genauso wenig wie die anderen 'Ismen': Der Vorwurf des Antisemitismus ist nicht etwa eine hinterhältige Waffe der Juden, sondern der Hinweis darauf, dass jemand anders die Waffe auf sie gerichtet hat."

Fürs Feuilleton beobachtete Regine Müller das West Eastern Divan Orchestra beim 4. Rolandseck-Festival. Besprochen werden die Bauhaus-Ausstellung in Berlin und ein Konzert von Patti Smith in Frankfurt.

In tazzwei würdigt Cigdem Akyol die Arbeit der "Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen" in Ludwigsburg, die unter anderem den Prozess gegen John Demjanjuk möglich machte.

Und Tom.

FAZ, 22.07.2009

Der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt begutachtet die große Bauhaus-Ausstellung in Berlin und überlegt schon mal, wie man das ganz große hunderjährige Jubliäum wohl feiern könnte. "Play it again, Walter? Dagegen ließe sich eine Ausstellung denken, die das Bauhaus aussparte und um diese Leerstelle jene bedeutenden Schulen zwischen Breslau und Frankfurt, Barcelona und Moskau, Mailand und Stockholm, Prag und Rotterdam gruppierte, die nicht minder engagiert am Projekt der Moderne gearbeitet haben. Eine Bauhaus-Ausstellung ohne Bauhaus: Das wäre eine Probe auf die Vorrangstellung des gefeierten Ideenlabors. Denn nicht die ganze Welt war Bauhaus, sondern das Bauhaus eine sehr besondere Welt in der Welt."

Auf der Forschung-und-Lehre-Seite stellt jom. "Research Gate" vor, eine Internetplattform für Wissenschaftler und Studenten, die dort ihre Verfahren, Techniken und Resultate diskutieren. "Auf 875 Disziplinen, von der Biologie und Medizin bis zu Recht, Literatur und Design, hat sich der Teilnehmerkreis inzwischen erweitert. Und nicht etwa die naturwissenschaftlichen Gruppen, lässt Mitgründer Soeren Hofmayer wissen, sondern der Debattierkreis der Philosophen habe sich zum aufregendsten Forum entwickelt."

Weitere Artikel: Ceaucescuesk findet Dirk Schümer in der Glosse das auf Youtube zu bestaunende Triumphlied auf Silvio Berlusconi. Andreas Platthaus schreibt zum Tod des Grafikers Heinz Edelmann. Ausführlich referiert Josef Kern von ihm ausgebuddelte Einzelheiten zur frühen, bisher unbekannten Ehe Peter Suhrkamps sowie zum weiteren Schicksal seiner damaligen Frau, der einst erfolgreichen, nach ihrer Emigration in die USA vergessenen jüdischen Sopranistin Fanny Cleve. Auf der Medienseite schildert Sebastian Baltzer den phänomenalen Erfolg einer isländischen Talkshow, die mit Neunzig-Minuten-Gesprächen mit jeweils einem einzigen Gast in der Finanzkrise erstaunliche Quoten erzielt.

Auf der Geisteswissenschaften-Seite erinnert der Romanist Karlheinz Stierle geradezu verzückt an die Forschergruppe von "Poetik und Hermeneutik", die von 1963 bis 1994 Spitzenforschung leistete, sich den Begriff "Exzellenzcluster" aber verbeten hätte, denn: "Das Wort Exzellenz wäre ihr seltsam vorgekommen, das Wort Cluster unverständlich geblieben, und das Wort 'Exzellenzcluster', diese deutsch-amerikanische Missgeburt, hätte ihren Sinn für sprachliche Eleganz beleidigt. "

Auf der DVD-Seite werden ein Paket mit frühen Filmen von Krysztof Kieslowski, das Werk "Electra Glide in Blue" des New-Hollywood-Außenseiters James William Guercio, eine Box mit Italo-Genrekinowerken und irgendwie auch eine Suhrkamp-DVD mit dokumentierten Selbstinszenierungen des Thomas Bernhard empfohlen.

Besprochen werden ein Patti-Smith-Konzert in Frankfurt, die Helme-Heine-Verfilmung "Mullewapp" und Bücher, darunter der Briefwechsel des NZZ-Literaturkritikers Werner Weber aus sechs Jahrzehnten (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 22.07.2009

Thomas Steinfeld meditiert über die Verbindung von Prominenz und Aristokratie in Schweden und elsewhere. Martin Z. Schröder beschreibt die Schwierigkeiten, gute Typografie ins Internet zu bringen. Johan Schloemann hörte einen Vortrag des Wissenschaftshistorikers Anthony Grafton, der in München über Korrektoren sprach. In Italien protestieren Künstler gegen die weitere Kürzung der öffentlichen Kulturfinanzierung, berichtet Henning Klüver, sogar die Filmfestspiele von Venedig sollen boykottiert werden. Christian Thielemann erklärt im Interview, seinen Vertrag als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker nur zu verlängern, wenn er die Planung der nicht von ihm dirigierten Konzerte mitbestimmen darf. Nachdem Georg Quander abgesagt hat, stellt sich jetzt die Frage, wer der neue Opernchef in Stuttgart wird, berichtet Wolfgang Schreiber und hat auch schon einen Namen gehört: Luzerns Theaterintendant Dominique Mentha. Holger Liebs schreibt zum 70. Geburtstag des Künstlers Franz Erhard Walther. Gerhard Matzig schreibt zum Tod des Grafikdesigners Heinz Edelmann.

Besprochen werden die Ausstellung "Modell Bauhaus" im Berliner Martin-Gropius-Bau, ein Liederabend mit Waltraud Meier in München und Bücher, darunter Sandor Marais Tagebücher (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).