Magazinrundschau - Archiv

Forum24

8 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 15.10.2024 - Forum24

Vojtěch Laštůvka führt ein langes Gespräch mit dem im Exil lebenden russischen Oppositionspolitiker und Ökonom Wladimir Milow, der Russland für deutlich schwächer hält als allgemein angenommen. "Manche Leute wünschen sich eine sofortige, wundersame Wirkung der Sanktionen, die aber nicht eingetreten ist, und sagen deshalb, dass Sanktionen nicht funktionieren. In Wahrheit funktionieren sie, und mit der Zeit bewirken sie einen noch größeren Effekt. Gerade jetzt, im Herbst 2024, erkennen wir deutlich, dass ihre Auswirkungen sichtbarer als noch vor einem Jahr sind, da in allen wirtschaftlichen Bereichen die Probleme zunehmen. Wir müssen etwas geduldiger sein, unsere hohen Erwartungen dämpfen und mehr Indikatoren beobachten, die die vielleicht nicht sofortige, aber doch bedeutende Wirkung der Sanktionen bestätigen", so Milow. Wäre die russische Regierung so stark, wie sie sich gerne darstelle, gäbe es auch keinen Grund für derart extreme und brutale Repressionen gegen einfache Russen, die sich nicht einmal politisch engagieren, und gegen hohe Amtsträger, die verhaftet und vor Gericht gestellt werden. "Seit dem Stalinismus haben wir nicht mehr ein solches Ausmaß an Säuberungen in den obersten Regierungsorganen erlebt. Das sind keine Zeichen der Stärke, sondern der Schwäche. Putin hält sich nur aufgrund dieser extremen Repressionen an der Macht." Auch die Haftstrafen in Abwesenheit gegen emigrierte Kritiker (wie ihn selbst) sind laut Milow, der selbst einen YouTube-Kanal betreibt, ein deutlicher Hinweis, immerhin "ist die Reichweite unserer Social-Media-Kanäle innerhalb der russischen Gesellschaft bedeutend größer als die Reichweite westlicher Radiosender für die sowjetische Bevölkerung während des Kalten Krieges." Putin fürchte die Opposition. Die Bewegung von Alexej Nawalny und dessen Präsidentschaftskampagne habe es geschafft, so große Protestkundgebungen im ganzen Land zu organisieren wie niemand sonst in den letzten 30 Jahren. "Hätte sich Putin nicht für extreme Brutalität und Repression entschieden, wären wir bereits Zeugen eines politischen Wandels in Russland. Mit seiner Entscheidung für extreme Brutalität zögert er lediglich sein Ende hinaus."

Magazinrundschau vom 08.10.2024 - Forum24

Jana Podskalká unterhält sich mit der slowakischen Regisseurin Iveta Grófová über ihren aktuellen Film "Ema a Smrtihlav" (engl. "The Hungarian Dressmaker"), der während des Zweiten Weltkriegs im damaligen Slowakischen Staat spielt, und zieht Parallelen zur derzeitigen angespannten kulturpolitischen Lage in der Slowakei. Auf die Frage, ob die rechtspopulistische Regierungspolitik bereits Einfluss auf das Filmschaffen habe, antwortet Grófová, zumindest bei der Filmförderung sei das der Fall. "Bis vor kurzem gab es beim Audiovisuellen Fond unabhängige Kommissionen, wo Filmexperten saßen, die über Drehbücher und andere Projekte urteilten. Künftig werden die Projekte von einem Rat des Fonds beurteilt, in den das Kulturministerium seine Leute delegiert hat, wobei das Zahlenverhältnis so ist, dass kein Projekt ohne ihre Zustimmung durchgeht. (…) Der Vorsitzende der SNS (Slowakische Nationalpartei) Andrej Danko hat in den Medien bereits mitgeteilt, dass das Kulturministerium keine Filme mit Themen finanzieren werde, die der Regierung nicht gefallen." Spürbar sei außerdem der zunehmende Druck, der auf die LGBT-Community ausgeübt werde. Auch hier sieht Grófová Parallelen zum damaligen Slowakischen Staat (1939-1945): "Vereinfacht gesagt, so wie früher die Juden an allem schuld waren, sind jetzt homosexuell orientierte Menschen an allem schuld. Das wird so oft wiederholt, dass es ein unübersehbarer Angriff ist. Wenn sogar die Kulturministerin behauptet, die LGBT-Gemeinschaft sei schuld an der schlechten demografischen Entwicklung, weil keine Kinder geboren werden, dann ist das absurd."

Magazinrundschau vom 16.07.2024 - Forum24

Vojtěch Laštůvka führt ein interessantes Gespräch mit dem amerikanischen Osteuropa-Historiker Timothy Snyder, in dem dieser noch einmal erklärt, weshalb Russland seiner Meinung nach ein faschistischer Staat sei: "Russland hat einen Führerkult, es hat eine Partei, betreibt Regierungspropaganda, es opfert sein Volk auf dem Altar eines unsinnigen Kriegs und begeht einen Völkermord in einem anderen Land. Ehrlich gesagt wüsste ich nicht, was wir zum Nachweis noch mehr bräuchten. (…) Unabhängig davon, was Sie unter Faschismus verstehen, ist das heutige Russland faschistischer als Italien vor hundert Jahren." Russlands imperialistische Bestrebungen sieht Snyder offenbar zum Scheitern verurteilt: "Erinnern Sie sich an die Habsburger Monarchie. Damals kamen die Menschen nach Wien und dachten, was für ein herrlicher Ort, um dort zu leben. Russland ist in diesem Sinne kein Reich. Niemand zieht nach Moskau und sagt, wie prächtig es dort ist. Russland ist kein Imperium mit irgendeiner positiven Vision oder kulturellen Kraft. Sein einziges Ziel ist, die positiven Visionen und kulturelle Macht aller anderen zu zerstören." Laut Snyder befinden wir uns in einer spätimperialistischen Epoche: "Die Kriege von Großmächten gegen kleine Staaten laufen in der Regel nicht so, wie wir es erwarten würden. Beispiele sind die Niederlage der Vereinigten Staaten in Vietnam, die Niederlage der Sowjetunion in Afghanistan, die Niederlage Frankreichs im Niger. Tatsächlich siegt gewöhnlich der kleine Staat. Ich denke, wir haben aus der Geschichte insofern nicht gelernt, als die Leute immer noch denken, dass Russland gewinnen muss, weil es groß ist, weil es ein Imperium ist. Das ist nicht die wahre Lehre aus der Geschichte."

Magazinrundschau vom 10.05.2022 - Forum24

Der tschechische Schriftsteller Petr Pazdera Payne (Unterzeichner der Charta 77, Bildhauer und evangelischer Pfarrer) wendet sich, nachdem er auf privatem Wege keine Antwort erhalten hatte, in einem offenen Brief an den tschechischen Kardinal Duka. Duka hatte für Empörung gesorgt, als er auf seinem Blog die in der Ukraine vergewaltigenden russischen Soldaten ebenfalls Opfer nannte, den Ukrainerinnen Pfefferspray und laute Tröten empfahl, und darüber hinaus (für den Fall, dass sie den Angriff überlebten) sich mit ihrer etwaigen Schwangerschaft zu versöhnen. Weiter schrieb der Kardinal: "Es ist aber nicht ganz korrekt, nur von den Verbrechen der russischen Soldaten zu sprechen, weil eine Reihe Zeugenaussagen auch davon sprechen, dass sie Frauen in dieser Bedrohung Hilfe leisteten. Ich möchte diese Frage hier nicht weiter ausbreiten …" Petr Pazdera Payne fordert den Kardinal aber nun auf, genau diese Frage weiter auszubreiten. Er bittet um Präzisierung der Aussage und Angabe von Quellen. "Auch sollte doch erwähnt werden, vor wem diese Retter laut dieser Reihe von Zeugenaussagen denn die angegriffenen Frauen bewahrten - wer sollte oder wollte Ihren Informationen nach in diesen Fällen vergewaltigen? (…) Herr, Kardinal, ich fürchte, dass Sie wissentlich oder unwissentlich die russische Propaganda unterstützen, die behauptet, die russischen Soldaten würden in der Ukraine die armen Zivilisten befreien, sie nicht angreifen, sondern sogar schützen."

Magazinrundschau vom 15.02.2022 - Forum24

Über die Ukraine-Krise unterhält sich Petr Hlaváček mit dem tschechischen Ex-Diplomaten und ehemaligen Havel-Berater Michael Žantovský, der zwar die Beziehung zwischen dem Westen und Russland auf einem absoluten Tiefpunkt sieht, allerdings für den Fall, dass sich die Krise mit friedensdiplomatischen Mitteln abwenden lässt, dafür plädiert, so riskant es auch klingen möge, nach einem neuen dauerhaften Rahmen für die russisch-westlichen Beziehungen zu suchen. Nach Žantovskýs Überzeugung ist Russland "nicht unwiderbringlich dazu verdammt, die Rolle des europäischen Störenfrieds zu spielen. Russland steckt seit fast dreihundert Jahren in dem Dilemma seiner einerseits historischen europäischen Gene und andererseits dem Großrussland-Wahn. Ein Weg daraus führt nur über das Bekenntnis zu den gemeinsamen kulturellen Traditionen und Werten, die niemand Russland gewaltsam aufgedrängt hat, sondern die sich zusammen entwickelt haben und zu denen sich Generationen russischer Intellektueller, aufgeklärter Geister, Gegner der Despotie und des Bolschewismus bekannt haben. Es würde Russland auch ermöglichen zu erkennen, dass die wahren Bedrohungen und Gefahren nicht aus dem Westen oder der NATO kommen, sondern von woanders. Wie Umfragen (etwa des Lewada-Zentrums) zeigen, wünscht sich ein Großteil der russischen Bürger im Unterschied zu Putin bessere Beziehungen zum Westen." Auf die Rolle Tschechiens in der problematischen Visegrád-Gruppe V4 angesprochen, meint Žantovský: "Mit der V4 ist es so wie in einer Familie. In der macht immer irgendeiner Probleme. Seine Geschwister sucht man sich nicht aus. Interessant an der V4 ist, dass die Rolle des problematischen Familienmitglieds wechselt. Zuerst war es Mečiars Slowakei, dann Václav Klaus' Tschechien, jetzt sind die problematischen Geschwister Polen und, noch gravierender, Orbáns Ungarn. Aber die tieferen Motive der regionalen Zusammenarbeit, die wesentliche geopolitische, historische und kulturelle Wurzeln haben, bleiben bestehen. Das Format der V4 zu verdammen, ist zumindest verfrüht und meiner Ansicht nach auch unvorsichtig. Es kann uns noch nützlich sein."

Magazinrundschau vom 10.11.2020 - Forum24

Pavel Šafr unterhält sich mit der tschechischen Opernsängerin Dagmar Pecková, die bei den Prager "Milion chvílek pro demokracii"-Demonstrationen die tschechische Nationalhymne sang. Die überwiegend in Deutschland lebende Mezzosopranistin hat die generelle Befürchtung, die Coronakrise werde den bereits bestehenden Trend noch verstärken, dass die Kultur sich finanziell selber tragen muss. "Keiner bemerkt, dass die Theater (oder Orchester) dadurch gezwungen sind, auf ein mehr unterhaltendes als bildendes Repertoire zurückzugreifen. Das Publikum gewöhnt sich so an eine bestimmte Einfachheit der Wahrnehmung, und sobald es sich um einen nur etwas schwierigeren oder weniger populären Komponisten handelt, kriegen die Theater ihre Plätze nicht voll. Das ist ein Teufelskreis. Und wenn viele Theater schon vorher dieses Problem hatten, will ich diese Art von 'Kulturrevolution' gar nicht erst nach der Pandemie erleben."

Magazinrundschau vom 26.11.2019 - Forum24

Der tschechische Priester und Religionsphilosoph Tomáš Halík ist in Polen mit der St-Georgs-Medaille geehrt worden und fand in seiner Dankesrede deutliche Worte zum Zustand der katholischen Kirche. Forum24 veröffentlicht die Rede, in der Halik unter anderem fragte, ob die Christen genug täten gegen Populismus, Nationalismus und Xenophobie. Auch warnte er vor einer Strömung in der katholischen Kirche, die er "Katholizismus ohne Christentum" nennt, ein autoritatives, erstarrtes Denksystem, das selbst kirchliche Würdenträger verblende, sodass diese statt gegen populistische Demagogen zu opponieren, sich zur Kollaboration mit ihnen verleiten ließen: "Als ich auf Warschauer Straßen Menschenscharen sah, die antisemitische Slogans ausriefen und zugleich skandierten 'Wir wollen Gott', habe ich mich gefragt, was für einen Gott diese Leute wollen. Der Gott, den Jesus von Nazareth seinen Vater nannte, ist es ganz eindeutig nicht."

Magazinrundschau vom 30.07.2019 - Forum24

Johana Hovorková berichtet über eine Online-Kampagne russischer Frauen mit dem Hashtag "Ich wollte nicht sterben" (#Янехотелаумирать), die von den Menschenrechtsaktivistinnen Alena Popowa und Alexandra Mitroschinowa nach offenbar zunehmender häuslicher Gewalt in Russland ins Leben gerufen wurde. Häusliche Gewalt ist in Russland keine Straftat, die Gesetze wurden zuletzt sogar zugunsten der Täter geändert. Schlägt jemand ein Mitglied seiner Familie 'nur' einmal im Jahr zusammen, droht ihm lediglich ein Ordnungswidrigkeit-Bußgeld. "In Russland gibt es 16 Millionen Opfer häuslicher Gewalt, doch es wird der Gewalttäter geschützt, nicht das Opfer", so Popova. "In Russland schlägt ein Mann seine Frau zusammen, zahlt die Geldbuße aus der Haushaltskasse und geht wieder nach Hause. (…) Staatliche Würdenträger sprechen von 'Klapsen' statt von 'Prügeln'. Und die Polizisten sagen der betroffenen Person: 'Wenn es eine Leiche gibt, kommen wir und nehmen es auf.' Vier Fünftel aller Frauen, die wegen Mordes in Haft sitzen, sitzen dort, weil sie sich gegen Misshandlung zur Wehr gesetzt haben." An der Kampagne haben sich Tausende von Frauen beteiligt.