Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.06.2004. In der FAZ dekonstruiert der Kardinal die Koryphäe, der Ratzinger den Derrida.  In der SZ drückt Wilhem Genazino das Richtige im Falschen aus. In der taz beklagt Frank Castorf die "Dekadenz, in der wir im Theater wohl versorgt leben". Die NZZ stellt israelische Autoren vor, die die einst blühende irakisch-jüdische Kultur besingen.

NZZ, 11.06.2004

Angelika Timm stellt die israelischen Autoren Sasson Somech, Sami Michael und Eli Amir vor, die in Erinnerungsbüchern die einst blühende irakisch-jüdische Kultur in Bagdad besingen (Somechs in Israel sehr erfolgreiches Buch "Bagdad etmol", zu deutsch "Bagdad gestern" erscheint demnächst auf deutsch). "Das 'Bagdad von gestern', wie es Sami Michael, Eli Amir und Sasson Somech beschreiben, ist in Israel heute nur noch partiell zu entdecken. Irakische Juden haben in vielen Fällen außerhalb ihrer Landsmannschaft geheiratet. Ihre Kinder sprechen kaum noch Arabisch und fühlen sich in erster Linie als Israeli. Der Sammelbegriff 'arabische Juden' ist bereits für die zweite Generation nicht mehr zutreffend. Dennoch gibt es nicht wenige Restaurants und Cafes, die irakische Speisen anbieten. Zwei Museen in Jerusalem und Or Jehuda widmen sich der Pflege jüdisch-irakischer Tradition und Geschichte."

Weitere Artikel: Eva Profousova schildert in einem "Schauplatz Tschechien" ein erstaunliches: Die meisten Romane tschechischer Nachwuchsautoren spielen im Ausland - dazu gehört Jaroslav Rudis' Roman "Himmel unter Berlin", der demnächst auch auf deutsch erscheint. Joachim Güntner freut sch über eine Initiative der S.-Fischer-Stiftung und des Staatsministeriums für Kultur, die die Übersetzung deutsche Romane ins Russische fördern.

Besprochen werden Wagners "Tannhäuser" mit Jan Fabre in Brüssel, die Wiederaufführung von Markus Imhoofs Film "Das Boot ist voll" und die Gangstergroteske "Nicotina" von Hugo Rodriguez.

Auf der Medien- und Informatikseite legt der Publizistikprofessor Otfried Jarren dar, warum er nicht an eine Segmentierung der Öffentlichkeit durch das Internet glaubt.

FAZ, 11.06.2004

Die FAZ macht eine Rede zum Aufmacher, die Kardinal Ratzinger zum Jahrestag des D-Days in Caen hielt. Nachdem er unter dem Schlagwort "Pathologie der Religion" kurz das Problem des religiös motivierten Terrors streift, kommt er auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen, die "Pathologie der Vernunft", die sich heute etwa in der Genforschung manifestiere. Und dann geht's gegen Derrida! "Der erkrankten Vernunft erscheint schließlich alle Erkenntnis von definitiv gültigen Werten, alles Stehen zur Wahrheitsfähigkeit der Vernunft als Fundamentalismus. Ihr bleibt nur noch das Auflösen, die Dekonstruktion, wie sie uns etwa Jacques Derrida vorexerziert: Er hat die Gastfreundschaft 'dekonstruiert', die Demokratie, den Staat und schließlich auch den Begriff des Terrorismus, um dann doch erschreckt vor den Ereignissen des 11. September zu stehen. Eine Vernunft, die nur noch sich selber und das empirisch Gewisse anerkennen kann, lähmt und zersetzt sich selber." Lieber Herr Derrida, bitte dekonstruieren Sie das jetzt!

Weitere Artikel: Dieter Bartetzko bekennt seine Skepsis über den Wiederaufbau der Frankfurter Stadtbibliothek am Mainufer, von der nur spärliche Fragmente geblieben sind. Edo Reents freut sich über ein von der Zeitschrift Titanic ersonnenes Mahnmal, das der schlimmsten deutschen Fußballniederlagen gedenkt. Jürg Altwegg berichtet über den Rücktritt des Verlagschef von Le Seuil Claude Cherki, dem vorgeworfen wird, sich bei der Fusion des Verlags mit dem Verlag La Martiniere persönlich bereichert zu haben - wogegen er sich jetzt wehren will. Wolfgang Sandner hat sich Webern-Konzerte bei den Wiener Festwochen angehört. Uwe Walter resümiert ein Kolloquium zu Ehren des Historikers Christian Meier in Bielefeld.

Zu spät für die Zeitung kam die Meldung vom Tod Ray Charles', die wir im FAZ.Net finden.

Auf der Medienseite bedauert Franzobel (mehr hier) das Schicksal der mit der Kronenzeitung (mehr hier) schicksalhaft geschlagenen Österreicher: "Was also ist die Kronenzeitung? Und wie ist es möglich, dass sie ganz Österreich durchtränkt, an beinahe jedem Ortseingang wie auf roten Warnschildern zu lesen ist, dass das Städtchen, die Siedlung, Kronenzeitung liest: Aurach liest die Kronenzeitung. Unterstinkenbrunn liest die Kronenzeitung. Fohnsdorf liest die Kronenzeitung und so weiter. Ein Wunder eigentlich, dass nicht auch an den Staatsgrenzen Warnschilder mit 'Österreich liest die Kronenzeitung' stehen." Außerdem stellt Jürg Altwegg Frontal vor, ein neues rechtes Boulevardblatt für die Schweiz

Für die letzte Seite besucht Heinrich Wefing die Ronald Reagan Presidential Library nördlich von Los Angeles, auf deren Vorplatz der ehemalige Präsident heute bestattet wird. Oliver Tolmein kommentiert die Vorstellung des Abschlussberichts der Arbeitsgruppe "Patientenautonomie am Lebensende", die der Rechtsprechung der deutschen Gerichte folge und damit den Lebensschutz nur unzureichend wahre. Und Niklas Maak stellt Francesca Ferguson vor, die den deutschen Beitrag der Architekturbiennale in Venedig - "Deutschlandschaft - Epizentrum der Peripherie" verantwortet,.

Besprochen werden eine Retrospektive des Malers Nikolaus Sagrekow in Moskau, eine Ausstellung mit Madonna-Fotografien Steven Kleins im NRW-Forum Kultur und Wissenschaft in Düsseldorf, zwei Filme aus Dänemark, nämlich Natasha Arthys "Alt, neu, geliehen und blau" und Christoffer Boes "Reconstruction" und einige Sachbücher, darunter Klaus Theweleits Fußballbuch "Tor zur Welt".

TAZ, 11.06.2004

"Diese Dekadenz, in der wir im Theater wohl versorgt leben, die kotzt einen irgendwann so an, dass man wieder an das Schwarzbrot will", bekundet Frank Castorf im Interview mit Peter Laudenbach.

Sebastian Moll verfolgt die Debatte um Samuel P. Huntingtons neues Buch "Who Are We", in dem der Huntington die amerikanische Kernkultur als Kombination aus "christlicher Religion, protestantischen Werten, Arbeitsethik, englischer Sprache, dem Glauben an Gerechtigkeit, Gleichheit, Individualismus, Privatbesitz sowie repräsentativer Demokratie" festlegt.

Der Hit "Dragostea Din Tei" der moldawischen Boy Group O-Zone bestärkt Harald Peters in seinem Verdacht, dass Sommerhits dazu neigen, den "Verstand zu pulverisieren". Daniel Bax bespricht neue Platten aus aller Welt.

Und TOM.
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Welt, 11.06.2004

Die Welt greift - wenn wir richtig gesehen haben - als einzige Zeitung die Äußerung von Heinz Berggruen zur Flick Collection auf. Gabriele Walde fasst sie folgendermaßen: "'Die Flick-Sammlung wird', erhob er die Stimme, 'jeglichen Kontroversen zum Trotz eine große Bereicherung für uns sein'. Man solle nicht, so Berggruen, 'störrisch und mit Scheuklappen' zurückblicken, und von 'Sippenhaft und vom Weißwaschen von Blutgeld sprechen', sondern stattdessen 'tolerant und aufgeschlossen in die Zukunft gucken'."

FR, 11.06.2004

Petra Kohse stellt recht überzeugend dar, warum Europolitik nicht besonders sexy ist: "Frau Dagmar Roth-Behrendt beispielsweise, die Berliner Spitzenkandidatin der SPD (Listenplatz 4), die mit hexenhaften Strahleaugen und Klunkerkette vom Grünstreifen-Plakat lächelt und Interessierten auf ihrer Homepage vor allem ihr 'persönliches Käsekuchenrezept' ans Herz legt. Seit 1989 ist sie Mitglied des Europaparlaments und dort SPD-Sprecherin für die Bereiche Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz. Hat sie Europa in den letzten Jahren durch magische Mütterlichkeit beeinflusst? Welche Punkte wären wie anders diskutiert worden, wenn sie nicht im Straßburger Parlament gesessen hätte? Man kann das womöglich irgendwie in Erfahrung bringen."

Für Times mager hat Ina Hartwig in Erfahrung gebracht, wie sich Inspiration filmen lässt. Besprochen werden die ersten Ausstellungen der neuen Berliner Helmut-Newton-Stiftung "Us and Them" und "Sex and Landscapes", die Bremer Uraufführung von Giorgio Battistellis Oper "Der Herbst des Patriarchen" nach Gabriel Garcia Marquez, Michel Gondrys "kokett-kulturkritische" Parabel "Human Nature" und Tom McCarthys Komödie "The Station Agent".


SZ, 11.06.2004

Wilhelm Genazino, frisch erkorener Büchner-Preisträger (mehr hier), gibt uns Bedenkenswertes mit auf den Weg: "Die Sprache hat einen Hang zur Großsprecherei. Kaum ein Wort sagt zu wenig, fast alle Wörter sagen zu viel. Leider leben wir die meiste Zeit in unausgedrückten Bereichen. Wir müssen schon froh sein, wenn wir einen Sachverhalt wenigstens falsch ausdrücken können."

Bei Burkhard Müller ist aus ganz pragmatischen Gründen der Glaube ins Wanken geraten, dass sich mit den Wahlen irgendetwas in Europa ändern werde. "Vor dreißig Jahren war Geld da für die großen anstehenden Reformen. Heute fehlt es. An die Stelle gestaltender Entschlüsse tritt das Umschaufeln von Defiziten, die jede Regierung erbt, sie mag sich zusammensetzen wie sie will. Deutlicher als zuvor lässt sich sehen, dass ungefähr immer dasselbe getan werden muss, gleichgültig wer es tut." Aber das findet er ganz in Ordnung: "Nicht zur Europawahl zu gehen, heißt Europa vertrauen. Europa, so wie es funktioniert, ist nicht demokratisch. Jedoch es funktioniert."

Weiteres: Jörg Häntzschel erzählt vom wohl obskursten Museum der Welt, der Barnes Foundation in Philadelphia, die nicht nur am Rande des Bankrotts steht, sondern auch noch mit ihren snobistischen Nachbarn im Kleinkrieg liegt. Sonja Zekri erinnert daran, dass Deutschland als eines der wenigen Länder noch immer nicht das Unesco-Übereinkommen zum Schutz der Kulturgüter ratifiziert hat. In einem weiteren Text fragt sich Zekri, warum eigentlich Folter-Videos aus Tschetschenien niemanden empören. Ijoma Mangold greift die Meldung auf, dass der Lektor Thorsten Ahrend von Suhrkamp zum Wallstein Verlag geht.

Lothar Müller hat die Eröffnungsausstellung der Newton Stiftung besucht. Wolfgang Jean Stock bewundert Souto de Mouras Fußballstadion in Braga. Klaus Irler erfreut sich am "Glück in Tüten", den Panini-Sammelalben. Und die Medienseite unterzieht die deutschen EM-Kommentatoren einem Formtest.

Besprochen werden Pepe Danquarts Tour-de-France-Film "Höllentour" ("Spektakulärer als alle Stürze sind die Momente der Erschöpfung. Verzweiflung und Einsamkeit", befindet Fritz Göttler), Jean-Pierre Perreaults "Joe" bei den Festspielen in Ludwigsburg, Michael Thalheimers Inszenierung von Kleists "Familie Schroffenstein" am Schauspiel Köln, Klaus Langs "zwei etagen, keine treppe" am Berliner Hebbel-Theater und Bücher, darunter Reinhard Kaisers Biografie des Musikers Edwin Geist (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).