Heute in den Feuilletons

Nur leider schrecklich inkompetent

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.10.2008. Die NZZ untersucht die Vorwürfe gegen Milan Kundera und sein schwieriges Verhältnis zur alten Heimat. Und Sonja Margolina erzählt, wie der KGB sie im Jahr 1984 als IM anwerben wollte. Die Welt findet Oliver Stones Biopic über George W. Bush überraschend sanft. Der FAZ wurde bei Anselm Kiefers Friedenspreisrede ein wenig unheimlich.

NZZ, 20.10.2008

Ulrich M. Schmid nimmt die Vorwürfe gegen Milan Kundera, 1950 einen westlichen Agenten verraten zu haben, sehr ernst und sieht einige Teile seiner Biografie in neuem Licht: "Kundera, der seit 1975 in Frankreich lebt, hält bis heute sorgfältige Distanz zu Tschechien. Er gibt kaum Interviews und ist auch nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes nur inkognito in sein Heimatland gereist. Sogar die Publikation seiner Romane behinderte er selbst systematisch. 'Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins' erschien erst vor zwei Jahren in Prag, weil Kundera angeblich keine Zeit zum Redigieren des Textes gefunden hatte. Kunderas Selbstmarginalisierung auf dem tschechischen Buchmarkt wäre dann zu deuten als Ausdruck der Hemmung, am Ort seines größten moralischen Versagens erfolgreich zu sein."

Die Publizistin Sonja Margolina betrachtet den Umgang mit IMs in Osteuropa, die heute viel stärker im Licht der Öffentlichkeit stehen als die offiziellen Geheimdienstmitarbeiter. Und sie erzählt auch, wie der KGB 1984 versucht hat, sie selbst an sich zu binden. Erfolglos: "Es verging eine weitere düstere Woche, bis die amtliche Vorladung kam, und eine weitere Woche später hatte ich mich im Empfangszimmer der KGB-Zentrale Lubjanka eingefunden. Von dem eigentlichen Inhalt des Verhörs sind mir nur Fetzen in Erinnerung geblieben, doch das Gefühl einer existenziellen Verlassenheit, die mich im kargen Kabinett überkommen hatte, vergaß ich nicht. Was mir nachträglich am meisten zusetzte, war die Einsicht, dass ich während des Verhörs nicht gelassen bleiben konnte. Es war für halbwegs erfahrene Erpresser wie meinen Betreuer ein leichtes Spiel, meine dürftigen 'Geheimnisse' zu knacken. In diesen drei Stunden, die eine Ewigkeit dauerten, musste ich erfahren, dass die Grenze zum Verrat nicht erst bei der Folter beginnt, sondern bei viel einfacheren Dingen des Lebens, z. B. bei der Drohung, meine Moskauer Anmeldung zu annullieren."

Weitere Artikel: Franz Haas berichtet aus Italien, dass der Mafia-Kritiker Roberto Saviano Italien verlassen wird: Kürzlich war bekannt geworden, dass der Camorra-Clan der Casalesi ein Attentat gegen Saviano vorbereitete. Angela Schader resümiert den türkischen Auftritt auf der Buchmesse in Frankfurt. Außergewöhnlich fand Joachim Güntner die Dankesrede des frisch gekürten Friedenspreisträgers Anselm Kiefer: "Kiefer wirkte - wir zögern mit dieser trivialen Formulierung - so echt."

Besprochen werden Jan Bosses Inszenierung von Edwards Albees Mittelschichtsschocker "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" am Wiener Burgtheater und eine "Sylphide"-Aufführung des Zürcher Balletts.

FR, 20.10.2008

Weniger Liebe und mehr Politik hätte sich Johannes Schneider bei Orhan Pamuks Auftritt im Frankfurter Schauspiel gewünscht: "Pamuk sprach von der 'Hüzün', dieser Istanbuler Melancholie, die kein Nicht-Istanbuler je verstehen könne, weil sie, im Gegensatz zur europäischen Depression, kollektiv und stolz erlebt werde, nicht einsam und mit Scham. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich bereits drei Tage lang ein gewiss schwerdepressives Kollektiv (Literaturbetrieb) selbst gefeiert, und keinen Zweifel daran gelassen, dass jede Gefühlsnuance, die Pamuk turk-exklusiv haben möchte, auch in verkümmerten europäischen Seelen vorhanden ist."

Weitere Artikel: Judith von Sternburg besuchte die Verleihung des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, der an den Maler Anselm Kiefer ging. Times Mager widmet Elke Buhr dem Comeback von Metallica.

Besprochen werden Alexander Brills Theaterstück "Leyla und Medschnun" im "theaterperipherie" in der Peterskirche Frankfurt ("Man freut sich, wie leicht hier das Exotische alltäglich und normal wird", so Peter Michalzik), Jan Bosses Inszenierung von "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" am Wiener Burgtheater und Elke Mühlleitners Biografie über den österreichischen Psychoanalytiker Otto Fenichel "Ich - Fenichel".

Welt, 20.10.2008

Hannes Stein hat in New York schon Oliver Stones Biopic über George W. Bush gesehen und findet den gerade noch amtierenden Präsidenten geradezu freundlich gezeichnet: "Wie Oliver Stone ihn sieht und wie Josh Brolin ihn spielt, ist dieser Bush kein böser Mensch, auch kein Zyniker der Macht, nur leider schrecklich inkompetent. Getrieben wird er in 'W.' von der Hassliebe zu seinem übermächtigen Vater."

Weitere Artikel: Tilman Krause besuchte ein der deutschen Sprache gewidmetes Festival in Bad Lauchstädt und findet den Ausdrucksreichtum des "deutschen Worts, wenn es wohlgesetzt und gut gesprochen wird", fucking crazy. Rolf Schneider wendet sich in der Leitglosse gegen die häufig gebrauchte Metapher vom "Steigbügelhalter". Uwe Wittstock hat Anselm Kiefers Friedenspreisrede und der Laudatio Werner Spies' zugehört. Peter Dittmar notiert empfindliche Missstimmung bei neuesten Kunstauktionen von Sotheby's, die zeigt, dass die Krise nun auch auf diesen Bereich übergreift. Sven Felix Kellerhoff empfiehlt einen Aufsatz (Abstract) der jungen Historikerin Angela Hermann in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte, in dem Hitlers maßgeblicher Einfluss bei der Organisation der "Reichskristallnacht" nachgewiesen wird.

Besprochen werden ein Konzert des Popduos The Last Shadow Puppets in Berlin und neue DVDs, darunter Reeditionen der Stummfilmklassiker von D.W. Griffith.
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TAZ, 20.10.2008

Dirk Knipphals würde zwar viel lieber von Alan Bennetts Parabel "Die souveräne Leserin" schwärmen, rauft sich aber doch zusammen, um die Buchmesse zu resümieren: "Der Wille zum guten Roman ist ungebrochen. Höchstens gibt es eine Krise, für diesen Willen den passenden Rahmen zu finden. Wie leicht vermeintliche Lockerheit ins Konservative kippt, konnte man an Gert Scobel gut beobachten. Der Fernsehmoderator führte betont lässig durch die Verleihung des Deutschen Buchpreises. Aber dann pries er die Literatur angesichts der weltweiten Finanzkrise als Möglichkeit der Krisenüberwindung und spielte damit auf die konservative Sicht an, das gute Buch als Ausdruck eines moralisch gefestigten Lebens zu verstehen (Alan Bennett, der seine Queen mit seinem Lektüreprogramm gerade von jeglicher Selbstsicherheit wegführt, könnte bestimmt eine hübsch-gehässige Szene darüber schreiben)."

Weiteres: Katrin Bettina Müller wurde bei der Verleihung des Friedenspreis an Anselm Kiefer den Verdacht nicht los, dass die Jury des Börsenvereins "mit der diesjährigen Auszeichnung vor allem auf staatstragende Bedeutung, einen moralischen Gestus und großspurige Formate" setzte. Michael Kasiske blickt gespannt der Wiedereröffnung des umgebauten Kunstmuseums Sachsen-Anhalt in der Moritzburg von Halle entgegen. Deniz Yücel versucht abzuschätzen, wie viel man in der Türkei über deutsche Kultur weiß ("Popmüzik aus Almanya, das sind vor allem und immer wieder Kraftwerk und Rammstein.") Besprochen wird Eike Hannemann Erlanger Theateradaption von Bernward Vespers Roman "Die Reise".

SZ, 20.10.2008

Die erste Seite des Feuilletons ist Anselm Kiefer gewidmet, dem der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde. Abgedruckt sind - beide gekürzt - Kiefers Dankesrede und die Laudatio von Werner Spies. Burkhard Müller berichtet über die Feierstunde. (Online lesen dürfen wir dazu aber nur eine Tickermeldung.) Marc Felix Serrao schickt Nachrichten aus dem Netz. Franziska Augstein ermuntert die SPD, "nicht gar so abwehrend-ängstlich" gegenüber der Linkspartei aufzutreten, sonst mache sie denselben Fehler wie 1959, als sie die von Reinhard Strecker organisierter Ausstellung "Ungesühnte Nazijustiz" angriff - beides, wenn wir das recht verstehen, übertriebene Reaktionen aus Angst vor den Kommunisten. Ijoma Mangold schlendert mit Feridun Zaimoglu durch den türkischen Pavillon der Frankfurter Buchmesse. Auf der Medienseite findet Christopher Keil Elke Heidenreichs Ausführungen zur Qualität des Fernsehens reichlich selbstgefällig.

Besprochen werden Hans-Joachim Ruckhäberles Inszenierung der "Verschwörung des Fiesko zu Genua" am Münchner Residenztheater, einige DVDs, Aufführungen bei der Viva Musica in München, Guillermo Del Toros Horrorfilm "Hellboy - Die goldene Armee", die Ausstellung "Renaissance Faces" in der National Gallery London, Claudia Meyers "Hamlet" in Weimar und Bücher, darunter Enzo Traversos Geschichte des europäischen Bürgerkriegs 1914-1945 (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 20.10.2008

Auf wenig erwachsene Weise in düsteren Märchenwäldern befangen sieht Julia Voss den Friedenspreisträger Anselm Kiefer und seine finster raunenden Verehrer: "Man wird einem Kind nicht vorwerfen, dass es sich den Nationalsozialismus als ein Reich des Bösen vorstellt, in dem dunkle Mächte regieren. Wenn sich aber erwachsene Männer vor uns hinstellen und sich noch immer den Nationalsozialismus so ausmalen, wenn sie die Wendung vom 'Abgrund des Menschen' so selbstverständlich wie Liebesgedichte vortragen, wenn sie an einem satten, sonnigen Tag ganz einfach mal die 'Sinnlosigkeit unseres Daseins' ansprechen wollen, wenn sie aus Politik Märchen machen, dann kann man wirklich anfangen, sich zu fürchten."

Weitere Artikel: Julia Encke resümiert eine "content"-lastige Buchmesse, Karen Krüger widmet sich kritisch dem türkischen Auftritt. In der Glosse schildert Gerhard R. Koch, wie er Goethe in einer Krakauer Salzmine traf. Über Vorstadtverschönerungsprojekte in Madrid informiert Klaus Englert. In den Mickey-Mouse-Comics von vor siebzig Jahren hat Martin Otto einen Vorgänger des neuerdings notorischen Klempners mit Namen Joe entdeckt. Klaus Lüderssen gratuliert dem "politischen Professor" Werner Maihofer zum Neunzigsten. Edo Reents schreibt kurz zum Tod des Soulsängers Levi Stubbs.

Auf der Medienseite gibt sich Michael Hanfeld angesichts der Fernsehqualitätsdiskussion im Namen eines entweder nebulösen oder majestätischen "Wir" eingeschnappt: "Denn über Qualität im Fernsehen reden wir ohne Unterlass." Auch in der FAS gab es einiges zum Thema. Von Elke Heidenreich eine entschlossene Bleibe- als Kampfansage ans ZDF. Und von Stefan Niggemeier fünfzig mehr als berechtigte Fragen, den Verstand der Fernsehverantwortlichen sehr konkret betreffend.

Besprochen werden Laurent Chetouanes sehr fremder "Faust" in Köln, Hans-Joachim Ruckhäberles Inszenierung von Schillers "Fiesko" im Residenztheater München, Joseph Vilsmaiers Film "Die Geschichte vom Brandner Kaspar", die Richard-Avedon-Retrospektive im Berliner Gropius-Bau und Bücher, darunter Kerstin Hensels Roman "Lärchenau" und Lars Reppesgaards Untersuchung "Das Google Imperium" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).