
Philine Bickhardt
eröffnet eine interessante Perspektive auf die
Studentenbewegung, die in
Serbien seit Monaten gegen die Regierung von Aleksandar Vučić protestiert. Mit der Zeit hat sie sich zunehmend politisiert und ist zu einem ernstzunehmenden Gegner der Regierung geworden. Gleichzeitig jedoch beobachtet Bickhardt eine beunruhigende Entwicklung: Die Protestierenden orientieren sich zunehmend selbst
stark nach rechts. Das konnte die Autorin am 28. Juni beobachten, an dem "traditionell der Kosovo-Schlacht auf dem Amselfeld im Jahr 1389 gedacht wird. Serbische Nationalisten leiten aus diesem Gründungsmythos
Ansprüche auf Kosovo ab." Bei der großen Protestveranstaltung wurde "die Rhetorik vom Gründungsmythos immer wieder auf der Bühne bemüht, wie auch die Verteidigung des christlichen Europas gegen den 'islamischen Orient'", der sich aus der Besatzung Serbiens durch das Osmanische Reich herleitet, wie Bickhardt erklärt. Woher kommt der Rechtsdrall? "Die junge Generation um die zwanzig, sagen viele, sei in einem sehr nationalen und christlichen Umfeld aufgewachsen, in dem es
keine Geschichtsaufarbeitung gegeben habe. Das erkläre zumindest teilweise die Rolle der Religion, aber auch des Kosovo bei dieser Generation. Es sei für sie - paradoxerweise - also kein Widerspruch, dass das Wort 'Kosovo' als Chiffre für einen
imaginären Befreiungskampf funktioniere - obwohl Kosovo selber den meisten jungen Menschen gar nichts bedeute. Das befreit sie als politische Akteure nicht von Verantwortung, erklärt aber ein Stück weit, warum sie selbst dem Narrativ des 'Verrats' verhaftet bleiben."
Sebastian Backhaus
berichtet vom Alltag nach dem Machtwechsel im
gespaltenen Syrien, der geprägt ist von Unklarheit und steigender Unruhe. Ein herrlicher Tag, um im Mittelmeer baden zu gehen und sich zu entspannen, dachte sich Lubna Talib, Alawitin, Lehrerin und Stammgast des Ugarit-Strandes in Syrien. Früher ist Lubna dort regelmäßig mit ihren Freunden schwimmen gegangen, doch seit der Strand von
sunnitischen Rebellen überwacht wird, welche nun einen Teil der Regierung darstellen, steht es schlechter um ihre Freiheit. Einen
neuen Bikini braucht sie sich nicht zu kaufen, soviel ist klar, denn dank der neuen Verordnung sind nur noch Abayas, lange Gewänder, zum Schwimmen erlaubt: "'Bin ich in Afghanistan?', fragt sie sich.' Ich erkenne mein Latakia nicht mehr', sagt sie. Unter Assad war Latakia bekannt für seinen vergleichsweise modernen, säkularen Lifestyle. Das ist vorbei. Zwei Tage nach Lubna Talibs Strandbesuch, am 12. Juni, verkündet das Ministerium für Tourismus: Es werde erwartet, dass am öffentlichen Strand '
bedeckendere Badebekleidung getragen wird' - Kleidung, die einen Großteil des Körpers bedeckt. Auch für Männer gelten neue Regeln: 'Männer sollen ein Hemd tragen, wenn sie sich nicht im Wasser befinden.' Für Lubna Talib ist das Verbot, einen Bikini zu tragen, viel mehr als einfach eine neue Vorschrift. Sie fürchtet, dass dieser Eingriff in ihre Freiheit ein symbolischer und unheilbringender ist: der Beginn der
Islamisierung Syriens, die sie als alawitische, aber säkulare Frau stigmatisieren und drangsalieren wird."