Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.03.2005. In der taz bescheinigt Arno Widmann den 68ern, sie hätten nicht zur Liberalisierung Deutschlands beigetragen. Die NZZ findet uns heute noch nicht liberal, angesichts des Umgangs mit Rolf Hochhuth. In der SZ feiert der Dichter Adonis den Libanon, weil er demokratisch sei ohne Demokratie. Und Robin Detje feiert Dimiter Gotscheffs "Iwanow"-Inszenierung, weil sie endlich Schönheit in die griesgrämige Volksbühne bringt. In der Welt erklärt Peter Sloterdijk den Terrorismus als Nostalgiephänomen. Die FAZ lässt sich von dem Molekulargastronom Thomas Vilgis bekochen.

TAZ, 22.03.2005

In der Serie "Erkundungen für die Präzisierung der Gefühle rund um einen Aufstand" ist mit der Aufarbeitung der 68er heute Arno Widmann an der Reihe. In seiner Analyse der bisherigen Debatte über Rudi Dutschkes Haltung zur Gewaltfrage (hier die Beiträge von Klaus Meschkat, Wolfgang Kraushaar und Robert Misik) stellt er eingangs vorsorglich klar, dass diese Debatte gar keine sei, sondern vielmehr "der Abwehrkampf von Leuten, die es vorziehen, mit ihren alten Ansichten nicht konfrontiert zu werden". Sein Befund zur Wirkungsgeschichte fällt dennoch deutlich aus: "Die Studentenbewegung und Dutschke mit ihr haben Deutschland nicht liberalisiert. Sie haben den Prozess der Liberalisierung dieses Landes verzögert. Sie waren nicht Agenten des Fortschritts. Sie haben bis weit in die Siebzigerjahre hinein versucht, die Welt durch die in den zwanziger Jahren bereitgestellten Gläser zu betrachten. Es dauerte Jahre, bis sie merkten, dass sie mühsam die Kratzer in ihren Brillen analysierten statt die Welt dahinter. Wollte man Rudi Dutschke und seine Zeit verstehen, müsste man aufhören, deren verzweifelt-sehnsuchtsvollen Blick zurück zu leugnen."

Weiteres: Simone Kaempf beobachtete die Projekte jüngerer asiatischer Theatermacher beim "Find"-Festival in Berlin. Hortense Pisano stellt eine Ausstellung im Kasseler Fridericianum vor, die dem Kunstheft "Interfunktionen", als eine "Gegenoffensive" zur 4. documenta gegründet, gewidmet ist. Anke Leweke bespricht Eran Riklis Film "Die syrische Braut" über Hochzeitsvorbereitungen auf den Golanhöhen. Über Jazzmusiker jenseits der 60 schreibt Christian Broecking in seiner Jazzkolumne. Es geht um den Bassisten Henry Grimes, das Revolutionary Ensemble und den Saxofonisten Sam Rivers.

In der tazzwei ist ein Interview mit Jennifer Lopez zu lesen, die ebenso respekt- wie umstandslos als "Warenhaus auf zwei Beinen" angekündigt wird. Und Bernhard "der Familienzeitvermesser" Pötter lotet die unterschiedlichen Lebenswelten von Eltern und Kindern aus.

Schließlich Tom.

NZZ, 22.03.2005

Joachim Güntner stellt der Liberalität in Deutschland ein Armutszeugnis aus. Ganz und gar übel findet er, wie mit Rolf Hochhuth nach dessen "idiotischer" und bedauerter Äußerung zum Holocaust-Leugner David Irving umgesprungen wird: "Nicht allein, dass Rolf Hochhuth wie mit einer braun befleckten Weste dasteht. Es ist, als gälte sein Lebenswerk nichts mehr gegen jene verfehlte Äußerung. Es hätte der DVA ein Leichtes sein können, unter Hinweis auf Hochhuths Schaffen an dessen Autobiografie festzuhalten. Nur noch infam kann man nennen, was Der Spiegel in seiner jüngsten Ausgabe treibt. Das Magazin illustriert ein Interview mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der deutschen Juden mit einer Foto von Rolf Hochhuth und fragt in der Bildlegende rhetorisch: 'Antisemitismus in akademischen Kreisen?' Das hat rufmörderische Qualitäten."

Patricia Benecke erzählt, wie Don Carlos das Londoner Westend eroberte, ein Revier mithin, in dem Schiller bisher so gut wie unbekannt war: "Wie also macht man zögernden Investoren 'Don Carlos' schmackhaft? 'Zu erklären, es sei der deutsche Hamlet, zog als Verkaufsstrategie leider gar nicht', so Byam Shaw. Schließlich verkaufte er das Stück als brillanten politischen Thriller für ein intelligentes Publikum, das anspruchsvolles Theater der sonst im West End vorherrschenden Musical- oder Boulevardunterhaltung vorziehe. Die Geldgeber bissen an, die Rechnung ging auf. Einhellig begeisterte Kritiken, auf Wochen ausverkaufte Vorstellungen, lange Schlangen für Einzelkarten an der Abendkasse."

Georg-Friedrich Kühn hat sich in seinem musikalischen Genuss des Berliner "Parsifals" nicht von Bernd Eichingers Szene beeinträchtigen lassen: Da war ja schließlich noch Daniel Barenboims Dirigat: "Wie er die Musik atmen lässt, wie er die Bögen spannt, schwelgerisch die Farben mischt - es sucht seinesgleichen. Vor allem hat er gelernt, Sänger zu begleiten." Besprochen werden außerdem die Ausstellung Dubuffet und Art brut im Düsseldorfer Kunstpalast, und Bücher, darunter Patrick Hamiltons Roman (Leseprobe) "Hangover Square" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 22.03.2005

In einem Interview erklärt der Dichter Adonis (mehr), dass es im Islam keine Demokratie geben könne und preist den Libanon mit seinen achtzehn Religionsgruppen als "Modell für die arabische Welt". "Der Libanon ist pluralistisch ohne Pluralismus und demokratisch ohne Demokratie. Er ist deshalb demokratisch, weil all diese unterschiedlichen Gruppen miteinander auskommen müssen. Das ist stimulierend für die Kultur." Außerdem beweise der Libanon, "dass es möglich ist, auch in einem religiös geprägten Staat säkulare Werte zu begründen, eine Bürgergesellschaft zu bilden. Deshalb ist er eine Hoffnung der arabischen Welt: Weil er den religiösen und politischen Totalitarismus vermeidet."

Reinstes Theaterglück hat Robin Detje in Dimiter Gotscheffs "Iwanow"-Inszenierung an der Berliner Volksbühne erlebt: "An der Berliner Volksbühne, diesem griesgrämigen, genialen, zänkischen und versoffenen Haus, ist die Schönheit ausgebrochen. Das konnte niemand vorhersehen. Als Dimiter Gotscheffs Inszenierung des tollen Tschechow-Dramas 'Iwanow' beginnt, sieht man sie noch nicht. Die Bühne ist nackt und leer, wirkt also volksbühnenmäßig griesgrämig, genial, zänkisch und versoffen. Aber dann werden die Nebelmaschinen angeworfen. Und von nun an wallt und wabert der Bühnennebel als weißer Hauptdarsteller hin und wieder her, enthüllt die Figuren des Stücks und nimmt sie in seine schützenden Arme, wenn sie nach einem ihrer verzweifelten Auftritte an der Rampe nicht mehr gesehen werden wollen. Erst scheint er alles zu ersticken, dann tanzt er himmelan in den Bühnenturm. Immer spielt er mit dem Licht - mal mit dem goldenen Abendlicht, mal mit göttlichen Lichtfingern, die aus der Höhe nach ihm greifen."

Weiteres: Petra Steinberger denkt derweil im Aufmacher über die Frage nach, welche westliche Theorie über den Islam der Welt weiterhelfen könne. Joseph Hanimann berichtet vom Pariser Salon du livre, wo sich nach den "erregten Dikussionen" über die "Verwerfungen im französischen Verlagswesen" die Stimmung wieder entspannt habe; "sarkastische Kommentare" erfährt dagegen die Abwerbung von Michel Houellebeq aus seinem Stammverlag Flammarion durch den Konkurrenten Fayard - mittels Vorschüssen von angeblich bis zu einer Million Euro.

Gottfried Knapp stellt den kalifornischen Architekten Thom Mayne, den diesjährigen Pritzker-Preisträger, und sein Büro Morphosis vor. In der Reihe über Kunstsammler im 21. Jahrhundert porträtiert Eva Karcher den Essener Sammler Thomas Olbricht und seine "Wunderkammer aus erotischer Kunst und Vergänglichkeit". Reinhard J. Brembeck informiert über schweigsame Akteure im Münchner Opern-Intendantenwechselspiel. Cornelius Wüllenkremper resümiert eine Berliner Konferenz zur französischen DDR- und Transformationsforschung, welche die Frage aufwarf, ob Frankreich die DDR besser verstehe. Jens Bisky fordert in der Randglosse die Abschaffung des Hauptstadtkulturfonds, der nur da sei, damit man "regelmäßig über Berliner Possen berichten" könne. Und in der Zwischenzeit denkt Harald Eggebrecht über Probleme alltäglicher Kommunikation nach.

Besprochen werden die Ausstellung "Making things public" am Karlsruher ZKM, für die Peter Sloterdijk eine Art aufblasbares Instant-Parlament zum Abwurf über über befreiten Schurkenstaaten entworfen hat und damit ebenso ironisch-komisch wie theorielastig den westlichen Missionierungsdrang karikiert. Des weiteren die Uraufführung von Philippe Boesmans "Julie" in der Brüsseler Oper, Lutz Dammbecks Film über den Kybernetikhype "Das Netz", Stephen Kays Kindheitsaufarbeitungsfilm "The Boogeyman - der schwarze Mann" und Bücher, darunter die Lebensgeschichte der Wiener Großeltern des Philosophen Peter Singer, die in Theresienstadt umkamen, Yasmina Rezas Roman "Adam Haberberg" und zwei Architekturführer durch österreichische Randregionen (siehe dazu unsere Bücherschau ab 14 Uhr).
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Welt, 22.03.2005

Im Gespräch mit Matthias Kamann erklärt der Philosoph Peter Sloterdijk seine Theorie von der Globalisierung als totale Entschleunigung einerseits und den Terror als Nostalgiephänomen andererseits: "Man erkennt in ihm das Heimweh nach dem starken Täter. Dessen Profil wird auf der Seite der Angreifer genauso zelebriert wie auf der der Rezipienten. Man bringt daher stupiden Einzeltaten eine ungeheure Aufmerksamkeit entgegen, als fühlte sich das Kollektiv durch jeden Anschlag an etwas erinnert, wonach es lange gesucht hat." Auch folgendem Gedanken geht Sloterdijk nach: "Nadelstichgroße Effekte im Realen werden durch unsere Medien bis auf das Format von interstellaren Phänomenen vergrößert. Das dürfte damit zu tun haben, dass die Menschen im großen Komfortsystem des Westens regelrecht gieren nach jener Information, auf die wir anthropologisch programmiert sind: Der Fressfeind hat sich gezeigt! So wie die Existenz von Blutgerinnungskörpern beweist, daß der menschliche Körper mit Verletzung rechnet, so beweist unsere Bereitschaft, den Terrorismusalarm aufzufangen, die Existenz einer apriorischen Feind-Erwartung. Als Erben des uralten Stressprogramms der Säugetiere können und wollen wir von solchen Signalen mobilisiert werden."

FR, 22.03.2005

Das bescheinigt man gern euphemistisch-distanziert einem, der sich kulturell überhoben hat: "im schwer deutschen Fach". So jedenfalls wertet Holger Noltze den Versuch des Filmproduzenten und "Opern-Debütanten" Bernd Eichinger am "Parsifal" an der Berliner Staatsoper. "Gut sichtbar versenkt" spricht als Urteil schon eine gründlichere Sprache: "Nach dem zweiten Akt rief jemand vom Rang 'Rampentheater'. Es könnte aber auch 'Lampentheater' gewesen sein, und das wäre auch richtig gewesen. Denn wenn niemand und nichts mehr geht in Bernd Eichingers Bühnenkintopp, und das ist ziemlich oft der Fall, dann lodern im Projektionsfeld der Staatsopernbühne Flammen, es jagen psychedelische Wolken oder es pumpert ein Riesenherz." Und es wird noch viel gründlicher. Immerhin habe Eichinger nach der "nassesten Buh-Dusche seines Lebens" versprochen: "Er wird's nicht wieder tun. Wir zünden eine Kerze an und wollen es ganz fest hoffen."

Weiteres: Christian Thomas porträtiert den kalifornischen Architekten Thom Mayne (morphosys), der den diesjährigen Pritzker-Preis zuerkannt bekommen hat; ausdrücklich gewürdigt wurden sein "rebellischer Geist und Leidenschaft für Veränderung". Anneke Bokern führt durch die Ausstellung "Visionäres Belgien" im Brüsseler Bozar, die der kürzlich verstorbene "Belgien-Fan" Harald Szeemann kuratiert hat; sie vermutet, dass die Schau ohne diesen Umstand wohl "nur halb so viel Aufmerksamkeit" erregt hätte.

Besprochen werden die Inszenierung von Tschechows Drama "Iwanow" als "Nummernrevue" durch Dimiter Gotscheff an der Berliner Volksbühne, die fast dreistündige Neuinszenierung der Oper "The Death of Klinghoffer" von John Adams, dem "Minimal-Music-Exponent der Zweiten Generation" an der Wuppertaler Oper, und die neue CD von Beck (der offenbar zunehmend einiges Befremden auslöst). Und schließlich Götz Alys Buch (Leseprobe) über "Hitlers Volksstaat" (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Tagesspiegel, 22.03.2005

Christina Tilmann führt ein Doppelgespräch mit Hortensia Völckers und Adrienne Goehler, das sich leider überhaupt nicht zusammenfassen lässt. Immerhin geht es um Themen wie die Verflüssigung zwischen Kultur und Politik, die Struktur des Hauptstadtkulturfonds und den jüngsten Streit um die Zwischennutzung des Palastes der Republik und der Rolle der Bundeszentrale für politische Bildung. Wir empfehlen, das Gespräch selbst zu lesen!

FAZ, 22.03.2005

Was für eine hervorragende Idee! Stephanie Schramm hat sich in die Küche des Max-Planck-Instituts begeben und von dem Molekulargastronom Thomas Vilgis bekochen lassen. Es gibt Schwarzwald-Mousse, Thunfisch mit karamelisiertem Paprika und zum Nachttisch schockgefrosteten Bananen-Kaffee-Schaum, abgeschmeckt mit ein wenig eau de fleurs d'oranger. Daneben erfährt sie, was es mit der Verbindung von Physik und Küche auf sich hat. Die Naturwissenschaftler versuchen herauszufinden, "wie man perfekte Pommes frites fabriziert, versuchen Pasta zu erfinden, die mehr Sauce hält als herkömmliche Nudeln, oder staunen über Aufnahmen aus einem Kernspintomographen, die die Marinierung eines Hackbällchens von innen zeigen". Ein deutscher Pionier auf diesem Feld war der Physiker Nicholas Kurti. Er benutzte "Injektionsspritzen, um Schweinebraten mit Ananassaft zu impfen, damit das darin enthaltene Enzym Bromelin die Proteine im Fleisch spaltet. Auf diese Weise wird der Braten besonders zart."

Weitere Artikel: Jordan Mejias meldet einen Rückgang ausländischer Studenten in den USA als Folge der Sicherheitsvorkehrungen seit dem 11. September. Die Universitäten sind zwar besorgt, müssen aber noch nicht befürchten, dass Europa eine ernsthafte Konkurrenz werden könnte: "Das hierarchische System, von dem Europa nicht lassen wolle, lähme jede Forschungsarbeit", hat ihm der aus Italien stammende Krebsforscher Michele Pagano bescheinigt. Patrick Bahners war dabei, als Kanzler Schröder die Heisig-Ausstellung in Leipzig eröffnet und grübelt über einen Satz des Kanzlers: "Wer nicht selbst unter einem autoritären Regime gelebt habe, sagte der Kanzler, könne nicht wissen, dass er selbst widerstanden hätte. Soll das nur für die DDR gelten?"

Karol Sauerland berichtet über die erste Veröffentlichung der authentischen Aufzeichnungen des jüdischen Ghettopolizisten Perechodnik in Polen. Sie waren schon einmal veröffentlicht worden, doch hatte der Herausgeber die Aufzeichnungen aus der Zeit vom 7. Mai bis 19. Oktober 1943 redaktionell bearbeitet und vor allem Passagen ausgestrichen, "die weder Polen noch Juden in einem guten Licht erscheinen ließen". In der Leitglosse sorgt sich hd., Kent Nagano könnte nach der Absage Christoph Albrechts in München nicht nur Musikdirektor, sondern auch Intendant werden wollen. Regina Mönch beklagt bitter, dass die deutsche Bürokratie die Aufnahme des Berliner Naturkundemuseums in die sogenannte Blaue Liste zum vierten Mal verschoben hat, so dass seine Zukunft weiter unsicher bleibt. Martin Kämpchen berichtet über die immer wieder scheiternden Versuche Bombays, seine Slums loszuwerden. Jürgen Kaube gratuliert dem Philosophen Manfred Frank zum Sechzigsten, Walter Hinck dem Schriftsteller Wolfgang Bächler zum Achtzigsten .

Auf der letzten Seite porträtiert Heinrich Wefing den Architekten Thom Mayne, der gestern mit dem Pritzker Preis ausgezeichnet wurde. Kerstin Holm berichtet über die Prozesse gegen russische Künstler, deren Modernität wahlweise für antichristlich oder pornografisch gehalten wird.

Besprochen werden Dimiter Gotscheffs "kühle und kluge" Inszenierung von Tschechows "Iwanow" an der Berliner Volksbühne, Benjamin Brittens Oper "Peter Grimes" bei den Salzburger Osterfestspielen, eine Ausstellung mit Ballettfotografien von Walter Boje und Siegfried Enkelmann in der Kölner SK-Stiftung, die Uraufführung von Katharina Schlenders Drama "Wermut" in Kassel und eine Georg-Herold-Retrospektive in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden.