Magazinrundschau

Alle zu ekstatisch

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
08.10.2024. Africa is a Country erzählt von den verschwundenen Bildern der südafrikanischen Malerin Mmakgabo Helen Sebidi. HVG und Elet es Irodalom wüssten gern von Victor Orban, seit wann 1956 kein Vorbild mehr ist für seine Partei. New Lines sucht ethisch einwandfreie Diamanten in Botsuana. Im New Statesman denkt Sally Rooney über die Leerstelle Religion nach. The Insider besucht karaitische Gemeinden in der Ukraine. Der New Yorker bewundert die Kunst der Shaker und stellt das neue Lobbymonster Silicon Valleys vor.

Africa is a Country (USA), 01.10.2024

Mmakgabo Helen Sebidi, "Bayeng"(Visitation), 1990-1991. Foto: Gabriel Baard; courtesy Everard Read gallery


1991 wurde die damals schon renommierte südafrikanische Malerin Mmakgabo Helen Sebidi nach Schweden an die Nyköping Folk High School eingeladen, eine Internatsschule für Erwachsenenbildung südlich von Stockholm. Sie sollte dort Workshops geben, berichtet Riason Naidoo, sich mit lokalen Künstlern austauschen und vor allem eine Einzelausstellung ihrer Werke veranstalten. Dazu kam es allerdings nie. Sebidi nahm einige ihrer wichtigsten Kunstwerke mit nach Schweden, doch die Ausstellung fand nie statt: "In der Gewissheit, dass sie im kommenden Jahr zu einem neuen Termin eingeladen würde, vertraute Sebidi ihre Werke Pieter Dewoon von der Volkshochschule Nyköping an und kehrte nach Hause zurück. Ein Jahr verging, ohne dass die Ausstellung noch einmal erwähnt wurde. Frustriert bat Sebidi um die Rückgabe ihrer Kunstwerke. Zu diesem Zeitpunkt erfuhr sie, dass ihre Kunstwerke gestohlen worden waren. Trotz zahlreicher Bemühungen, einschließlich einer Anzeige bei der Polizei und einer Durchsuchung der Volkshochschule Nyköping, wurden die Bilder nicht gefunden. Die seit 1992 andauernden Bemühungen, das Werk ausfindig zu machen, einschließlich Korrespondenz mit der schwedischen Botschaft, Zeitungsartikeln und Fernsehberichten, blieben erfolglos. Etwas mehr als drei Jahrzehnte später, im Mai 2023, räumte Jesper Osterberg, der Hausmeister der Volkshochschule Nyköping, einen Schrank an der Decke aus, wo er die dort versteckten Kunstwerke von Sebidi entdeckte. Sie waren noch originalverpackt." Riason Naidoo hat die Malerin auch zum Interview getroffen, in dem sie immer wieder ins Spirituelle abschweift, aber auch über ihre Maltechnik und den Einfluss ihres Lehrers John Koenakeefe Mohl spricht: "Bei den Techniken handelt es sich um all die Arbeiten, mit denen wir aufgewachsen sind: Perlenstickerei, Kuhfladenarbeit, Schlammarbeit. Die Afrikaner arbeiten schon seit langem an ihrem Geist. Heute nennt man das Wandmalerei und Bildhauerei. Es gibt keine Ndebele. Wir sind Tswana. Unsere Sprache wurde verändert. Nach dem Tod von Herrn Mohl hat mich meine Großmutter angeleitet. Sie wollte, dass wir immer arbeiten, und sie fand mich immer arbeiten. Wenn uns jemand besuchte, wollte sie nicht, dass wir mit ihm sprachen. Sie wollte uns beschützen. Wir kochten Tee und ließen sie mit dem Besucher reden, während wir weiterarbeiteten. Sie würde das Reden übernehmen. Zehn Jahre lang habe ich das getan. Nach ihrem Tod hatte ich das Gefühl, nackt und leer zu sein. Sie war eine Sozialarbeiterin, eine Hebamme - sie hat alles gemacht. Als ich Bill Ainslie traf, hatte ich diesen europäischen Einfluss in meiner Arbeit."

Der Artikel ist gespickt mit Sebidis ausdrucksstarken Bildern, es gibt auch einen Bericht über sie von Newzroom Africa auf Youtube:

HVG (Ungarn), 03.10.2024

In der vergangenen Woche erschütterte eine Aussage des politischen Direktors im Amt des Ministerpräsidenten die Öffentlichkeit: Balázs Orbán (nicht verwandt mit dem Ministerpräsidenten Viktor Orbán - Anm. d. Red.) verglich die Situation in der Ukraine vor dem russischen Angriff mit der Revolution 1956 in Ungarn. In einem Interview mit einem Parteiorgan bezeichnete Balázs Orbán den ukrainischen Ministerpräsidenten Selenskyj als "unverantwortlich" und warf ihm vor, "sein Land in einen Defensivkrieg" geführt zu haben, der viele Menschenleben koste. Die Ungarn hätten davon abgeraten, hätten sie doch ihre Lektion 1956 gelernt. Ungarn hätte - wäre es an Stelle der Ukraine gewesen - deshalb nicht gekämpft. Diese Aussagen wurden sowohl von den unabhängigen Medien als auch von den Staats- und Regierungsmedien aufgegriffen. Führende Politiker der Regierungspartei, einschließlich Ministerpräsident Victor Orbán haben sich zu Wort gemeldet, Balazs Orban korrigiert, interpretiert und kommentiert (mehr dazu hier und hier). Nach einer Rüge des Ministerpräsidenten und Entschuldigung ist Balázs Orbán nach heutigem Stand der offiziellen Darstellung "Opfer einer Desinformationskampagne" geworden. Für István Riba von der Wochenzeitschrift HVG ist Orbans Aussage nicht nur ein Verrat an 1956, wie er in HVG schreibt, sondern auch eine ahistorische Formulierung, die dem von der Regierungspartei entworfenen Grundgesetz widerspricht und gleichzeitig die Identität der Regierungspartei in Frage stellt: "Der politische Direktor des Premierministers hat es geschafft, den tradierten, jahrhundertealten ungarischen Unabhängigkeitskampf in einem einzigen kurzen Gedankengang mit Füßen zu treten. ... Die Aussage geht über 1956 hinaus und handelt auch davon, wann es sich lohnt, für die Unabhängigkeit einer Nation einzustehen. Es wird suggeriert, dass man nur dann kämpfen solle, wenn es eine Chance auf einen Sieg gibt, denn wenn es keine gibt, sei es besser, sich zu ergeben. ... Untertauchen und abwarten wurden nach '56 zum Lebensprogramm, und obwohl es einige gab, die im Geiste von 1956 handelten, ließ die Masse die Revolutionäre lieber gegen die Wand fahren. ... Diese Mentalität änderte sich erst 1989, als der hingerichtete ungarische Ministerpräsident Imre Nagy und seine Gefährten erneut begesetzt wurden, diesmal mit allen Ehren. Es war Viktor Orbán, der dort die eindringlichste Rede hielt. Seitdem ist es ein grundlegendes Identitätsmerkmal der Fidesz ..., sich nicht auf die Irrealität der Revolution zu fokussieren, sondern auf den Kampf gegen ein tyrannisches Regime. ... Dies war die Haltung aller politischen Kräfte seit 1990 zu 1956. Balazs Orban stellte sie nun in Frage und bestärkte damit das Narrativ der Kádár-Ära."
Archiv: HVG

Elet es Irodalom (Ungarn), 04.10.2024

Zoltán Kovács, Chefredakteur der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom, sieht durch Balazs Orbans Aussagen gar die Mitgliedschaft Ungarns in der EU und in der NATO gefährdet. "Es wurde noch wenig über die ideologische Verwirrung einer Partei gesprochen, in der der politische Direktor des Regierungschefs mit majestätischem Lächeln von den Vorzügen einer Kapitulation spricht, während er freilich weiß, dass sich seine Partei aus der Revolution gegen die sowjetische Aggression von 1956 ableitet, so wie es auch in der Präambel des Grundgesetzes heißt: 'Wir stimmen mit den Abgeordneten des ersten freien Parlaments überein, die in ihrer ersten Entschließung erklärten, dass unsere heutige Freiheit aus der Revolution von 1956 hervorgegangen ist.' Gilt das noch?

New Lines Magazine (USA), 03.10.2024

In einem Land wie Botsuana, denken viele, kann man guten Gewissens Edelsteine kaufen, erklärt Louise Donovan mit Bezug auf eine Untersuchung des Time-Magazins zum Thema "Blutdiamanten" aus dem Jahr 2015: "In einer Branche, die historisch von Gewalt, Schmuggel und Kinderarbeit geplagt ist, ist das Land für seine ethisch einwandfreien Diamanten bekannt. Es hat sogar das königliche Gütesiegel erhalten: ein aus Botswana stammender Kristall ziert Meghan Markles Verlobungsring von Prinz Harry." Vor mehr als fünfzig Jahren schlossen der südafrikanische Diamantengigant de Beers und die botsuanische Regierung eine lukrative Partnerschaft, um die Diamantenminen des Landes zu betreiben. Und tatsächlich hat die Diamanten-Industrie dem Land zu relativem Wohlstand verholfen, die Luxusprodukte machen heute über 90 Prozent der Gesamtexporte und ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts aus, so Donovan. Doch mit den ethischen Standards ist es nicht so weit her wie behauptet, fand Donovan in Interviews mit den Arbeiterinnen in einer Diamanten-Schleiffabrik heraus: diese berichten von Rattenbefall, giftigem Diamantenstaub, sexuellem Missbrauch. Wer sich in einer Gewerkschaft engagiert, dem droht der Rauswurf, erfährt Donovan von ihren Gesprächspartnerinnen. Einige Fabriken bezahlen nicht mal den Mindestlohn: "Jahrelang haben die niedrigen Löhne die Polierer in die Armut getrieben, sagte Rakwadi, der Gewerkschaftsfunktionär der BDWU. Ihr Lohn deckt Lebensmittel und Miete, aber oft nur wenig anderes. Viele der Frauen sind alleinerziehende Mütter und oft die Haupternährerinnen, die Großfamilien unterstützen. Obwohl die Unternehmen die Löhne ihrer Angestellten durch 'Anreize' aufstocken, das heißt durch monatliche Zuschläge zur Deckung der Transportkosten oder zur Belohnung der Pünktlichkeit, sind diese freiwillig und werden manchmal gestrichen oder einfach nicht gezahlt, so die Frauen. Einige der niedrigsten dokumentierten Löhne wurden bei Dalumi gezahlt, einem globalen Unternehmen mit Produktionsstätten in Botswana. Mehrere aktuelle und ehemalige Polierer mit mehr als zehn Jahren Berufserfahrung in der Branche verdienten ein monatliches Grundgehalt zwischen 1.900 und 2.500 Pula (etwa 140 bis 190 US-Dollar). Der empfohlene existenzsichernde Lohn in Gaborone beträgt 8.119 Pula, so die WageIndicator Foundation, eine globale gemeinnützige Organisation. Doch für viele heißt es, entweder dies oder gar nichts."

New Statesman (UK), 07.10.2024

Fintan O'Toole unterhält sich mit der irischen Schriftstellerin Sally Rooney über deren neues Buch "Intermezzo". Es geht um Sex, Trauer, das Patriarchat, die Romanform - und um Religion, ein Thema, das Rooney gerade deshalb interessiert, weil es in der modernen Welt (zumindest in dem Teil, in dem sie selbst lebt) immer mehr an den Rand gedrängt wird: "Mich interessiert, dass die Religion und der Glaube innerhalb weniger Generationen fast vollständig aus der Menschenheitsgeschichte zu verschwinden scheinen. Das ist beispiellos und stellt einen faszinierenden, rapiden kulturellen Wandel dar, mit dem wir institutionell nicht Schritt gehalten haben. Philosophisch und kulturell ist ein großer Teil der schriftlichen Überlieferung, die wir erben, im religiösen Glauben verwurzelt, und wir eignen uns diese Texte nun aus einer ganz anderen kulturellen Perspektive an. In meiner demografischen Gruppe ist religiöser Glaube selten, und ich denke, das spiegelt sich allgemein in den Statistiken wider. Wie und warum ist das passiert? Wie sind wir in diese Situation geraten? Ich bin interessiert an der Art von Abwesenheit, die dadurch geschaffen wurde - in Bezug auf dieses reiche textuelle Erbe, dem manchmal das zu fehlen scheint, was in unserer Tradition vielleicht das zentrale Merkmal war, nämlich Christus, oder allgemeiner, Gott. Diese Figur ist verschwunden, und so vieles, was sich um sie gruppierte, ist jetzt um eine Abwesenheit oder ein Vakuum herum angeordnet."

Wie es im Nahen Osten weitergehen könnte, darüber denkt Robert D. Kaplan nach. Die Hamas hat - allen militärischen Erfolgen Israels zum Trotz - erst mal gewonnen, weil die Palästinensische Frage plötzlich wieder debattiert wird, auch gezwungenermaßen in den arabischen Ländern, die davon eigentlich die Nase voll hatten. "Da Israelis und Palästinenser zum Konflikt verdammt sind, besteht die einzige Möglichkeit für Israel, einen strategischen Sieg zu erringen, in einem innenpolitischen Wandel im Iran, der zum Zusammenbruch des radikalen klerikalen Regimes und dessen Ersetzung durch einen schwächeren, weniger aggressiven, weniger ehrgeizigen und nach innen gerichteten iranischen Staat führt. Diese Aussicht ist nicht aus der Luft gegriffen. Das Regime wird von einer überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung gehasst und befindet sich in einem verkalkten, spät-sowjetischen Zustand. Massenproteste sind zu einem festen Bestandteil seiner Politik geworden, zuletzt in den Jahren 2022 und 2023 wegen des obligatorischen Tragens des Hidschabs. Nichts in der Geopolitik ist von Dauer. Viele haben einst den Fehler gemacht, das System des Schahs für ewig zu halten; man sollte diesen Fehler nicht wiederholen. Der Zusammenbruch des Schahs war ein weltgeschichtliches Ereignis; der Zusammenbruch des klerikalen Systems in Teheran könnte es auch sein."
Archiv: New Statesman

The Insider (Russland), 02.10.2024

Yuriy Matsarsky besucht für The Insider karaitische Gemeinden, eine im Mittelalter entstandene Form des Judentums (hier mehr), in den besetzten Gebieten der Ukraine und erzählt, wie sie dem Druck der russischen Besatzung standhalten. "Die Karaiten von Charkiw sind nicht die einzigen, die sich in tödlicher Gefahr befinden. Angehörige dieses Volkes lebten und leben noch immer in Gebieten, die im Februar und März 2022 an die Front gerieten oder besetzt wurden, darunter auch die Karaiten von Melitopol. Nahezu alle Mitglieder der lokalen Gemeinschaft, die vor dem Krieg recht bedeutend war, sind geflohen. Sie reisten durch die besetzte Krim, dann durch Russland und weiter nach Europa. Einige sind in den unbesetzten Teil der Region Saporischschja zurückgekehrt, aber die meisten sind im Westen geblieben. Die karaitische Gemeinde von Melitopol hat faktisch aufgehört zu existieren. 'Es gab eine Gemeinde in Berdiansk, und auch sie ist, glaube ich, fast vollständig weggegangen,'" sagt Alexander Dzyuba, der Kazan der Kenesa von Charkiw. Er glaubt, dass seine Gemeinschaft trotz großem Assimilationsdruck weiterbestehen wird. "Solange es Kenesen und Gemeinden gibt, werden die Karaiten weiter existieren. Sie mögen assimiliert sein und vielleicht kein Wort ihrer Muttersprache mehr sprechen, aber sie werden verstehen, was es bedeutet, Karait zu sein, dass sie zum karaitischen Erbe gehören und dass die Tora zu ihnen gehört. Es ist kein Zufall, dass vor der Revolution ein gängiges Sprichwort unter den Karaiten lautete: 'Es gibt keinen Karaiten ohne die Tora'. Ohne sie bricht die gesamte Struktur zusammen. Da hilft auch die Sprache nicht, wenn das Fundament fehlt - die karaitische Religion.'"
Archiv: The Insider

Forum24 (Tschechien), 04.10.2024

Jana Podskalká unterhält sich mit der slowakischen Regisseurin Iveta Grófová über ihren aktuellen Film "Ema a Smrtihlav" (engl. "The Hungarian Dressmaker"), der während des Zweiten Weltkriegs im damaligen Slowakischen Staat spielt, und zieht Parallelen zur derzeitigen angespannten kulturpolitischen Lage in der Slowakei. Auf die Frage, ob die rechtspopulistische Regierungspolitik bereits Einfluss auf das Filmschaffen habe, antwortet Grófová, zumindest bei der Filmförderung sei das der Fall. "Bis vor kurzem gab es beim Audiovisuellen Fond unabhängige Kommissionen, wo Filmexperten saßen, die über Drehbücher und andere Projekte urteilten. Künftig werden die Projekte von einem Rat des Fonds beurteilt, in den das Kulturministerium seine Leute delegiert hat, wobei das Zahlenverhältnis so ist, dass kein Projekt ohne ihre Zustimmung durchgeht. (…) Der Vorsitzende der SNS (Slowakische Nationalpartei) Andrej Danko hat in den Medien bereits mitgeteilt, dass das Kulturministerium keine Filme mit Themen finanzieren werde, die der Regierung nicht gefallen." Spürbar sei außerdem der zunehmende Druck, der auf die LGBT-Community ausgeübt werde. Auch hier sieht Grófová Parallelen zum damaligen Slowakischen Staat (1939-1945): "Vereinfacht gesagt, so wie früher die Juden an allem schuld waren, sind jetzt homosexuell orientierte Menschen an allem schuld. Das wird so oft wiederholt, dass es ein unübersehbarer Angriff ist. Wenn sogar die Kulturministerin behauptet, die LGBT-Gemeinschaft sei schuld an der schlechten demografischen Entwicklung, weil keine Kinder geboren werden, dann ist das absurd."
Archiv: Forum24

54 Books (Deutschland), 03.10.2024

Kais Harrabi stutzt beim Scrollen durch seine Tiktok-Empfehlungen, als ihm immer wieder melancholische Nostalgie-Videos unterkommen, die das Hochglanz-Flair insbesondere der US-Achtziger beschwören - und wieviele Nachgeborene (darunter auch er selbst) dabei tatsächlich die Wehmut packt, obwohl sie keine Erinnerungen an diese Zeit haben können und die Bilder allesamt aus den Tiefen der KI-Datensilos stammen (und es ist wirklich fast schon gruselig, wie stilecht das aussieht, mehr davon hier). "Dabei gibt es eigentlich kaum einen Grund dafür, den Blick sehnsüchtig zurückschweifen zu lassen. Das New York der Achtziger, auf das sich so viele der Nostalgie-TikToks beziehen, gab es so gut wie nicht. Die Stadt galt damals als rattenverseuchtes Höllenloch; die AIDS-Pandemie zog eine Schneise der Verwüstung durch die Kunstszene, das (queere) Nachtleben und die vermeintlich coolen Viertel; nachts alleine in der U-Bahn unterwegs zu sein, war keine gute Idee." Doch "was von den Achtzigerjahren an visuellem Material geblieben ist, sind vor allem die Hochglanzträume aus Modezeitschriften und Möbelkatalogen - Bildmaterial, das schon damals zum Träumen (und Kaufen) anregen sollte. Und Bildmaterial, mit dem sich heute relativ problemlos generative K.I.-Modelle trainieren lassen. ... Die K.I.-Bilder wecken aber auch falsche Erinnerungen. Ästhetisch sind sie oft viel zu smooth; die Glätte, die die Fotos versprechen, können weder Katalogfotos noch Filme solcher Stilisten wie 'Top Gun'-Regisseur Tony Scott einlösen. Das hat damit zu tun, dass die Achtziger auch das letzte Jahrzehnt waren, in dem man sich sicher sein konnte, dass das, was man im Kino oder Fernsehen zu sehen bekam, nicht aus dem Computer stammte. ... Filme wie 'Wall Street', Martin Scorseses 'Die Zeit nach Mitternacht' oder Tony Scotts Fortsetzung von 'Beverly Hills Cop' haben immer noch eine physische Qualität. ... Die Neon-Dreams sind dagegen weich, sauber und soft - idealisierte Erinnerungen, False Memories, die ihre Betrachter auf eine introspektive Suche schicken, die hoffnungslos ist und die einzig einen vagen, süßlichen Schmerz darüber triggert, dass diese Räume nie in dieser Form existiert haben."

Besonders gerne werden die TikToks übrigens mit dem Stück "Badge and Gun" von Sunglass Kid musikalisch unterlegt. Das Stück ist bis in feinste Sound- und Arrangementdetails der Klangwelt der Achtziger nachempfunden - ist aber im Sommer 2024 veröffentlich worden.

Archiv: 54 Books

Meduza (Lettland), 03.10.2024

Meduza veröffentlicht einen gekürzten Holod-Artikel (hier die Originalversion auf Russisch) über den russischen Journalisten Nikita Tsitsagi, der mit aufwendigen Kriegsreportagen in Russland Aufsehen erregte und als Anti-Kriegsaktivist auch bei staatlichen Medien ein hohes Ansehen genoß. "'Er war nie ein Putin-Anhänger, aber er war auch kein radikaler Oppositioneller', sagte Tsitsagis Freund Fyodor Otroshchenko gegenüber Holod. (...) Am Abend des 15. Juni 2024 lud Alexander Chernykh Nikita Tsitsagi zusammen mit Korrespondenten von RIA Novosti und Lenta.ru in seine Wohnung in Donezk ein. '[Die Mitarbeiter der staatlichen Medien] fragten ihn scherzhaft: 'Für wen sind Sie denn nun wirklich - für die Roten oder die Weißen?' Chernykh erzählt. 'Er lachte und sagte: 'Ich bin für den Journalismus.' Zu diesem Zeitpunkt war Tsitsagi bereits seit vier Monaten in der Konfliktzone - seine bisher längste Reportagereise. Bei dem Treffen erzählte er von seinem Plan für den nächsten Tag: Er wollte das Kloster Nikolo Vasylivskyi in der Nähe von Vuhledar besuchen, das sich an der Frontlinie befand. Er war bereits ein Jahr zuvor dort gewesen und beschrieb es wie folgt: 'Das Dorf ist von der Welt abgeschnitten, und die Menschen, die dort geblieben sind, verstecken sich in der zerstörten Zuflucht des Klosters. Ihre [Kloster-]Zellen haben kürzlich Feuer gefangen. Als wir die Treppe hinuntergingen, sangen die Nonnen Psalmen inmitten des Knisterns brennender Kerzen und der Geräusche des Beschusses.' Andere Journalisten bezeichneten den Weg zum Kloster als 'Straße des Todes', da er ständig von ukrainischen Drohnen 'beschossen' wurde. Dennoch, so die Direktorin von Nets for Our Own, war Tsitsagi 'fest entschlossen, dorthin zu gehen'. 'Er wollte selbst in diesem Kloster leben', erinnert sie sich. 'Die Mönche lebten irgendwo unten in den Kellern. Man hat mehrmals versucht, sie zu evakuieren, aber sie liefen immer zurück und kehrten in das Kloster zurück.' Tsitsagi machte sich am folgenden Abend auf den Weg zum Kloster; er wusste, dass er eine bessere Chance hatte, nicht von Drohnen entdeckt zu werden, wenn er im Dunkeln unterwegs war. 'Wir konnten ihn nicht abhalten. Es scheint, als hätten wir ihn sogar ein wenig beleidigt. So nach dem Motto: 'Worüber belehrt ihr mich? Ich habe genauso viel vom Krieg gesehen wie ihr', sagte Chernykh. Am 16. Juni wurde Nikita Tsitsagi durch einen Drohnenangriff in der Nähe des Klosters getötet."
Archiv: Meduza

Guardian (UK), 01.10.2024

Rachel Ossip zeichnet noch einmal die Geschichte der Künstlichen Intelligenz nach, insbesondere bezüglich Text-zu-Bild- und Bild-zu-Text-Technologien. Auch zahlreiche der geläufigen Kritikpunkte kommen zur Sprache. Ossip weigert sich allerdings, in das Klagelied derjenigen einzustimmen, die KI für den Niedergang arbeitsethischer Standards im Journalismus verantortlich machen: "Zu sagen, 'wenn diese Technologie nicht kontrolliert wird, wird sie das Feld des Journalismus radikal umgestalten', heißt, ein reichlich optimistisches Bild der Branche zu zeichnen. Die dystopische Zukunft, vor der (zum Beispiel) Mazria Katz und Crabapple warnen - eine Zukunft, in der 'nur eine winzige Elite von Künstlern im Geschäft bleiben kann, deren Werke als eine Art Luxusstatussymbol verkauft werden' - ist leider bereits Realität. Viele, vielleicht sogar die meisten Publikationen halten es für eine nicht zu rechtfertigende Ausgabe, faire Marktgehälter für die oft umfangreiche Arbeit zu zahlen, die erforderlich ist, um ein individuelles Bild zu erstellen. Warum für Bilder bezahlen, wenn es eine Fülle von Stockfotos und Illustrationen gibt, die man äußerst günstig erwerben kann, von Memes, die man mit einem Rechtsklick kopieren kann, von Open-Source-Bildern, die man von Wikimedia herunterladen kann, von Cliparts, die man einfach einfügen kann, sowie von bereits existierenden Arbeiten von Illustratoren, die viele einfach kopieren und stehlen? Von den Publikationen und Unternehmen, die dennoch Originalarbeiten in Auftrag geben, haben viele bereits Design und Illustration an Online-Plattformen für Gig-Arbeit wie Fiverr ausgelagert, die nach dem Konzept von 'Mechanical Turk' entwickelt wurden. Ein möglicher Weg zur Verbesserung des Arbeitnehmerschutzes könnte darin bestehen, sicherzustellen, dass diejenigen, die bereits im Erstellen kommunikativer und ansprechender Bilder geschult sind - Illustratoren, Künstler, Fotografen, Fotoeditoren - am besten in der Lage sind, diese (KI-)Systeme zu nutzen."
Archiv: Guardian

New Yorker (USA), 14.10.2024

Das Silicon Valley gewinnt mehr und mehr Einfluss, der sich längst auch auf die politische Sphäre ausweitet. Einer, der das mit ausgefeilten Werbekampagnen vorangetrieben hat, ist der Berater Chris Lehane, der sich in aggressiver Weise gegen Politiker wendet, die versuchen, Unternehmen und Technologien wie Airbnb, Uber, Cryptowährungen und KI Beschränkungen aufzulegen, Charles Duhigg berichtet für den New Yorker von diesem "neuen Lobbymonster" und von den Gründen, die vorgeschoben werden. Die Crypto-Firma Fairshake hat beispielsweise mehrere Millionen Dollar investiert, um die Kanditatur der Demokratin Katie Porter für den Senat zu untergraben - sie hatte sich für strengere Regulierungen dieser Währungen eingesetzt. Das Übel hat durchaus bekannte Wurzeln: "Man kann die politischen Bestrebungen des Valleys als Symptom einer systemischen Wurzel sehen - als Beweis dafür, dass die amerikanische Regierung und Gesetzgebung von Geld so pervertiert ist, dass es für Menschen, die keine Milliardäre sind, beinahe unmöglich ist, ihre Interessen zu vertreten. Diese Dynamik kann als besonders gefährlich angesehen werden, wenn man bedenkt, dass die U.S.-Wirtschaft verschwenderische Reichtümer auf eine kleine Gruppe unzufriedener, unzurechnungsfähiger Tech-Experten abgeladen hat. Viele Kritiker des Silicon Valleys sehen es so, dass die Start-Up-Gründer und Risikokapitalgeber von heute, wie die Neureichen vorangegangener Zeiten, ihren Reichtum für eigene Zwecke nutzen. Dabei haben sie sich als genau so erbarmungslos erwiesen wie die Räuberbarone und Industrietyrannen vor einem Jahrhundert - nicht zufällig die letzte Zeit, in der die Einkommensungleichheit so extrem war wie heute. Lehane für seinen Teil erkennt an, dass das politische System fehlerbehaftet ist, aber er glaubt, dass er es besser macht. (…) So wie er es sieht, hat Airbnb große Hotelketten bekämpft, damit Lehrer und Krankenschwestern ein zusätzliches Einkommen mit der Vermietung ihrer leeren Zimmer gewinnen konnten. Coinbase hat den Leuten eine Möglichkeit gegeben, die großen Banken und ihre schwindelerregenden Gebühren zu umgehen. Viele der alten Unternehmen haben die Politik benutzt, um auf Kosten der Öffentlichkeit zu profitieren. Es sei nur fair, argumentiert Lehane, die Internet-Unternehmen ebenfalls für ihre Agenda kämpfen zu lassen; sein Einsatz, bekräftigt er, begründe sich in dem Glauben, dass die Technologien, wenn sie gut reguliert werden, den Machtlosen helfen, ihren Anteil zu bekommen. Natürlich hat diese Mission Lehane sehr wohlhabend gemacht. (Er hat sich geweigert anzugeben wie wohlhabend.)"

Eine Geschenkzeichnung von Polly Jane Reed,  (1818-1881), A Type of Mother Hannah's Pocket Handkerchief. New Lebanon, New York, 1851. Andrews Collection, Hancock Shaker Village, Massachusetts.


Jackson Arn besucht die Ausstellung "Anything but Simple: Gift Drawings and the Shaker Aesthetic" im American Folk Art Museum und stellt uns dabei eine Sekte vor, die hierzulande ziemlich unbekannt sein dürfte, die Shaker, die vor 250 Jahren aus Britannien kamen und den Quäkern nicht unähnliche Gemeinschaften bildeten. Dass der Begriff "Shaker" nie abwertend benutzt wurde wie "Puritaner" oder "Amish" hat mit ihren schönen Handarbeiten und Möbeln zu tun, glaubt Arn. "Shaker-Stühle gehören zu den wenigen Kunstwerken, die ich als auf zarte Art streng bezeichnen würde. Wenn ich einen anschaue, tut mir der Rücken weh, jeden anderen Teil von mir beruhigt er. Aber in dieser Ausstellung geht es nicht um Stühle, abgesehen von einem einzelnen einleitenden Werk. Es geht um Aquarell, Tinte und Papier und darum, wie eine Gruppe sich mit bodenlosem Appetit dem Visuellen widmen und dennoch für ihre Einfachheit weltberühmt werden kann. Ein Werk als Schwester Polly Jane Reeds Zeichnung des Hauses der Heiligen Mutter Weisheit, einer spirituellen Einheit der Shaker, zu bezeichnen, wäre nicht falsch. Sie sollten jedoch wissen, dass ein großes blaues Auge aus dem Dach starrt, ein Baum dort wächst und ein kompakter Kosmos aus Regenbogenformen das Haus umgibt, einschließlich eines matschig aussehenden Dings, das einer Seeanemone ähnelt, aber in Wirklichkeit, so Reeds unermüdliche Beschriftung, die Trompete der Weisheit ist. Diese Beschriftungen! Sie hecheln den Bildern hinterher, erklären manchmal, was was ist, sind aber immer mit kleinen Konfettiregen aus Buchstaben verziert. Wenn Sie auf dem Weg nach draußen an diesem Stuhl vorbeikommen, haben Sie vielleicht das Gefühl, dass die Shaker in vielerlei Hinsicht enthaltsam waren, weil sie bereits von der Göttlichkeit beseelt waren. Die Möbel müssen nicht bequem sein, wenn alle zu ekstatisch sind, um zu sitzen."

Weitere Artikel: Sage Mehta erzählt von ihrem Vater, dem Schriftsteller Ved Mehta. Alex Barasch stellt "Chairman Bang" vor, einen unfassbar erfolgreichen Vermarkter von K-Popidolen. Elizabeth Kolbert erklärt, inwiefern das Schicksal des vom Klimawandel gezeichneten Grönlands von Bedeutung für den Rest der Welt ist. Kelefah Sanneh liest eine Biografie des afroamerikanischen Bürgerrechtlers John Lewis. Alexandra Schwartz liest Rachel Kushners neuen Spionageroman "Creation Lake". Alex Ross hört Missy Mazzolis Oper "The Listeners" (hier eine Hörprobe bei Youtube). Lesen dürfen wir außerdem Matthew Klams Kurzgeschichte "Hi Daddy".
Archiv: New Yorker