Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.06.2004. Die NZZ präsentiert ein Dossier zur Kultur der Chicanos in den USA und zu Samuel Huntingtons umstrittenenen Thesen über die Latino-Einwanderung. In der FR kritisiert der Jurist Horst Meier scharf das neue Zuwanderungsgesetz. In der SZ weit Mahmoud Mamdani nach, dass die Amerikaner am Terror komplett selber schuld sind. In der FAZ freut sich der lettische Schriftsteller Pauls Bakovskis: Seit der EM fragt ihn niemand mehr, ob Lettland jenseits des Polarkreises liegt.

NZZ, 19.06.2004

Kardinal Josef Ratzinger ist "im Nebenamt zu einem Religionsintellektuellen avanciert" konstatiert Uwe Justus Wenzel in einem Artikel über die Frage, wie weit der Dialog der Religionen noch führen kann -. Wenzel nimmt hier Bezug auf die Rede des Kardinals in Caen, die neulich in der FAZ (unser Resümee) abgedruckt war.

Weitere Artikel: Aldo Keel schreibt zum Tod der Schriftstellerin Sara Lidman. Besprochen werden eine Schau zu Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert in der Hypokunsthalle München und "Capriccio" von Richard Strauss in der Oper Paris.

Literatur und Kunst bietet zwei thematische Schwerpunkte - zu Janacek und zur Kultur der Chicanos in den USA und den umstrittenen Thesen Samuel Huntington zur Frage. Hans Ulrich Gumbrecht (mehr hier) stellt Huntingtons Thesen zur Latino-Einwanderung in die USA vor, die er zunächst in einem Essay in Foreign Policy (frei für registrierte Nutzer) und schließlich in dem Buch "Who are We" (Auszug) niederlegte. Gumbrecht nimmt Huntington vor allem gegen vorschnelle Verurteilungen in Schutz: "Seine Begriffe sind von beispielhafter Klarheit, die Logik seiner Schlüsse ist nicht leicht von der Hand zu weisen, und vor allem benutzt er effizient das Instrument der Statistik, um Gewissheiten im Weltbild potenzieller Gegner zu problematisieren. Wer sich mit Huntington auseinandersetzt, wird also gezwungen, den eigenen Standpunkt einer komplexitätssteigernden Revision zu unterziehen - selbst wenn er sich am Ende von der Position des Autors nur noch weiter entfernt." Kersten Knipp zitiert in einem zweiten Artikel aus eine polemischen Antwort Carlos Fuentes' in El Pais und aus einer abgewogeneren Antwort Enrique Krauzes in Letras libres. (Fuentes' Artikel haben wir hier gefunden, Krauzes Artikel als pdf hier.) Lang schreibt außerdem Andreas Essl über "Identitätssuche in der amerikanisch-mexikanischen Grenzregion". Martin Zähringer unternimmt einen Streifzug durch die Literatur der Chicanos. Und Knut Henkel gibt einen Überblick über die Musik der Chicanos.

Anlass des Dossier über Janacek ist der 150. Geburtstag des Komponisten am 3. Juli. Alena Wagnerova schreibt über die platonische Leos Janaceks zur 38 Jahre jüngern Kamila Stösslova. Rolf Urs Ringger meditiert über Leos Janaceks Liederzyklus "Tagebuch eines Verschollenen". Jakob Knaus hört sich noch einmal Janaceks bis heute provokative Glagolitische Messe an. Und Marcus Stäbler denkt nach über Leo? Janacek und seine Interpreten.

TAZ, 19.06.2004

Aus der natürlich illegalen Medienwunderlandschaft der Pekinger Straßen und Gassen berichtet Susanne Messmer: "Auf den Tischen Kartons mit CDs und DVDs. Sie haben hier wirklich alles, oft für einen halben Euro das Stück: Sämtliche Blockbuster der letzten Jahre bis hin zu 'Kill Bill 2', 'Troja' und dem neuen 'Harry Potter', aber auch Anspruchsvolleres wie 'Lost In Translation' oder 'Monster'. Es gibt die aktuellen Alben von George Michael und den Black Eyed Peas, aber auch von Courtney Love, Prince und die neue Beastie Boys. Man muss ein bisschen aufpassen, dass man keine Mogelpackung mit Pop aus Taiwan erwischt, dafür sind auf einer CD von Kylie Minogue noch ein paar Bonussongs von Madonna gepresst."

Weitere Artikel: Von der bunt gemischten Theater-Avantgarde-Landschaft "theaterformen 2004" in Braunschweig und Hannover berichtet etwas missvergnügt Jens Fischer. Leider auf die Landschaftsmalerei beschränkt ist die Präraffaeliten-Ausstellung im "Alten Museum" in Berlin, bedauert Marcus Woeller. Gut gemeint, aber harmlos und voller Klischees erscheint Tobias Rapp die neue CD der Beastie Boys, "To The 5 Boroughs".

Die tazzwei interviewt den Katholiken und Chefsvolkswirt Norbert Walter, der zwischen Gott und Geld - was nicht wirklich überraschen kann - keinen Widerspruch sieht: "Wir tragen auch Verantwortung für die ökonomischen Dinge. Das Manna fällt nicht typischerweise vom Himmel. Wenn ich eine Wirtschaftsordnung nicht unterstütze, die die Talente der Menschen herausfordert und einfordert, dann verletze ich auch eine Treuepflicht, die ich aus meinen religiösen Bezug herleite. In der Bibel gibt es ein paar Hinweise darauf, dass es nicht angemessen ist, herumzusitzen und darauf zu warten, dass einem geholfen wird." Michael Streck informiert darüber, was in den USA schon vor dem Start von Michael Moores "Fahrenheit 9/11" rund um den Film los ist. Henning Kober, per Interrail in Europa unterwegs, gewährt kurze Einblicke ins "trenhotel".

Das taz-mag-Dossier ist heute auf Schwules (und wenig Lesbisches) konzentriert. Axel Krämer stellt eine amerikanische Splittergruppe vor: "Die Log Cabin Republicans, eine Interessengruppe, zu der fast ausschließlich Männer gehören, stecken in der schlimmsten Krise ihres 27-jährigen Bestehens, sie fühlen sich in die Enge getrieben, verraten und verkauft, und zwar ausgerechnet von George Bush, der ihnen im Gegenzug für ihre Unterstützung im Wahlkampf ein Versprechen gegeben hatte: Homothemen würden aus der bundespolitischen Agenda herausgehalten." Und dann kam ein kalifornischer Bügermeister und verheiratete Schwule und Lesben. Vom heftig umstrittenen "Queer Festival" in Zagreb berichtet Katja Winckler. Judith Luig porträtiert eine diplomatische Beziehung. Jan Feddersen spricht mit dem Aktivisten und Gründer der legendären Kneipe "Anderes Ufer" Gerhard Hoffmann.

Besprochen werden Politisches: Beatriz Preciados "Kontrasexuelles Manifest", das für freundliche Beziehungen zum Dildo plädiert, sowie ein Reader zum Verhältnis von Homosexualität und Islam. Und Belletristisches: Der neue Brunetti, Neues zu Kierkegaard und Jochen Neumeyers Romandebüt "Sommerstarre" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom (classics).

FR, 19.06.2004

Scharf kritisiert der Jurist Horst Meier das nun großkoalitionär abgesegnete Zuwanderungsgesetz ("drolliger Name" für ein Ausweisungsgesetz, meint Meier), das dem Rechtsstaat viele rechtsstaatsfremde Hintertürchen öffne: "Man weiß nicht, ob jemand etwas Strafbares getan hat - kann also mangels qualifizierten Verdachts nicht förmlich ermitteln, geschweige denn anklagen. Man weiß nicht genau, ob jemand etwas Strafbares plant - kann also die Polizei allenfalls observieren, nicht aber zugreifen lassen. Man weiß eigentlich überhaupt nichts Gerichtsverwertbares. Nur eines weiß man ganz genau: Der Verdächtige könnte eines Tages so gefährlich werden, dass er hier und heute nicht mehr bleiben kann. Also raus mit ihm!"

Weitere Artikel: Stephan Hilpold hat in Wien eine Ausstellung mit Bildern des Modefotografen Juergen Teller besucht. Vom Architektenwettbewerb und dem Siegerentwurf für die Erweiterung des Moritzburg-Museums in Halle/Saale berichtet Johannes Wendland. Oliver Tepel porträtiert "Bebel Gilberto und die neue Generation des brasilianischen Pop". Renee Zucker kommt in ihrer Zimt-Kolumne über einen langhaarkritischen Satz eines einst schön gelockten ARD-Fußballreporters nicht hinweg.

Eine gar ausführliche Besprechung gilt dem nun als Handschrift-Faksimile erschienenen Buch, in dem eine Vorstufe zu Prousts Ruskin-Vorwort "Über das Lesen" nachzulesen ist (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr.)
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SZ, 19.06.2004

In einem ausführlichen Interview leitet Mahmoud Mamdani, der Leiter des "Institute of African Studies" der Columbia-Universität, den Terror aus der amerikanischen Politik des Kalten Kriegs her und sieht in Sachen Irak Parallelen und Unterschiede zu Vietnam: "Diesmal ist es vielleicht die Antikriegsbewegung, die eine kulturelle und politische Erneuerung der amerikanischen Gesellschaft anschieben muss, statt ihre Schlussphase zu begleiten. In diesem Sinn ist das Problem heute größer. In der derzeitigen US-Administration findet sich eine extrem selbstgerechte Koalition weltlicher und religiöser Elemente. Deren Absicht ist es ja nicht bloß, den Rest der Welt zu verändern, sondern auch Amerika. Das wird die amerikanische Bevölkerung früher oder später zur Kenntnis nehmen müssen."

Weitere Artikel: Andrian Kreye berichtet von der neuesten Wandlung Madonnas, ihrer bisher vielleicht unheimlichsten, zur christlich-jüdischen Spiritualistin und Kabbalistin. Sonja Zekri stellt fest, dass die CDU mit ihrem Gedenkstättenkonzept und der Begleitrhetorik alles falsch macht - und nicht zuletzt den bestehenden DDR-Gedenkstätten schadet. Zustimmend kommentiert wird die Entscheidung des Bundesgerichtshofs, die Rechte der Übersetzer zu stärken. Eine Ausstellung mit Medienkunst in der Münchner Sammlung Goetz hat Holger Liebs besucht. Ira Mazzoni sah sich in Landshut mit dem Lebenswerk des Bildhauers Fritz Koenig konfrontiert. In Bremen war die nicht gerade umwerfende Uraufführung von Giorgio Battistellis Opern-Fassung des Garcia-Marquez-Romans "Der Herbst des Patriarchen" zu sehen. Thomas Thieringer hat die Düsseldorfer Uraufführung von Judith Herzbergs "Vielleicht Reisen" besucht. Barbara Wündisch stellt zum 100. Gründungstag den Jüdischen Frauenbund vor. Zum (möglicherweise) siebzigsten Geburtstag Gena Rowlands gratuliert Fritz Göttler, der auch die Filmpreisverleihung kommentiert - und bedauert, dass nicht Christian Petzolds "Wolfsburg" gewonnen hat.

Besprochen werden unter anderem Günter Netzers Autobiografie und Veronique Olmis zweiter Roman (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

In der SZ am Wochenende bestaunt Sonja Zekri die Discount-Angebote der sogenannten "Karaoke-Ökonomie" des jüngsten Kapitalismus: "Ein Abgrund hat sich geöffnet zwischen Saftkartons und Gurkengläsern, und er gibt den Blick frei auf ein fantastisch verspieltes, dabei für jedermann erschwingliches Reich der Waren und Wunder. Anfangs war es nur die gelegentliche Gel-Pantolette. Inzwischen aber wuchern Nackenkissen und Activity-Rucksäcke, Regentonnen und Komfortluftbetten, Türstopper, Ameisenstreumittel und Reise-Zwiebelschneider, Kochlöffelhalter, Snack-Butler, Hundebars, Raumbefeuchter wie auch Raumentfeuchter, Dip-Schälchen und verchromte Eiswürfelbehälter großflächig bis kurz vor die Kühltheke."

Unter den Nachrufen einer auf den 934. Irak-Toten Frank Carvill: "Sein Kommandant lobte bei der Trauerfeier, sein Foto sei zusammen mit dem Ronald Reagans in den Zeitungen erschienen. Da schüttelten die Kumpels nur die Köpfe. 'Frank', meinte einer, 'hätte das kein bisschen gemocht.'" Der Faktenforscher Hans Leyendecker gratuliert groß, breit, ganzseitig dem Prominentenforscher Paul Sahner zum Sechzigsten. Aus Frankreich berichtet Johannes Willms - umkränzt von bunter Weinreklame (das E-Paper bringt es an den Tag) - vom Ende des "roten Paris" und dem Verblassen der Märtyrermythen der KPF.

Julia Encke verfasst einen "Nachruf zu Lebzeiten" auf die ausländerfeindlich herumpöbelnde Brigitte Bardot. Martin Mosebach schreibt übers Fahrradhaben und Fahrradfahren: "Fahrräder werden nur von denen besessen, die gerade darauf sitzen. Sie sind den Katzen vergleichbar; wer würde es wagen zu behaupten, dass die Katze, die er gekauft hat, die er ernährt, impfen lässt und bei sich hat, ihm gehört?" Gerhard Fischer spricht mit Martin Bormann Jr. über Schuld und über die letzte Begegnung mit seinem Vater: "Das war 1943. Er hat mich in der Reichsschule der NSDAP in Feldafing besucht. Er wollte seine väterlichen Pflichten erfüllen und mich aufklären. Das war aber nicht mehr nötig. Stattdessen wollte ich etwas anderes wissen. Ich fragte ihn: 'Vati, was ist Nationalsozialismus eigentlich wirklich?' Seine Antwort war: 'Nationalsozialismus ist der Wille des Führers. Punkt.' Das war sein Glaubensbekenntnis."

FAZ, 19.06.2004

Der lettische Schriftsteller Pauls Bakovskis ist eigentlich kein Fußballfan, doch dass die lettische Nationalmannschaft an der Europameisterschaft in Portugal teilnimmt, hat durchaus sein Gutes, findet er: "Wenn ich Schriftstellerkollegen aus (west-)europäischen Staaten treffe, dann wollen die doch nicht etwa über die lettische Gegenwartsliteratur mit mir plaudern! Sondern über Fußball. In Berlin wollte vor einiger Zeit einer wissen, ob es wirklich wahr sei, dass Lettland sich qualifiziert habe. Aber vor ein paar Wochen in Manchester ging es bereits um die Erörterung konkreter Spieltaktiken und die Aussichten der Mannschaft in Portugal. Im Gegensatz zu früher fragt mich nun niemand mehr, ob Lettland jenseits des Polarkreises liegt. Namen wie Maris Verpakovskis, Olegs Blagonadezdins (der linke Verteidiger) oder Aleksandrs Kolinko (unser Torwart) kommen einem Ungarn gleichermaßen leicht über die Lippen wie einem Briten oder Niederländer. Klar, da wird man schon ein bisschen neidisch. Lyriker oder Romanciers werden wohl vergeblich hoffen, derart eloquent im Munde geführt zu werden. Aber dennoch erwachen patriotische Gefühle in mir."

Weitere Artikel: Hannes Hintermeier kündigt den Start von WBIS Online an, eine biografische Online-Bibliothek für Wissenschaftler mit 3,8 Millionen Einträgen. Der Zugang im Einzelabo ist allerdings nicht ganz billig: Er kostet im ersten Jahr fünftausend Euro, danach jährlich fünfhundert Euro. Dieter Bartetzko berichtet über die erstmalige Verleihung des Internationalen Hochhauspreises in Frankfurt: er ging an das New Yorker Büro Kohn Pedersen Fox für sein niederländisches Bildungsministerium in Den Haag. Tobias Döring war in Berlin bei einem Vortrag von Stephen Greenblatt über Shakespeare. Joseph Croitoru wirft einen Blick in osteuropäische Zeitschriften, die sich mit Europäisierungseffekten befassen.

Gerhard Stadelmaier gratuliert der Schauspielerin Ilse Ritter zum Sechzigsten, Wiebke Hüster gratuliert der Choreographin Susanne Linke zum Sechzigsten, und Andreas Kilb gratuliert der Schauspielerin Gena Rowlands zum Siebzigsten.

In der ehemaligen Tiefdruckbeilage erzählt Wolfram Kinzig, wie sich Wilhelm II. und Houston Stewart Chamberlain trafen. Und Otfried Höffe (mehr hier), der zu einem Kant-Kongress nach Teheran eingeladen war, schildert beeindruckt seine Erlebnisse dort. Auf der Medienseite berichtet Michael Hanfeld über afghanische Reporter in der Provinz Nangarhar, die gutes Fernsehen machen würden - "wenn sie könnten, wie sie wollten".

Besprochen werden eine Ausstellung des Renaissance-Malers Matteo Civitali im Museo Nazionale di Villa Guinigi in Lucca, die Uraufführung von Judith Herzbergs neuem Stück "Vielleicht Reisen" in Düsseldorf, ein Konzert der Punkrockband "Television" in Heidelberg und Bücher, darunter Kinderbücher und eine Neuausgabe der geheimen Tagebücher Samuel Pepys (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Schallplatten- und Phono-Seite geht's um Aufnahmen von Erwin Schulhoffs Symphonien mit James Conlon, Lieder von Grieg und Sibelius mit Karita Mattila, Vivaldis Cellokonzerte mit Yo-Yo Ma, die Wiederveröffentlichung eines Bossa-Nova-Albums von Caterina Valente und Luiz Bonfa und die neue CD von Wilco.

In der Frankfurter Anthologie stellt Hans Christian Kosler ein Gedicht von Ilse Aichinger vor:

"Gonzagagasse

Die Flammen aus den Speichern hat der
Himmel genährt,
er zog sie auf, er lehrte sie brennen, er
begeisterte sie an den Pfeilerhölzern der Brücken.
Unterdessen zogen die Salzschiffe gleich-
mütig vorbei ..."