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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.09.2006. Die Zeit lässt Elke Heidenreich und Christian Thielemann wissen: Es gibt kein Zurück in eine heile Opernwelt. In der FAZ fordert die Historikerin Fania Oz-Salzberger Europa zur Diskussion mit Israel auf. Und Michael Jürgs schreibt über die kommende Heimsuchung unserer Gesellschaft durch die Alzheimer-Krankheit. In der SZ bezweifelt der Islamwissenschaftler Thomas Hildebrandt die theologische Kundigkeit des Papstes. In der NZZ erklärt der polnische Jazztrompeter Tomasz Stanko, warum er nicht so einfach fröhlich sein will. SZ und taz und György Konrad im Tagesspiegel verteidigen den ehrlichen Lügner Ferenc Gyurcsany.

Zeit, 21.09.2006

Claus Spahn verspürt eine unselige Welle an Konservatismus über die Opernwelt hereinschwappen. "Die Argumente von Heidenreich (noch auf Englisch verfügbar) bis Thielemann suggerieren, der Weg zum wahren Opernglück wäre wieder frei, würde man die unseligen Entwicklungen der Moderne rückgängig machen. Das ewige Reflektieren! Die Seziererei! Das intellektuelle Palaver! ... Als diskursmüder Krieger nimmt der Operngänger vor dem großen Vorhang Platz: Hier soll sich das Herz öffnen, die Welt draußen bleiben, und die Filzpantoffeln sollen da stehen, wo sie immer standen. Nur: In die alte Gemütlichkeit führt kein Weg mehr zurück. Der Impuls der Mäßigung bei den Inszenierungen, der Vermeidung von Regieeinfällen und Besinnung auf das Buchstäbliche läuft ins Leere."

Die Reaktionen auf die Regensburger Papstrede beschäftigen die Zeit in diversen Ressorts. Im Feuilleton-Interview mit Michael Mönninger will der französisch-arabische Schriftsteller Abdelwahab Meddeb den gewaltbereiten Teil des Islam nicht verschweigen. Aber "nur wenn das muslimische Subjekt erkrankt ist, wählt es den kriegerischen Teil der Offenbarung". Hoffnung mache die Türkei. "Alle Behauptungen, in der Türkei entstünde eine neue islamische Republik, sind falsch. Ich kenne nur ein anderes Land, dessen Menschen ihre republikanischen Errungenschaften so bis aufs Blut verteidigen wie die Türken - die Franzosen. Ein demokratischer Islam ist genauso möglich wie ein demokratisches Christentum."

In einem nur online veröffentlichten Essay sucht der Theologe Johannes Hoff mit Rorty, Habermas und Ratzinger nach rationalen Anknüpfungspunkten der Weltreligionen. Im Dossier macht sich Jörg Lau angesichts der bevorstehenden Deutschen Islam-Konferenz in Berlin ebenfalls Gedanken über eine deutschtürkische Variante des Islam und empfiehlt eine staatliche Imam-Ausbildung. Und Martin Spiewak registriert eine zunehmende Entfremdung der deutschen Muslime von ihren meist ausländischen Imamen.

Weiteres: Peter Kümmel untersucht das deutsche Theater im Hinblick auf die Liebe, und zieht schließlich den Mord vor. Denn: "Lustvolle Verschmelzung, Vermischung, Auflösung von Identität - das bleibt im Theater das Privileg des Mörders." In Dresden werden ständig neue Museen eröffnet, deren Betrieb sich auf Dauer niemand leisten kann, schimpft der Direktor der Dresdner Kunstsammlung Martin Roth. Dass das neue Hans Otto-Theater in Potsdam teilweise "krumpelig und unrund" wirkt, lastet Hanno Rauterberg nicht dem Architekten Gottfried Böhm, sondern den unsäglichen Sparzwängen an. Claus Leggewie empfiehlt der Politikwissenschaft, sich endlich mit der Demokratie und nicht mit dem Staat zu befassen. Die Wiedereröffnung der akustisch überzeugenden Salle Pleyel ist für Michael Mönninger der Startschuss für eine Revitalisierung der Pariser Musikszene. Der Autor Günter Kunert kommentiert knapp und böse Peter Handkes Kritik an Günter Grass.

Besprochen werden die Caravaggio-Ausstellung im Düsseldorfer museum kunst palast ("Ich glaube, Caravaggio hat kein einziges 'schönes ' Bild gemalt. Und kein unwahres", schwärmt Georg Seeßlen), das Album "Pieces Of The People We Love" von The Rapture, Andres Veiels Verfilmung seines Stücks "Der Kick", Michael Winterbottoms dramatisierter Dokumentarfilm "Road to Guantanamo", Seijun Suzukis Klassiker "Tokyo Drifter" auf DVD, und das "Community Dance Project" des Choreografen Royston Maldoom in Hamburg (bei dem Melina Gehring nur die Laien überzeugten).

Der Literaturteil: "Mon Dieu, stay fictional", ruft die Autorin Juli Zeh ihren Kollegen in einer Suada gegen den Authentizitätsdruck im Literaturbetrieb zu. Michael Mönninger preist Jonathan Littells 900 Seiten starke fiktive Memoiren eines SS-Mannes "Les Bienveillantes", die den französischen Buchmarkt aufrollen. Rezensionen gibt es unter anderem zu John Updikes "Terrorist" und Philipp Gasserts Biografie von "Kurt Georg Kiesinger" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

Tagesspiegel, 21.09.2006

Im Interview mit Christiane Peitz erklärt sich der ungarische Schriftsteller György Konrad die Ausschreitungen in Budapest so: "Die Selbstkritik des Premiers Ferenc Gyurcsany, der sich der 'Wahlkampflüge' bezichtigte, war nur der Anlass. Sie wurde instrumentalisiert. Ich halte Gyurcsany für einen scharfsinnigen, verantwortlichen Politiker, der Reformen durchführen will, die für mehr Staatsferne sorgen - und dafür, dass der Bürger selbst mehr Verantwortung übernimmt. Der Hauptgrund für die Unruhen liegt darin, dass es in Ungarn keine gemäßigte Rechte gibt, keine Konservativen wie die CDU in Deutschland, die Chirac-Leute in Frankreich oder die Tories in Großbritannien. Das hat Tradition in Ungarn. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg war die Rechte hier so schwach, dass sie sich von den Rechtsextremen vereinnahmen ließ. Viele Konservative mögen die Skinheads gar nicht und verstehen sich als normale bürgerliche Partei. Dennoch existiert bis heute eine latente Allianz zwischen Rechten und Rechtsradikalen."

TAZ, 21.09.2006

Für Jan Feddersen ist der ungarische Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany ein ehrlicher Mann. Der Protest in Ungarn richte sich vor allem "gegen die Desillusionierung und die Drohung, sie nicht weiter zu kultivieren. Politiker, beispielsweise, deutscher Provenienz könnten aus Gyurcsanys Einlassungen lernen, aus aktuellem Anlass auch bei der Frage, weshalb die Völkischen (NPD, DVU) Erfolg haben. Denn die Wut auf den ungarischen Sozialdemokraten war ja auch eine antisemitisch, nazistisch gestimmte; Polizisten, die öffentliche Gebäude schützten, wurden als 'Judenschweine' beschimpft: Noch Fragen zum Thema 'Den Protest auf die Straße tragen'?"

"Pop ist Technomacht plus Soulgefühl. Besser wird's nicht", behauptet Tobias Rapp im Kulturteil und stellt die "gegenwärtig beste Band der Welt" vor: "Hot Chip". Rolf Lautenschläger überlegt, wie sich die drei Hauptkandidaten für den Posten des Berliner Kultursenators - Thomas Flierl, Alice Ströver, Andre Schmitz - zur Opernstiftung verhalten werden.

Besprochen werden Andres Veiels Verfilmung seines Theaterstücks "Der Kick" (für Brigitte Glomitza gelingt es dem Film tatsächlich, "einen Blick in das gesamtdeutsche Herz der Finsternis zu werfen"), der Auftakt der Spielzeit am Hamburger Thalia Theater, Tomas Gutierrez Aleas Filmgroteske "Der Tod eines Bürokraten" aus dem Jahr 1966, die jetzt auf DVD erschienen und Florentine Sacks Buch "Das offene Haus. Für eine neue Architektur" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.
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NZZ, 21.09.2006

Ueli Bernays hat den den polnischen Jazztrompeter Tomasz Stanko getroffen und von ihm erfahren, dass persönlicher Klang nicht Sache der musikalischen Bildung, sondern abhängig ist von Charakter und Erfahrung: "Ist auch Melancholie eine Frage der Persönlichkeit? Melancholie sei eher eine Stimmung, abhängig von Wind und Wetter: 'Es ist wohl nicht zufällig, dass in nordischen Ländern eine ähnliche Schwermut anzutreffen ist wie bei den Slawen. Andrerseits klingt auch der Blues traurig. Schöne Musik klingt fast nie fröhlich. Es ist ein Vorurteil zu glauben, alles müsse fröhlich sein. Gemüse seien fröhlich, sagte William Faulkner.'"

Roman Hollenstein besucht die dem Modeschöpfer Albert Kriemer gewidmete Schau "Akris", mit der sich St. Gallen als Stadt der Mode in Szene setzt. Peter Hagmann schreibt zum Tod des Schweizer Dirigenten Armin Jordan, Paul Jandl verabschiedet den Wiener Psychiater Leo Navratil. Besprochen werden Bücher, darunter Charles S. Maiers bisher nur auf Englisch erschienene Studie "Among Empires" und Haruki Murakamis neuaufgelegter Roman "Hard-Boiled Wonderland" (siehe dazu auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FR, 21.09.2006

Rainer Hörig hat den Schriftsteller Kristof Magnusson besucht, der zur Zeit als Stipendiat des Goethe-Instituts im indischen Pune lebt. Magnusson unterhielt sich mit einigen indischen Dramatikern und "fand es sehr interessant, dass das Leute sind, die noch einen anderen Beruf haben. Zumindest im Theaterbereich scheint es nur wenige hauptberufliche Autoren zu geben. Ich lernte einen Pharmakologen kennen, der ein eigenes Unternehmen führt und gerade mit seinem zweiten Theaterstück große Erfolge feiert. Einen Zahnarzt, der auch Theaterkritiker ist, Leute aus verschiedenen Berufen, die nebenbei schreiben. Und das finde ich schon beeindruckend, weil das natürlich eine andere Art von Literatur hervorbringt.'"

Die indische Künstlergruppe Raqs Media Collective erzählt im Interview von mysteriösen Briefen eines gewissen KD Vyas, die zur Zeit im Frankfurter Museum für Kommunikation ausgestellt werden: "Vyasa gilt in der alten indischen Tradition als einer von sieben Unsterblichen. Er ist also gewissermaßen zum Leben verflucht, und zur Zeitzeugenschaft. Hin und wieder muss er mit den Sterblichen Kontakt aufnehmen, weil es ihm ein bisschen langweilig wird. Die Zeit zieht sich ja für ihn viel länger hin als für uns. Unsere KD Vyas-Installation nimmt einen an uns gerichteten Brief zum Ausgang, der im Büro für nicht zustellbare Briefe in Delhi gefunden wird. Insgesamt gibt es am Ende 18 Briefe, entsprechend der 18 Bücher des 'Mahabharata'."

Weiteres: Matthias Arning hat sich mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer über Frank Schirrmachers These, der Frauenmangel in Mecklenburg-Vorpommern sei schuld am Wahlerfolg der NPD, unterhalten: Zu wenig empirisch gesättigt, meint Welzer. Harry Nutt widmet die Kolumne Times Mager der anhaltenden Aufregung um die Regensburger Vorlesung des Papstes.

Besprochen werden das erste Festival "Vergessene Musik" in der deutsch-polnischen Doppelstadt Görlitz-Zgorzelec, das von den Nazis verbotenen oder ermordeten Komponisten, Librettisten und ihren Werken gewidmet war, Lars-Ole Walburgs Inszenierung von Shakespears "Othello" im Niedersächsischen Staatstheater Hannover ("Drei Stunden fast geht es ohne - dann kommt sie auf einmal doch noch zum Vorschein: die schwarze Schuhcreme", schreibt der ansonsten recht gewogene Alexander Schnackenburg), die Schau "Il etait une fois Walt Disney" im Pariser Grand Palais, die Ausstellung "Black Paintings" im Münchner Haus der Kunst, Michael Winterbottoms Dokudrama "Road to Guantanamo", Andres Veiels "großartige Aufarbeitung des Deutschland-Komplexes", sein Film "Der Kick" und Laurent Cantets Film "In den Süden" (für Rüdiger Suchsland " ein kleines Meisterwerk nüchterner Beobachtung").

Welt, 21.09.2006

Im Interview mit Ulrich Weinzierl wehrt sich Christoph Ransmayr gegen das Prädikat des langsamsten Schriftstellers der Welt und erklärt, warum ihn auch in seinem vierten Roman "Der fliegende Berg" die Extreme anziehen. "Ich verfolge fast besessen Neuigkeiten etwa der astronomischen oder der Computer-Technik, versuche aber andererseits den Blick dafür nicht zu verlieren, wo das alles herkommt und hinführt. Die Kostbarkeit ganzer Zivilisationen lässt sich am besten begreifen, wenn man sie von ihrem Ende her betrachtet. Und der Wechsel von der einen zur anderen Welt vollzieht sich für jemanden, der sich in der Vertikale bewegt, sehr schnell. Die aus eigener Kraft bewältigte Ausdehnung der Reichweite von den behaglichsten Winkeln dieser Erde bis in ihre kältesten oder menschenleeren gibt mir das Gefühl, tatsächlich jederzeit auf und davon gehen zu können."

Weiteres: Peter Dittmar wünscht sich, dass deutsche Museen es der Londoner Tate Gallery nachmachen und ihre Ankäufe offenlegen. Außerdem meldet er, dass ein ganzer Posten expliziter japanischer Zeichnungen, sogenannte "Frühlingsbilder", in Köln versteigert werden. Michael Pilz schickt seinen Tag auf der Berliner Popkomm, mit Reden von Klaus Wowereit und Feargal Sharkey über den Ticker. Wieland Freund kündigt ein neues "Hannibal"-Buch von Thomas Harris an.

Besprochen werden das Album "Lontano" des polnischen Jazztrompeters Tomasz Stanko, eine BBC-Fernsehserie über die Arbeit der Paparazzi, die Kinokomödie "Ich, du und der Andere" mit Owen Wilson und schließlich die "sorgfältig gestaltete" Verfilmung des Janosch-Kinderbuchs "Oh wie schön ist Panama".

FAZ, 21.09.2006

Die israelische Historikerin Fania Oz-Salzberger begrüßt das neue europäische Engagement im Libanon-Konflikt, aber sie fordert auch, dass die europäische Öffentlichkeit die Stimmungslage in Israel zur Kenntnis nimmt: "Man täusche sich nicht: Die meisten Israelis glauben, dass ihr Land das einzige auf der Welt ist, dessen Existenz in Frage gestellt wird, sei es von Präsident Ahmadineschad in Teheran oder von dem Schriftsteller Jostein Gaarder im Aftenposten... Unsere historische Erinnerung geht zu weit zurück, und viele Menschen hierzulande sind fest davon überzeugt, dass ihre Existenz den meisten Europäern gleichgültig ist."

Der Sachbuchautor Michael Jürgs legt einen beeindruckenden Artikel über die Alzheimer-Krankheit vor, die vor hundert Jahren entdeckt wurde und unsere Gesellschaft - paradoxerweise als Folge des medizinischen Fortschritts - immer stärker heimsuchen wird: "Früher starben die Alten früher, manche sagen sogar: rechtzeitig, solange sie noch geistig gesund waren. In Entwicklungsländern ist das Siechtum fast unbekannt, da wird früher an anderen Krankheiten gestorben. Da die Lebenserwartung in den reichen Staaten des Westens wächst, ist bis zum Jahre 2040 mit einer Steigerung der Erkrankungen um fünfzig Prozent zu rechnen. Dann wird, sagen kühle Statistiker, jeder sechzehnte über fünfundsiebzig, aber schon jeder vierte über fünfundachtzig an dem von Alzheimer erkannten Hirnschwund verkümmern."

Weitere Artikel: Im Aufmacher begutachtet Heinrich Wefing den von Architekt Gottfried Böhm entworfenen Neubau des Hans-Otto-Theaters in Potsdam. Wolfgang Sandner glossiert die Lügen des ungarischen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsany. Monika Osberghaus resümiert eine Tagung über "Neue Impulse der Bilderbuchforschung" in Oldenburg, Johann Felix Krömer schreibt einen Hintergrundartikel zum Thema Internetzensur in Deutschland - auch hierzulande filtern Suchmaschinen missliebige Inhalte aus und müssen darüber keine Rechenschaft ablegen.

Auf der Kinoseite berichtet Verena Lueken vom Filmfestival in Toronto. Und Andreas Kilb besucht die Ausstellung über Kino und Psychoanalyse in Berlin. Für die Medienseite spricht Jutta Sommerbauer mit der türkischen Autorin Elif Shafak, die heute wegen angeblicher "Herabwürdigung des Türkentums" durch Benennung des Völkermords an den Armeniern in einem ihrer Romane vor Gericht steht. Andreas Mix und Olaf Sundermeyer berichten über Angriffe auf den SZ-Korrespondenten in Polen Thomas Urban, nachdem ihn Gesine Schwan, die Polen-Beauftragte der Bundesregierung, in polnischen Medien kritisierte. Und Robert von Lucius zitiert Berichte des International Press Institute in Wien über die unaufhörlich steigende Zahl ermordeter Journalisten.

Auf der letzten Seite geißelt die in Indonesien lebende Autorin Sabine Kuegler die Drangsalierung der Ureinwohner West-Papuas durch indonesische Milizen. Andreas Kilb verfolgte eine Berliner Diskussion über einen neuen Patriotismus in Deutschland. Und Wolfgang Günter Lerch porträtiert den Islamwissenschaftler Adel Theodor Khoury, der durch die Regensburger Papstrede ins Gespräch kam.

Besprochen werden Konzerte mit Werken der Komponistin Kaija Saariaho in Frankfurt, Inszenierungen von Thomas Bernhards Stück "Auslöschung" und Thomas Jonigks Stück "Liebe Kannibalen Godard" am Thalia-Theater Hamburg, ein Auftritt der Performerin Laurie Anderson bei der Ruhrtriennale, Andres Veiels Theaterverfilmung "Der Kick" und ein Konzert des Punkrockers Bela B. in Frankfurt.

SZ, 21.09.2006

"Die Wut, die jetzt aufflammt, hat einen guten Grund: die eigene Blödheit", analysiert Gustav Seibt die Unruhen in Ungarn nach einem kleinen Exkurs über Staatsräson und die arcana imperii: "Politiker lügen - das gehört zum Grundwissen des Demokratiebürgers, der also den Kandidaten mit gebotenem Misstrauen zuhören sollte. Vor der Wahl wird beschönigt, versprochen und in Rosa gemalt, was das Zeug hält; hinterher kommen dann die Steuererhöhungen, die Streichungen, die 'alternativlosen' Reformen. Kassensturz: Was, so viele Schulden, wenn wir das gewusst hätten!"

Ein Schwerpunkt geht der Frage nach, wie sich das muslimische Gottesbild mit der Vernunft verträgt. Der Bamberger Islamwissenschaftler Thomas Hildebrandt stellt einzelne Strömungen vor, die Allmacht und Vernunft unterschiedlich interpretieren ("Nannte Gott die Lüge schlecht, weil sie in sich schlecht war, oder war sie das, weil Gott sie so nannte?"). Katajun Amirpur porträtiert den iranischen Theologen Sorusch, dessen Hauptthese die "Wandelbarkeit der religiösen Erkenntnis" ist und der "vernünftiges Denken für eine Form des Gottesdienstes" hält. Petra Steinberger stellt islamische Reformdenker vor.

Weiteres: Anke Sterneborg übermittelt Eindrücke vom Filmfestival aus Toronto. Fritz Göttler spricht mit John Lasseter über das Pixar-Studio und seinen Film "Cars". Gottfried Knapp erinnert an den Bildhauer Herbert Peters, der am 15. September achtzigjährig in München verstarb. Bernd Dörries berichtet, dass sich das Land Baden-Württemberg mit dem Haus Baden über den Verkauf unersetzlicher nationaler Kulturgüter geeinigt hat. Jens-Christian Rabe hat im Münchner Literaturhaus einem Gespräch zwischen Alain Finkielkraut und Peter Sloterdijk über Hannah Arendt zugehört, die am 14. Oktober hundert Jahre alt geworden wäre. "Anhäufungen des Wahnsinns" schließlich entdeckt Martin Mosebach in Teil 10 seines Indientagebuchs auf einem Basar in Neu-Delhi und fragt: "Wer wird die Millionen elektronischen Kitschuhren aus allen boomenden Industriezentren Asiens kaufen?"

Besprochen werden Andres Veiels Verfilmung seines Theaterstücks "Der Kick", Anthony und Joe Russos Komödie "Ich, Du und der Andere" (Für Susan Vahabzadeh lebt dieser Film "überwiegend von seiner Besetzung; Matt Dillon ist als Carl so gut wie lange nicht, irgendwo zwischen Komik und tiefster Tristesse."), John Mayburys Francis-Bacon-Porträt "Love Is the Devil", Kent Naganos Einstand als neuer Generalmusikdirektor in München (den Reinhard J. Brembeck als "großes und in Momenten bereits beglückend eingelöstes Versprechen" empfand), und Bücher, darunter Helmut Kraussers neuer Roman "Eros" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).