Heute in den Feuilletons

"intellektuell attraktivster Limonadenstand"

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.10.2007. Der NZZ hat der Anbau vom Prado gut gefallen. Der Tagesspiegel freut sich auf den White Cube in Berlin-Mitte. In der SZ schlägt die ARD dem Grimm-Preisträger Frank Schirrmacher einen Deal vor. Die FR feiert Arts & Letters Daily. Und nun das Wetter: In der taz sagt die Punkband Gallows einen verfickten Tsunami aus Hass an.

FR, 31.10.2007

Lothar Knatz stellt das neuseeländische Kultur-Portal Arts & Letters Daily für den "Kulturbürger im global village" vor, das seit Jahren als eine der besten Websites der Welt gilt. Denis Dutton und Tran Huu Dung verlinken täglich auf die interessantesten englischsprachigen Artikel im Netz. "Neben der Diskussion über die Lage im Irak findet sich so die Frage, ob Kylie Minogue die bedeutendste lebende Australierin ist. Europas sinkender politischer und wirtschaftlicher Einfluss wird ebenso behandelt wie Kanadas gescheiterte Versuche, einen Comic-Helden zu kreieren. Schranken akademischer Disziplinen werden ebenso wenig akzeptiert wie Grenzen zwischen Wissen und Unterhaltung. Dutton sieht das Angebot von ALD als 'Limonadenstand - aber mit dem Anspruch, den intellektuell attraktivsten Limonadenstand des Universums anzubieten'." In der englischsprachigen Welt weiß man das zu schätzen, das gilt auch für die ausgewerteten Zeitungen. "Probleme mit dem Copyright, wie sie jüngst der deutsche Perlentaucher hatte, sind Dutton noch nie begegnet: 'Wieso auch? Wir bringen den Printmedien doch zusätzlich Leser, und die Chefredakteure wissen dies genau.'"

Beschäftigte der privaten Sicherheitsfirma Blackwater haben 17 Iraker getötet, sollen dafür aber nicht juristisch belangt werden (mehr hier). Der Politologe Herfried Münkler erklärt im Interview mit Arno Widmann, was für Regierungen so praktisch ist an kriegführenden Privatfirmen: "Es wird immer wieder gesagt, die Söldner seien billiger. Das mögen sie hier und dort sein. In Wahrheit aber spielen sie ihre heutige die Rolle nicht aus ökonomischen sondern aus politischen Gründen. Blackwater-Angestellte schießen schneller. Bestimmte Dienstvorschriften kommen bei den private military companies nicht zur Anwendung. Sie bewegen sich in einem - auch juristisch - viel offeneren Raum."

Weitere Artikel: In einem Interview erklärt Bela B. von den Ärzten sein Faible für Horrorfilme und was einen anständigen ausmache. Ulrich Rüdenauer gratuliert dem Schriftsteller und Psychiater Ernst Augustin zum achtzigsten Geburtstag. Und in Times mager kommentiert Peter Michalzik Martin Mosebachs Büchner-Preisrede und die neue katholische Mode des Nazivergleichs.

Besprochen werden eine Inszenierung der Berlioz-Oper "Trojaner" in Stuttgart und Tomi Mäkeläs Buch "Poesie in der Luft" zu Jean Sibelius (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 31.10.2007

Thomas Winkler unterhält sich mit der britischen Punkband Gallows (hier ein Kurzporträt), die nach einem Wettbieten diverser Labels gerade einen Vertrag über eine Million Pfund für zwei Alben abgeschlossen haben, über das Austricksen von Plattenfirmen, Jugend, Authentizität und Wut. Ihr stilechtes Credo: "Wir sind immer noch jung und voller Hass. Die Leute, die glauben, uns ginge es mittlerweile gut und wir hätten keinen Grund mehr, wütend zu sein, irren sich gewaltig. (...) Das nächste Album wird ein verfickter Tsunami aus Hass."

Weitere Artikel: Hugo Velarde resümiert eine Diskussion in der Berliner Akademie der Künste, in der versucht wurde, unter der Themenvorgabe "Die Akademie und die Stasi. Chancen und Grenzen der Aufarbeitung? die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Nina Apin gefällt die Idee zu einer temporären Kunsthalle in Form eines "White Cube ? auf dem Berliner Schlossplatz.
Besprochen wird Don DeLillos Roman über den 11. September "Falling Man?. (siehe hierzu unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

Schließlich Tom.

NZZ, 31.10.2007

Erfreut zeigt sich Markus Jakob von Rafael Moneos Anbau des Prado in Madrid: "Offensichtlich hat sich hier der Architekt nicht selbst ein Denkmal zu setzen versucht, sondern sich ganz den Erfordernissen eines Museums untergeordnet, das seine Modernisierung spät - später als die meisten andern Pinakotheken von Weltbedeutung - in Angriff genommen hat. So spät - und durch teilweise absurde Querelen weiter verzögert -, dass der Prado schon wieder zum Vorreiter werden könnte. Dürfte doch die Zeit der architektonischen Sensationshascherei gerade im Museumsbau allmählich abgelaufen sein, um wieder unprätentiösere und der Sache, nämlich der Kunst, umso besser dienende Räume entstehen zu lassen."

Weiteres: In seiner Science-Fiction-Kolumne erläutert Georg Klein das typisch marsianische "Groken" in Robert A. Heinleins 1961 erschienenen Roman "Fremder in einem fremden Land". Roman Hollenstein empfiehlt die ersten Schau des von nun ab zweimal jährlich stattfindenden Forums Archizoom in der Architekturgalerie der ETH Lausanne, die sich zum Auftakt der gleichnamigen Florentiner Architektengruppe widmet.

Besprochen werden Bücher, darunter der Roman "Errötende Mörder" von Brigitte Kronauer, die Studie "Der Kodex des Archimedes" von Reviel Netz und William Noel, zwei neue Veröffentlichungen zur Kunstpolitik im Nationalsozialismus und "Das Miniatom-Projekt" von Richard M. Weiner (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Tagesspiegel, 31.10.2007

Berlin bekommt eine Kiste und keine Wolke als provisorische Kunsthalle für seinen Schlossplatz, berichtet zufrieden Christina Tilmann: "Die Wolke auf dem Schlossplatz, gegenüber von Berliner Dom, Zeughaus und Altem Museum, das wäre ein Hingucker gewesen, ein Touristenmagnet, ein Bonbon für Architekturfans und Stadtvermarkter. Die Wolke auf dem Schlossplatz, das wäre wie Daniel Libeskinds Jüdisches Museum gewesen, oder Frank O. Gehrys Guggenheim-Bau in Bilbao: ein Haus als Selbstzweck, als Aussage für sich. Keine dienende Architektur, sondern eine selbstbewusst auftrumpfende. Ein Wahrzeichen - aber auch ein Wolkenkuckucksheim, ein Luxusprojekt zum Preis von über zehn Millionen Euro. Die Kiste, wie der von der Künstlerin Coco Kühn und der Kulturmanagerin Constanze Kleiner initiierte und von der Stiftung Zukunft Berlin mit rund einer Million Euro finanzierte White Cube intern genannt wird, ist all das nicht. Keine Architekturvision, kein neues Wahrzeichen für Berlin, auch kein Prestigeprojekt, das sich später profitabel nach Los Angeles, Moskau oder Shanghai verkaufen lässt. Es ist vor allem: eine Hülle. Für einen eminent wichtigen Inhalt."

Christiane Peitz empfiehlt den in Anlehnung an Misha Asters gleichnamiges Buch entstandenen Film von Enrique Sanchez Lansch "Das Reichsorchester", der die Geschichte der Berliner Philharmoniker während des Nationalsozialismus behandelt.

Welt, 31.10.2007

Der Theologieprofessor Jens Schröter fragt pünktlich zum Reformationstag, ob neue Bibelübersetzungen wie die "Volxbibel" mit ihrer Jugendsprache wirklich der Sache dienen. Rolf Giesen berichtet über den schwachen Start des deutschen Trickfilms "Lissi und der wilde Kaiser" und er konstatiert, dass Trickfilme aus Deutschland häufig nicht auf der Höhe der Zeit seien. Hendrik Werner schreibt eine Leitglosse zum 25. Geburtstag der Emoticons. Michael Loesl unterhält sich mit den Ärzten über ihre neue CD "Jazz ist anders". Dankwart Guratzsch verfolgte einige Tagungen über den wiederkehrenden Historismus in der deutschen Architektur. Uwe Wittstock unterhält sich mit dem Autor Ernst Augustin, der achtzig Jahre alt wird und der mit "Schönes Abendland" eine Neufassung seines Romans "Mamma"von 1970 vorlegt. Und Uta Baier las zwei Bücher, die fragen, ob es überhaupt noch Kriterien gibt, um gute von schlechter Kunst zu unterscheiden, Wolfram Völckers' "Was ist gute Kunst?" und den Wagenbach-Band "Gesucht Kunst".
Stichwörter: Deutschland

SZ, 31.10.2007

In seiner Dankesrede für den Jakob-Grimm-Preis hatte Frank Schirrmacher auch die Internet-Auftritte der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender kritisiert. Auf der Medienseite schlägt der amtierende SWR-Intendant Peter Boudgoust jetzt prompt einen Deal vor: "Statt uns medienpolitisch zu bekriegen, sollten wir uns eher miteinander vernetzen, z. B. könnte die ARD Nachrichten- und Magazinbeiträge für die Online-Angebote der Zeitungen zur Verfügung stellen. Über die Details muss man reden, klar aber ist: ARD und ZDF wollen im Internet kein Geld verdienen, sie sind ja durch Gebühren finanziert. Wir sind also keine wirtschaftliche Konkurrenz der Zeitungen, wir sind ihre Partner - wenn sie es wollen. Jetzt wird sich zeigen, ob die Zeitungen unsere Internetangebote aus inhaltlichen Gründen kritisieren. Oder einfach nur, weil wir ein leichterer Gegner sind als Microsoft oder Google. Das sind wir auch ..." (Mit sieben Milliarden Euro im Jahr! Die "leichteren Gegner" sind doch wohl eher die Schmuddelkinder, die direkt aus dem Internet kommen, Weblogs, Internetzeitungen und der Perlentaucher.)

Im Feuilleton nimmt Dagrun Hinze mit kritischem Blick die neue Suche nach dem "spirituellen Chill-Out" unter die Lupe und sah sich in so genannten "Räumen der Stille" um, die in Stadien, Flughäfen und Shopping Malls entstehen. Hans Leyendecker informiert über späte Anstrengungen des BKA, seine NS-Vergangenheit aufzuarbeiten. "Grandios" findet Manfred Schwarz den Erweiterungsbau von Rafael Moneos für den Madrider Prado. Georg Klein erinnert an den vor 150 Jahren geborenen Arzt und Romancier Axel Munthe. In einem Interview erklärt der Bariton Michael Volle, warum Menschen immer noch in die Oper gehen und warum seine Traumrolle der Don Giovanni ist. Albrecht von Schirnding gratuliert dem Schriftsteller und Psychiater Ernst Augustin zum 80. Jens Bisky informiert über die temporäre Berliner Kunsthalle "White Cube" auf dem Berliner Schlossplatz, in der Ausstellungen in Berlin lebender Künstler stattfinden sollen.

Auf der Filmseite stellt Hans Schifferle zwei Tributes der Viennale vor, die sich Filmen der amerikanischen Cineastinnen Stephanie Rothman und Nina Menkes widmeten. Besprochen werden die Filme "Nach 7 Tagen - Ausgeflittert" der Brüder Farrelly, "Mit den Waffen einer Frau" von Florian Leidenberger und Ralf Heincke, "Weißt was geil wär ...?!" von Mike Marzuk und "Ein perfektes Paar" von Suwa Nobuhiro. Im Interview gibt Chris Cooper Auskunft über seine Rollen als FBI-Agent, aktuell in dem Spionagethriller "Enttarnt". Und Fritz Göttler erinnert daran, dass Marcel Ophüls morgen achtzig wird.

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung mit Arbeiten von Takashi Murakami im Museum of Contemporary Art in Los Angeles und Bücher, darunter Oswald Spenglers "Aufzeichnungen über sich selbst" aus dem Nachlass und die Fortsetzung des Comics "Die Hure H" von Katrin de Vries und Anke Feuchtenberger (siehe unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 31.10.2007

Zur Belgrader Buchmesse kommen Autoren wie David Albahari und Dragan Velikic für Stippvisiten in ihre Heimatstadt zurück. Auf Dauer aber will, wie Michael Martens feststellt, kaum einer der ins Exil gegangenen Schriftsteller zurückkehren. Auch das Serbokroatische ist längst in Auflösung begriffen: "Doch wie lange noch wird man in Kroatien ohne sprachliche Schwierigkeiten ein Buch aus Serbien lesen können? Das beginnt schon bei der Frage, ob es in kyrillischer oder lateinischer Schrift gedruckt ist... Wer sich für das Kyrillische entscheidet, hat freilich in Kroatien einen schweren Stand. Doch es ist nicht die Schrift allein, auch in ihren Wortbeständen driften das Kroatische und das Serbische auseinander. Serbokroatisch darf angeblich nicht mehr sein. Es sind siamesische Zwillinge daraus geworden, die seit ihrer Trennung durch eine blutige Operation behaupten, einander schon immer gehasst zu haben."

Weitere Artikel: Regina Mönch stellt fest, dass der Krieg zwischen Türken und Kurden nun auch in Deutschland stattfindet. Jürgen Kaube nimmt die nunmehrige Trennung von ihrem Vorsitzenden Werner Weidenfeld zum Anlass, das "manisch-depressive" Wesen der Bertelsmann-Stiftung einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. In der Glosse stellt uns Mark Siemons die chinesische Mondsonde Chang'e vor. Im neuen Tomi-Ungerer-Museum in Straßburg hat sich Andreas Platthaus umgesehen, und Paul Ingendaay war im vom Architekten Rafael Moneo entworfenen neuen Anbau des Prado. Andreas Rossmann berichtet, dass den beiden Kandidaten für den Intendantenposten der Kölner Oper abgesagt wurde. Ralf Thomas porträtiert den amerikanischen Songschreiber und Gitarristen Raul Medon. Niklas Maak meldet, dass der Berliner Schlossplatz von einer "White Cube"-Kunsthalle temporär zwischengenutzt wird. Andreas Eckert gratuliert dem Historiker William McNeill zum Neunzigsten.

Auf der DVD-Seite werden unter anderem Editionen mit Filmen Germaine Dulacs, der Brüder Taviani und von William Friedkins einst höchst umstrittenem "Cruising" vorgestellt.

Besprochen werden ein Kölner Konzert der ohne Robbie Williams wiederbelebten Teenie-Band Take That, Rafi Pitts Film "Zemestan - It's Winter" und Bücher, darunter Andrzej Stasiuks bisher nur in polnischer Sprache veröffentlichte Deutschland-Reiseprosa "Dojczland", Ernst Augustins Schelmenroman "Schönes Abendland" und Kurt Zeitlers und Karin Hellwigs Neuinterpretation einer El-Greco-Zeichnung unter dem Titel "El Greco kommentiert den Wettstreit der Künste" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Zeit, 31.10.2007

Im Feuilleton konstatieren gleich drei Artikel, dass Migranten in den Medien nicht nur schlecht, sondern auch noch falsch und unterproportional vorkommen. Hilal Sezgin nimmt dafür die einschlägigen Vorabendserien unter die Lupe, und muss feststellen, dass - auch wenn die ARD mit "Lindenstraße" und "Türkisch für Anfänger" nicht schlecht dasteht - Pro Sieben vorbildlich in Sachen Integration wurde, als der Sender ohne Aufhebens Aiman Abdallah zum Moderator der Wissenschaftssendung "Galileo" machte. Miltiadis Oulios bescheinigt dem Journalismus eine ganz miserable Quote: jeder fünfte im Land hat einen Migrationshintergrund, aber nur jeder fünfzigste Journalist. Und der Politikwissenschaftler Christoph Butterwege konstatiert nach Sichtung verschiedener Schlagzeilen, dass Ausländer entweder als Katastrophe oder Bande vorkommen.

Weitere Themen: In der Randspalte erteilt Jens Jessen allen Versuchen, den notorischen Antisemiten Hans Pfitzner reinzuwaschen, mit Verweis auf einschlägige Textstellen in seinen Schriften eine Absage. Zu lesen ist auch ein E-Mail-Austausch zwischen den beiden Schriftstellerinnen Chimamanda Adichie (Nigeria) und Antje Ravic Strubel (Potsdam).

Besprochen werden Werner Herzogs Science-Fiction-Fantasie "The Wild Blue Yonder", eine Matthew-Barney-Ausstellung in der Sammlung Goetz in München, die nun endlich erlaubte Contergan-Doku-Fiction "Eine einzige Tablette", die beiden Post-Western-Serien "Into the West" und "Deadwood" auf DVD und der deutsch-türkische Sampler "Import Export a la Turka".

Im Aufmacher des Literaturteils feiert Jochen Jung Ulrich Peltzers "Teil der Lösung" als "grandiosen, politischen Liebesroman" (hier eine Leseprobe). Das Dossier knöpft sich Hugo Chavez vor, der mit Weißrussland, Nordkorea und dem Iran eine Front gegen die USA aufstellen will. Navid Kermani eröffnet eine lose Folge von Berichten aus Indien mit einer Reportage über Landlose.

240 Millionen Dollar hat Microsoft für eineinhalb Prozent am Netzwerk Facebook bezahlt. Götz Hamann kann auf der Seite eins gut verstehen, dass sich Microsoft den Zugriff auf soviel Privatheit gern etwas kosten ließ. "Onlineangebote wie das von Facebook kündigen das Ende der Privatheit an, wie wir sie kennen, sie rühren an den Grundfesten bürgerlicher Freiheit. Um das zu verstehen, muss man wissen: In den westlichen Industriestaaten nutzen mindestens 400 Millionen Menschen ein sogenanntes Soziales Netzwerk im Internet. Vor vier Jahren war es beinahe niemand."