Magazinrundschau - Archiv

Deník Referendum

4 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 12.10.2021 - Deník Referendum

"Kein Triumph, aber eine Chance", schreibt Jakub Patočka über das tschechische Wahlergebnis und betont auch den großen Einfluss der Bewegung Milion chvílek ("Eine Million Augenblicke für die Demokratie"), die in unermüdlicher Straßenarbeit mit den Bürgern über die Probleme des Populimus diskutiert hat. "Ohne die phänomenale Arbeit der fähigsten tschechischen Bürgerbewegung der letzten zwei Jahrzehnte wäre der Wahlausgang ein anderer gewesen." Einig sind sich viele Kommentatoren darüber, dass die Piraten, die im Sommer noch eine Favoritenrolle spielten, zu Unrecht so schlecht abgeschnitten haben, waren doch sie es, die die Antikorruptionsaufklärung am stärksten vorangetrieben hatten und für Babiš so zur größten Bedrohung wurden. Dass seine Desinformationskampagne gegen sie so erfolgreich war, ist eine bittere Ironie, so Jakub Patočka: "Sie sind paradoxerweise das Opfer eines Umfelds, das sie als ihr 'ureigenes' sahen. Im Internet wurde eine unbarmherzige, präzedenzlos rohe Kampagne gegen sie geführt." Da nun die klassische Linke nach dem krachenden Untergang der Sozialisten und Kommunisten praktisch nicht mehr da ist, hofft Patočka auf neue Kräfte, dieses Vakuum zu füllen: Im Grunde seien jetzt Milion chvílek und die Piratenpartei "die relevantesten, einflussreichsten politischen Kräfte auf der linken Seite. Für das Klima und eine ökologische Politik, soziale Gerechtigkeit und die Qualität der Demokratie wird nun so viel Raum sein, wie wir ihn gemeinsam mit Milion chvílek und den Abgeordneten der Piratenpartei erobern können. Es ist eine Arbeit, die morgen beginnt."

Magazinrundschau vom 07.09.2021 - Deník Referendum

Der Künstler Pavel Karous bedauert, dass aus Prag nach und nach Gebäude des sogenannten Brutalismus verschwinden, und ruft zum Protest gegen den aktuell drohenden Abriss des Verwaltungsgebäudes des Militärbauwesens in der Prager Neustadt auf. Das Gebäude in der Boženy Němcové (Foto im Artikel), das in den 70er-Jahren nach den Plänen des Architekten Jan Hančl entstand, sei trotz seines brutalistischen Stils "sensibel in das Umfeld der älteren Gebäude eingefügt" und befinde sich in einem guten Zustand. Nachdem der Besitzer, der das Gebäude jahrelang mit Reklameflächen verhängte, wegen dieser Verhüllung einen Rechtsstreit gegen den Architekten verlor, will er es jetzt ganz abreißen lassen. Und offenbar ist selbst das Amt für Denkmalschutz, das es für schützenswert hält, dagegen machtlos. Dabei sei die jetzt offenbarte Struktur nicht nur ein architektonisches, sondern auch technisches Zeugnis der damaligen Bauweise, so Karous. Und er erinnert daran, Prag stehe "eben nicht nur wegen seiner landschaftlichen Lage, seiner gotischen, barocken und historisierenden Bauwerke auf der Liste des UNESCO-Kulturerbes, sondern auch wegen seiner symbiotischen Durchmischung mit den Schichten der frühen und späten Moderne. Diese Spätmoderne werden wir jetzt wegen der kommerziellen Interessen ein paar mächtiger Einzelner unwiederbringlich verlieren."

Magazinrundschau vom 23.02.2021 - Deník Referendum

Viele Nachrufe gibt es in den tschechischen Medien auf den letzte Woche verstorbenen christlichen Philosophen Jan Sokol, der mit seiner vielfältigen und integren Persönlichkeit offenbar viele Menschen beeindruckt und beeinflusst hat. Martin Beck Matuštík würdigt den 1936 geborenen "Goldschmied und Uhrmacher, Mathematiker und Programmierer, Philosophen und Pädagogen, Übersetzer, Unterzeichner der Charta 77, ehemaligen Abgeordneten und Schulminister, Präsidentschaftskandidaten und Gründungsdekan der Fakultät der Humanwissenschaften an der Prager Karls-Universität" auch als unermüdlichen Wikipediabeiträger und beliebten Hochschullehrer. "Er eröffnete gerne eine Debatte und wartete dann auf den Konsens. In der Politik wie an der Universität hielt Sokol Opposition für einen wichtigen Schutz vor autoritären Tendenzen selbst angesichts der besten Führungspersönlichkeiten. 'Eine vernünftige Regierung muss sich ihre Kritiker kultivieren. Ohne sie lassen sich große Fehler und Dummheiten unmöglich vermeiden', meinte er. Nach dem gleichen Prinzip zeigte er sich kritisch gegenüber autoritären Strukturen auch anderer Institutionen und Regierungen, in seiner Heimat wie in den benachbarten Ländern, so verteidigte er zum Beispiel Soros' Zentraleuropäische Universität in Prag und dann in Budapest. (…) Durch seine Treue zum Gedanken des Ideenpluralismus darüber, wie man innerhalb starker demokratischer Institutionen richtig lebt, war Sokol ein Mensch, der die Grenzen unseres Denkens verschob."
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Stichwörter: Sokol, Jan

Magazinrundschau vom 01.12.2020 - Deník Referendum

Von "einer der größten ökologischen Katastrophen in der Geschichte der Tschechischen Republik" spricht das unabhängige Onlineportal Deník Referendum in Bezug auf die Vergiftung des Flusses Bečva in Mähren, die Ende September auf einer Länge von etwa vierzig Kilometern quasi das Flussleben auslöschte. Seit der Verseuchung "sind zwei Monate vergangen, und die Polizei hat immer noch keinen Täter ausgemacht. Schon vor einem Monat wies Deník Referendum nach, warum es praktisch ausgeschlossen sei, dass die Quelle der Vergiftung ein sechzehn Kilometer langer Kanal ist, der vom Industrieareal des damaligen Großbetriebs Tesla in Rožnov pod Radhoštěm stamme. Auf den wies nämlich die Polizei bereits am 26. September, also sechs Tage nach dem Unfall, hin. "Aus unseren Nachforschungen hat sich im Gegenteil ergeben, dass der wahrscheinlichste Verursacher die Chemiefabrik DEZA aus der Agrofert-Holding von Premier Andrej Babiš ist." Sprecher der Fabrik hatten wiederholt jeglichen Unfall geleugnet. Deník Referendum hat nun allerdings die Aussagen von Mitarbeitern und sogar dem Angestellten, der das Unglück verursachte, dass sehr wohl kurz vor der Verseuchung des Flusses ein Unfall bei DEZA passiert ist, außerdem von Chemieexperten feststellen lassen, dass es sich bei dem hauptsächlichen Gift nicht wie offiziell behauptet um Zyanid handelt, sondern um Phenol. In einem sehr ausführlichen Investigativbericht beweist das Portal, dass "Agrofert nicht die Wahrheit sagt". Verdächtig sei auch, dass "schon einen Tag nach dem Unfall die Tschechische Umweltinspektion darüber Bescheid wusste, dass DEZA keine Schuld habe, obwohl es doch noch ganze vier Tage dauerte, bis Zyanid als Ursache der Vergiftung gemeldet wurde, und weitere zwei Tage, bis man auf den Rožnover Kanal verwies." Auf diese Weise habe man schnell von DEZA ablenken wollen, was es Agrofert offenbar erlaubte, einen riesigen Umweltskandal zu vertuschen.