Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.12.2005. In der NZZ beschreibt der irakische Lyriker und Verleger Khalid al-Maaly seine Eindrücke vom Prozess gegen Saddam Hussein. Außerdem bringt die NZZ einen Schwerpunkt über die Krise der Tageszeitungen. Die Welt sieht die deutsche Wikipedia von Kommunisten und Werbegurus unterwandert. Die SZ spekuliert über die arg verzweifelte Natursehnsucht des Olafur Eliasson.

NZZ, 05.12.2005

Mit großer Bitterkeit beobachtet der irakische Lyriker und Verleger Khalid al-Maaly den Auftritt Saddam Husseins vor Gericht: "Der Henker, der wie andere Henker vor ihm in der Vergesslichkeit Zuflucht sucht, behauptet nun, dass er über seine Taten und sein Machtgehabe nichts mehr wisse. Er fordert seine Rechte ein, auch das Recht auf den Beistand eines Anwalts. Saddam Hussein hat alle Verbrechen begangen, die man sich denken kann - und etliche, die man sich kaum denken kann. Bemerkenswert ist, dass er den Gerichtssaal mit einem Koran betritt. Da denkt man zwangsläufig an zahlreiche Trauerspiele der Geschichte, besonders der arabischen Geschichte. Wenn heilige Bücher hochgehalten werden, dann werden die schlimmsten Massaker begangen, oder sie wurden bereits begangen. Und die Opfer, die nicht vergessen können, beobachten das Schauspiel."

Weitere Artikel: Gabriel Holom beschreibt auf einer ganzen Seite seine Ortsbesichtigung von Kurt Tucholskys schwedischem Exil Schloss Gripsholm. Sabina Meier stellt die neuen Berliner Hefte vor, die dem Dichter Günter Eich gewidmet sind.

In den Zeitfragen beschreibt Rainer Stadler die Krise der Tageszeitungen angesichts von Gratiszeitungen, Privatfernsehen und Internet: Diese "verändern das Selbstverständnis der klassischen Pressetitel, die bisher auf paternalistische Weise das Publikum mit Lesestoff versorgten. Die Journalisten als Wachhunde der Demokratie und Anwälte des Staatsbürgers werden zusehends zu Dienstleistern für Konsumenten."

Susanne Fengler und Stephan Russ-Mohl sind der Ansicht, die jammernden Journalisten sollten sich erstmal an die eigene Nase fassen. "Das Geschäftsmodell des anspruchsvollen Qualitätsjournalismus war - und ist - in Frage gestellt. Den Journalisten gelang es dabei wundersamerweise in der Boomphase ebenso wie in der Krise, sich stets als 'Opfer' der Ökonomisierung darzustellen, nie als eigeninteressiert handelnde 'Täter'." Gerade wer sich "mit jüngeren Journalisten unterhält, die noch nicht fest in den Redaktionssesseln sitzen und dort von schützenden Tarifverträgen profitieren, der hört aus den unterschiedlichsten Medienhäusern viel von Kurzfristverträgen und kargen Zeilenhonoraren. Und das hat möglicherweise mehr, als sich die etablierten festangestellten Kollegen eingestehen möchten, mit eben jenem 'Heuschrecken-Kapitalismus' zu tun, den sie an anderer Stelle so gerne geißeln."

Besprochen werden die Picasso-Ausstellung im Istanbuler Sakip Sabanci Museum, ein "Lohengrin" in der Wiener Staatsoper und eine Darwin-Ausstellung im Museum of Natural History in New York.

TAZ, 05.12.2005

Heute ist Theaterzeit. Für Dorothea Marcus erinnert die Schau der freien Theater "Impulse 2005" (Programm als pdf), die derzeit im Ruhrgebiet stattfindet, an eine schlecht besuchte Fachmesse. Höhepunkte gibt es trotzdem, etwa "Big, 2nd episode" der Wiener Gruppe Superamas. "Kleine Abweichungen verändern die Bedeutung: ein Blick macht die Societylady zur Barhure. Selbst als es eine Schießerei gibt, alle Lichter ausgehen und die Zuschauer minutenlang im Dunkeln sitzen, wird kurzerhand die Barwand gedreht und die zerschossenen Flaschenhälse durch heile ersetzt."

Juliane Rebentisch diskutiert in einem Essay, den die taz gekürzt abdruckt, den Zusammenhang von Demokratie und Theater. "So kann sich das Theater beispielsweise gegen die vermeintlich repräsentationsfreien und vorpolitischen Gemeinschaftsmythen richten, die gerade deshalb nur allzu gut zu den Souveränitätsspektakeln des Faschismus gepasst haben. Deren klaustrophiles Design in seine einzelnen Bestandteile zerlegt zu haben, ist das Verdienst etwa von Christoph Marthaler. Das Theater kann aber auch Politiker auf die Bühne und damit in ihren Repräsentationsstrategien vor eben jenes Publikum bringen, das sie zu vertreten behaupten: Das ist einer der Einsätze von Christoph Schlingensief."

Auf der Meinungsseite kritisiert Katajun Amirpur Necla Kelek und ihr Buch "Die fremde Braut" über Zwangsheiraten in Deutschland als "Schleierliteratur", die die tatsächliche Situation verzerrt darstellt. "Laut Heiner Bielefeldt, dem Direktor des deutschen Instituts für Menschenrechte, sind die Muslime im deutschen säkularen Rechtsstaat schon seit einiger Zeit angekommen. In seiner Publikation 'Muslime im säkularen Rechtsstaat' heißt es: 'Eine aktive Abwehrhaltung gegenüber dem säkularen Staat ist in Deutschland jedoch offenbar Sache einer radikalen Minderheit unter den Muslimen.' Die Mehrheit scheine sich mit den bestehenden Verhältnissen mehr oder weniger arrangiert zu haben."

Weiteres: Barbara Schweizerhof hält die Häufung von Auszeichnungen für Michael Hanekes "Cache" beim Europäischen Filmpreis für kontraproduktiv, weil sie die Vielfalt des europäischen Films vernachlässigt. In der zweiten taz wird der geliebte Feind CSU vorgeführt. Max Hägler berichtet von den Feiern zum 60. Geburtstag von "Gottes netten Handlangern". Unterbreitet wird außerdem ein Friedensangebot Edmund Stoibers an die Leser der taz.

Und Tom.

FAZ, 05.12.2005

Im ausführlichen Aufmacher schildert Michael Jeismann seinen Besuch der Bonner Ausstellung "Flucht, Vertreibung, Integration", bei dem ihn der Historiker Reinhart Koselleck begleitete: "'Sehr beeindruckend', lautet das Fazit von Reinhart Koselleck, und ich kann mich anstrengen, wie ich will, mir fällt auch nichts anderes dazu ein. Kein Wunder, dass das Echo in den Medien quer durch das politische Spektrum so positiv ist und dass Frau Steinbach, der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, empfohlen wird, diese Ausstellung als Kern eines Zentrums gegen Vertreibungen in Betracht zu ziehen." Der Ausstellung ist auch eine ganze Bilderseite gewidmet.

Weitere Artikel: In der Leitglosse beklagt Jordan Mejias die Invasion der Bettwanze (Cimex lectularius) in New York. Stefan Samerski unterrichtet uns über die von Benedikt XVI. geplante Reform des Verfahrens der Seligsprechung. Michael Althen berichtet von der Verleihung der Europäischen Filmpreise. Andreas Rossmann beschreibt den Verhandlungspoker über den Verkauf der Sammlung Ströher in Bonn. Heike Schmoll begrüßt die Stiftung eines Förderpreises für Klassische Philologie. Gundula Werger besucht die sanierte jüdische Trauerhalle in Worms. Klara Obermüller schreibt zum Tod des Literaturkritikers Werner Weber.

Auf der Medienseite schildert Torsten Haselbauer das gefährliche Leben von Sportreportern in Griechenland, die an ihre Recherchen über Korruptionsaffären auch schon mal durch Messerstiche gehindert werden. Im Interview mit Michael Hanfeld äußert dich der Vorsitzende des Deutschen Produzentenverbands Bernd Burgermeister über die Fusion von Springer und Pro 7 Sat 1. Thomas Purschke trägt Reaktionen der betroffenen Sender zu den Stasi-Vorwürfen gegen den Sportreporter Hagen Boßdorf zusammen.

Auf der letzten Seite besucht Heinrich Wefing Lion Feuchtwangers "Villa Aurora" in Los Angeles, die bekanntlich zu einer kulturellen Begegnungsstätte umgewidmet wurde. Paul Ingendaay freut sich über neue Katalogisierungen klassischer spanischer Kirchenmusik aus dem 16. Jahrhundert. Dietmar Dath bedauert die Entfernung von Hammer und Sichel von der Parteifahne der italienischen Kommunisten.

Besprochen werden eine Dramatisierung der "Buddenbrooks" im Thalia Theater, die Oper "An American Tragedy" von Tobias Picker und Gene Scheer an der Met und ein Überblick über die österreichische Fotografie in Salzburg.
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Welt, 05.12.2005

Wird die deutsche Wikipedia von Nostalgikern des Kommunismus erobert? Guido Heinen schildert auf der Medienseite einige einschlägige Fälle: "Im Artikel über Fidel Castro zum Beispiel ist nicht allzu viel über Menschenrechtsverletzungen zu lesen. Ein offenbar hartnäckiger Castro-Fan löscht konsequent alle Formulierungen, die dem maximo lider zuwider sein könnten. Die krude Begründung: Solange sie nicht im Detail aufgeführt seien, sei das 'nicht neutral'. Die Fassungslosigkeit vieler Nutzer im zugehörigen Diskussionsboard bleibt derweil ohne Konsequenz für den Text." Aber auch die Werbeindustrie attackiert den Dienst: "In Spanien veröffentlichte der Marketingexperte Steve Rubel vor wenigen Tagen eine detaillierte Anleitung zum Manipulieren speziell von Wikipedia."

Weitere Artikel: Gernot Facius berichtet aus Münster über einen Kongress zur Geschichte der Inquisition. Hanns-Georg Rodek berichtet von der Verleihung der Europäischen Filmpreise. Uwe Schmitt stellt eine vom FBI gefertigte Liste der meistgesuchten gestohlenen Kunstwerke der Welt vor. Der Politologe Franz Walter plädiert für einen reflektierten Umgang mit dem Begriff der "Parallelgesellschaft". Und Hellmuth Karasek erinnert sich, wie er das erste Mal Woody Allens "Stadtneurotiker" sah und dabei nicht lachen konnte.

Besprochen werden eine Ausstellung über das Werk des Designers Hussein Chalayan in Wolfsburg, DVD-Editionen mit Stummfilmen, eine DVD-Edition mit Filmen Jean-Claude Guiguet, ein "Lohengrin" unter Semyon Bychkov in Wien, Jürgen Goschs "Kirschgarten"-Inszenierung in Zürich.

FR, 05.12.2005

Endlich! Die Republik antwortet auf die Unruhen in den Banlieues. Französische Abgeordnete haben sieben Rapper verklagt und einen Gesetzesvorschlag eingereicht, der die "Verletzung der Würde Frankreichs und des Staates" fortan unter Strafe stellen soll. Martina Meister kann da nur den Kopf schütteln. "Der Hip-Hop leistet, was den aufständischen Jugendlichen von allen Seiten vorgeworfen wurde: Er artikuliert das Unbehagen und den Hass. Denn genau das haben Frankreichs Intellektuelle beklagt, dass diese 'blinde Gewalt' an keinerlei Forderungen geknüpft war; dass sie kein Mittel zum höheren politischen Zweck war. Die Rapper haben auf diesen kulturellen Hexenprozess reagiert. Axiom First, ein Rapper aus Lille, hat nach dem Vorbild Boris Vians einen Brief an den Präsidenten verfasst: Im Hintergrund tönt die Marseillaise, darüber klagt der Sprechgesang 30 Jahre Rassismus, 30 Jahre Blindheit, 30 Jahre Diskriminierung an. 'Meine Großeltern haben dieses Land während des Krieges verteidigt, meine Eltern haben es mit aufgebaut', heißt es im Text."

Weiteres: Daniel Kothenschulte resümiert die Verleihung der Europäischen Filmpreise in Berlin, bei der es keine Überraschungen gab. Ulrich Clewing spaziert durch das nun fertig sanierte Bode-Museum (mehr) und ist sich sicher, dass hier ein weiterer Berliner Publikumsmagnet geschaffen wurde. In Times mager begrüßt Thomas Medicus den ersten Teils des reanimierten "Dehio-Handbuchs der Kunstdenkmäler in Polen", der Schlesien gewidmet ist. Auf der Medienseite verfolgt Peter Rutkowski eine ZDF-Tagung zum Thema "Pressefreiheit und Strafverfolgung" in Deutschland. Die einzige Besprechung ist Stephan Kimmigs "waghalsiger" Inszenierung von Thomas Manns "Buddenbrooks" in Hamburg gewidmet.

Tagesspiegel, 05.12.2005

Der Theaterregisseur Jossi Wiehler hat in Tokio die traditionelle "Yotsuya Ghost Story" inszeniert. Im Gespräch mit Peter Laudenbach plaudert er über die für westliche Dramatiker ungewohnt drastischen Bilder des Kabuki-Klassikers: "etwa die, in der die von ihrem Mann betrogene Frau Oiwa vergiftet wird. Wie sich ihr Gesicht durch das Gift entstellt, wie ihre Haare ausfallen, oder wie sie als Geist erscheint - das sind berühmte Bilder. Im Kabuki-Theater liebt man solche spektakulären Szenen, die melodramatisch aufgeladen und grausam sind. Zwei Leichen werden an eine Tür genagelt, die Tür treibt einen Kanal entlang, aus dem sie später herausgefischt wird. Fast wie in einem Splatter- Film."
Stichwörter: Dramatiker, Tokio

SZ, 05.12.2005

"Am Ende ist er vielleicht so etwas wie ein Aufklärer". Holger Liebs versucht den derzeit sehr erfolgreichen Lichtkünstler Olafur Eliasson zu verstehen, dessen Installationen gerade in Schweden, den Niederlanden und Japan zu sehen sind (hier Beispiele aus der Tate London). "Es muss tatsächlich eine arg verzweifelte Natursehnsucht sein, die sich aus Eliassons aufwändigen, aber immer sichtbaren Aufbauten aus Monofrequenzröhren, Spiegelfolien, Metallschlünden, Stahlkaleidoskopen, High-Tech-Linsen oder Nebelmaschinen irdische Paradiese zurechtzimmert. Bei Eliassons Installation in Rotterdam, der Lichtprojektion einer bewegten Wasseroberfläche - sie wurde vom Museum Bojmans van Beuningen gerade für 300 000 Euro angekauft - kann man auch hinter die Präsentationsbühne treten: Zur Entstehung der turbulenten Wellenbewegungen trägt ein unscheinbarer, nicht gerade zaubereiverdächtiger Schwamm an einer kleinen Holzkordel bei, der immer wieder ins Wasser getaucht wird."

Thomas Steinfeld kann mit den projektbezogenen "festen Zielvereinbarungen", die es in der auswärtigen Kulturarbeit künftig zur Steuerung des "interkulturellen Dialogs" geben soll, wenig anfangen und erinnert sich wehmütig an alte, souveränere Zeiten. "Georg Lechner in Paris und New Delhi, Curt Meyer-Clason in Lissabon, Kathinka Dietrich in Amsterdam und Moskau - sie alle hätten nicht nach den 3000 oder 5000 Euro für ein Lyrikertreffen gefragt, sondern diese Summe verlangt, am liebsten in Einheit mit einem Nachtragshaushalt von 50 000."

Der Vorschlag des Geschäftsführers des Instituts der deutschen Wirtschaft, Rolf Kroker, doch lieber die bedürftigen Theaterbersucher zu fördern anstatt die Theater selbst, hält "midt" für sozial diskriminierend. Die Schauspielerin Julia Jentsch und Regisseur Michael Haneke sind die großen Gewinner des Europäischen Filmpreises, der am Wochenende in Berlin verliehen wurde. Der Dortmunder Journalismusprofessor Holger Wormer wirbt für den Bologna-Prozess, der den Universitäten zwar viel Arbeit macht, aber auch zur Überprüfung alter Lehrpläne zwingt.

Im Medienteil berichtet Heiko Flottau über die PR-Artikel, die die US-Armee als redaktionelle Beiträge getarnt in irakischen Zeitungen veröffentlichen ließ - gegen eine Bestechung von bis zu 1000 Dollar.

Besprochen werden die Werkschau für den Architekten Peter Kulka im Deutschen Architektur Museum in Frankfurt am Main, Stephan Kimmigs "bezwingende" Inszenierung von Thomas Manns "Buddenbrooks" am Hamburger Thalia Theater, Barrie Koskys "verschenkte" Aufführung von Wagners "Lohengrin" an der Wiener Staatsoper, die Uraufführung von Tobias Pickers Oper "An American Tragedy" an der Met in New York, Rob Zombies "Hillbilly-Horrorfilm" "The Devil's Rejects", Jan Kounens Dokumentarfilm "Darshan" über die indische Mahatma Amma, und Bücher, darunter Nasrin Alavis "lesenswertes" Buch über die iranische Weblogszene "Wir sind der Iran", Lara Vapnyars Erzählband "Es sind Juden in meinem Haus" sowie Adam Fawers "farbloser Schundroman " und Thriller "Null" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).