Magazinrundschau - Archiv

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6 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 21.10.2025 - iTvar

Jan M. Heller führt ein interessantes Gespräch mit der österreichisch-russischen Schriftstellerin Ljuba Arnautović, die 1954 in Kursk in der damaligen Sowjetunion geboren wurde und ihre multinationale, von Gulag und Exil geprägte Familiengeschichte in einer Romantrilogie (mehr hier) verarbeitet hat. "Die heutigen Russen wissen überhaupt nichts von ihren Vorfahren", so Arnautović, "in der UdSSR wurde teilweise bewusst nicht über die Vergangenheit gesprochen, weil es in jeder Familie sogenannte Volksfeinde oder Opfer des Stalinismus gab. Mit diesem Schweigen wollte man die nächsten Generationen schützen. Das ist ähnlich wie hier in Österreich mit jüdischen Familien, in denen die Menschen über ihre Erfahrungen während des Nationalsozialismus schwiegen, um ihre Kinder zu schützen." Aber ihrer Erfahrung nach tue man mit dem Schweigen weder sich selbst noch den Folgegeneration etwas Gutes, was sich im heutigen Russland zeige: "Putins Propaganda dringt leicht in die Herzen der Menschen ein, gerade weil diese nichts über ihre Geschichte wissen. Und warum wissen sie nichts darüber? Weil sie das Schicksal ihrer eigenen Angehörigen nicht kennen." Lesenswert ist auch dieses Interview im Standard mit Arnautović, die dort über ihren Vater, der selbst im Gulag gesessen hatte, erzählt: "Sein Credo war: Ja niemandem vertrauen! ... Ihr dürft niemandem vertrauen, auch nicht dem eigenen Vater! Das war seine Lektion."

Magazinrundschau vom 09.09.2025 - iTvar

Das tschechische Literaturmagazin Tvar widmet sein aktuelles Heft der unabhängigen russischen Literatur. Unter anderem unterhält sich darin Jana Kitzlerová mit dem russischen Schriftsteller und Arzt Maxim Ossipow, der, in die Niederlande emigriert, die Antikriegszeitschrift Pjataja Volna (Fünfte Welle) herausgibt. Auf die Frage, warum besonders Menschen vom Land und aus den Randgebieten bereitwillig in den Krieg ziehen, sagt Osipov: "Das Problem der Menschen auf dem Land ist nicht der Mangel an Informationen, sondern der Mangel an Geld. Und genau das hat Putin auf teuflische Weise ausgenutzt. Einem Menschen, der monatlich 30.000 Rubel verdient, was ungefähr 300 Euro entspricht, werden plötzlich mehrere Millionen angeboten - eine Summe, die er in seinem ganzen Leben nicht verdienen würde. Und wofür? Dafür, dass er einen Vertrag unterschreibt. Wissen Sie, was eine der häufigsten Fragen ist, die Frauen im Internet stellen? Wie schickt man seinen Mann in den Krieg? Und die zweite: Wie schicke ich ihn dorthin, ohne dass er merkt, dass ich ihn geschickt habe? Kurz gesagt, einen Mann in den Krieg zu schicken, löst alle Probleme."
Stichwörter: Ossipow, Maxim, Russland

Magazinrundschau vom 17.09.2024 - iTvar

In einem Beitrag der Literaturzeitschrift Tvar erzählt die tschechische Roma-Schriftstellerin Ilona Ferková, die in der Regel auf Romanes schreibt, von ihrem Aufwachsen und ihrer Begegnung mit der Literatur. Die Autorin, die thematisch heiße Eisen wie Zwangssterilisationen oder Heimeinweisungen von Roma-Kindern in der kommunistischen Vergangenheit aufgreift, hat zuletzt einen Mädchenroman geschrieben, in dem auch erotische Liebesszenen vorkommen, "obwohl ich damit gegen ein ungeschriebenes Roma-Gesetz verstoße", wie Ferková sagt. Nichts sei ferner von der Realität als das stereotype Bild der sexuell entfesselten Roma, wie es gerne in Liedern, Büchern und Filmen transportiert werde. "Für die Roma-Gesellschaft ist Sex ein Tabu, sie tut, als gäbe es ihn nicht. Sich in der Öffentlichkeit, aber auch im privaten Kreis über irgendetwas in dieser Richtung zu äußern, gilt als inakzeptabel. Unsere Jugendlichen kommen also ohne Sexualerziehung ins Erwachsenenalter, und so sieht das dann auch aus. Als ich jung war, hatten die Jungen keinen sehr romantischen, zärtlichen Zugang zum Liebesakt, das hat ihnen niemand beigebracht, und heute beziehen sie ihre Kenntnisse leider aus Pornos. Ich möchte den jungen Leuten eine Art Anleitung geben, nett zueinander zu sein." Ein weiteres Tabu sei die Homosexualität, was damit zu tun habe, "dass die Roma religiös und in ihren Ansichten konservativ sind. Für viele von ihnen ist es unvorstellbar, einen Homosexuellen in der Familie zu haben, geschweige denn, dies öffentlich zuzugeben." Auch diesem Thema wolle sie sich demnächst in einem Buch widmen. "Ich mag Herausforderungen, ich mag keine Heuchelei, also schreibe ich darüber, wie die Dinge sind, auch wenn es einigen Leuten nicht gefällt", so Ferková.

Magazinrundschau vom 16.04.2024 - iTvar

Die tschechische Literaturzeitschrift Tvar widmet ihr aktuelles Heft der ukrainischen Stadt Lwiw/Lemberg - dem einst vielsprachigen multikulturellen Zentrum und Mythos des Habsburger Reiches - in den gegenwärtigen Zeiten des Krieges. Die ukrainische Übersetzerin und Kulturmanagerin Sofia Tscheljak berichtet in ihrer Reportage, wie die Stadt eine zaghafte neue Bedeutung gewinnt. "Noch vor zwei Jahren hätte ich auf die Frage 'Erzählen Sie uns vom kulturellen Leben in Lwiw' geantwortet, dass es keines gibt." Kultur bedeutete: in Theatergebäuden Unterschlupfe für Flüchtlinge einzurichten und Sammlungen von Thermounterwäsche zu organisieren. Dann kehrte man vorsichtig zu konventionellen Kulturformaten zurück, um den Flüchtlingen ein wenig Zerstreuung zu bieten, und veranstaltete Versteigerungen ukrainischer Kunst, um die Armee zu finanzieren. "Aber es war unmöglich geworden, ein Buch zu lesen oder einen ganzen Film anzusehen, wollte man doch nichts von der Nachrichtenlage verpassen (…) Die Veranstaltung eines Literaturfestivals erschien völlig undenkbar." Dann fand im Oktober 2022 doch eines statt, und in erweiterter Form im Jahr 2023. Im ersten Jahr erlebten die ausländischen Teilnehmer kurz vor ihrer Abreise aus Kiew noch intensive Bombardements. "Die Erfahrungen, die sie in Kiew an einem einzigen Vormittag machten, waren intensiver, als wir es geplant hatten. So konnten sie als Augenzeugen Zeugnis abzulegen." Tscheljak berichtet auch von zahlreichen Beerdigungen und dem Versuch, durch bewusste Gedenkrituale gegen das Vergessen anzugehen. Im Jahr 2024 nun "dachte ich über all die Ausstellungen und neuen Kunstzentren nach, die in Lwiw seit Beginn der umfassenden Invasion eröffnet wurden, über die Künstler, die gezwungenermaßen in die Stadt kamen, sich aber entschlossen haben zu bleiben, über die neuen Restaurants, Literaturlesungen und Bibliotheksvorträge. Vor zwei Jahren konnten wir von etwas Ähnlichem - so vielen Kulturveranstaltungen - nur träumen. Inzwischen ist Lwiw eine Stadt in privilegierter geografischer Lage, aber die Kultur lebt im ganzen Land wieder auf".

Magazinrundschau vom 26.03.2024 - iTvar

Adam Borzič unterhält sich in einem langen Interview mit dem tschechischen Dichter und Romancier Marek Torčík, der mit seinem autofiktionalen Roman über eine queere Jugend in der tschechischen Provinz gerade für den Magnesia-Litera-Preis nominiert wurde. "Wenn ich an das Jahr 2007 und meine Kindheit zurückdenke, gab es im Fernsehen keine queeren Sendungen oder Filme, nicht vor 22 Uhr", erzählt Torčík. "Auch queere Bücher gab es nur in der Erwachsenenabteilung. Für einen Teenager, der etwa zwölf Jahre alt ist und sich allmählich seiner Sexualität bewusst wird, war da nicht viel. Man konnte nicht einmal irgendwelche Informationen auftreiben. Meine Kindheit war von einem schrecklichen Gefühl der Einsamkeit geprägt. Heute hat sich das alles definitiv geändert." Für Torčík war Virginia Woolf eine prägende Autorin und der Feminismus stets eine wichtige Kategorie. "Frauenfeindlichkeit und Homophobie sind für mich eng miteinander verbunden. Wenn einem Mann gesagt wird, er verhalte sich wie eine Frau, wird das als Beleidigung wahrgenommen", so Torčík. Letztlich seien auch Männer Opfer des Patriarchats, das ihnen stets ein Gefühl der Unzulänglichkeit verleihe. "Wir reden viel zu wenig darüber, dass Feminismus auch Männern hilft."

Magazinrundschau vom 19.12.2023 - iTvar

Der tschechische Schriftsteller und Soziologe Stanislav Biler verleiht in der Literaturzeitschrift Tvar seinem Gefühl Ausdruck, dass von Jahresende und Jahresbeginn zu sprechen, in den letzten Jahren seinen Sinn verloren habe: "So wie sich die Jahreszeiten verwischt haben, wenn Schnee und Frost im Dezember keine Gewissheit, sondern eine Überraschung darstellen, hat sich generell die Zeit verwischt. Sie verweigert einen Anfang und ein Ende. Die Epidemie hat unsere erlernten Zeitrhythmen durcheinandergebracht, und ich glaube, wir haben es nicht wieder geschafft, sie in die so mühsam eingefahren Spuren zurückzubringen. Neben vielen anderen Dingen hat Russlands Angriff auf die Ukraine die letzten Gewissheiten darüber zerstört, was möglich oder unmöglich ist, und also ist alles möglich, wie in thematischer Anknüpfung die Schrecken aus Israel und Gaza zeigen. Was Geschichte bleiben sollte, ist wieder Gegenwart. Das Jahresende verliert seinen Sinn, es erfüllt nicht das Versprechen von Abschluss, Versöhnung und Neubeginn. Es endet überhaupt nichts, und wenn etwas beginnt, weckt es höchstens Ängste. Die auf nationaler Ebene genährt werden von der Ankündigung einer weiteren Energie- und Lebensmittelverteuerung und der anhaltenden Wohnungsknappheit. Alle Kriegen schreiten fort, und die Zerstörung des Klimas ist augenscheinlich unumkehrbar …"
Stichwörter: Biler, Stanislav