Magazinrundschau
Bereits drei Drinks intus
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
09.06.2026. Der Guardian lernt die digitale Schattenökonomie Kubas kennen. Dekoder berichtet von militär-patriotischen russischen Trainingslagern für russische und entführte ukrainische Jugendliche. Die LRB taucht mit C. Thi Nguyen in die Welt des Spiels und der Bewertungssysteme ein. In Tvar ruft der tschechische Schriftsteller Jiří Kratochvil zu einer neuen engagierten Literatur auf. Artforum porträtiert die Künstlerin Gladys Nilsson und ihre Gruppe Hairy Who. In Elet es Irodalom ermuntert der Pianist Andras Schiff klassische Musiker zu mehr Aufklärung. Harper's frischt seine Esperanto-Kenntnisse auf.
Guardian (UK), 04.06.2026
Dekoder (Deutschland), 04.06.2026
Die russische Gesellschaft soll so früh wie möglich militarisiert werden. Um das zu erreichen werden im ganzen Land Trainingslager mit den Namen "Avantgarde" oder "Wohin" (Krieger) errichtet, in denen 16-17-Jährige ausgebildet werden, die möglichst früh an die Front gehen sollen, schreibt Andrej Satirko bei Vot Tak (Dekoder-Übersetzung ins Deutsche durch Jennie Seitz und Ruth Altenhofer). Die Zentren dienen aber auch dazu, ukrainische Kinder aus den besetzten Gebieten frühstmöglich in die russische Armee zu integrieren. "Die ukrainischen Regionen stehen bei Woin besonders im Fokus. Im besetzten Mariupol wird die 'russlandweit größte' Filiale aufgebaut. Vorstandsvorsitzender des Zentrums ist Wiktor Wodolazki, Abgeordneter der Staatsduma, der allein in den Jahren 2022 und 2023 mindestens 40 Mal dort war - das weiß Vot Tak aus Datenlecks des Grenzschutzes. Die ukrainischen Kinder werden bei Woin nicht nur in den besetzten Gebieten innerhalb der Ukraine trainiert, sondern auch nach Russland verschleppt. Zwölf Mal seien im Jahr 2025 ukrainische Kinder zu militär-patriotischen Trainingslagern in die RF gebracht worden, teilt die Juristin Xenija Kornijenko Vot Tak mit." Wieviele es genau waren, wisse man nicht, doch "allein das Wolgograder 'Avantgarde' habe seit 2024 bereits mehr als 5500 Kinder trainiert, die aus ukrainischen Regionen stammen wie aus den Oblasten Wolgograd und Belgorod, teilte im März 2026 Wiktor Wodolazki mit. Was die Russen über diese Trainingslager denken, lässt sich nicht sagen, Satirko lässt aber die russische Mutter Tatjana Jarowaja zu Wort kommen. "'Wir brauchen Trainingslager wie 'Avantgarde', um die Jugendlichen auf den richtigen Weg zu bringen. Weil es ja alle möglichen Organisationen gibt und sie so oder so unter irgendeinen Einfluss geraten. Da sollen sie lieber in diesen Lagern eine patriotische Prägung erfahren, als auf der Straße und keine Ahnung für was …', meint heute Tatjana Jarowaja, die zwei ihrer vier Söhne im Krieg verloren hat."London Review of Books (UK), 04.06.2026
David Runciman bespricht das Buch "The Score: How to Stop Playing Someone Else's Game", in dem C. Thi Nguyen eine Lanze bricht für das Spiel als Aktivität, die die menschliche Kreativität entfesselt - solange es als ein zweckfreies Vergnügen konzipiert ist und die Artifizialität seiner eigenen Kategorien offen ausstellt. Deutlich weniger hält er von jener Sorte Spiel, die ganz im Gegenteil so tut, als wäre sie gar kein Spiel, sondern besäße einen Wert in der echten Welt - als Beispiel nennt Nguyen Universitätsrankings. Runciman ist zwar ebenfalls fasziniert von der um sich greifenden "gamification" unserer Gegenwart; mit Nguyens Unterscheidung ist er dennoch nicht einverstanden. Nguyen ist laut Runciman "ein großer Verfechter der befreienden Kraft von Spielen wie Dungeons & Dragons, die ihre Spieler dazu ermutigen, sich selbst neu zu erfinden. Gleichzeitig verabscheut er die neue Generation von Überwachungskapitalisten aus dem Silicon Valley, die sich in unser Leben eingeschlichen haben. Doch viele der Monster unserer von Kennzahlen beherrschten Welt - von Elon Musk über Peter Thiel bis hin zu Reid Hoffman - sind mit D&D aufgewachsen und werden sagen, dass sie dort alles gelernt haben, was sie wissen. Menschen verändern sich, doch das Problem der Neuerfindung besteht darin, dass sie nicht nur in Richtung Befreiung führt. Nguyen stellt Glaubenssysteme, die für die Komplexität der Welt offen sind, solchen gegenüber, die diese Komplexität auf eine leichter handhabbare Form des Verstehens reduzieren wollen. Als Beispiel für Letztere nennt er Verschwörungstheorien, die - ähnlich wie viele oberflächliche Kennzahlen - 'eine besser handhabbare, intellektuell leichter erfassbare Version der Welt präsentieren'. Wie er jedoch selbst einräumt, haben Verschwörungstheorien viel mit Fantasy-Rollenspielen gemeinsam. Sie ermöglichen es Menschen, eine Version der Welt unter selbst festgelegten Einschränkungen durchzuspielen - denn Verschwörungstheoretiker sind diejenigen, die bestimmen, was als relevant gilt und was nicht."iTvar (Tschechien), 01.06.2026
Artforum (USA), 09.06.2026

Auf die Gemälde von Gladys Nilsson zu blicken ist wie auf eine Party voller Fremder zu kommen, die bereits drei Drinks intus haben, findet Jeremy Lybarger, der die Chicagoer Künstlerin anlässlich einer Retrospektive im Crocker Art Museum in Sacramento porträtiert. Nilsson war Mitglied der Hairy Who, einer Künstlergruppe, deren psychedelisch-surrealistische Werke politische Konflikte und Kommerzkultur im Amerika der Sechziger mit Witz, Ironie und Provokation hinterfragten. Bald aber fand sie ihren eigenen künstlerischen Weg: Stets geht es ihr um den Einzelnen im Verhältnis zur Gesellschaft, oft geben ihre mitunter grotesk wirkenden Figuren nicht mal ihr Geschlecht zu erkennen, aber hinter den farbenfrohen, witzigen Motiven verbirgt sich immer Ernsthaftigkeit, meint Lybarger, auch mit Blick auf jüngste Wandarbeiten: "Diese Wandzeichnungen - 2024 im Colby College Museum of Art in Waterville, Maine; 2025 im Art Institute of Chicago; und 2025 in der Menil Collection in Houston - waren alle vergänglich, wie verspielte Trugbilder. Jede knüpfte an Nilssons Beschäftigung mit Vielfältigkeit und wechselnden Maßstäben an, und jede zeigte Frauen, die sich ihrer schlaffen Brüste nicht schämten. In der Zeichnung im Art Institute genießt eine Frau ein Stück Karottenkuchen, während sie oben ohne inmitten von einundzwanzig anderen Figuren faulenzt, die eine halb-aerobische Choreografie über die Wand hinweg aufführen. ... Die Wandzeichnungen enthalten auch Radierflecken, Spuren der Fehlstarts und Korrekturen der Künstlerin. Sie ist in der Materialität des Werks selbst präsent, eine weitere Statistin in der flüchtigen Prozession. Die Vergänglichkeit dieser Zeichnungen vermittelt eine ergreifende Botschaft: Die guten Zeiten vergehen. Dies könnte der Höhepunkt von Nilssons vielschichtigem und wimmelndem Gesamtwerk sein. Selbst wenn man sich an ihren Prachtentfaltungen erfreut, erinnert einen eine innerliche, fast reptilienhafte Stimme daran, dass man allein ist - außerhalb des Bildausschnitts, ausgeschlossen vom Festgeschehen."
Elet es Irodalom (Ungarn), 05.06.2026
Nach 16 Jahren Abwesenheit aus Protest gegen die Orban-Politik besucht der Pianist András Schiff Ungarn und spricht im Interview mit László J. Győri u.a. über die Situation der klassischen Musik, über den Zustand des Publikums und über seine "aufklärerischen Konzerte", in denen er zwischen den Stücken mit dem Publikum über die Struktur und Hintergrund der aufgeführten Kompositionen spricht: "Es wird viel über die Krise der klassischen Musik gesprochen. Meiner Meinung nach liegt das nicht daran, dass es weniger Konzerte gibt. Denn es gibt jede Menge Konzerte. Und es stimmt auch nicht, dass das Publikum spärlich ist. Es gibt Publikum in Hülle und Fülle. Es ist jedoch eine Tatsache, dass das Publikum immer unwissender wird. Wenn man irgendwo jemanden fragt, ob Mozarts c-Moll-Klavierkonzert seiner Meinung nach fröhlich oder traurig ist, wird er sagen, dass es eher so angenehm sei. Dabei ist es alles andere als angenehm. Es ist eine gewaltige griechische Tragödie. Ohne Katharsis. Man muss den Menschen erklären, was sie hören. Interessanterweise sind meine Erfahrungen in Asien besser als in Europa. Ich erlebe traditionell großes Interesse in Japan, aber mittlerweile auch in Südkorea, Taiwan und China. Sie sitzen still da und hören angespannt zu. Das Durchschnittsalter liegt bei zwanzig Jahren. Fantastisch! In Europa hingegen gibt es keine musikalische Erziehung mehr. Die Menschen wachsen aus der Discoclub heraus und beginnen entsprechend ihrem sozialen Status ab einem bestimmten Alter, klassische Konzerte zu besuchen. Was sie dort hören, trifft sie jedoch unvorbereitet, weshalb sie etwas Aufklärung benötigen. Und warum sollten wir, die Interpreten, das nicht tun? Wie Bernstein, der zu jedem sprechen konnte, zu Kindern und Erwachsenen gleichermaßen. Er ist der Maßstab. Das andere, was ich mir allerdings wirklich selbst ausgedacht habe: Ich gebe das Programm nicht im Voraus bekannt."New Yorker (USA), 15.06.2026
Edmonia Lewis war eine kleinwüchsige schwarze, indigene Bildhauerin - im Amerika des 19. Jahrhunderts etwas nahezu Unerhörtes. In jüngster Zeit haben ihr Leben und Werk wissenschaftliches und auch kuratorisches Interesse geweckt. So konnte Zachary Fine für den New Yorker durch die Ausstellung "Edmonia Lewis: Said in Stone" im Peabody Essex Museum streifen und erlebt eine Künstlerin, die schwer zu greifen ist: "Die Ausstellung eröffnet mit Lewis' Skulptur 'Forever Free' (1866-67, Bilder). Ungefähr einen Meter ist sie groß und zeigt einen Mann und eine Frau, die gerade von der Emanzipationserklärung gehört haben. Der Mann, mit nacktem Oberkörper und in kurzen Hosen, reckt in der einen Hand seine zerborstenen Fesseln empor und legt die andere auf die Schulter der Frau, die kniend ihre Augen gen Himmel richtet. Durch die Linse des Bürgerkriegs und seiner Nachwehen betrachtet, unterläuft das Werk alle Erwartungen. Lewis' Klientel, überwiegend weiß, hätte erwartet, dass sie Lincoln zum Vollstrecker der Freiheit macht, so wie Thomas Ball es in seinem 'Emancipation Memorial' (1876) auf dem Capitol Hill getan hat, aber stattdessen lässt sie ihre versklavten Subjekte sich selbst befreien. Das mag ermächtigend wirken, aber ist es das wirklich? Die Frau wirkt eingesunken, unterwürfig; die Gesichtszüge der Figuren wurden verwässert, um ethnische Uneindeutigkeit zu erzeugen. Dann ist da der Marmor selbst: Ein antikes Material, angewandt auf ein historisches Ereignis, das kaum drei Jahre her ist, ein Material voller Assoziationen von Reinheit und 'rassischer Hygiene', dem Ton der Befreiung angepasst. (…) In der Summe ist Lewis' Schöpfung ein Gewirr von Widersprüchen. Es ist zeitlos und mutig neu, regressiv und innovativ zugleich. Es ist die konservativste radikale Skulptur, die ich je gesehen habe."Tablet (USA), 28.05.2026

Heutige "Antizionisten" stehen nicht nur in der Tradition der Nazis (die über die Sympathie mit den Islamisten vermittelt ist), sondern auch der Kommunisten. In einem Quillette-Artikel über die Geschichte des Antizionismus (hinter Paywall) erzählt Shalom Lappin unter anderem, wie früh der Antizionismus in der Sowjetunion zur Regierungslinie wurde: "Zwischen 1918 und 1929 hatte die Jewsekt - die jüdische Abteilung der Kommunistischen Partei der Sowjetunion - die Aufgabe, die unabhängigen Institutionen und Organisationen des jüdischen Lebens in der Sowjetunion aufzulösen, damit die Juden zu treuen Anhängern des Sowjetregimes werden konnten. Zionistische Organisationen, der Bund, der hebräische Sprachunterricht, Synagogen, Jeschiwot, Schulen und die übrigen Einrichtungen des jüdischen religiösen und zivilgesellschaftlichen Lebens wurden abgeschafft. Und als dieser Prozess abgeschlossen war, wurden die jüdischen Kommunisten, die in der Jewsekt gearbeitet hatten, in den Gulag verbannt oder hingerichtet."
La vie des idees (Frankreich), 08.06.2026


New Lines Magazine (USA), 05.06.2026
Suzana Vuljevic erinnert an den vor zwanzig Jahren gestorbenen "Gandhi des Balkans", den kosovarischen Politiker Ibrahim Rugova. Der studierte Literat und Intellektuelle Rugova, der 1989 zum Vorsitzenden der Demokratischen Liga des Kosovo gewählt und später Präsident wurde, vertrat mit seiner "Theorie der ästhetischen Verweigerung" eine Denkweise, die gewaltlosen politischen Widerstand und Literatur eng zusammendachte: "Die entschiedenste, die 'wahre' Form der Verweigerung, beruhte auf Überzeugung und Argumentation und konnte von Einzelpersonen oder Kollektiven vorgebracht werden. Seiner Ansicht nach ließen sich die intimsten Momente des Lebens - Freude, Bitterkeit oder Liebe angesichts von Unterdrückung, Knechtschaft oder Zwang - auch als Ausdruck von Widerstand verstehen." Mit dieser Haltung protestierte Rugova gegen die Unterdrückung der Albaner im Kosovo durch das serbische Regime unter Slobodan Milošević: Um "dem entstehenden Apartheid-System Widerstand zu leisten, schlossen sich verschiedene politische Strömungen im Kosovo unter Rugovas Führung zusammen und bildeten einen Parallelstaat. Dieser bestand aus Untergrundschulen in Privathäusern, Geschäften und Scheunen sowie einem parallelen Gesundheitssystem", das die Kosovo-Albaner vor allem mit Hilfe der Diaspora im Ausland finanzierte. Nachdem Hunderttausende Albaner aus ihrer Heimat vertrieben worden waren, "mobilisierte sich die albanische Bevölkerung des Kosovo im September 1991, Monate nach den Unabhängigkeitserklärungen Sloweniens und Kroatiens von Jugoslawien, an den Wahlurnen: Von den 87 Prozent Wahlberechtigten stimmten 99 Prozent im Referendum für ein unabhängiges Kosovo."Le Grand Continent (Frankreich), 07.06.2026
Etwas papstfromm, aber ganz instruktiv liest sich das Gespräch, das Jean-Benoît Poulle mit Mikael Corre von der katholischen Zeitung La Croix geführt hat. Corre hat ein ganzes Buch über das Konklave geschrieben, das zur Wahl Leos XIV. geführt hatte: "Géopolitique d'un conclave - Elire un pape quand les empires reviennent" (Paris, Bayard, 2026). Dass ein Amerikaner zum Papst gewählt werden könnte, erschien zunächst geradezu unmöglich, so Corre. Bei näherem Hinsehen ergibt das Votum für Robert Francis Prevost allerdings Sinn, denn Leo bezog sich auf Augustinus, so wie der Neokatholik J.D. Vance (der übrigens ein Buch über seine Bekehrung vorbereitet, "Communion - Finding My Way Back to Faith"). Auch wenn das Votum nicht als eine direkte Reaktion auf Vance gelesen werden darf, so Corre, geschah es doch in einer signifikanten politischen Konjunktur: "Der Heilige Augustinus steht heute im Mittelpunkt eines Auslegungsstreits zwischen dem Heiligen Stuhl und der Trump-Regierung." Vance hatte Augustinus zitiert, um eine restriktive Migrationspolitik und den Krieg gegen den Iran zu rechtfertigen. Der Papst, von der Befreiungstheologie geprägt, hatte Vance hier vehement widersprochen. Vance hat den Papst dann überdies wie einen Schuljungen abgefertigt, der Papst solle vorsichtig sein, wenn er über Theologie spricht. "Einen Augustiner im Jahr 2025 zu wählen, bedeutete auch - ohne dies direkt auszusprechen -, einen Mann zu wählen, der in der Lage ist, Augustinus jenen wieder abzunehmen, die ihn instrumentalisieren und die ihn zum willfährigen Autor einer nationalistischen und gewalttätigen Theologie machen."Film Comment (USA), 01.06.2026

Letzten Monat wurde Valeska Grisebach beim Filmfestival in Cannes für ihr Epos "Das geträumte Abenteuer" mit dem Preis der Jury ausgezeichnet (unser Resümee). Beatrice Loayza hat sich mit der Regisseurin zum konzentrierten Gespräch zusammengesetzt. Nach "Western" von 2017 (unsere Kritik) hat Grisebach erneut in Bulgarien gedreht, in Swilengrad, im bulgarisch-griechisch-türkischen Grenzgebiet. Hier stößt eine Archäologin mittleren Alters namens Veska (Yana Radeva) auf die Geheimnisse eines alten Schmuggelrings - Grisebach nähert sich ihrer Geschichte über Geschlechterrollen, die Nachwendezeit in Osteuropa und das heutige globalisierte Wirtschaftssystem mit den Mitteln des Gangsterfilms. "Ein Ausgangspunkt für das Projekt war natürlich meine Faszination mit den eher männlich oder maskulin codifizierten Genres", erklärt die Regisseurin. "In Bulgarien mit anderen Frauen über die Zeit nach 1989 zu reden war für mich wirklich fesselnd. Mir wurde klar, wie sehr wir in Europa gleichzeitig miteinander verbunden und voneinander getrennt sind. Yana und ich gehören zwar derselben Generation an, aber wir erfuhren diese Zeit vollkommen anders. Und immer und immer wieder hörte ich Geschichten über Frauen, die auf der Straße von Mafiatypen oder Leuten, die der Mafia nahestanden, einfach weggeschleppt wurden. Nicht einmal unbedingt für Prostitution, sondern auch einfach nur so zum Spaß. Wenn da eine schöne Frau war, würden diese Kerle sie einfach kurzerhand mitnehmen und am nächsten Tag wieder laufen lassen. Die Leute beschrieben die Neunziger wie eine kriegsartige Zeit - eine Zeit für Männer, nicht für Frauen. Aber zugleich wollte ich auch nicht, dass diese Gewalt die gesamte Story schluckt. Das hätte Veska auf ihre bloße Stigmatisierung reduziert. Bis zu einem gewissen Grad ist sie auch unabhängig und frei davon, auch wenn sie diese Erfahrungen mit sich herumschleppt. Sie ist wirklich die Herrin ihrer Geschichte. ... Wir neigen dazu, Genres wie den Westernfilm als im Besitz ihrer männlichen Protagonisten zu sehen. Aber zugleich war ich als kleines Mädchen davon ebenso fasziniert. Sie bildeten ein Auffangbecken für all meine Fantasien und Wünsche. Ich identifizierte mich mit ihren männlichen Helden wie ich zugleich Sehnsucht nach ihnen verspürte. Daraus entsteht eine sehr sonderbare emotionale Mischung."
HVG (Ungarn), 04.06.2026
Die Soziologin Andrea Szabó ermuntert die ungarische Gesellschaft, die Chancen ernst- und wahrzunehmen, die durch den Wahlausgang im April (unsere Resümees) entstanden sind: "Der dritte Systemwechsel, die dritte Wende wird nur dann mehr sein als nur ein Wechsel der Machthaber, wenn die neue Macht keine neuen Loyalitätsstrukturen aufbaut, sondern sich selbst Grenzen setzt. Politische Selbstbeschränkung, eine tatsächliche Gewaltenteilung, die Stärkung der Kontrollinstanzen, öffentliche Entscheidungsfindung, unabhängige, auf fachliche Eignung basierende Postenbesetzungen sowie die transparente Verwendung öffentlicher Gelder. Das sind keine technischen Details. Das sind die Grundvoraussetzungen für den Aufbau von Vertrauen. (…) Die große Chance der Wahlrevolution von 2026 besteht darin, dass die ungarische Gesellschaft nicht nur eine neue Regierung, sondern auch ein neues Verhältnis zur Macht schaffen kann. Kein Verhältnis als Untertanen, als Bewunderer oder als zynische Außenstehende, sondern als mündige Bürger. Vertrauen, aber kein blindes Vertrauen und schon gar kein bedingungsloser Gehorsam."Harper's Magazine (USA), 30.06.2026
Wozu brauchen die Menschen Esperanto, wenn es doch Englisch und das Internet gibt? Um als staatenlose Anarchisten den Weltfrieden zu retten? Um sich als selbstgewählte sprachliche Minderheit in einer gemütlichen Subkultur einzurichten, die überall auf der Welt Freunde bietet, aber keine missionarischen Ansprüche mehr hat? Immerhin: Auch heute kann oder will nicht jeder Englisch sprechen, lernt Katie Thornton, die für ihre Reportage den 110. Weltkongress für Esperanto an der Universität in Brünn besucht hat: "Esperanto hat tiefe Wurzeln in Afrika. Die Sprache gelangte erstmals im frühen 20. Jahrhundert auf den Kontinent und gewann in der postkolonialen Ära an Popularität als politisch neutraler Ersatz für die immer noch vorherrschenden Sprachen der europäischen Kolonialherren. Anfang der 90er Jahre gab es genügend Sprecher, um den ersten panafrikanischen Esperanto-Kongress abzuhalten, zu dem Anhänger aus den umliegenden westafrikanischen Ländern nach Togo strömten. Ein Esperantist aus Deutschland, der bei der Versammlung vorbeischaute, stellte fest, dass keiner der afrikanischen Teilnehmer 'älter als 35 Jahre' war. Die Sprache schien bei der ersten Generation der Afrikaner nach der Unabhängigkeit besonderen Anklang zu finden, die auf ein Ende der sprachlichen Spaltung und der Fraktionsbildung auf dem gesamten Kontinent hofften. ... Einzelpersonen und kleine Organisationen trieben die Bewegung weiter voran, unter anderem in der Demokratischen Republik Kongo, wo sich lokale Esperantisten mit katholischen Missionaren und internationalen Helfern zusammenschlossen, um Waisenkindern Hilfe zu leisten. Ihr Einsatz von Esperanto war praktisch: Die Demokratische Republik Kongo ist eines der sprachlich vielfältigsten Länder der Welt. Neben der Amtssprache Französisch gibt es vier sogenannte Landessprachen sowie etwa zweihundert weitere Sprachen, die von der Bevölkerung gesprochen werden. Auch die internationalen Freiwilligen sprachen keine gemeinsame Sprache, und Esperanto ließ sich relativ schnell und einfach erlernen. 'Esperanto ist gut für Afrika, weil es keine Kolonialsprache ist', erklärt mir der kongolesische Esperanto-Aktivist und -Lehrer Espoir Ngoma Kasati. 'Esperanto gehört allen.'"
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