Magazinrundschau

Eine Poesie der Gegenwart

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
04.02.2025. The Point erkundet mit Pier Paolo Pasolini die polyvalente Bedeutung der Körperlichkeit. Yascha Mounk unterhält sich mit Yanis Varoufakis über den neuen Technofeudalismus. Republik überlegt: Was ist ein Mann? In HVG blickt der Cutter Dávid Jacsó mit den Augen des ersten Zuschauers auf einen Film. Die London Review liest die ergreifende Geschichte russischer Botaniker während der Blockade Leningrads. Le Grand Continent warnt vor der "Paypal-Mafia". In Wired fragt Bill Gates, warum er nicht mehr Steuern zahlen muss?

The Point (USA), 15.01.2025

Schon erstaunlich, dass nur ein Buch von Pasolini vor dessen Tod ins Englische übersetzt wurde, überlegt Barry Schwabsky angesichts der Neuübersetzung von Pasolinis erstem Roman "Ragazzi di vita". Die Mischung aus Slang, Dialekt und Standarditalienisch ist schwer zu übertragen, gibt er zu, aber trotzdem: die Übersetzung des Briten Tim Parks ist ihm zu "zimperlich", urteilt der Kritiker, bevor er sich Pasolinis Oeuvre zuwendet: "In der italienischen Literatur hat 'Ragazzi di vita' meines Wissens keinen wirklichen Vorläufer, aber es hat Vorläufer (und dann stilistische Vettern) anderswo: die Romane über das Ghettoleben schwarzer amerikanischer Schriftsteller, angefangen mit Richard Wrights 'Native Son' (1940) und fortgesetzt in Filmen wie 'Boyz n the Hood' (1991) und Gangsta-Rap, die alle versuchen, eine neue Sprache zu schmieden, in der die Erfahrung einer verachteten und marginalisierten Gruppe eine artikulierte Form finden könnte. Und man kann über Pasolinis Protagonisten Riccetto etwas Ähnliches sagen wie James Baldwin über Wrights Bigger Thomas: 'Seine Kraft kommt nicht von seiner Bedeutung als soziale (oder antisoziale) Einheit, sondern von seiner Bedeutung als Inkarnation eines Mythos.' In Pasolinis Fall ist es der Mythos des Vitalismus, d.h. der unkontrollierten Libido. Es war ein Mythos, den er lebte: 'Ich glaube nur an meine eigene Vitalität'." In seinen frühen Romanen und Filmen "war die mythische Dimension stillschweigend, man könnte sogar sagen, versteckt in einer Struktur, die noch vom Neorealismus beeinflusst war, der die italienische Fiktion und das Kino der Nachkriegszeit dominierte. ... Eher im Kino als in der Fiktion entdeckte Pasolini eine vollkommen befriedigende Poesie der Gegenwart. Die traumhafte Intensität eines Filmbildes war seiner Meinung nach 'zutiefst poetisch; ein fotografierter Baum ist poetisch, weil die Körperlichkeit an sich poetisch ist, weil er eine Erscheinung ist, weil er voller Geheimnisse ist, weil er voller Zweideutigkeit ist, weil er voller polyvalenter Bedeutung ist, weil selbst ein Baum ein Zeichen eines Sprachsystems ist. Denn wer spricht durch einen Baum? Gott, oder die Wirklichkeit selbst.' Schon in seiner Besprechung von 'Ragazzi di vita' hatte der Kritiker Franco Fortini 'ein Cinerama' - also eine Ultra-Breitwand-Filmprojektion - wahrgenommen, 'die eine Illusion von Körperlichkeit, von Wahrhaftigkeit vermitteln soll'. Es ist bemerkenswert, dass Pasolini zu einer Zeit, als Linguistik, Semiotik und Strukturalismus die Sprache entmystifizieren wollten, einen Weg suchte, Zeichen und Systeme zu nutzen, um das Transzendente zu offenbaren."
Archiv: The Point

Persuasion - Substack, Yascha Mounk (USA), 04.02.2025

Yascha Mounk unterhält sich mit dem griechischen Ökonom Yanis Varoufakis über den neuen "Technofeudalismus" - so nennt Varoufakis das Wirtschaftsmodell der Tech-Giganten - und über die Frage, warum Europa derzeit den Vereinigten Staaten bei allen technischen Neuerfindungen so hinterher hinkt. Schuld daran ist vor allem der Euro, glaubt Varoufakis, oder vielmehr: die Schaffung eines föderalen Währungssystems ohne das Steuersystem und die Politik zu föderalisieren. "Mit diesem föderalen Geld, aber ohne eine föderale Regierung, haben wir eine Zentralbank geschaffen, eine große internationale Zentralbank, die Europäische Zentralbank, die kein Schatzamt hat, das ihr den Rücken freihält, während wir 18 oder 19 Schatzämter haben, die keine Zentralbank haben, die ihnen den Rücken freihält, weil die Europäische Zentralbank im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten, Großbritannien und China nicht auf unsere Schatzämter zurückgreifen darf. Das Ergebnis war also, dass wir, um die Banken zu retten, nachdem die Wall Street den Zusammenbruch der deutschen und französischen Banken und dann der griechischen und irischen Banken usw. ausgelöst hatte, ein System schaffen mussten, bei dem wir die unteren Klassen in Deutschland, Holland, der Slowakei, Griechenland usw. besteuern, um die Banker zu retten. Denn wir haben die Banker nicht auf die Art und Weise gerettet, wie Amerika seine Banker gerettet hat: durch das Drucken von Geld. Wir haben die Banker mit Steuergeldern gerettet und so im Wesentlichen unsere Volkswirtschaften zerstört, um die Banker wieder aufzupäppeln. Und dann kam es zu einem Dominoeffekt, beginnend mit Griechenland, dem schwächsten Glied, über Irland, Portugal, Spanien, Italien, Frankreich und schließlich Deutschland, und am Ende gab es 15 Jahre lang keine Investitionen. Warum? Weil die Europäische Zentralbank, um den Euro zu retten, irgendwann in den Jahren 2014-2015 anfängt, wie verrückt Geld zu drucken, und zwar mehr als die Fed ... Wohin floss dieses Geld? Es ging an die Banker und die Banker mussten es an große Unternehmen verleihen. Die Deutsche Bank nahm den Hörer in die Hand, rief Volkswagen an und sagte: 'Ich habe hier Milliarden für umsonst. Willst du sie haben?' Nun, Volkswagen schaute aus dem Fenster und sah mittellose Menschen. Es sagte sich: 'Nein, ich werde nicht versuchen, einen Tesla-Konkurrenten zu bauen, denn wer wird sich das leisten können?' Volkswagen nahm das Geld von der Zentralbank via die Deutsche Bank, ging nach Frankfurt und kaufte seine eigenen Aktien. Es gab also eine Inflation der Vermögenspreise, eine Preisdeflation und keine Investitionen. Und das Ergebnis war, dass wir eine oder zwei technologische Revolutionen im Bereich der grünen Energie und des Cloud-Kapitals verpasst haben. Das ist der Grund, warum die Vereinigten Staaten Europa überholt haben, weil sie nicht die strukturellen Probleme hatten, die wir hatten, nämlich föderales Geld und keine föderale Macht."

Republik (Schweiz), 18.01.2025

Was bedeutet es, ein Mann zu sein? Elia Bülle, im Schweizer Kanton Aargau aufgewachsen, versucht es immer noch herauszufinden, erzählt er in einem autobiografischen Text für das Magazin Republik. "Eigentlich wollte ich in diesem Text nüchtern ergründen, wieso junge Männer gerade nach rechts abdriften. Dann merkte ich, das geht nicht, ohne über mich selbst zu schreiben. Erstens, weil ich mittlerweile überzeugt bin, dass das Schweigen und die fehlende Aufrichtigkeit erst die Bühne bereiten, auf der Leute wie Donald Trump gerade laut aufspielen. Und zweitens, weil da, wo ich herkomme, viele junge Männer schon immer rechts waren" und außerdem sehr laut und oft auch gewalttätig. "Erzähle ich heute von dieser Gewalt, relativiere ich sie meist im selben Atemzug. Wer bin ich, über diese Erfahrungen zu sprechen? Andere erleben so viel schlimmeres Leid. Steht mir das überhaupt zu? Ich bin kein Opfer. Definitiv nicht. Gleichzeitig merke ich, wie peinlich mir diese Gewalt ist: Ich kann keine coolen Heldengeschichten erzählen, wie ich Fäuste eingefangen habe, weil ich auf der Straße jemanden beschützt oder mich gewehrt hätte. Würde ich auch nie tun: Seit ich weiß, was ein gut platzierter Schlag auf den Kopf anrichten kann, habe ich fürchterliche Angst davor. Diese Angst ist vielen Männern - mich eingeschlossen - peinlich. Fürchten darf sich ein Mann vor dem Tod. Aber sicher nicht vor Männern. Im Beruf, in Vereinen, in Familien werden Männer ständig von anderen Männern verletzt und erniedrigt. Fast alle schweigen - wie immer bei Gewalt - aus Angst. Aus Angst vor Entmannung. Aus Angst, dass sie sich mit ihrer Scham, mit ihren Verletzungen noch verwundbarer machen."
Archiv: Republik

New Lines Magazine (USA), 03.02.2025

Haben die Syrer gut lachen mit den neuen Machthabern? Aubin Eymard besucht das "Styria-Kollektiv" in Damaskus - den ersten syrischen Comedy-Club. Der Comedian Sharief Homsi und seine Freundin Malke Mardinali eröffneten ihn im Dezember 2022 trotz der Zensur durch das Regime: "Als das Assad-Regime fiel, hatte das Kollektiv gerade eine Tournee mit rund 60 Terminen durch Syrien beendet. 'Insgesamt müssen wir vor etwa 9.000 Leuten aufgetreten sein', schätzt Homsi. 'Sicherlich waren viele Polizisten im Publikum, die uns überwachten. Manchmal kamen sie sogar nach der Show zu uns und gaben es zu. Aber auch sie wollten Spaß haben, und wir waren vorsichtig mit dem, was wir sagten', erklärt er." Jetzt sieht es ganz anders aus, kann Eymard beobachten, der eine Comedy-Show im Styria besucht: "Sogar Syriens neuer Interimsführer Ahmad al-Sharaa ist von ihrem scharfen Humor nicht verschont (...)  Bis 2018 hatte er seine Verbindungen zu al-Qaida abgebrochen und Hayat Tahrir al-Sham (HTS) gegründet, die Gruppe, die heute das Land regiert. Heute präsentiert er sich als geschliffener Staatschef, gekleidet in maßgeschneiderte Anzüge und mit sorgfältig gepflegtem Bart, der Diplomaten aus aller Welt die Hand schüttelt. 'Ich frage mich, wo das enden wird', sinniert Homsi. 'Wird er als Nächstes zum Hipster oder beginnt er, die Staats- und Regierungschefs mit 'Hey, was geht, motherfucker?' zu begrüßen?'" Er wolle, gibt Homsi gegenüber Eymard zu, diese "'Art von Witzen an unserem Publikum testen, um zu sehen, wo die Grenzen verlaufen. Das Trauma der Assad-Dynastie verfolgt uns immer noch. Wir neigen dazu, alte Ängste durch neue zu ersetzen.'"
Stichwörter: Syrien, Damaskus, Comedy, Hts

HVG (Ungarn), 30.01.2025

Der Cutter Dávid Jacsó arbeitet seit längerer Zeit mit Regisseuren wie Kornél Mundruczó und Brady Corbet zusammen. Für seine Arbeit im Corbets letzten Film "Der Brutalist" wurde Jancsó für den Oscar nominiert. Im Interview mit Dóra Matalin erzählt er über die Herausforderung der ungarischen Sprache für die Schauspieler beim Dreh, sowie über die Arbeit als Cutter. "Ich war am Set, es gibt ein paar Szenen, die ich Adrian Brody, der den ungarischen Architekten spielt, im Vorfeld vorgesprochen habe. Als das Drehbuch geschrieben wurde, wollte ich vermeiden, dass der Architekt im Film Ungar ist, weil man das mit den Schauspielern sprachlich einfach nicht machen kann. Ich wusste auch, dass ich im Schneideraum sitzen und leiden werde, weil sprachlich alles nicht richtig ist. (…) Zum Beruf des Regisseurs habe ich nicht genug Ideen und ich mag es nicht, im Winter in der Kälte und im Sommer in der Hitze am Set zu sein. Ein Film entsteht tatsächlich am Schneidetisch. Nur wenige Menschen wissen, was für ein einzigartiger, unvergleichlicher Teil des Filmemachens der Schnitt ist.. Unsere Aufgabe ist es, uns anzupassen und zu versuchen, aus den Leuten, die den Film gemacht haben, das herauszuholen, was sie erreichen wollten. (...) Es ist ein enormer Stress, wenn ein Regisseur Entscheidungen über die Arbeit von 50, 150, 200 Leuten treffen muss und dann nicht alles so wird, wie er oder sie es sich vorgestellt hat. Vielen Leuten fällt es schwer, das loszulassen, sie bringen es mit in den Schneideraum. Der Regisseur hat nicht den gleichen objektiven Blick auf den Schnitt wie der Cutter. Deshalb gehe ich nicht gerne zum Drehort, ich muss das Material mit den Augen des ersten Zuschauers sehen."
Archiv: HVG

London Review of Books (UK), 06.02.2025

Jessie Childs schreibt über eine ergreifende Episode der Leningrader Blockade durch die deutsche Armee im Zweiten Weltkrieg, zu der nun Simon Parkers Buch "The Forbidden Garden of Leningrad" vorliegt. Im Verlauf der Blockade starben mindestens eine dreiviertel Million Menschen (manche Schätzungen sind deutlich höher). Die meisten verhungerten. Darunter ein Botaniker namens Aleksandr Shchukin - in dessen Hand man nach seinem Tod einen Beutel Mandeln fand. Shchukin war Mitarbeiter eines Forschungsinstituts zur Pflanzenzucht, das es sich zur Aufgabe gesetzt hatte, Pflanzen durch genetische Kreuzung resilienter zu machen und dadurch dem Hunger ein für allemal ein Ende zu setzen. Shchukin war keineswegs der einzige, der den Auftrag des Instituts derart ernst nahm, dass er lieber sein Leben beendete, als den Auftrag des Instituts zu gefährden, lernt Childs: "Für die Mitarbeiter des Instituts war die drängendste Frage, wie - oder ob - sie die Saatgutbank vor ihrem eigenen Hunger schützen konnten. Das erste Mitglied des Instituts, das an Hunger starb, war Vavilovs ehemalige Sekretär, Pavel Gusev, nur zwei Monate nach Beginn der Belagerung; später am selben Tag folgte die Bibliothekarin Maria Dmitricheva; im folgenden Monat war es Shchukin, der Erdnussexperte mit seiner Handvoll unberührter Mandeln. Im Januar war der Leiter der Reissektion an der Reihe. 'Wie Shchukin', schreibt Parkin, 'starb er in seinem Büro, umgeben von seinen Forschungsunterlagen und mehreren tausend Päckchen Reismuster.' Am Ende starben mindestens neunzehn Botaniker im Institut, obwohl sie Zugang zu Samen, Nüssen und Knollen hatten, die ihr Leben hätten retten können. 'Es war nicht schwer, die Sammlung nicht zu essen', meinte Lekhnovich später. 'Es war unmöglich, sie zu essen - das Werk deines Lebens, das Werk des Lebens deiner Kollegen.' Außerdem gab ihnen das Institut einen Grund, weiterzumachen: 'Während der Blockade starben die Menschen nicht nur durch Granaten und Hunger, sondern auch an der Sinnlosigkeit ihrer Existenz. Auf die direkteste Weise hat unsere Arbeit uns gerettet. Sie gab uns einen Grund zu leben.'"

Außerdem: Alex de Waal überlegt am Beispiel von Gaza, wie man eine Hungersnot misst. Tom Stevenson denkt über einen vermeintlichen Nutzen der Hamas für Israel nach. Anke Mlinko erinnert an die 1996 verstorbene britische Autorin Caroline Blackwood. Daniel Soar schreibt anlässlich einer Mailänder Ausstellung über Jean Tinguely. Toril Moi stellt die norwegische Autorin Vigdis Hjorth vor.

Mediazona (Russland), 30.01.2025

Der russische Lehrer Pavel Talankin war für das Filmen von Schulveranstaltungen an seiner Schule zuständig, filmte aber den Großteil der Veranstaltungen, um daraus zusammen mit dem amerikanischen Dokumentarfilmer David Borenstein den Film "Mr. Nobody Against Putin" zu machen. Im Interview mit Dmitry Golubovsky und Dmitry Tkachev spricht Talankin über die Entstehung des Films und seine Beweggründe: "Seit Kriegsbeginn hat sich alles verändert, und auch ich habe mich völlig verändert. Ich erinnere mich an den ersten Tag, als der Krieg begann - es machte mich verrückt, ich ging immer wieder zur Schulleiterin und fragte: 'Wie können Sie das sagen? Wie können Sie das unterstützen?' Und sie sagte nur: 'Nehmen Sie sich ein paar Tage frei, ruhen Sie sich aus.' Also gaben sie mir ein paar Tage frei... aber mit dem Beginn des Krieges änderte sich alles drastisch. Wenn Sie den Film gesehen haben, werden Sie wissen, dass ich meinen Rücktritt eingereicht habe. Das ist völlig richtig. Und als ich zurückkam, wusste ich schon, dass ich einen Film machen würde. (...) Das russische Bildungsministerium schickte Anweisungen, dass bestimmte Unterrichtsstunden gefilmt werden mussten. Mein stellvertretender Leiter für Bildungsarbeit sagte zu mir: 'Geh und nimm es auf.' Das habe ich getan. Ich habe mit zwei Kameras gefilmt. Eine war von hoher Qualität, die andere war schlechter. Das Material mit der schlechteren Qualität schickte ich an das Ministerium, völlig unbearbeitet. Die bessere Qualität - also die, die den Ton richtig einfing und so weiter - speicherte ich auf einer Festplatte. Ganz zu Beginn unserer Zusammenarbeit schrieb David an mich und sagte: 'Kannst du eine Kamera aufstellen und dich selbst zu Hause filmen?' Das war es, was ihn wirklich interessierte - wie ich das alles erlebte, wie ich mich fühlte. Aber für mich war es wichtig, zu zeigen, was passiert ist. Also fragte ich weiter: 'Ernsthaft? Warum sollte ich mich zu Hause filmen? Wozu?' Ich bin einfach nicht so, ich halte nur fest, was passiert. Aber später dachte ich: Vielleicht ist es sogar das Beste."

Hier der Trailer:

Archiv: Mediazona

Merkur (Deutschland), 01.02.2025

Ein klares Jein! Der Merkur, einst ein so punkiges Institut, weiß sich des Streits  um die Antisemitismusdefinitionen nur in einem Pro und Contra zu entledigen. Team IHRA-Definition ist die Rechtswissenschaftlerin Marietta Auer. Team "Jerusalem Declaration" ist der Soziologe Stefan Hirschauer. Rührend ist schon Hirschhausers Sorge um die Juden, denn der "weite" Antisemitismusbegriff der IHRA-Definition, die israelbezogenen Antisemitismus einschließt, verschaffe "dem Diskriminierungserleben von Juden viel Nahrung. Er verstärkt die Zurechnung aller möglicher Erfahrungen von Kritik, Ablehnung, Spott oder Gehässigkeit aufs eigene Judentum." Viel präziser scheint er das "nicht per se" der "Jeruslam Declaration" (JDA) zu finden, die etwa BDS als "nicht per se" antisemitisch betrachtet. Hirschauer argumentiert in weiten Teilen seines Artikels politisch. Die deutsche Politik befinde sich "in diesem asymmetrischen Konflikt aufseiten des Stärkeren". Die IHRA-Definition blockiere "ein klares Sprechen über die so illegitime wie rechtswidrige Gewalttätigkeit von Juden in Palästina", so Hirschhauser. "Wir sind daher angesichts der irreversiblen Verbrechen gegenüber jüdischen Menschen einerseits angemessen aufmerksam für Antisemitismus, andererseits geradezu unfähig zu einem der aktuellen Politik Israels auch nur halbwegs angemessenen Zorn - wie er auf Pro-Palästina-Demonstrationen artikuliert wird."

Auer argumentiert in ihrer Rechtskolumne technischer, wenn auch nicht ohne klare Position. Sie findet die IHRA-Definition sehr wohl brauchbar. Die 'Weite' des Antisemitismusbegriffs stört sie nicht: "Selbst wenn die IHRA-Definition 'vage', 'unklar' oder 'unpräzise' wäre, folgt daraus noch kein juristisch schlagendes Argument gegen ihre Brauchbarkeit. Juristen, die so argumentieren, sollten eigentlich wissen, dass alle Rechtsbegriffe unbestimmt sind und die Hauptlast der Konkretisierung immer am konkreten Fall und nicht an der abstrakten Definition hängt." Und ist die JDA so viel präziser, oder kaschiert sie nur eine Absicht? "Sie ist, auch wenn sie sich selbst anders präsentiert, keineswegs über jeden Zweifel erhaben oder immun gegen Kritik. Sie behauptet, dass es einen kategorischen Unterschied zwischen Antisemitismus und Antizionismus gebe. Sie begründet es nicht. Sie verlangt vielmehr ihrerseits eine Umkehrung der Begründungslast: Antizionismus und Israel-Kritik sollen nicht mehr im Regelfall, sondern nur noch im Ausnahmefall antisemitische Rede darstellen. So entsteht durch schlichte Neusortierung der Argumente eine strategische Neuausrichtung des Argumentationsfelds."
Archiv: Merkur

Le Grand Continent (Frankreich), 03.02.2025

In den USA zeichnet sich unter Donald Trump ein neues Oligarchentum ab - Andrea Venanzoni ist nicht der erste, der es bemerkt. Auch er beschreibt das Oligarchentum als ein ungutes Verschmelzen von Privatkapital und staatlicher Sphäre. Russland hat es in primitiver Weise vorgemacht, indem es den Ehrenkodex des russischen Gefängnissystems auf die ganze Gesellschaft übertrug. Nun folgen die USA mit einem Oligarchentum 2.0. Entscheidende Akteure seien dabei Dons der "Paypal-Mafia", also einiger Gründer aus dem Umfeld von Paypal wie Elon Musk, Peter Thiel, Marc Andreessen oder der Linkedin-Gründer Reid Hoffman - der Begriff "Paypal-Mafia" wurde durch die Wirtschaftszeitung Fortune geprägt und durch ein berühmtes Foto im Jahr 2007 - einer Zeit als die "Sopranos" ganz groß waren - illustriert (Musk fehlt auf dem Foto). Die Techno-Rechte, so Venanzoni, ersetzt die Idee der Globalisierung "durch die Idee des "Empire": "In einer globalen Welt, in der die technischen Herausforderungen die Grenzen überschreiten, wo ganze Regionen durch Interessen zusammengehalten werden, kann nur noch ein Imperialismus die Freiheit aufrechterhalten... Trotz ihrer Herkunft aus dem Silicon Valley verabscheut die Techno-Rechte die Globalisierung. Diese Art, wirtschaftliche und finanzielle Bindungen mit fremden Ländern herzustellen, die für das 'alte' Silicon Valley typisch war, weist sie zurück. Ihr Sündenbock heißt Google… Peter Thiel lässt keine Gelegenheit aus, um mit dem Giganten aus Mountain View die Schwerter zu kreuzen."

Deník Referendum (Tschechien), 31.01.2025

Angesichts der Tatsache, dass bei den nächsten Wahlen in Tschechien voraussichtlich der Milliardär Andrej Babiš mit seiner nationalistisch-populistischen ANO-Bewegung gewinnen wird und wohl ebenfalls bereit ist, mit rechtsextremen Kräften eine Regierung zu bilden, versucht der Publizist und Politologe Jiří Pehe in einem Essay die Hintergründe genauer zu verstehen, warum Mitteleuropa "der kranke Mann Europas" ist. Häufig heiße es, die mitteleuropäischen Länder kopierten lediglich den Populismus-Trend, der sich derzeit in den westlichen Demokratien manifestiere. Dabei reagierten jedoch die Wähler in westlichen Länder auf reale Probleme - besonders der Massenmigration -, die in den mitteleuropäischen Staaten überhaupt nicht existierten, so Pehe. Trotz des Fehlens dieser Herausforderungen "feiern die Politiker in unserer Region Erfolge mit einer Politik, die auf Angstmacherei basiert und die wirtschaftliche Lage in ihren Ländern als katastrophal darstellt, selbst wenn es dem Land im Vergleich zu vielen anderen nicht schlecht geht." Eine weitere gängige Erklärung sei - siehe auch Ostdeutschland - die Erfahrung des kommunistischen Totalitarismus, die hier immer noch ihre Spuren hinterlasse. Pehe fragt sich jedoch, ob die Ursachen für den aktuellen Aufstieg des Nationalismus darüber hinaus nicht auch auf das österreichisch-ungarische Erbe zurückzuführen seien. Österreich sei schließlich der kommunistischen Diktatur entgangen, und dennoch ähnele dort "das derzeitige Erstarken der extremen Rechten sowie die politische Mentalität der Österreicher dem, was wir in Ungarn und der Slowakei sehen und wahrscheinlich bald auch hier sehen werden." Österreich-Ungarn sei im Vergleich zu Westeuropa in vielerlei Hinsicht "reaktionär" gewesen. "Es hatte zwar ein Parlament, doch das wurde von der kaiserlichen Macht umgangen. In der Realität herrschte eine mächtige und rückständige Bürokratie. (…) Eine gründliche Analyse dessen, warum und wie etliche pathologische Züge der Politik Österreich-Ungarns sich noch heute manifestieren und zu den auffälligen Ähnlichkeiten in der Politik jener Länder führen, die damals den Kern der Monarchie bildeten, könnte uns vielleicht helfen, ein besseres Verständnis für die Geschehnisse in Mitteleuropa zu bekommen", so Jiří Pehe.

The Wire (Großbritannien), 01.02.2025

Der Vinyl-Hype der letzten Jahre und damit die Rückkehr der Haptik im Musikgenuss beschert der Branche durchaus manchen Geldsegen - und bei den großen Playern auch die eine oder andere Begehrlichkeit. Kleinere Labels kommen dabei aber auch durchaus ins Stöhnen. Labelbetreiber John Brien etwa wünscht sich lieber ein CD-Revival. In seinem Essay gestattet er einen kleinen Blick hinter die Kulissen, mit was für Anstrengungen die Vinylproduktion verbunden ist. CDs zu produzieren ist demgegenüber deutlich günstiger und so gut wie nicht fehleranfällig. "Important Records ist ein kleines Unternehmen und die Effizienz der Compact Disc hilft mir, Sachen auch ohne viel zeitraubendes Troubleshootingen erledigt zu bekommen." Sie "gestattet mir eine größere kuratorische Freiheit, da ich mir um die finanziellen Risiken weniger Gedanken machen muss. ... Wenn eine Palette mit CDs bei mir im Büro ankommt, gibt es keine Überraschungen. Aber sobald ein Presswerk eine Vinyl-Lieferung an meine Adresse ankündigt, beginnen die Sorgen. ... Voller Grauen senke ich die Nadel auf das erste, ausgepackte Exemplar. Ich brauche zwei Plattenspieler in meinem Büro. Der eine fürs allgemeine Hören, der andere, um Testpressungen und Neuveröffentlichungen zu analysieren. Wenn es auf dem einen Dreher Probleme gibt, brauche ich einen zweiten, um sicherzustellen, dass das Problem mit der Platte und nicht mit dem Plattenspieler zu tun hat. ... Verzerrungen im Lauf, Probleme mit Aussetzern auf der Pressung, in neues Vinyl eingelassene Partikel, statische Aufladung, Staub aus der Fabrik, Wellungen durch Lagerung und Versand und viele weitere Probleme können zum Problem werden, selbst wenn das Presswerk einem versichert, dass es vorsichtig ist. ... Ich nutze zahlreiche Mastering-Techniker, Cutting-Techniker und Presswerke, je nach gepresster Musik. Ich habe tausende Dollar und viele Stunden dabei verloren, Projekte vom einen zum anderen Presswerk zu verschieben. Mit dem Geld, das ich verloren habe, um Probleme bei der Vinyl-Produktion zu lösen, könnte ich viele CDs veröffentlichen."
Archiv: The Wire
Stichwörter: Musikindustrie, Vinyl

New Yorker (USA), 03.02.2025

Der demografische Wandel macht auch vor den Blutspendern nicht Halt: Der Bedarf an Blut wird immer größer, die Zahl derjenigen, die spenden können und es auch tun, immer kleiner. Nicola Twilley lässt sich für den New Yorker in die Welt jener Wissenschaftler einführen, die mit Hochdruck daran arbeiten, die Funktionen des Blutes künstlich nachzubilden. Zwei Ärzte, Allan Doctor und Dipanjan Pan, arbeiten mit ErythroMer an einem Projekt, das mit Nanopartikeln die Struktur des sauerstofftransportierenden Hämoglobins nachahmt, auch wenn sie noch nicht ganz am Ziel sind, Blut ersetzen zu können: "Zurzeit, sagte mir Philip Spinella, Transfusionsmediziner, ist organisches Blut immer noch die sicherste Bank für eine Reihe verschiedener Situationen: Gynäkologische Blutungen, Schädel-Hirn-Traumata, Herz-OPs - aber er sieht eine Zukunft von individuellen Blutanmischungen. 'Vielleicht braucht die Pathophysiologie von postpartalen Blutungen mehr Thrombozyten oder mehr Plasma als ein Onkologie-Patient oder ein Patient mit einer Lebertransplantation', vermutet er. 'Sobald wir das grundlegende Rezept ausgetüftelt haben, können wir darauf aufbauen.' Doctor und Pan haben kürzlich begonnen, an einem Forschungsantrag zu arbeiten, um Nanopartikel zu entwickeln, die sich an rote Blutkörperchen verletzter Soldaten anheften können, um ihre Wirkung auf verschiedene Weisen zu verstärken. 'Die roten Blutkörperchen können mit Wirkstoffen ausgestattet werden, die Sauerstoff viel schneller binden und wieder abgeben können als bei durchschnittlichen Menschen', so Pan. Egal, ob diese Bemühungen wirklich klinische Realität werden, die Aufgabe Blut zu synthetisieren oder auch nur zu verbessern, hat uns eine Menge über Blut gelehrt. 'Was ich nicht kreieren kann, habe ich nicht verstanden', hat der theoretische Physiker Richard Feynman einst berühmterweise auf seine Tafel an der Caltech geschrieben. Der Prozess, auszuprobieren und darin zu scheitern, die Magie zu kopieren, die sich im menschlichen Körper abspielt, hat Wissenschaftlern Fragen beantwortet, die sie sonst gar nicht zu stellen gewusst hätten."
Archiv: New Yorker

New Statesman (UK), 03.02.2025

Will Dunn stellt einen Vergleich an zwischen Bill Gates und Ren Zhengfei, den Gründer des Telekommunikationsausrüsters Huawei. Beides Menschen, die es nach oben geschafft haben - bei denkbar unterschiedlichen Ausgangssituationen: "Um ein erfolgreicher Unternehmer zu werden, bedarf es einer außergewöhnlichen Risikobereitschaft. Eine Möglichkeit, diese zu erlangen, besteht darin, mit ihr geboren zu werden - genug Wohlstand zu besitzen, sodass Misserfolge keine echten Konsequenzen hat. Auf diesem Modell beruhen die frühen Karrieren Donald Trumps und Elon Musks, und es gab Bill Gates - dessen Urgroßvater eine der größten Banken Seattles gründete - das Selbstvertrauen und die Sicherheit, Microsoft zu etablieren. Der andere Weg besteht darin, so wenig zu haben, dass die Welt ohnehin mit deinem Scheitern rechnet; es könnte die Dinge kaum noch schlimmer machen. Unter solchen Bedingungen gründete Ren Zhengfei Huawei, ein Unternehmen, das zum weltweit größten Anbieter von Telekommunikationsausrüstung werden sollte. Trotz ihrer sehr unterschiedlichen Hintergründe sind Gates und Ren beide Produkte der Systeme, die sie umgaben. Gates wuchs im Nachkriegsamerika auf, einem Land, das seiner Meinung nach für seine Generation neu aufgebaut wurde - und speziell für diejenigen seiner Generation, die mit seiner Kombination aus Intellekt, Neugier und Gier ausgerüstet sind. Ren wurde in einer kommunistischen Diktatur geboren, in der er Pragmatismus und politisches Geschick erlernte."
Archiv: New Statesman

Wired (USA), 31.01.2025

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Eben ist die Autobiografie von Bill Gates erschienen. Journalist Steven Levy begleitet die Karriere der Tech-Ikone in seiner Berichterstattung bereits seit den frühen Achtzigern. Entsprechend privat nimmt sich das Gespräch, das er zum Anlass dieser Buchveröffentlichung mit Gates geführt hat, stellenweise auch aus. Neben biografischen Details geht es aber auch um Bill Gates als politische Person: Dass er immer wieder gegen Ungerechtigkeiten und Ungleichheit zwischen den Menschen angeht, irritiert Levy dann doch - wie passt das zusammen, wenn man als einer der reichsten Männer der Welt nicht nur sehr ungleich gegenüber anderen Menschen ist, sondern vielleicht auch Nutznießer globaler Ungerechtigkeiten? "Die Weltökonomie hat ein paar hyper-reiche Leute hervorgebracht. So wie mich. Und vielleicht 50 oder 60 weitere. Elon Musk steht an der Spitze dieser Liste, aber mit Jeff Bezos, Mark Zuckerberg, Steve Ballmer, Warren Buffett und Michael Bloomberg gibt es einige Leute mit einem atemberauenden Reichtum. Ich denke, das ist okay. Ich wäre hier für ein progressiveres Steuersystem, sodass ich etwa ein Drittel so viel Geld hätte wie ich habe. Das wäre immer noch ein gigantisches Vermögen. ... Ich bin mir sehr sicher, dass ich mehr Steuern gezahlt habe als irgendwer sonst, der unter den Lebenden weilt  - mehr als zwölf Milliarden. Es gibt durchaus Techniken, die ich hätte nutzen können", um weniger zu zahlen. "Aber wenn Leute damit durchkommen, auf legale Weise weniger Steuern zu zahlen, dann ist es ein wenig sonderbar, ihnen dafür die Schuld zu geben. Wir sollten das Steuersystem ändern. ... Einige der 50 Hyper-Reichen sind für eine progressivere Besteuerung. Es erstaunt mich, dass selbst die Demokraten wenig unternommen haben, um das Steuerzeug progressiver zu machen. Ich bin ein Verteidiger der Erbschaftssteuer, ich halte sie für fantastisch. Ich würde es schwieriger machen, sie zu umgehen."
Archiv: Wired