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Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
17.06.2025. New Lines fragt: Soll der Sudan Elon Musk dankbar für Starlink sein oder ihn wegen der wegfallenden USAID-Hilfe hassen? Der New Yorker recherchiert, wie sehr die Kürzungen Musks den USA schaden können. Natan Sznaider liest für den Merkur Pankaj Mishras Buch "Die Welt nach Gaza". IStories stellt Vladimir Vedeneev vor, ohne den es kein Telegram gäbe. Die NYRB versucht sich ein Myanmar nach den Generälen vorzustellen. In HVG versucht sich György Spiro ein Ungarn mit einem zahlungsunfähigen Budapest vorzustellen.

New Lines Magazine (USA), 16.06.2025

Die Sudanesen hätten allen Grund Elon Musk zu hassen, meint Yassmin Abdel-Magied, denn seine radikalen Kürzungen bei der Behörde USAID hatten tödliche Folgen für die Bevölkerung: "Einem aktuellen ACAPS-Bericht zufolge führten die Arbeitsstopps zur Schließung von 900 der 1.400 Gemeinschaftsküchen, die schätzungsweise 2 Millionen Menschen versorgen." Gleichzeitig ist der Sudan komplett abhängig von Musks Starlink-System, denn vor allem im Krieg spielte und spielt die Telekommunikation eine große Rolle. Während regionale Internetanbieter landesweit ihre Dienste auf Geheiß der Regierung abschalteten, blieb Starlink für viele die einzige Möglichkeit zu kommunizieren: "Im Sudan sind Kommunikationsstörungen katastrophal. Sie verwehren der Bevölkerung nicht nur den Zugang zu Informationen über sichere Gebiete und Routen, die Verteilung von Hilfsgütern und Gesundheitsdiensten, sondern treffen auch die Finanzen der Haushalte im Kern. Bargeld ist knapp. Ohne Internet kommt das Mobile Banking - das wichtigste funktionierende Finanzsystem des Landes - zum Erliegen und bringt die ohnehin schwächelnde Wirtschaft zum Stillstand. 'In diesem Zusammenhang', so Affan Cheema, Leiterin der internationalen Programme der Hilfsorganisation Islamic Relief Worldwide, gegenüber New Lines, 'war Starlink für viele Menschen eine Lebensader und die einzige Option.'" Einerseits besteht also "kein Zweifel daran, dass der Dienst von Starlink lebensrettend ist. Andererseits ist klar, dass die von Musk vorangetriebenen Kürzungen der USAID zu Todesfällen im Sudan und wohl auch weltweit führen werden." Diese Erkenntnis könnte man natürlich nutzen, sich zu überlegen, warum der Sudan so abhängig ist von den Launen eines einzelnen Amerikaners und wie man das ändern kann. Aber den Zeigefinger zu heben, ist bequemer: "'Ich glaube nicht, dass Elon Musk den Sudan überhaupt kennt', sagt die Grassroots-Aktivistin und Sängerin Alsarah gegenüber New Lines. 'Er hat größere Ziele im Blick. Er sieht nicht die Menschen, ihm geht es um die Technologie.'"
Stichwörter: Musk, Elon, Sudan, Starlink

New Yorker (USA), 16.06.2025

Für den New Yorker analysiert Benjamin Wallace-Wells, was in Donald Trumps und Elon Musks Department of Government Efficiency (DOGE) in den letzten Monaten angerichtet hat. Ein Beispiel ist die quasi ruinierte U.S.A.I.D., die US-Behörde für Entwicklungshilfe: "Vor DOGE hatte U.S.A.I.D. eine führende Rolle beim Sammeln von Gesundheitsdaten über Kinder- und Müttersterblichkeit, Krankheitsfälle, Unterernährung und den Zugang zu sauberem Wasser in ärmeren Ländern gespielt. Nun war die Möglichkeit, diese Informationen zu sammeln - 'das Frühwarnsystem für die nächste Pandemie', wie der ehemalige U.S.A.I.D.-Leiter Andrew Natsios es ausdrückte - nicht mehr gegeben. Ein Netzwerk von Hilfsorganisationen hatte eine globale Lieferkette für Medikamente, antiretrovirale Mittel und Impfstoffe aufgebaut. Es ist nun unklar, was mit den Verträgen für dieses System geschieht, die einige Milliarden Dollar pro Jahr kosten und von U.S.A.I.D. bezahlt werden. 'Es gibt keine Möglichkeit, diese Dinge ohne große Vertragspartner zu tun, da es sich um weltweite Verträge handelt', sagte Natsios. 'Keine N.G.O. kann diese Lücke füllen.' Die Beamten der DOGE sahen sich mit einer einfachen Haushaltswahrheit konfrontiert: Die radikale Kürzung der D.E.I.- und humanitären Programme sparte nicht viel Geld. Die Ausgaben von U.S.A.I.D. beliefen sich im letzten Haushaltsjahr auf rund vierzig Milliarden Dollar, weniger als ein Prozent des gesamten Bundeshaushalts. Natsios betonte jedoch, dass die USA infolge der Kürzungen mit einer schwierigeren Welt konfrontiert sein würden. In den nächsten zwei Jahren rechne er mit einer verstärkten Massenmigration und Instabilität aufgrund von Hungersnöten. Er sei ein bekennender Anti-Trump-Republikaner, sagte er. 'Aber die Verantwortung hierfür liegt bei Musk', sagte er. 'Er ist derjenige, der mit Mord davonkommt.'"

Weitere Artikel: Daniel Immerwahr denkt über die Absurdität von Trumps Faszination für den 25. US-Präsidenten William McKinley (1843-1901) nach. Was nur wurde aus den Frauen der #MeToo-Bewegung, fragt Alexis Okeowo in einem Brief aus Alabama. Siddhartha Mukherjee beschreibt die Schwierigkeiten der Früherkennung von Krebs. Amanda Petrusich hört Addison Rae. Lesen dürfen wir noch Yiyun Lis Erzählung "Any Human Heart".
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Musk, Elon, Trump, Donald, Doge, Metoo

Elet es Irodalom (Ungarn), 13.06.2025

Zensur oder Selbstzensur kann sich auch positiv auf sprachliche Gestaltung auswirken, überlegt Sophie Képès, französische Autorin und Übersetzerin mit ungarischen Wurzeln, im Interview mit Benedek Várkonyi - ohne Zensur damit rechtfertigen zu wollen. "Schriftsteller in Ländern, die in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts jahrzehntelang echte Tragödien erlebt haben, beklagten sich nicht, sondern suchten nach Möglichkeiten, sich frei zu äußern. Trotz Zensur und Selbstzensur. Ich habe mich eingehend mit entsprechenden literarischen Praktiken nach dem zweiten Weltkrieg befasst. Auch der Zwang sorgt für interessante Literatur. Wenn man begabt ist, kann man unter Zwang außergewöhnliche Dinge schaffen. Die großen ungarischen Schriftsteller oder auch Danilo Kiš, den ich sehr schätze und der halb ungarisch ist, haben Formen erfunden, die dem ähneln, was in Lateinamerika in dieser Zeit gemacht wurde. Das ist sehr seltsam, aber ich finde es interessant, schön und wertvoll. Für mich sind ästhetischer und moralischer Wert stets miteinander verwoben. Der Geist des Widerstands, die Fähigkeiten und die Intelligenz, die es ihnen ermöglichten, zu schreiben und äußerst originell zu sein, ist mir sehr vertraut."
Stichwörter: Kepes, Sophie, Zensur

Merkur (Deutschland), 16.06.2025

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Natan Sznaider nimmt sich Pankaj Mishras Buch "Die Welt nach Gaza" vor, "ein gutes und kluges" und gleichzeitig ein "schlechtes und gedankenloses Buch", wie er findet. Auffällig ist für Sznaider, wie Mishra bewusst jüdische Protagonisten der Geistesgeschichte ins Feld führt, um seine Argumentation zu untermauern und die israelische Gaza-Politik zu kritisieren. Aus pragmatischen Gründen sei das verständlich, meint Sznaider, Mishra wolle sich so vor dem Vorwurf des Antisemitismus schützen. Doch begehe er den Fehler, Erfahrungen, die Hannah Arendt oder Jean Améry gemacht haben, aus dem Kontext zu reißen oder bewusst zu missverstehen: "Er übersieht, dass viele von ihm zitierte Juden und Jüdinnen gleichzeitig radikal universalistisch, aber auch radikal partikular denken können." Die "Erinnerungen Arendts, Amérys und Levis, die auch wegen ihrer Beispiellosigkeit mit dem jüdischen kulturellen Gedächtnis verknüpft sind und versuchen, das Beispiellose zu benennen, werden bei Denkern wie Mishra zu einem intellektuellen Supermarkt, bei dem man sich beliebig bedient. Historische Ereignisse zu vergleichen, einzuordnen, berühmt-berüchtigte Kontexte zu finden, das gehört zum Handwerkszeug eines jeden sich als Intellektuellen verstehenden Menschen. Dabei müssen die emotionalen Wahrheiten der Beteiligten ausgeschlossen bleiben, um sich die gefühlslose und kalte Objektivität zu bewahren. Aber gleichzeitig ist das auch Flucht vor der Wirklichkeit, einer Wirklichkeit, die von keiner schönen Theorie eingefangen werden kann. Dazu gehört auch die Wirklichkeit des 7. Oktober, auf die Mishra sich nicht einlassen will. Auch interessiert er sich für die nach Gaza entführten israelischen Geiseln so gut wie gar nicht. An diesem Tag sind Tausende bewaffnete Hamas-Kämpfer in den Süden Israels eingedrungen, haben gemordet, vergewaltigt und entführt. Sie haben Lebende und auch Tote missbraucht. Sie ermordeten mehr als 1200 Menschen und entführten 240 nach Gaza, darunter auch kleine Kinder. Das sind unverzeihbare Verbrechen, sie sind durch keine erfahrene Unterdrückung verzeihbar. Das waren nicht nur moralische Verfehlungen, das war ein Massaker. Keine um Freiheit kämpfende Bevölkerung kann so verbrecherisch handeln und es dann als Widerstand rechtfertigen. Mishra verteidigt es sicher nicht, aber er ignoriert den moralischen Abgrund des 7. Oktober, um seine Leser und Leserinnen von dem moralischen Abgrund der israelischen Reaktion darauf zu überzeugen. Ich verstehe, dass er das Buch nicht für Juden und Jüdinnen in Israel wie mich selbst geschrieben hat. Aber wie kann er für sich selbst diesen moralischen Abgrund rechtfertigen?"
Archiv: Merkur

Istories (Lettland / Russland), 10.06.2025

Der russische Kurznachrichtendienst Telegram gilt als anonyme WhatsApp-Alternative, auch in Russland. Roman Anin und Nikita Kondratyev recherchieren für IStories, ob Telegram - was viele eh schon vermuten - mit dem russischen Geheimdienst FSB in Verbindung steht (hier die gekürzte englische Version ihrer Recherche). "Um herauszufinden, wie Telegram-Nachrichten übertragen werden, haben sich unsere Reporter gegenseitig Nachrichten über den Dienst geschickt und den Datenverkehr mit Wireshark, einem Netzwerkverkehrsanalysator, aufgezeichnet. Die Ergebnisse zeigten, dass die IP-Adressen von einem in Antigua und Barbuda registrierten Unternehmen namens Global Network Management (GNM) kontrolliert wurden. Bei der Analyse weiterer IP-Bereiche, die von diesem Unternehmen verwaltet werden, stellten wir fest, dass es über 10.000 IP-Adressen an Telegram vermietet hat, was bedeutet, dass es eine bedeutende Rolle in der Infrastruktur des Messengers spielt. Dokumente aus einem ansonsten unauffälligen Gerichtsverfahren in Florida - ein Streit zwischen GNM und einem Auftragnehmer - enthüllen noch viel mehr. Sie zeigen, dass der Eigentümer von GNM ein russischer Netzwerkingenieur namens Vladimir Vedeneev ist. Er erklärt dem Gericht, dass seine Firma 'an der Installation von Kundengeräten - in diesem Fall für den Telegram Messenger - und der weiteren technischen Unterstützung dieser Geräte beteiligt ist'." Vedeneev, der völlig unbekannt ist, hatte "exklusiven Zugang zu einigen Servern von Telegram und er war sogar befugt, Verträge im Namen von Telegram zu unterzeichnen. Es gibt keine Beweise dafür, dass dieses Unternehmen mit der russischen Regierung zusammengearbeitet oder Daten geliefert hat. Aber zwei andere, eng mit Vedeneev verbundene Unternehmen - von denen eines auch Telegram IP-Adressen zuweist und ein anderes dies bis 2020 tat - hatten mehrere hochsensible Kunden, die mit den Sicherheitsdiensten verbunden sind. Zu ihren Kunden gehören der Geheimdienst FSB, ein geheimes 'Forschungsrechenzentrum', das an der Planung der Invasion in der Ukraine beteiligt war und Werkzeuge zur Deanonymisierung von Internetnutzern entwickelt hat, sowie ein staatliches Kernforschungslabor."
Archiv: Istories

New York Review of Books (USA), 26.06.2025

Wie könnte eine bessere Zukunft im seit Jahrzehnten von Bürgerkriegen geplagten Myanmar aussehen? Das fragt sich Francis Wade angesichts heftiger Kämpfe, die nach einem Militärputsch im Jahr 2021 ausgebrochen sind. Eine breite Koalition wehrt sich inzwischen gegen die Militärs, angeführt vom National Unity Government (NUG). Allerdings ist die Opposition auch untereinander zerstritten, sie zerfällt vor allem in der Peripherie in eine Reihe ethnischer Gruppierungen, die untereinander oftmals verfeindet sind. Außerdem schwelt ein Konflikt zwischen den buddhistischen Bamar, die die Bevölkerungsmehrheit stellen, und den zahlreichen kleineren Ethnien. Wade glaubt nicht, dass das Konzept eines starken Zentralstaats eine gute Perspektive darstellt für ein post-Bürgerkriegs-Myanmar: "In einem sehr weiten Sinne haben die Konflikte es den Menschen ermöglicht, sich einen Staat vorzustellen, der nicht mehr durch seine Ursprünge in imperialer Eroberung und aggressiver zentralistischer Herrschaft gefesselt ist. Wenn man - wie viele im Widerstand - versucht, die zentripetale Kraft des Militärs, der Nationalen Liga für Demokratie oder jeder anderen Instanz zu entfernen, von der aus Autorität vom Zentrum nach außen strömt, beginnt Myanmar weniger wie ein moderner Nationalstaat auszusehen und mehr wie das Flickwerk von Machtzentren, die das Gebiet in den Jahrhunderten vor der Kolonisierung prägten. Glaubt man der Junta, bedeutet dieser Weg eine Fragmentierung und den Zusammenbruch des Staates - ein Szenario, das für die Bevölkerung katastrophale Folgen hätte. Doch wie der verstorbene Politikwissenschaftler und Südostasien-Experte James C. Scott einst fragte: 'Warum den 'Zusammenbruch' beklagen, wenn damit meist die Auflösung eines komplexen, fragilen und typischerweise unterdrückerischen Staates in kleinere, dezentralisierte Fragmente gemeint ist?' Die Entstehung neuer politischer Einheiten in Myanmar deutet darauf hin, dass eine Mehrheit darin den einzig gangbaren Weg sieht, den Konflikt zu beenden."
Stichwörter: Myanmar

Dissent (USA), 10.06.2025

Die Bevölkerung von Kuba schrumpft dramatisch, erzählt Andrés Pertierra, der selbst bis 2013 in Kuba gelebt hat. Die Menschen haben die letzte Hoffnung ins Regime aufgegeben. Dieses setzt dem Exodus kaum mehr Widerstand entgegen. Corona, die Sanktionen der ersten Trump-Regierung, der Wegfall von Sponsoren wie Russland, sind einige Faktoren dieser Schrumpfung: Die Bevölkerung der Insel lag mal bei 11 Millionen Menschen, jetzt sind es wohl noch knapp über 8 Millionen, vermutet Pertierra. "Vielleicht hätten vor Jahren Marktreformen auf dem Land einen Wirtschaftsboom wie in China und Vietnam in den Achtzigern ausgelöst, aber heute ist das ländliche Kuba zunehmend unbewohnt, nur noch Geisterstädte, bevölkert von alten Menschen, die so verarmt sind, dass sie nicht einmal mehr Zugtiere besitzen. Ausländische Hilfe aus Russland, China, Mexiko und Venezuela hat das Land vor dem völligen Zusammenbruch bewahrt, aber keiner der Unterstützer Kubas ist bereit, die massiven Subventionen zu gewähren, die nötig wären, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Und selbst mit mehr Geld würde es Jahre dauern, die marode Energieinfrastruktur des Landes, die chronische Stromausfälle verursacht, zu ersetzen. Und es ist schwierig, eine Wirtschaft ohne Strom zu betreiben."

Auch die taz hatte gestern eine längere Reportage über Kuba, auf die hier hingewiesen sei. Die Rentner, die manchmal noch die Revolution miterlebten, "stehen inzwischen ganz unten in der gesellschaftlichen Hierarchie auf der Insel", schreibt Knut Henkel. "Viele von ihnen verkaufen auf der Straße die Tageszeitung Granma, das Sprachrohr der kommunistischen Partei, oder das Gewerkschaftsblatt Trabajadores. Auch Schlangestehen für Ausweisdokumente, vor den Lebensmittelläden oder für ein Ticket für den Überlandbus wird oftmals von den Senioren übernommen, die sich nützlich machen, wo immer sie können - aber das wird andererseits auch von ihnen erwartet."
Archiv: Dissent
Stichwörter: Kuba

London Review of Books (UK), 17.06.2025

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Susan Pedersen bespricht ein Buch der australischen Historikerin Sheila Fitzpatrick über Flüchtlinge aus dem Machtbereich der Sowjetunion, die nach dem zweiten Weltkrieg nicht, wie von der UdSSR gewünscht, in ihre Heimat zurückkehrten, sondern sich in Richtung Westen orientierten und in großer Zahl in Europa, aber vor allem in den USA, Kanada, Australien und Lateinamerika Zuflucht fanden. "Fitzpatrick betont die Bedeutung des Antikommunismus für die Öffnung der amerikanischen Tore, da die USA zur sowjetischen Überraschung und Abscheu dem Isolationismus abschworen", der so viele jüdische Flüchtlinge während des Zweiten Weltkriegs das Leben gekostet hatte, "um ein westliches Bündnis zur Eindämmung der UdSSR aufzubauen. Das ist überzeugend, aber als es um die Aufnahme von DPs [Displaced Persons] ging, spielten auch andere Desiderate eine Rolle. Israel war ungewöhnlich bereit, jeden jüdischen Überlebenden unabhängig von seinem Gesundheitszustand oder Alter aufzunehmen. Andere Länder waren sehr viel wählerischer. Niemand wollte kranke, behinderte, traumatisierte oder alte Menschen aufnehmen - als 'alt' galten Männer über 45, Frauen über 40 und 'Berufstätige' über 35 (damals wollte kein Land Intellektuelle oder Hochqualifizierte). Die DPs bemühten sich, diese Kriterien zu erfüllen. Sie konnten sich nicht vor den obligatorischen Tuberkulosetests drücken (ein negatives Ergebnis war Voraussetzung für die Einschiffung), aber sie konnten Jahre von ihrem Alter abziehen, die zurückgelassenen Ehepartner vergessen und die Abschlüsse und Errungenschaften, die einst eine Quelle des Stolzes gewesen waren, unerwähnt lassen. Fitzpatrick erzählt eine großartige Geschichte über ein Flüchtlingsschiff, das von Bremerhaven nach Australien segelte, vollgepackt mit Bauarbeitern, Landarbeitern, Kellnerinnen und Hausangestellten, das aber auf wundersame Weise auch mit Wissenschaftlern, Balletttänzern und Universitätsdozenten anlegte." Die Aufnahmeländer hatten aber auch "starke ethnische Präferenzen - 'in einem beunruhigenden Echo nationalsozialistischer Rassenideologie' - und bevorzugten fast durchweg die 'schönen Balten' ('sauber, hell und zivilisiert') gegenüber Polen und Ukrainern und erst recht gegenüber Juden."

The Insider (Russland), 12.06.2025

Mariupol war im ersten Kriegsjahr zum Symbol der Zerstörung durch die russischen Streitkräfte geworden und wurde nach langen Kämpfen von diesen besetzt. Nikita Aronov besucht Einwohner, die von ihrem Alltag und dem Wiederaufbau der Stadt erzählen: "'Wenn man durch die zentralen Straßen und Alleen von Mariupol fährt, stellt man fest, dass sich das Leben hier und jetzt kaum von dem in anderen Städten unseres großen Landes unterscheidet. Es gibt grüne Parks, in denen verliebte Paare spazieren gehen. Zur Hauptverkehrszeit gibt es sogar Staus', heißt es in einem der vielen russischen Fernsehberichte zum dritten Jahrestag der Besetzung der Stadt. Vor dem Krieg lebten in Mariupol rund 450.000 Menschen. Einem UN-Bericht zufolge sind 350.000 von ihnen geflohen. Doch im Dezember 2024 behauptete Wladimir Putin, dass nicht weniger als 300.000 der Geflüchteten zurückgekehrt seien. Im russischen Fernsehen werden Baustellen und renovierte Gebäude gezeigt. Doch die Einwohner von Mariupol wissen unabhängig von ihrer politischen Einstellung, dass dieses Bild nicht der Wahrheit entspricht. Maria, eine Freiwillige des Projekts 'Map of Mariupol's Destruction', sagt, dass nicht einer ihrer ehemaligen Nachbarn zurückgekehrt ist. 'Diese Behauptung über die Rückkehr der Bewohner ist eine reine Lüge', sagt sie. 'Die Stadt ist voll von zerstörten Privathäusern, in denen nichts getan wird und in denen niemand lebt. Das Gleiche gilt für die Wohnhäuser, die ausgebrannt sind. Man kann an den Fenstern sehen, dass sie leer stehen. Ich habe so viele davon im Stadtzentrum, auf dem Prospekt Mira, gesehen. In den Gebäuden, die stehen geblieben sind, gibt es viele leere Wohnungen oder Wohnungen, die von Migranten gemietet werden. Ich kenne einen Migranten, der eine Scheinehe plant, um die Staatsbürgerschaft zu bekommen, ein Haus zu bauen und für immer in Mariupol zu bleiben.' Das Problem ist, erklärt Maria, dass die Reparaturen in der Regel nur bis zur Fassade reichen. 'Die Stadt hat ein hübsches Äußeres. Ich habe mich einmal mit einem Bauleiter unterhalten, und er erzählte mir, dass sie die Fassade und die Hauseingänge sowie die Fenster, Türen und Versorgungsleitungen erneuern würden. Aber in den Wohnungen müssen die Bewohner die Reparaturen selbst durchführen - und das in einem Gebäude, das durch einen Brand völlig entkernt wurde.' In der Altstadt sind viele Gebäude zwar von außen gestrichen, aber innen sind sie leere Hülsen. Nachts sind ihre Fenster dunkel. Manchmal, so berichtet Lilya von ihren Kontakten, die noch in der Stadt sind, sind die Böden im Inneren einfach eingestürzt. 'Mariupol ist eine sehr große und weitläufige Stadt. Sie haben die Hauptstraßen im Zentrum in ein Schaufenster verwandelt. Aber wenn man ein paar Blocks zurückgeht, ist alles zerbombt und verbrannt.'"
Archiv: The Insider

HVG (Ungarn), 12.06.2025

Anlässlich seines neuen historischen Romans, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielt, spricht der Schriftsteller und Dramatiker György Spiró mit Zsuzsa Mátraházi über gesellschaftliche Veränderungen in Ungarn, die sich entlang der Geschichte der Hauptstadt nachzeichnen lassen. Spiró betrachtet die heutige Situation Budapests mit besorgtem Blick, denn der von der Opposition geführten Stadt werden von der Landesregierung zunehmend Mittel gestrichen und so die möglichen Konsequenzen der Zahlungsunfähigkeit als politische Waffe eingesetzt - was enorme Auswirkungen auf das gesamte Land hätte: "Eine solche Reihe von gesellschaftlichen Umwälzungen, wie sie im 19. Jahrhundert in Ungarn stattfanden, sehe ich heutzutage nicht. Das ist es, was in meinem Roman so spannend zu verfolgen war. Vielleicht blicke ich auf die Entstehung des modernen Ungarn vom Ende her zurück, und deshalb erscheinen bestimmte Ereignisse in einem anderen Licht und weniger selbstverständlich, als sie bisher dargestellt wurden (...) Aber jetzt, während das Interview geführt wird, ist die Situation absurd. Es herrscht zwar noch Frieden, aber er ist völlig unterminiert worden. (...) Wenn Budapest pleite geht, gehen ein Drittel oder gar die Hälfte der nationalen Produktion verloren, und das Leben wird im ganzen Land zum Stillstand kommen. Selbst die Experten haben mangels Erfahrung keine Vorstellung von den Folgen dieser Situation. Ich sehe vielleicht Gespenster, habe keinen Zugang zu den Entscheidungsträgern, ich höre nur die Nachrichten und ängstige mich."
Archiv: HVG
Stichwörter: Spiro, György, Ungarn, Budapest

Prospect (UK), 11.06.2025

In der Techbranche gilt es als ausgemacht und nur folgerichtige, unabwendbare Entwicklung: Nach der Künstlichen Intelligenz (KI) kommt die Allgemeine Künstliche Intelligenz (AKI) - das ist der Punkt, ab dem eine KI in fast allen Belangen kenntnisreicher und leistungsfähiger ist als Menschen es je sein könnten. Dahinter steckt der Fetisch von KIs, die auf jegliches menschliche Fassungsvermögen übersteigenden Datenmengen beruhen, schreibt Daron Acemoglu, der keineswegs per se gegen KI ist, sich aber eine Einhegung ihrer zerstörerischen Potenziale in ein der Emanzipation der Menschen verpflichtetes Projekt wünscht: "Auch ist es wichtig festzustellen, dass, selbst wenn die AKI im kurzen Zeitrahmen nicht entwickelbar ist, der unablässige Versuch, dies zu tun, beträchtlichen Schaden verursachen kann. Ein wichtiger Aspekt dieses Schadens wäre, dass dadurch alternative Richtungen vernachlässigt würden, die die menschlichen Fähigkeiten mächtig erweitern könnten. ... Diese Zielvorgabe wird wahrscheinlich eher mit bereichspezifischen Modellen erreicht, die qualitativ hochwertige Daten umfassen, welche die Kompetenz der am besten ausgebildeten und erfahrensten menschlichen Arbeiter umfasst. Die Träume von einer AKI könnten dem im Wege stehen."
Archiv: Prospect

New York Times (USA), 09.06.2025

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Was Trump betreibt, ist eine Privatisierung des Politischen. Er öffnet der Korruption die Schleusen, und es entsteht eine Flut, die ganz Amerika (und nicht nur Amerika, nebenbei bemerkt) nach unten reißt, schreibt Ben Rhodes, Autor des Buchs "After the Fall - The Rise of Authoritarianism in the World We've Made", in einem Essay für die New York Times. Ist der Damm einmal gebrochen, lässt er sich nicht einfach wieder aufbauen, das Gelände ist zerstört. Gelernt hat es  Trump bei Orban und nutzt Schwächen aus, die die Demokratien sehenden Auges haben entstehen lassen. Allein: "Was Trump von einem Orban oder sogar einem Putin unterscheidet, ist die immense wirtschaftliche, technologische und militärische Macht des Unternehmens, das er jetzt leitet: die Vereinigten Staaten von Amerika. Kein Land hat mehr Einfluss auf die Weltwirtschaft. Durch die Einführung von Zöllen für alle Länder der Welt hat Trump diese Macht personalisiert. Zölle geben ihm die Macht, Märkte zu bewegen. Er kann den Hebel nach oben oder unten betätigen. Er hat den Kongress umgangen und Versuche, ihn einzuschränken, als antiamerikanisch abgestempelt und 'USA-Hasser' in einem Handelsgericht attackiert, das versucht hatte, seine Zollbefugnisse einzuschränken. Das schafft unbegrenzte Gewinnmöglichkeiten."
Archiv: New York Times
Stichwörter: Rhodes, Ben, Trump, Donald