Magazinrundschau

Entweder Wasser oder euer Blut

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
06.05.2025. Outlook India schwant im Kaschmirkonflikt nichts Gutes, wenn Indien Pakistan das Wasser abdreht. Himal erzählt die Geschichte der kastenbasierten Sklaverei in Indien. Africa is a Country wirft reichen schwarzen Künstlern aus den USA und UK vor, mit der postkolonialen Bourgeoisie Afrikas zu klüngeln. Quillette erklärt die jüngsten Bombenattentate in Thailand als Folge des thailändischen Kolonialismus. The Atlantic verfolgt entsetzt die Demontage des Rechtsstaats durch Trump. Le Grand Continent stellt den rumänischen Rechtsextremisten George Simion vor, der den ersten Wahlgang in seinem Land gewann. New Lines erzählt, wie in Syrien kurdische Identität systematisch durch arabische verdrängt wurde.

Outlook India (Indien), 11.05.2025

In Kaschmir haben islamistische Terroristen nahe Pahalagam in Kaschmir 26 Menschen, die meisten von ihnen Touristen, ermordet. Indien macht Pakistan mitverantwortlich, weil es den islamistischen Terror unterstütze. Pakistan streitet jede Kenntnis von dem Anschlag ab. Inzwischen hat sich der Konflikt derart zugespitzt, dass einige Kommentatoren einen Krieg fürchten. Das wäre vor allem dann wahrscheinlich, wenn Indien seine Drohung wahr macht und Pakistan vom Wasser des Indus abschneidet, erklärt Seema Guha. "Der Indus-Wasservertrag hatte Kriege und häufige diplomatische Patt-Situationen überstanden. Delhi droht zwar nicht damit, aus dem Abkommen von 1960 auszusteigen, aber es droht dennoch, Wasser als Zwangsmittel einzusetzen. Wasser ist überall ein emotionales Thema. Pakistan sieht sich bereits mit einer schweren Wasserknappheit konfrontiert. Wenn Indien den Wasserzufluss nach Pakistan, einem Unteranrainerstaat, umleitet oder stoppt, wird dies das Leben von Millionen armer Bauern beeinträchtigen. 'Sindhu gehört uns und wird uns gehören', reagierte Bilawal Bhutto Zardari, Vorsitzender der Pakistanischen Volkspartei, und warnte: 'Entweder Wasser oder euer Blut wird in diesem Fluss fließen.' Nach der Teilung wurden die Flüsse des Punjab zwischen Indien und Pakistan aufgeteilt. Indien erhielt die Kontrolle über die östlichen Flüsse - Ravi, Beas und Sutlej -, während Pakistan die ausschließlichen Rechte an den Flüssen Indus, Jhelum und Chenab, also den westlichen Flüssen, erhielt. 'Die Aussetzung des Indus-Wasservertrags durch Indien wird gemäß dem Wiener Übereinkommen über das Recht der Verträge von 1969 als rechtlich vertretbar angesehen. Indien betrachtet den Angriff auf Pahalgam als eine wesentliche und materielle Änderung der Umstände. Die Aussetzung hebt die Beschränkungen für die Konstruktion der Dämme und den Betrieb der Stauseen auf, wodurch Indien Einfluss auf den Wasserfluss nehmen kann, insbesondere während der für Pakistan so wichtigen Aussaat, was die Agrarwirtschaft unter Druck setzt', sagt Botschafter Anil Wadhwa. 'Dies könnte langfristig eine riskante Strategie sein. Als mittlerer Anrainerstaat ist Indien auch von China abhängig, das die Oberläufe des Indus, der in Tibet entspringt, und des Brahmaputra im Osten beherrscht. Der Indus-Wasservertrag muss daher im größeren Rahmen der grenzüberschreitenden Flusszusammenarbeit gesehen werden', erklärt Wadhwa."
Archiv: Outlook India
Stichwörter: Indien, Pakistan, Kaschmir

Himal (Nepal), 28.04.2025

1841 verboten muslimische Geistliche in Madras erstmals mittels einer Fatwa kastenbasierte Sklaverei in Indien, erzählt der Historiker Sreyartha Krishna. Anlass war der Fall einer Frau aus der Kaste der Dalit, eine Leibeigene, die sich eines Tages weigerte, weiter für ihren Herrn zu arbeiten. "Sklaverei ist ein Wort, das man in der Geschichte Südasiens nicht sehr oft findet. Wenn sie erwähnt wird, dann meist im Zusammenhang mit der 'islamischen Sklaverei' und insbesondere mit den Mamelucken, den Kriegssklaven, die von den mittelalterlichen islamischen Staaten eingesetzt wurden, die in Südasien vor allem durch die Gründung des Sultanats von Delhi bekannt wurden. Die Muslime hatten die Sklaverei jedoch nicht nach Südasien gebracht: Sie existierte hier schon seit der Antike. Wie in dem Sammelband 'Slavery and South Asian History' aufgezählt wird, gab es gefangene Sklavinnen an den alten Chola-Höfen, versklavte Konkubinen und Tanzmädchen der Rajput-Fürsten des 15. Jahrhunderts, Tausende von Kriegsgefangenen, die für die Maratha-Königreiche arbeiteten, und ihre Gegenstücke, die Wälder für den Anbau in Manipur, Tripura und Assam rodeten. Südasiatische Kaufleute waren lange Zeit auf den Sklavenhandelsrouten des Indischen Ozeans unterwegs. Aber es gab noch eine andere, weiter verbreitete Form der Sklaverei, die selbst in dieser Sammlung nicht erwähnt wird. Wenn im südasiatischen Kontext von Sklaverei die Rede ist, findet man dieses Wort nicht oft in Verbindung mit dem Begriff Kaste. Obwohl die Kaste heutzutage als ungerechtes Unterdrückungssystem anerkannt ist, scheuen sich die meisten Menschen, sie mit Rassismus oder Sklaverei zu vergleichen - ein Vergleich, den Dalits und Adivasi schon lange anstellen. Dies war nicht immer der Fall. Als die Europäer zum ersten Mal auf dem Subkontinent ankamen, sahen sie überall die Sklaverei in Hülle und Fülle. In Südindien fanden sie ganze Kasten vor, die von Geburt an als Sklaven betrachtet wurden, denen es verboten war, Land zu besitzen, und die dazu verurteilt waren, für die Landbesitzer zu arbeiten."
Archiv: Himal

Africa is a Country (USA), 05.05.2025

"In 'Die Verdammten der Erde' warnte der antikoloniale Theoretiker Frantz Fanon davor, dass die postkoloniale Bourgeoisie Afrikas die Symbole der schwarzen Befreiung für ihre eigenen engstirnigen Ziele vereinnahmen und es ihr letztlich nicht gelingen würde, sowohl die psychologischen als auch die materiellen Ketten des Kolonialismus zu sprengen. Fanons Prophezeiung hat sich bewahrheitet: Afrikanische Politiker haben nicht nur die Macht ergriffen, um die kolonialen Unterdrückungsstrukturen mittels Kapitalismus und Korruption zu reproduzieren, sondern fanden auch bereitwillige Kollaborateure unter der afrikanischen Diaspora-Elite, die panafrikanistische Ideale für ihren persönlichen Vorteil entstellten", kritisiert Naila Aroni mit Blick auf schwarze Künstler und Prominente aus den USA oder UK wie Chance the Rapper und Meek Mill, Naomi Campbell, John Legend oder Idris Elba, die Konzerte geben, Filme drehen, Land kaufen oder sich schenken lassen, ohne sich einen Deut um die politischen Hintergründe zu scheren. Die Sängerin Kelis zum Beispiel hat eine große Farm in Kenia erworben, ihrem "Paradies". Doch "die großflächige Landwirtschaft in Kenia ist nach wie vor weitgehend den weißen Siedlern und der kenianischen Elite vorbehalten, während die einheimischen Bauern in Kenia unverhältnismäßig stark von Dürren und Überschwemmungen betroffen sind, was zum Verlust von Ackerland für Vieh und Familie führt. ... In der Zwischenzeit ist die kenianische Regierung nach wie vor in Skandale verwickelt ... Noch besorgniserregender ist, dass Kenias derzeitige Regierung die wirtschaftlichen Beziehungen zu repressiven Regimen zu vertiefen scheint. Vor kurzem empfing sie die sudanesischen Rapid Support Forces (RSF), dieselbe militärische Gruppe, die für Kriegsverbrechen in einem der verheerendsten Bürgerkriege der jüngeren Geschichte verantwortlich ist, und erlaubte ihnen, Treffen zur Bildung einer Parallelregierung im Sudan zu organisieren. Als Vergeltung verbot der Sudan die Einfuhr aller kenianischen Produkte, was den kenianischen Teehandel störte und die Wirtschaft weiter destabilisierte. Kenia als 'Paradies' zu bezeichnen, egal ob es sich um Ackerland handelt oder nicht, setzt eine vorsätzliche Ignoranz der Umstände voraus, unter denen die Kenianer ums Überleben kämpfen."

Auch mit der Demokratie in Südafrika steht es 31 Jahre nach dem Ende der Apartheid nicht zum Besten, kritisiert Ali Ridha Khan. "Südafrikas Demokratie ist in vielerlei Hinsicht würdelos geworden: Die Verwaltungssysteme lassen die Schwachen routinemäßig im Stich und verlangen von den Bürgern, endlos auf auf dem Papier garantierte Rechte zu warten, während sich eine politische Elite und eine kleine neue Klasse von Nutznießern ungestraft an den staatlichen Ressourcen laben. Um diese Realität zu verstehen, muss man die Bedeutung von Verwaltungsjustiz, Würde und Geduld nachzeichnen, bevor man sich der Art und Weise zuwendet, wie sich die Südafrikaner in der Vergangenheit gegen politischen Verrat aufgelehnt haben. Es ist auch notwendig, das Versagen der politischen Parteien in Bezug auf die Rechenschaftspflicht, die Dysfunktionalität der Verwaltung, die die Ungleichheit vertieft, und die emblematischen Fälle - Wohnungsbau, TRC-Wiedergutmachung, Militärveteranen und Landrückgabe - zu betrachten, die die Risse im Verfassungsversprechen offenlegen. Schließlich wird in diesem Aufsatz darüber nachgedacht, wie das weiße Privileg, das von Gruppen wie AfriForum und internationalen Akteuren während und nach der Trump-Administration verstärkt wird, die Frustrationen im Inland verstärkt und einen alarmierenden Rückgang der Wahlbeteiligung anheizt."

Quillette (Australien), 05.05.2025

Nicht nur in Kaschmir, auch zwischen Malaysien und Thailand schwelt seit Jahrhunderten ein Konflikt, der mit der Annexion des Sultanats von Patani 1902 durch die thailändische Armee eigentlich beendet sein sollte, Angehörige der muslimischen Minderheit in Thailand aber immer noch aufbringt, berichtet Imran Said anlässlich der verstärkten Bombenattentate in den letzten Wochen (mehr hier). Jahrhundertelang mussten die malayischen Herrscher im Norden der Halbinsel Tribut an den thailändischen König zahlen. Weigerungen hatten böse Folgen: "Nach der Gründung der Chakri-Dynastie (dem heutigen thailändischen Herrscherhaus) in Bangkok im Jahr 1782 weigerte sich der Herrscher von Patani kategorisch, den neuen Monarchen persönlich zu huldigen. Als Vergeltung machte 1785-86 eine siamesische Armee Patani dem Erdboden gleich. Es hieß, dass 'alle Männer, Kinder und alten Frauen ... gefesselt und auf den Boden geworfen und dann von Elefanten zu Tode getrampelt wurden'. Viertausend Malaien wurden in Ketten nach Bangkok gebracht, zusammen mit zwei riesigen Patani-Belagerungsgeschützen namens Sri Negara und Sri Patani. (Sri Patani ist heute vor dem thailändischen Verteidigungsministerium in Bangkok zu finden). ... Die siamesische Oberherrschaft und die Entbehrungen in der thailändischen Armeen trugen dazu bei, das Gefühl der muslimischen Nordmalaien zu stärken, sich von ihren thailändischen buddhistischen Oberherren abzugrenzen. Ein historischer malaiischer Text beschreibt den siamesischen König als einen 'Ungläubigen, der kein korrektes Verhalten kennt'. Dieses Gefühl beruhte auf Gegenseitigkeit. Der thailändische König Rama III. kommentierte, dass die Thais und die Malaien in ihrer Kultur und Weltanschauung so unterschiedlich wie Öl und Wasser seien, 'aus denen man nicht eins machen kann'. Auch der islamische Glaube wurde im Widerstand gegen die Thais mobilisiert. Während eines siamesischen Feldzugs gegen den rebellischen malaiischen Staat Kedah im Jahr 1821 bezeichneten die Malaien den Konflikt als heiligen Krieg (Dschihad) gegen ein ungläubiges (kafir) Regime. Diese Erzählungen wurden von der damals aufkommenden islamischen Sekte des Wahhabismus beeinflusst, die ihren Ursprung im Nahen Osten im frühen 19. Ihre strengen und militanten Lehren wurden in den islamischen Pondok-Schulen (Hüttenschulen) der Region verbreitet."
Archiv: Quillette

The Atlantic (USA), 04.05.2025

Der Rechtsanwalt und Berater Paul Rosenzweig ist entsetzt über die Demontage des Justizministeriums durch die Trump-Administration. Er sieht darin einen direkten Angriff auf die Rechtsstaatlichkeit: "Ein Beispiel für den Missbrauch des Justizministeriums ist vielleicht das erschreckendste von allen. In einem kürzlich herausgegebenen Memorandum des Präsidenten wies Trump den Generalstaatsanwalt an, 'die Vorwürfe zu untersuchen bezüglich der Nutzung von Fundraising-Plattformen für 'Stroh-' oder 'Schein'-Beiträge und um ausländische Beiträge für politische Kandidaten und Komitees in den USA zu erheben, die alle gegen das Gesetz verstoßen'. Wäre die Untersuchung neutraler Natur, wäre dies vielleicht verständlich. Aber das ist sie nicht. In der Tat gibt es zwei große Fundraising-Plattformen: WinRed (die republikanische Plattform) und ActBlue (die demokratische). Obwohl WinRed Gegenstand von siebenmal so vielen FTC-Beschwerden war wie ActBlue, betrifft das Trump-Memorandum nur letztere. Indem er das Fundraising seiner Gegner ins Visier nimmt, nutzt Trump ganz offen die Befugnisse der Bundesbehörden, um die politische Opposition auszuschalten. Im Grunde benutzt Trump die Behörde, um künftige Wahlsiege der Republikaner zu sichern. Man kann sich kaum eine erschreckendere Variante von Lawrenti Berias berüchtigtem Ausspruch vorstellen: 'Zeige mir den Mann und ich zeige dir das Verbrechen.' ... Das Schlimmste ist, dass wir mit dem Verlust der Rechtsstaatlichkeit auch das System verlieren, auf dem unsere Demokratie beruht. Das Recht erzwingt sich nicht von selbst. Es existiert und belebt unsere Gesellschaft, weil wir daran glauben. Wenn dieser Glaube unter Trumps Angriffen zerbröckelt, leiden wir alle darunter."
Archiv: The Atlantic
Stichwörter: Rechtsstaatlichkeit

HVG (Ungarn), 01.05.2025

Die Historiker Adrienn Szilágyi und Gábor Gyáni veröffentlichten vor kurzem ein Buch über die Geschichte der ungarischen Aristokratie ("Az arisztokrácia tündöklése és bukása Magyarországon 1700-1957"). Im Interview mit Péter Hamvay skizziert Gyáni die Unterschiede zur ungarischen Gesellschaft von heute: "Der Hauptunterschied zwischen der heutigen Elite und der Aristokratie besteht darin, dass letztere ständischen Ursprungs war, mit einem patriarchalen Ethos, das bedeutete, dass sich die Adligen um die Menschen auf dem Lande, um die Lakaien kümmern mussten. Dies führte dazu, dass sie Schulen und Kirchen bauten und eine Politik für die Armen verfolgten. So baute zum Beispiel Fürst László Batthyány-Strattmann, ein Augenarzt, zwei Krankenhäuser und behandelte arme Patienten kostenlos. Natürlich hatten die Bediensteten kein gutes Leben, aber gleichzeitig hatten sie geschützte Existenzen innerhalb des Agrarproletariats (...) Ich glaube (auch im Falle der Auswirkungen der Abhängigkeiten) nicht an einen absoluten historischen Determinismus, wir sollten nicht alles auf die Geschichte schieben. Schauen wir uns Deutschland heute an, wo sich die westliche Hälfte des Landes von diesen ständischen Fesseln befreit hat, die östliche Hälfte aber nicht, weil das kommunistische Establishment, das auf den Nationalsozialismus folgte, diese früheren Abhängigkeiten verstärkt hat."
Archiv: HVG

London Review of Books (UK), 08.05.2025

Hannah Rose Woods bespricht ein Buch Simeon Kooles über Berührungen und den Tastsinn aus kulturhistorischer Perspektive: "Intimate Subjects: Touch and Tangibility in Britain's Cerebral Age". Kooles wendet sich insbesondere gegen historische Erzählungen, die von einer linearen Entwicklung hin zu einer entkörperlichten Moderne führen. Tatsächlich ist das Zusammenspiel zwischen technischer Entwicklung und menschlichem Verhalten komplexer: "Im Laufe des 20. Jahrhunderts machten die Planer der Londoner U-Bahn eine paradoxe Beobachtung: Verbesserungen in der Effizienz schienen dazu zu führen, dass die Menschen sich noch mehr beeilten. Obwohl die Wartezeit zwischen den Zügen auf nur wenige Minuten reduziert wurde, verletzten sich mehr Menschen beim Rennen zu den Türen - obwohl es eigentlich keinen Grund mehr gab, sich besonders zu beeilen. Ein Aufzug konnte schneller sein als eine Rolltreppe, selbst wenn man an den Türen etwas warten musste, doch die Menschen empfanden die Rolltreppe als die schnellere Option, weil ihre Bewegung ohne Unterbrechung weiterlief. Je mehr die Fahrgäste hasteten, desto ungeduldiger wurden sie gegenüber jeglicher Wartezeit. (...) Warum zeigten Menschen nicht dieselbe Ungeduld beim Warten auf den Bus? Was wir übersehen, wenn wir uns zu sehr auf die Mechanik der Personenbeförderung konzentrieren - durch Städte, in die 'Moderne' hinein -, ist, wie unterschiedlich sich Menschen in verschiedenen Kontexten verhalten. Es gab keinen einheitlichen, kontinuierlichen Übergang hin zum 'modernen' Menschen oder zu einem 'modernen' Zeiterleben. Menschen verhielten sich - und verhalten sich noch immer - auf vielfältige und improvisierte Weise. Die körperliche Nähe zu Fremden fühlte sich auf einem geteilten Sitz in der U-Bahn ganz anders an als auf einem Bussitz, wieder anders beim Durchqueren einer vollen Straße, und nochmals anders beim Betreten eines Theaters oder eines Teeladens. Mit jeder Begegnung wurden unausgesprochene Grenzen neu geschaffen und neu gezogen."

New Statesman (UK), 05.05.2025

William Davies zeichnet am Beispiel von Britannien nach, wie die Bürokratie zu einem zentralen Feindbild praktisch aller politischer Lager wurde. Auch die bei den jüngsten Lokalwahlen schwer gebeutelte Labour-Regierung springt auf den Zug auf, möchte (moderat) Stellen im öffentlichen Dienst abbauen und mehr tech-affine junge Leute aus den Universitäten und der Privatwirtschaft in die Strukturen integrieren. Ob das ausreicht? Davies ist skeptisch: "Downing Street möchte, dass solche Maßnahmen als disruptiv und radikal wahrgenommen werden. Gespräche in Labour-Kreisen über eine sogenannte 'Operation Kettensäge' (eine Anspielung auf das Werkzeug, das Argentiniens Präsident Javier Milei und später auch Elon Musk als Symbol ihres regierungsfeindlichen Eifers schwangen) sind ein eher wenig überzeugender Versuch, die Reformagenda an den libertären Zeitgeist anzupassen. Sollte sich diese Agenda jedoch lediglich als eine weitere Runde von New Public Management (NPM), eine etwas härtere Personalpolitik und Einstellungen einiger Physikabsolventen in Kapuzenpullis entpuppen, wird sie kaum auf Resonanz stoßen - und die weit verbreitete Frustration und Desillusionierung nicht aufhalten. Die derzeitige Sorge ist, dass eine Alternative bereits in den Startlöchern steht, eine, die weniger mit einer neuen Art von Management oder Prozessen zu tun hat, sondern vielmehr mit ungezügelter politischer Aggression. Das Modell Doge und Trump verabschiedet sich vollständig von der Logik der Bürokratie. Wie der Soziologe Dylan Riley bereits 2018 feststellte, ist Trump eine Ausprägung dessen, was Max Weber als 'patrimoniale' Herrschaft bezeichnete - eine Herrschaftsform, die die Trennung von 'Privatleben' und 'Amt' aufhebt, das Amt zur persönlichen Bereicherung nutzt und Macht über persönliche Loyalität und Rache ausübt. Zu den Fragen, die Doge-Mitarbeitern vor ihrer Einstellung gestellt wurden, gehörte, wie sie 2024 gewählt hatten. Einige vermuten, dass Doges eigentliche Funktion darin besteht, möglichst viele unregulierte Räume für die Nutzung von KI in den kommenden Jahren zu schaffen - nicht nur, um bestehende Systeme effizienter zu machen, sondern um ganz von vorne zu beginnen."
Archiv: New Statesman

Le Grand Continent (Frankreich), 05.05.2025

Rumänien hat eine alte Tradition des Faschismus - wer sich ein Bild davon machen will, lese die Tagebücher von Mihail Sebastian. Die rumänischen Wahlen 2024 und 25 gehören zu den unheimlichsten Ereignissen einer unheimlichen Wiederkehr und wurden kaum in gebührendem Maße wahrgenommen. Die Wahlen des letzten Jahres waren bekanntlich unter nicht ganz klaren Umständen annulliert worden. Gewonnen hatte sie überraschend der Kandidat Calin Georgescu, eine Art Fantasyfaschist, der einem düsteren Comic entstiegen zu sein schien - jüngst hieß es, dass er seinen Wahlsieg weniger Putin als innerrumänischen Ränkespielen verdankte (unser Resümee). Am Sonntag fand nun also ein neuer Wahlgang statt. Georgescu durfte nicht antreten. Stattdessen liegt nun der Rechtsextremist George Simion vorn, der in Rumänien schon länger sein Unwesen treibt und sich nach den annullierten Wahlen sofort mit Georgescu solidarisierte. Le Grand Continent bringt ein informatives Dossier zu den rumänischen Wahlen. Simion, so zeigt sich, spielt mit allen Versatzstücken des neuen, globalisierten und an Trump angelehnten Rechtsextremismus. Interessant ist, dass bei ihm antisemitische Elemente offensichtlicher zu sein scheinen als bei anderen Varianten in Europa - George Soros spielt hier die übliche Rolle. Außerdem ist Simion Nationalist und will Moldawien nach Rumänien "zurück"-holen, er ist Klimaleugner, aber relativ vorsichtig bei Russland, dessen Gefährlichkeit er kleinredet. Die Startrampe waren für ihn Coronaleugnung und Impfskepsis: "Am 14. Februar 2022, als bereits mehr als 61.000 Rumänen an Covid-19 gestorben waren, erklärte George Simion im Fernsehsender Antena 3, dass die Pandemie nie stattgefunden und keine Auswirkungen gehabt habe, oder genauer gesagt, dass es sich um eine 'Plandemie' gehandelt habe, um eine von Globalisten ausgeheckte Verschwörung mit dem Ziel, die rumänische Bevölkerung zu unterjochen. Der verschwörungstheoretische Neologismus 'Plandemie' … tauchte ab dem Frühjahr 2020 in verschwörungstheoretischen Kreisen auf, die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus bekämpften, und wurde dann durch eine Pseudo-Dokumentation mit dem Titel 'Plandemic: The Hidden Agenda Behind Covid-19' weit verbreitet. George Simion weigerte sich stets, einen Mundschutz zu tragen, obwohl dies gesetzlich vorgeschrieben und von Epidemiologen empfohlen wurde."

New Lines Magazine (USA), 05.05.2025

Von kurdischer Autonomie oder Staatlichkeit will auch der neue syrische (Übergangs)Präsident Ahmad al-Sharaa nichts wissen, betont Sami Moubayed. Gleichzeitig will er die syrischen Kurden aber auch nicht bekämpfen und hat deshalb ein Abkommen mit dem Anführer der kurdischen SDF-Armee (Syrisch Demokratische Kräfte) unterzeichnet. Dennoch glaubt Moubayed angesichts der historischen Spannungen nicht nicht an eine wirkliche Stabilität für die syrischen Kurden und zeichnet die Geschichte der syrischen "Kurdenfrage" nach: "Eine Hochphase der Unterdrückung begann während der kurzlebigen Syrisch-Ägyptischen Union von 1958 bis 1961, als die beiden Länder die Vereinigte Arabische Republik bildeten. Gamal Abdel Nasser tolerierte keine politischen Parteien, egal, welches Programm sie hatten, und als Syrien 1961 aus der Union austrat, führte Nasser eine heftige Kampagne gegen die neuen Führer und beschuldigte sie, Feinde des Arabismus und Agenten Israels zu sein. Dies veranlasste unter anderem den neuen syrischen Präsidenten, dem Namen des Landes (das zuvor 'Syrische Republik' gelautet hatte) das Wort 'Araber' hinzuzufügen und anschließend am 23. August 1962 in der Region al-Dschazira eine umstrittene Volkszählung durchzuführen. Das erklärte Ziel war es, mit den Hunderttausenden von Kurden fertig zu werden, die illegal aus der Türkei nach Syrien eingereist waren, während das unausgesprochene Ziel darin bestand, Syriens arabische Identität zu betonen und seine arabische Bevölkerung zu vergrößern. Über Nacht wurde 120.000 Kurden (20 Prozent der gesamten kurdischen Bevölkerung Syriens) ihre syrische Identität genommen. Einige wurden als 'ajanib' ('Ausländer') registriert, andere als 'maktum al-qayd' ('nicht registriert') gekennzeichnet. Für die syrische Regierung existierten diese Kurden nicht mehr und konnten weder Eigentum kaufen noch verkaufen noch Geburts- oder Sterbeurkunden erhalten. Sechzig Jahre später ist dieses Problem noch immer nicht gelöst. Auch die Frage der kurdischen Staatlichkeit ist noch nicht geklärt."

Tanushree Pandey beleuchtet den gewaltsamen Konflikt, der seit zwei Jahren im Bundesstaat Manipur im Nordosten Indiens wütet: Durch das viel zu langsame Eingreifen der Regierung hat sich der Konflikt zwischen den Kuki, einer überwiegend christlichen Stammesgemeinschaft, und den Meiteis, die mehrheitlich hinduistisch sind, in eine bürgerkriegsähnliche Situation verwandelt, die vor allem dadurch zu massiver Gewalt führt, "dass eine hohe Anzahl an Waffen aus Polizeistationen und staatlichen Waffenlagern in Imphal und den Bergregionen geplündert wurden. Nach Angaben der Landesregierung wurden seit Ausbruch der Gewalt über 6.000 Schusswaffen, 600.000 Schuss Munition und mehr als 28.000 Bomben und Sprengstoffe - darunter 51-mm-Mörser, Handgranaten, Blendgranaten, Tränengasgranaten und Streikpostengranaten - entwendet." So haben sich, erklärt Pandey "zivile Gruppen in schwer bewaffnete Milizen verwandelt. So stand beispielsweise im Dorf Kangvai eine Schülerin am Rande der Kuki-Grenze und kämpfte um ihr Zuhause. Als ich sie im August 2023 traf, trainierte sie noch mit AK-47-Attrappen und Gewehren indischer Produktion. Wochen später erhielt sie echte, modernere Waffen. Geschichten wie ihre und die erschreckenden Folgen der Gräueltaten - vom verstümmelten Körper eines zehn Monate alten Babys bis zu den Schusswunden eines achtjährigen Mädchens, das während einer neuen Gewaltwelle im Januar verletzt worden war - zeigen die brutale Alltagsrealität, der Zivilisten ausgesetzt sind."

Wired (USA), 01.05.2025

Nordkorea schleust seit Jahren IT-Arbeiter in den Westen ein, berichtet Bobbie Johnson: Dahinter steckt ein kompliziertes System, bei dem in den jeweiligen Ländern Strohmänner und -frauen angeheuert werden, die vorderhand remote angeblich für ein Unternehmen arbeiten. De facto betreiben sie aber lediglich Computerfarmen, über die wiederum nordkoreanische Hintermänner eingeschleust werden, die die Arbeit verrichten. "Viele dieser Prätendenten wollen nicht so sehr Geld oder Daten stehlen, sondern verfolgen bloß das Ziel, einen guten Lohn einzutüten, den sie nach Pyongyang weiterschicken. 'Wir haben auf Langfristigkeit angelegte Operationen gesehen, bei denen sie zehn bis 18 Monate in einer dieser Organisationen gearbeitet haben', erzählt Adam Meyers, Senior-Vizepräsident für Gegenmaßnahmen bei der Sicherheitsfirma CrowdStrike. Manchmal aber halten die nordkoreanischen Geheimagenten nur ein paar Tage durch - genügend Zeit, um riesige Mengen an Firmendaten herunterzuladen oder um Schadsoftware im System einer Firma unterzubringen, bevor sie mit einem Mal verschwinden. Dieser Code könnte Finanzdaten ändern oder Sicherheitsinformationen manipulieren. Solche Sämereien können aber auch für Monate, gar Jahre inaktiv bleiben. 'Von nur einer Minute Zugang zum System geht für eine einzelne Firma ein nahezu unbegrenztes mögliches Risiko aus', sagt Declan Cummings, leitender Techniker bei der Softwarefirma Cinder. Experten behaupten, dass solche Angriffe nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Japan und anderen Ländern zunehmen. Sie drängen die Firmen dazu, sich mit dem dringender Sorgfalt zu widmen: Vorgelegte Referenzen direkt ansprechen, danach Ausschau halten, wenn Einstellungskandidaten schlagartig ihre Adresse ändern, ordentliche Tools zur Onlineüberwachung nutzen und Bewerbungsgespräche in physischer Anwesenheit oder die Identitätsbescheinigung persönlich in Augenschein zu nehmen. Doch keine dieser Methoden sind idiotensicher und KI-Werkzeuge schwächen sie immer mehr ab. ChatGPT und andere Tools versetzten nahezu jeden dazu in der Lage, auch esoterisch anmutende Fragen in Echtzeit mit unverdientem Selbstvertrauen zu beantworten und deren Programmierkenntnisse droht, Coding-Tests irrelevant zu machen. KI-Videofilter und Deepfakes sind bei den Tricksereien ebenfalls hilfreich."
Archiv: Wired
Stichwörter: Nordkorea, IT-Sicherheit, ChatGPT