Efeu - Die Kulturrundschau

Miasma aus Dschungeltönen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.05.2026. Die Filmkritik ist uneins über die Goldene Palme für Cristian Mungius Film "Fjord": Beklemmend gut, findet die SZ, zu konservativ, meint die FR. Über den Hauptpreis für Sandra Wollners "Everytime" im Nebenwettbewerb "Un certain regard" freuen sich indes alle. Sebastian Nüblings Inszenierung von "Wunde Stadt" über den Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt ist ein gelungener Versuch, Worte für Unsagbares zu finden, findet die nachtkritik. Die FAZ singt Miles Davis zum Hundertsten eine Hymne. Der Guardian tanzt in Margate durch die psychedelischen karibischen Landschaften von Hulda Guzman.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.05.2026 finden Sie hier

Film

Die Familie aus Cristian Mungius Drama "Fjord". Foto: Alamode Film 

Das Drama "Fjord" des rumänischen Regisseurs Cristian Mungiu hat in Cannes die Goldene Palme gewonnen! SZ-Kritiker David Steinitz hat dieses Jahr zwar kaum echte Meisterwerke in Cannes gesehen, aber viele gute Filme. Und auch der Gewinnerfilm überzeugt, findet er. Es geht um eine fundamental-christliche Familie, deren Kinder vom Jugendamt wegen angeblicher körperlicher Misshandlung in Pflegefamilien gesteckt werden: "ein finsterer Blick auf eine vorgeblich moderne Gegenwart, in der kaum noch jemand über den Tellerrand der eigenen Vorurteile blickt. Weder die zunächst so radikal wirkende Familie, noch die angeblich nur ums Kindeswohl bemühte norwegische Bürokratiemühle sind das, was sie zunächst scheinen. Dass erste (Vor-)Urteile selten zu guten Entscheidungen führen, weder im Privaten, noch in der Politik, dafür ist 'Fjord' eindrückliche Warnung." 

Daniel Kothenschulte attestiert "Fjord" in der FR zwar "ein ausgefeiltes Dialogbuch und das in skandinavischen Filmen immer wieder erstaunliche generelle Niveau der Schauspielkunst", sonst ist er weniger angetan, "auch dramaturgisch ist Eindimensionalität bedauerlich. ... Es hat schon etwas Populistisches, wie hier mit dem Zeigefinger auf eine ins Maßlose gedriftete 'Wokeness' gezeigt wird." Besser gefallen hat dem Kritiker Sandra Wollners Film "Everytime" (unser Resümee), der in der Nebenreihe "Un Certain Regard" den Hauptpreis abgeräumt hat - einer der "größten Erfolge der deutschen Filmgeschichte". 

Mungiu stellt immerhin zentrale Fragen nach dem Zusammenleben in einer offenen diversen Gesellschaft, meint Tim Caspar Boehme in der taz: "Wie geht eine offene und tolerante Mehrheit mit Minderheiten um, die sich für diese Offenheit nur bedingt interessieren? Wie kann man diese Menschen erreichen? Wie mit ihnen im Alltag leben? Und wie ehrlich ist diese Mehrheit mit ihren eigenen Vorurteilen, einschließlich rassistischen?" Gefreut hat er sich außerdem über den Preis der Jury für Valeska Grisebach und "Das geträumte Abenteuer": "Fast drei Stunden lässt Grisebach ihre Figuren durch eine Welt ominöser Codes und lauernder Gefahr treiben. Eine der mutigeren Entscheidungen der Jury, da Grisebachs sehr langsame Inszenierung manchen im Publikum einige Geduld abverlangen dürfte." Ein vergleichsweise schwaches Cannes-Jahr beklagt Marie-Luise Goldmann in der Welt. Im Tagesspiegel bilanziert Andreas Busche das Festival. 

Besprochen wird Bart Schrijvers Film "The North" (taz, hier zu Perlentaucher-Kritik).
Archiv: Film

Kunst

Hulda Guzman: "I'm for the birds", 2025. Private Collection. © Hulda Guzman. Courtesy of the artist an Alexander Berggruen, NY. Foto: Eduardo Ortega.

Eddy Frankel (Guardian) fühlt sich sofort in die Tropen versetzt beim Betrachten der psychedelischen karibischen Landschaftsmalerei der dominikanischen Malerin Hulda Guzman, der gerade in der Turner Contemporary in Margate ihre erste institutionelle Ausstellung in Europa ausgerichtet wird. In ihren Arbeiten explodiert der Dschungel ins Leben, staunt Frankel: "Enorme Bäume reichen in den Himmel, Laub und Wedel wickeln sich über die Gemälde, Glühwürmchen tanzen in der Nacht. An einigen Stellen ist der Dschungel so reich und dicht, dass er fast abstrakt wird. Ein Werk ist nur ein Nebel aus Blau und Grün, ein Miasma aus Dschungeltönen. Es gibt immer noch Figuren hier, aber sie sind kleiner, sie leben in der Landschaft und dominieren sie nicht. Sie schwimmen im Meer, gehen durch den Garten, liegen nackt in der Natur."

Edmonia Lewis: The Old Indian Arrow Maker and His Daughter. 1867. North Carolina Museum of Art, Raleig. Gift of Marilyn Jacobs Preyer, 2022.6

Bahnbrechend findet Shandiin Brown (Hyperallergic) die Ausstellung "Said in Stone", die das Peabody Essex Museum der indigenen afroamerikanischen Bildhauerin Edmonia Lewis derzeit widmet. In ihren neoklassizistischen Skulpturen kommentierte sie immer wieder die politischen Ereignisse in den USA, so etwa in "Forever free" von 1867, "in der ein Mann aufrecht steht und mit erhobener Faust nach oben blickt. Von seinem Arm hängen zerbrochene Fesseln herab, während eine Frau mit gefalteten Händen neben ihm kniet und ebenfalls nach oben schaut. 'Forever Free' war die erste Skulptur einer schwarzen amerikanischen Künstlerin, die die Emanzipation feierte. Die in Rom entstandene Komposition greift visuelle Elemente antiker griechisch-römischer Marmorstatuen auf."

Weitere Artikel: In der taz berichtet Klaus Hillenbrand von Vorwürfen gegen die Baseler Fondation Beyeler, die aktuell in einer Ausstellung Cézannes Aquarell ""Montagne Sainte-Victoire" zeigt. Laut dem Provenienzforscher Willi Korte soll es sich bei dem Gemälde um Fluchtgut, möglicherweise Raubgut der Nazis handeln. Im Zeit-Online-Gespräch erinnert sich der Fotograf Peter Badge, der mehr als 500 Nobelpreisträger fotografiert hat, an seine Begegnungen.
Archiv: Kunst
Stichwörter: Guzman, Hulda, Lewis, Edmonia

Bühne

Szene aus "Wunde Stadt" am Theater Magdeburg. Foto: Kerstin Schomburg

Kann Theater von einem Trauma heilen? Am Theater Magdeburg versucht man es nun zumindest mit Kevin Rittbergers Stück "Wunde Stadt", das das Attentat auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt 2024 verarbeitet. FAZ-Kritikerin Irene Bazinger findet die Dialoge ein bisschen "allgemein", Regisseur Sebastian Nübling gleicht das aber aus, indem er "eine theatrale Spannung entwickelt, die den Text stärker macht, als er ist, und dem Publikum näherbringt, als es zu erwarten war. Nübling benutzt nur wenige Mittel, die er freilich so effektvoll einsetzt, dass sie beredt und eindringlich wirken." So bilden zum Beispiel "die namenlosen Personen einen Stuhlkreis unter einem Mikrofon, das von der Decke hängt (Bühnenbild: Nübling und Una Jankov). Werden die Panikattacken zu stark, bewegen sie ihre Körper wie langsame Pendel vor und zurück und atmen konzentriert, um sich zu beruhigen. Wände werden verschoben und Luftballons malträtiert. Manchmal überfällt die traumatisierten Menschen nackte Verzweiflung: 'Ich will mein altes Leben zurück!'"

Einen "gelungenen Versuch, miteinander ins Gespräch zu kommen, wenn alles kaputt scheint" sieht Nachtkritiker Vincent Koch in diesem Stück. Der Regisseur "hält das Ensemble, das sich den einzelnen Figuren mit viel Sorgfalt nähert, fast durchgängig in Bewegung, es liegt eine Nervosität im Spiel, die sich auch auf die Sprache auswirkt. Die Texte gehen hier direkt durch die Körper, alle schwitzen, ringen mit Ausnahmezuständen. Zwar geht es immer wieder um das Aushalten der Stille, des Vakuums, aber eben auch um das Nicht-Stehen-Bleiben, den Versuch, weiterzumachen. Zu sprechen, um das 'Verbuddeln' des seelischen Schadens zu vermeiden." Weder dem Attentäter, noch den AfD-Politikern, die den Anschlag für sich nutzen wollten, will der Regisseur hier viel Raum geben, erklärt Peter Laudenbach in der SZ. Um die Opfer zu Gehör kommen zu lassen, hat er monatelang einer Selbsthilfegruppe zugehört, lesen wir. Torben Ibs bespricht das Stück für die taz.

Besprochen werden Barrie Koskys Inszenierung der Rossini Oper "Il Viaggio a Reims" bei den Salzburger Pfingstfestspielen (SZ, FAZ), Roy Chens "Zirkus Kafka" in den Frankfurter Kammerspielen (FR), Tina Laniks Inszenierung von Shakespeares "Viel Lärm um Nichts" am Schauspiel Frankfurt (NachtkritikFAZ, FR), Cathy Marstons Ballett "Romeo und Julia" am Opernhaus Zürich (NZZ), Herbert Fritschs Stück "Schwindel" im Schauspielhaus Hannover (taz) und Florentina Holzingers neunstündige Performance "Pfingstspiel" am früheren Spielort des Orgien Mysterien Theaters in Prinzendorf (nachtkritik).
Archiv: Bühne

Literatur

Julia Hubernagel (taz) resümiert einen Vortrag der Lyrikerin und Essayistin Anne Carson, die beim Berliner Poesiefestivial über die Geschichte des "Skywritings" sprach. Lars von Törne schreibt im Tagesspiegel den Nachruf auf den im Alter von 79 Jahren verstorbenen französischen Comiczeichner Paul Derouet.

Besprochen werden unter anderem Herbert Butterfields "Die Whig-Interpretation der Geschichte" (FR), Bruno Preisendörfers "Schlagworte, die Geschichte machen" (Tsp), Stephen Greenblatts "Dunkle Renaissance" (Welt) und Kinderbücher in der FAZ, darunter Oren Lavies und Anke Kuhls "Konrad Kröterich und die Suche nach der allerleckersten Mahlzeit" und Cornelia Franz' Roman "Scheinland". Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Musik

Im Aufmacher des FAZ-Feuilletons singt Wolfgang Sandner Miles Davis eine Hymne zum Hundertsten. Noch immer gibt es in seinen Hinterlassenschaften viel zu entdecken und noch immer prägt Davis nachfolgende Generationen: "Seine Bands wurden als Universitäten bezeichnet, auf denen die halbe Jazzwelt seiner Zeit studierte. Es war nur möglich, weil Miles einen großen Teil des kreativen Prozesses seinen jüngeren Mitspielern überließ, jeder sich entfalten konnte. Miles besaß eine enorme musikalische Beobachtungsgabe und konnte talentierte Musiker mit allen sieben Sinnen erfassen. Nur so waren diese bisweilen somnambulen Sessions ohne viel Absprache oder ausgetüftelte Notenblätter möglich, in denen der vibratolose lyrische Ton von Miles eher als Interpunktion fungierte und die Pausen so wichtig gewesen sind wie das, was dann über den charakteristischen Dämpfer durch den Schalltrichter nach außen drang. Von dieser Klangfarbe haben besonders die Trompeter gezehrt, Chet Baker und Shorty Rogers zu seiner Zeit und die Ambrose Akinmusines, Milena Casados und Till Brönners heute."

Der "Prince of Darkness" hat von Bebop, Cool Jazz, Hard Bop über Modal Jazz bis zu Fusion und Pop Jazz mehrere Kapitel Jazzgeschichte geschrieben, und doch will Uely Bernays in der NZZ die Schattenseiten des Mannes, der sich "gewalttätig an seinen Partnerinnen verging", Frauen für Heroin anschaffen ließ und selbst kaum etwas komponierte, nicht verschweigen. Hingegen "hat er eine beachtliche Anzahl von Fremdkompositionen als seine Originals ausgegeben: etwa 'Solar' (von Chuck Wayne) oder 'Blue in Green' (von Bill Evans). Versuchte er so, seine Schwäche zu kaschieren? Oder ging es ihm primär darum, Tantiemen zu erschleichen? 'Love and Theft' heißt das Prinzip bei Bob Dylan - man stiehlt, was man liebt. Allerdings entsprach eine gewisse Geringschätzung den Mitmusikern und ihren Stücken gegenüber dem künstlerischen Charakter des autoritären Trompeters." In der FR schreibt Hans-Jürgen Linke und im Tagesspiegel die britische Musikerin Emma-Jean Thackray, die gerade das Album "Dear Miles, A Love Letter" veröffentlicht hat. Wir erinnern uns:



Weitere Artikel: Im Alter von 95 Jahren ist mit dem Saxofonisten Sonny Rollins ein weiterer Superstar des Jazz gestorben. In der Welt schreibt Josef Engels den Nachruf. Im Zeit-Online-Interview spricht Elektro-Popstar FKA Twigs über ihre Performances, Clubkultur und die Kirche. Besprochen werden ein Metallica-Konzert im Frankfurter Waldstadion (FAZ, FR), ein Konzert des Deutschen Symphonie Orchesters Berlin in der Berliner Philharmonie, das unter dem Dirigat von Manfred Honeck Werke von Sibelius, Tschaikowsky und Adolphus Hailstork spielte (Tsp) und die Ausstellung "Rio Reiser - aufgewacht und rebelliert" im Husumer Nissenhaus (taz).
Archiv: Musik
Stichwörter: Davis, Miles