Heute in den Feuilletons

Intakte niedere Instinkte

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.05.2009. Techcrunch fürchtet: Der neue Kindle wird die amerikanischen Zeitungen auch nicht retten. In der taz warnt Peter Sloterdijk: Wir müssen aufhören, die Krise zu ästhetisieren. Die Berliner Zeitung will die Gratis-Idee des Netzes aufbrechen. In der FAZ setzt der Autor  Michael W. Perry seine Hoffnungen auf Europa: Rettet uns vor Google.

Aus den Blogs, 05.05.2009

Amazon stellt morgen einen Kindle mit größerem Bildschirm vor, der besser geeignet sein soll für Zeitungen, die sich von dem Gerät vor allem zahlbare Abo-Modelle erhoffen. Auch die New York Times berichtete bereits. MG Siegler kommentiert im Blog Techcrunch: "Almost all of the major newspaper companies are bleeding, and this week The New York Times Company may have to close the Boston Globe - a huge metropolitan newspaper. It?s sad. Some of the best journalistic work throughout this country?s history has been done through newspapers. But if these companies really are putting their faith in a large screen Kindle to save them, it may be time to start mourning them for real."

Michael Miersch macht sich in der Achse des Guten große Sorgen: "Milder Verlauf der Schweinegrippe löst ernste Medienkrise aus."

Die Achse des Guten übernimmt auch einen Merkur-Artikel Ulrike Ackermanns, die an Georg Simmel erinnert - die Philosophie des Geldes ist eine Philosophie der Freiheit: "Für Simmel ist die moderne Freiheit des Individuums ohne das Geldwesen nicht denkbar. Erst das Geld ermöglicht die Befreiung von persönlicher Herrschaft und schafft die Möglichkeit, ein individuelles Leben zu führen. Es ist Mittel, um sich aus personaler und sachlicher Abhängigkeit zu lösen."

FR, 05.05.2009

In Times mager zollt Hans-Jürgen Linke dem Cavaliere seine Bewunderung: "Berlusconi verkörpert auf atemberaubend unverfrorene Weise, wovon ein Mann mit intakten niederen Instinkten träumt." Gerhard Weniger schreibt zum Tod des Schauspielers Fritz Muliar. Eva Schweitzer informiert über die beim Tribeca Festival gezeigten Filme. Auf der Medienseite gratuliert Ralf Siepmann dem Radio Funkhaus Europa zum zehnjährigen Bestehen.

Besprochen werden Jens-Daniel Herzogs Inszenierung von Wagners "Lohengrin" an der Oper Frankfurt, die Ausstellung "60 Jahre, 60 Werke" im Berliner Martin-Gropius-Bau, Dirk Lauckes Stück "Der kalte Kuss von warmem Bier" in Heidelberg, eine Schau zum Architekturfotografie-Preis im DAM, ein Konzert mit Hilary Hahn und dem Budapest Festival Orchestra in Frankfurt, Jiri Kylians Choreografie "Die Zugvögel" im Nationaltheater München.

TAZ, 05.05.2009

Robert Misik unterhält sich mit Peter Sloterdijk über sein neues Buch "Du musst dein Leben ändern", mit dem der Philosoph auf die Krise reagiert: "Ich habe mit meinem Buch versucht, eine Art Megafon zu sein und zu formulieren, was aus der Krise unserer Zeit emaniert. Dabei geht es zunächst darum, die Realität der Krise überhaupt im Ernst zu begreifen. Wir müssen aufhören, die Krise zu ästhetisieren."

Weitere Artikel: Micha Brumlik wendet sich in seiner taz-Kolumne gegen die Ansicht, der Islam sei an sich schon antisemitisch und liest einen Artikel des muslimischen Gelehrten Zaid Shakir in der jüdischen Zeitschrift Tikkun, der nachweisen will, dass die Araber häufig gegen Hitler kämpften - eine Behauptung, der Brumlik aber auch nicht uneingeschränkt beipflichten kann. Im übrigen werden Bücher besprochen. In tazzwei porträtiert Carsten Görig den Spiele-Designer Peter Molyneux.

Tom.
Anzeige

NZZ, 05.05.2009

Urs Schoettli hofft, dass die Wirtschaftskrise in Japan auch die jungen Menschen in die Knie zwingen wird, die sich der Überalterung des Landes nicht entgegenstemmen: "Ein Opfer der Krise könnten die 'parasitischen Singles' sein, denen bisher eher nach Gucci und Prada als nach Gummienten und Pampers war. Doch wer sich das mondäne Shopping nicht mehr leisten kann, wird möglicherweise auf andere Gedanken kommen."

Weiteres: Andrea Köhler nimmt die in den USA grassierende Panik vor der Schweinegrippe aufs Korn. Besprochen werden die großen Bauhaus-Ausstellungen in und um Weimar, Judith Hermanns Geschichtenband "Alice", David Gugerlis Buch über Suchmaschinen vor Google und Arnaud Cathrines Roman "Richard Taylor wird vermisst" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Welt, 05.05.2009

Ingo Metzmacher geht, das steht jetzt fest. Im Interview erklärt der Orchesterchef des Deutschen Symphonie-Orchesters (DSO), warum er seinen Vertrag nicht über 2010 verlängern wird: "Es gibt sieben offene Solistenstellen, die wir seit über einem Jahr nicht besetzen dürfen, das kann so nicht weitergehen. Das ist kein Luxuswehwehchen eines weltfernen Klangkörpers, das zehrt an der Substanz. Ein Orchester ist ein sehr sensibler, über Jahrzehnte gewachsener Organismus. Und wie bei einem Fußballverein braucht es nicht nur ab und zu neue Trikots, sondern auch eine vollständig aufgestellte Mannschaft."

Weitere Artikel: Kirsten Liese hat beim Wiesbadener Filmfestival goEast hochinteressante osteuropäische Filme gesehen, die sich mit dem Stalinismus auseinandersetzen. Das Comite Interprofessionnell du Vin de Champagne hat die Münchner Bar "Sisi und Franz" wegen Verletzung des Urheberrechts verklagt, meldet Hendrik Werner in der Leitglosse: die Bar bot auf ihrer Getränkekarte "österreichischen Schampus" an (hier kann man über die Bedeutung des Wortes "Schampus" abstimmen). Im deutschen Buchhandel etabliert sich langsam der grafische Roman auch außerhalb spezieller Comic-Shops, erzählt Stefan Pannor im Aufmacher. Ilja Richter und Volker Kühn unterhalten sich über ihren vor zwanzig Jahren verstorbenen Kollegen, den Kabarettisten Wolfgang Neuss. Roland Pawlitschko stellt das neue Besucherzentrum der KZ-Gedenkstätte Dachau vor. Ulrich Weinzierl schreibt zum Tod des Schauspielers Fritz Muliar.

Besprochen werden eine Retrospektive des amerikanischen Fotografen William Eggleston im Münchner Haus der Kunst, die Uraufführung von Jiri Kylians neuer Choreografie "Zugvögel" in München und einige CDs.

Deutsche Forscher haben auf Madagaskar 130 neue Froscharten gefunden, lesen wir auf der Wissenschaftsseite, darunter dieses bildschöne Exemplar.

Berliner Zeitung, 05.05.2009

Alexander Viktorin schreibt auf der Medienseite über den Streit zwischen Youtube und der Gema und kommt zu der Folgerung: "Dass Musik in digitaler Form ungelenkt verbreitet wird, geht vor allem auf Kosten der Urheber und Künstler. Damit alle Seiten von einer Plattform wie Youtube profitieren können, muss die Gratis-Idee aufgebrochen werden, etwa durch abgestufte Inhaltsqualität, gekürzte Fassungen oder Vorschauen sowie die Möglichkeit zahlungspflichtiger Zugänge."
Stichwörter: Gema, Musik, Youtube

SZ, 05.05.2009

Die Stadt Kleve lässt ihre Bürger über drei Entwürfe für den Umbau ihres Rathauses abstimmen. Aber Architekturkritiker Gerhard Matzig ist in diesem Falle gegen Demokratie: "Die Juroren werden durch die Allgemeinheit ersetzt - und die Kostenfrage dürfte schließlich über Aspekte der Baukultur triumphieren." (Hier die Website zu diesem unerhörten Vorgang.) Thomas Steinfeld beleuchtet in einer Raffael-Ausstellung im Palazzo Ducale, Urbino, den "vielleicht lichtesten Augenblick der italienischen Renaissance". Christine Dössel schreibt zum Tod des Schauspieler Fritz Muliar. Andrian Kreye interviewt Chrissie Hynde, die mit ihren stets noch rüstigen Pretenders neuerdings Country-Elemente aufgreift. Roman Deininger schildert die Schwierigkeiten amerikanischer Fernsehkomiker mit dem neuen Präsidenten Obama, an dem jeder Witz erstirbt. Wolfgang Schreiber kommentiert mit Bedauern die nun endgültige Kündigung Ingo Metzmachers beim Deutschen Symphonieorchester.

Besprochen werden Ereignisse der Münchner Ballettfestwoche, Dirk Lauckes Stück "Der kalte Kuss von warmem Bier" beim Heidelberger Stückemarkt, Sven-Eric Bechtolfs "Rheingold"-Inszenierung, die den Ring-Zyklus an der Wiener Staatsoper mit dem Vorabend abschließt und Bücher, darunter Judth Hermanns neuer Erzählband "Alice".

FAZ, 05.05.2009

Nun meldet sich auch ein amerikanischer Autor in der Google-Books-Angelegenheit zu Wort. Ausdrücklich ermutigt er Europa zum Widerstand. Aus der allerersten Reihe stammt er nicht (die FAZ nennt als Referenz eine im Mini-Verlag erschienene 250seitige Chronologie der Ereignisse in Tolkiens "Herr der Ringe"), Michael W. Perry ist sein Name, aber einen Vergleich, den jeder versteht, hat er parat: "Es ist, als erhielte eine Bank die Anweisung, von Ihrem Konto Geld an jemanden zu überweisen, sofern Sie der Bank bis zu einem bestimmten, nur wenigen bekannten Stichtag nicht mitteilen, dass Sie sich Ihr Geld nicht stehlen lassen wollen."

Weitere Artikel: Hans-Christian Rössler berichtet von politisch motivierten Attacken radikaler Palästinenser auf das "Freiheitstheater" in Dschenin im Westjordanland. In der Glosse referiert Kerstin Holm russische Diskussionen um einen Vorschlag zur Luxussteuer-Einführung. Von einer nicht unbedingt geglückten Begegnung des Berliner Publikums mit dem russischen Dirigenten Gennadij Roshdestwenskij am Berliner Konzerthaus berichtet Jan Brachmann - das dann folgende Konzert allerdings fand der gelungen. Martin Otto war auf einem Ulmer Symposium zum 75. Jahrestag der Geburtsstunde der Bekennenden Kirche. Anton Thuswaldner besuchte eine Tagung zur schwedischen Literatur in Wien. Katja Gelinsky war dabei, als am Deutschen Historischen Institut in Washington der britische Historiker Harold James eine erneute Große Depression sehr wohl für möglich erklärte. Gerhard Stadelmaier schreibt zum Tod des Schauspielers Fritz Muliar.

Besprochen werden Jens-Daniel Herzogs "Lohengrin"-Inszenierung auf einer als Kinosaal gestalteten Bühne an der Oper Frankfurt, die Eröffnung der Ruhrfestspiele mit einer "Kirschgarten"-Inszenierung von Sam Mendes (Andreas Rossmann wird sie freilich als "Kitschgarten" in Erinnerung bleiben), eine "William Blake"-Ausstellung im Pariser Petit Palais, ein Kölner Konzert der Yeah Yeah Yeahs, das Eric Pfeil enttäuscht hat, eine Ausstellung zu plus Theateraufführung von Lee Halls "The Pitmen Painters" in Wien, eine CD-Einspielung von Antonio Vivaldis Oper "La Fida Ninfa" und Michael Hvoreckys Roman "Eskorta" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).