Heute in den Feuilletons

Pigs Would Fly

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.05.2009. Schriftsteller sind wie Vögel, meint Jonathan Franzen in der Welt. Und Vögel sind so arm, dass sie Käfer fressen. Die taz fürchtet eine immer stärkere Zensur im Netz, für die Kinderpornografie nur ein Vorwand ist. Für die SZ berichtet Richard Swartz Unheimliches aus dem krisengeplagten Ungarn. Und selbst die FAZ kann über Ernst Nolte nur den Kopf schütteln.

Welt, 04.05.2009

Jonathan Franzen, der gerade in Brandenburg unweit der polnischen Grenze einen neuen Roman schreibt, erzählt Wieland Freund, warum er als Schriftsteller auch Ornithologe ist: "Die geheime Verbindung ist, glaube ich, dass ich mir manchmal wie ein gefährdeter, kleiner Vogel vorkomme - wie das Exemplar einer Art, der auf dieser Welt viel Zeit nicht bleibt. Ich mag stille, altmodische Orte. In Polen ist die Landwirtschaft weit weniger entwickelt, und weil es arm dort ist, ist die Landschaft voller Vögel. Flannery O'Connor hat gesagt, leider stimme es Schriftsteller froh, dass es immer Armut geben werde, denn das bedeute, dass ihresgleichen nicht ausstirbt. Vögel sind so arm wie man nur sein kann. Vögel sind so arm, dass sie Käfer fressen."

Weitere Artikel: Thomas Kielinger war dabei, als hochmögende Intellektuelle in Oxford Ralf Dahrendorf zum Achtzigsten gratulierten. Gerhard Midding erinnert an die Geburt der Nouvelle Vague vor fünfzig Jahren auf dem Festival von Cannes. Besprochen werden neue DVDs, unter anderem eine Edition der "Kleinen Strolche", und Wolfgang Rihms Oper "Proserpina" in Schwetzingen.


Und Eckhard Fuhr preist eine ARD-Sendung, in der Promis "ihr" Deutschland vorstellen und für die die ARD heute auch in allen Feuilletons anspruchsvoll designte Viertelseiten geschaltet hat.

Auf Seite 3 dokumentiert die Welt den Briefwechsel zwischen Michael Chodorkowski und Boris Strugatzki.

Für die Welt am Sonntag hat Wieland Freund Ariana Huffington interviewt, die folgenden Unterschied zwischen Blogs und Mainstreammedien sieht: "Die professionellen Journalisten wollen, dass die wichtigen Leute bei Goldman Sachs sie zurückrufen. Also wird eine Beziehung entwickelt und die Journalisten werden selbst zu Insidern. Infolgedessen schreiben sie allzu oft bloß die Presseerklärungen um, die an sie verteilt werden. Amerika hat das teuer bezahlt. Mainstream-Journalisten bei der New York Times und anderswo waren sowohl im Vorfeld des Irakkriegs als auch bei der Kernschmelze an der Wall Street Komplizen.
"

FR, 04.05.2009

Arno Widmann fühlt im Interview dem Kunsthistoriker Herbert Beck auf den Zahn. Beck ist Gründungsvorsitzender der "Kulturinitiative RheinMain" und Widmann fragt ihn, wozu man eine solche Initiative braucht, die beispielsweise die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik fördert, die es immerhin schon seit 1946 gibt.

Weitere Artikel: In times mager macht sich Christian Thomas Gedanken über den Zustand des Kapitalismus. Auf der Medienseite porträtiert Jana Schulze den 25-jährigen simbabwischen Journalisten Itai Mushekwe, der in seinem Heimatland wegen kritischer Berichterstattung auf der schwarzen Liste steht.

Besprochen werden eine "meisterhafte", so Georg Rudiger, Aufführung von Händels Oper "Teseo" in Stuttgart, zwei Bücher über Calvin (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr) und das neue Album der Gallows.

Hier ein kleiner Muntermacher für einen grauen Montag morgen:


NZZ, 04.05.2009

Jan-Werner Müller stellt den längst verstorbenen amerikanischen Polit-Aktivisten Saul Alinsky vor, der als Wegbereiter des community organizing ein Ideengeber für Barack Obama gewesen sein könnte: "So brachte Alinsky einige Stadtteil-Bewohner dazu, Müll vor dem Haus eines besonders inkompetenten und korrupten Politikers abzuladen; ein anderes Mal plante er, die Firma Kodak, welche schwarze Arbeiter schlecht behandelte, mit einem 'stink-in' zu beschämen: Er wollte hundert Aktivisten Baked Beans verabreichen und sie dann in eine Kodak-Konzerthalle schicken." Kodak gab sehr schnell klein bei.

Weiteres: Stefana Sabin gratuliert dem israelischen Schriftsteller Amos Oz zum Siebzigsten. Marc Zitzmann porträtiert den französischen Schauspieler Fabrice Luchini.

Besprochen werden Hans Neuenfels Uraufführung von Wolfgang Rihms neuer Oper "Proserpina" bei den Schwetzinger Festspielen (für deren "heiße" Musik sich Peter Hagmann eine kühlere Inszenierung gewünscht hätte) und die Ausstellung " Le grand monde d'Andy Warhol" im Pariser Grand Palais.
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TAZ, 04.05.2009

Die erste Schlacht um ein unzensiertes Internet gibt Christian Rath auf der Meinungsseite verloren. Er fürchtet, dass der Staat seine Verbote im Netz noch ausweiten wird: "Neben Kinderpornografie wird dann im Internet auch die (ebenfalls verbotene) Pornografie mit Jugendlichen gebannt. Denn nur so kommen wenigstens einige hundert Websites auf die sonst peinlich leeren Sperrlisten - und nur so kann von der Leyen behaupten, es seien einige hunderttausend Seitenaufrufe verhindert worden. Auch im Ausland ist rhetorisch viel von Kinderpornografie die Rede und wird vor allem Jugendpornografie auf die Sperrlisten gesetzt. Wenn das Kinderpornosperrgesetz so zum Erfolg manipuliert wurde, werden sich bald andere Interessenten melden: Die Musikindustrie will illegale Downloadseiten sperren, die staatlichen Lotto-Gesellschaften wollen verbotene Internet-Glücksspiele bannen, und der Verfassungsschutz will den Zugang zu strafbaren Bombenbauanleitungen verhindern."

Im Feuilleton berichtet Klaus Englert, wie Düsseldorf versucht, mit zwei neuen Architekturwettbewerben die Bausünden der Nachkriegszeit weidergutzumachen.

Besprochen werden Christoph Schlingensiefs Stück "Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir", mit dem das Berliner Theatertreffen eröffnet wurde, sowie die in Zusammenarbeit mit der Bild-Zeitung entstandene Ausstellung bundesrepublikanischer Kunst "60 Jahre - 60 Werke" im Berliner Martin-Gropius-Bau.

Und Tom.

Aus den Blogs, 04.05.2009

(Via BoingBoing) David Leppard und Chris Williams beschreiben in der Times Pläne der britischen Regierung, die eigene Bevölkerung umfassend auszuspionieren. "Geheimdienst-Chefs preschen mit geheimen Plänen vor, den gesamten Internetgebrauch und Telefongespräche zu überwachen, trotz der Ankündigung der Innenministerin Jacqui Smith, von der öffentlichen Überwachung Abstand zu nehmen. GCHQ, die Abhörzentrale der Regierung, entwickelt vertrauliche Technologien, in Großbritannien alle Emails abzufangen sowie Seitenbesuche und Netzwerk-Sitzungen zu beobachten. Der Dienst wird auch in der Lage sei, Anrufe über das Internet ebenso nachzuverfolgen wie über das Telefon und das Handy. Das eine Milliarde teure Schnüffelprojekt - genannte Mastering the Internet (mit) - wird auf tausenden von kleinen 'Black Boxes' beruhen, die verdeckt in die Netzinfrastruktur eingebaut werden."

Von einem Wissenschaftsskandal berichtet bioethics.net. Der Pharmakonzern Merck soll den Wissenschaftsverlag Elsevier dafür bezahlt haben, ein Magazin namens Australasian Journal of Bone and Joint Medicine mit gefakten Peer-Reviews zu veröffentlichen. "Der Scientist hat berichtet, dass, - ja, wirklich - Merck ein nur echt klingendes Pseudo-Wissenschaftsmagazin fabriziert hat und darin günstige Daten über seine Produkte platziert hat. Merck bezahlte Elsevier dafür, diesen Schinken zu veröffentlichen, der allerdings nach Angaben des Scientist weder in Medline erwähnt wird noch eine Webseite hat. Was daran nicht stimmt, ist so offensichtlich, dass man dies nicht lange erklären muss. Was traurig daran ist, ist, dass bestimmt sehr vielen Ärzten diese Artikel von Merck gegeben wurden: Wie ja im Australasian Journal of Bone and Joint Medicine steht, ragte Fosamax über alle andere andere Medikamente hinaus... Kaum ein Arzt, nicht einmal ein durchschnittlicher Wissenschaftler würde erkennen, dass das Journal eine Fälschung ist. Die Tatsache, dass es von Elsevier veröffentlicht wird, gibt ihm ja Glaubwürdigkeit!"

Wir haben am Samstag schon auf den zweiten Teil von Marcel Weiss' Generalbrechnung mit der deutschen Angst vorm Netz hingewiesen. Wir tun es noch mal, denn sie ist wichtig - unter anderem als Selbstkritik an der deutschen Blogosphäre: "Über die letzten Jahre hat sich die Mehrzahl der Blogger in Deutschland damit zufrieden gegeben, über die neuen Möglichkeiten zu schwadronieren, statt diese zu nutzen."

SZ, 04.05.2009

Ungarn ist der Krise weit drastischer ausgesetzt als die westeuropäischen Länder. Der Populismus blüht. Für seine Reportage aus dem gebeutelten Land hat Richard Swartz auch die rechte Politikerin Krisztina Morvai getroffen: "Im Kreis ihrer Anhänger pflegt sie vom jüdischen Finanzkapital zu reden, aber weil Krisztina Morvai sowohl intelligent als auch gut ausgebildet ist, passt sie sich ihrem Gesprächspartner an. Juden werden nicht erwähnt und Zigeuner nur deshalb, weil ich ausdrücklich danach frage. Das Problem müsse diskutiert werden, meint sie, nicht zuletzt im Interesse der Zigeuner. Die meisten würden unterdrückt - aber nicht von den Ungarn, sondern von ihresgleichen."

Weitere Artikel: Willi Winkler greift die FAZ-Enthüllungen über die angebliche Spionagetätigkeit Walter Kempowskis auf. Christine Dössel berichtet vom Berliner Theatertreffen. In den "Nachrichten aus dem Netz" stellt Johannes Boie das Suchmaschinen-Projekt Wolfram Alpha vor.

Besprochen werden Monika Treuts Film "Ghosted", "Endstation Sehnsucht" in der Inszenierung von Benedict Andrews an der Schaubühne Berlin, Wolfgang Rihms "Proserpina"-Oper in Schwetzingen, und Bücher darunter Marcus Chowns Studie "Das Universum und das ewige Leben - Neue Antworten auf elementare Fragen".

Auf der Medienseite porträtiert Wolfgang Koydl den konservativen brtischen Blogger Paul Staines alias Guido Fawkes, der einen handfesten Skandal in der Regierung von Gordon Brown aufgedeckt hat (und heute einen Spruch des Schauspielers Clarke Peters zitiert: People used to say ?pigs would fly? if we had a black president. Well 100 days into Obama?s presidency, swine flu.")

FAZ, 04.05.2009

Patrick Bahners hat das jüngste Buch von Ernst Nolte - "Die dritte radikale Widerstandsbewegung: Der Islamismus" - gelesen. Er kann angesichts der Totalrevision, die Nolte auch seiner eigenen früheren Einschätzung des Israel-Palästina-Konflikts gegenüber vornimmt, nur den Kopf schütteln und spricht von "Noltes bizarrem Privatprojekt: Die Demonstration, dass 'seit mehreren Jahrzehnten ein nicht bloß verstehbarer, sondern im Kern gerechtfertigter 'Antisemitismus'' existiere, 'nämlich der 'Antisemitismus'' der palästinensischen Flüchtlinge, soll endlich 'Gerechtigkeit für Hitler' möglich machen."

Weitere Artikel: In der Glosse kommentiert Dirk Schümer Silvio Berlusconis Tändeleien mit einer Minderjährigen, die zum Scheidungsantrag seiner Ehefrau Veronica Lario geführt haben und sieht die darauf folgenden Anwürfe der Berlusconi-Presse in "bester machistischer Landestradition". Eva-Maria Magel war dabei, als der chinesische Künstler Xu Xing in Frankfurt seinen Film "Meine Kulturrevolution" vorstellte. Edo Reents informiert über eine "genail gelungene" Kempowski-Tagung in Rostock - von der er auf der Website gleich in vier Teilen berichtet hatte. Montag ist Glückwünschtag, heute für: die Modemacherin Miuccia Prada (60), den Musiker Billy Joel (60; Website), und die Autoren Graham Swift (60; mehr), Volker Braun (70; mehr) und Amos Oz (70).

Besprochen werden die Uraufführung von Wolfgang Rihms Monodram "Proserpina" in Schwetzingen (als "widerwärtige und monströse Männerphantasie" verurteilt Julia Spinola, die auch musikalisch fragwürdige Motive entdeckt, eine Szene in Hans Neuenfels' Inszenierung), die Ausstellung "Architekturbild" im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt, Monika Treuts Film "Ghosted" und Bücher, darunter August Strindbergs Reportage "Unter französischen Bauern" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).