Magazinrundschau - Archiv

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2 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 08.10.2024 - 54 Books

Kais Harrabi stutzt beim Scrollen durch seine Tiktok-Empfehlungen, als ihm immer wieder melancholische Nostalgie-Videos unterkommen, die das Hochglanz-Flair insbesondere der US-Achtziger beschwören - und wieviele Nachgeborene (darunter auch er selbst) dabei tatsächlich die Wehmut packt, obwohl sie keine Erinnerungen an diese Zeit haben können und die Bilder allesamt aus den Tiefen der KI-Datensilos stammen (und es ist wirklich fast schon gruselig, wie stilecht das aussieht, mehr davon hier). "Dabei gibt es eigentlich kaum einen Grund dafür, den Blick sehnsüchtig zurückschweifen zu lassen. Das New York der Achtziger, auf das sich so viele der Nostalgie-TikToks beziehen, gab es so gut wie nicht. Die Stadt galt damals als rattenverseuchtes Höllenloch; die AIDS-Pandemie zog eine Schneise der Verwüstung durch die Kunstszene, das (queere) Nachtleben und die vermeintlich coolen Viertel; nachts alleine in der U-Bahn unterwegs zu sein, war keine gute Idee." Doch "was von den Achtzigerjahren an visuellem Material geblieben ist, sind vor allem die Hochglanzträume aus Modezeitschriften und Möbelkatalogen - Bildmaterial, das schon damals zum Träumen (und Kaufen) anregen sollte. Und Bildmaterial, mit dem sich heute relativ problemlos generative K.I.-Modelle trainieren lassen. ... Die K.I.-Bilder wecken aber auch falsche Erinnerungen. Ästhetisch sind sie oft viel zu smooth; die Glätte, die die Fotos versprechen, können weder Katalogfotos noch Filme solcher Stilisten wie 'Top Gun'-Regisseur Tony Scott einlösen. Das hat damit zu tun, dass die Achtziger auch das letzte Jahrzehnt waren, in dem man sich sicher sein konnte, dass das, was man im Kino oder Fernsehen zu sehen bekam, nicht aus dem Computer stammte. ... Filme wie 'Wall Street', Martin Scorseses 'Die Zeit nach Mitternacht' oder Tony Scotts Fortsetzung von 'Beverly Hills Cop' haben immer noch eine physische Qualität. ... Die Neon-Dreams sind dagegen weich, sauber und soft - idealisierte Erinnerungen, False Memories, die ihre Betrachter auf eine introspektive Suche schicken, die hoffnungslos ist und die einzig einen vagen, süßlichen Schmerz darüber triggert, dass diese Räume nie in dieser Form existiert haben."

Besonders gerne werden die TikToks übrigens mit dem Stück "Badge and Gun" von Sunglass Kid musikalisch unterlegt. Das Stück ist bis in feinste Sound- und Arrangementdetails der Klangwelt der Achtziger nachempfunden - ist aber im Sommer 2024 veröffentlich worden.

Magazinrundschau vom 15.09.2020 - 54 Books

Die Auseinandersetzung mit Videospielen muss in den Feuilletons noch eine ganze Weile reifen, um dieselbe Qualität zu erreichen, wie sie bei anderen Künsten Standard ist, lautet Christian Huberts' Fazit nach einer ausführlichen Bestandsaufnahme. Nicht eben besser wird es dadurch, dass mit "Play It Again, Pac-Man" einer der besten Texte über Computerspiele bereits 1989 veröffentlicht wurde und seitdem nahezu unerreicht ist. Verfasst hat ihn nicht etwa ein Games-Insider, sondern der Dichter Charles Bernstein, der sich mit Neugier und viel Fantasie dieser neuen Form ästhetischer Produktion und Interaktion widmete. Ein "Mangel an Vorstellungskraft" hingegen "ist offenbar symptomatisch für das Schreiben über Games im Feuilleton". Oft offenbare sich "ein Desinteresse an Computerspielen als Kulturform. Wo Charles Bernstein vor dreißig Jahren nach dem Besonderen von Games bohrt, sucht der Feuilleton der Gegenwart allzuoft nach dem Gewohnten. Zu den populärsten Aufhängern für Texte über digitale Spiele zählt daher auch der direkte Vergleich zu älteren Kulturformen." Zu beobachten sind im Zuge "selbsterfüllende Prophezeiungen. Das Publikum goutiert Games nicht, also werden sie ihnen nicht schmackhaft gemacht, also goutiert es Games nicht. Niemand kennt die Autor:innen von Games, also werden sie nicht vorgestellt, also kennt niemand die Autor:innen von Games. Und zu guter Letzt: Die Spielkultur ist vielfältig, komplex und unübersichtlich, also konzentriert man sich auf ihre bekanntesten Elemente, also findet sich niemand in der unübersichtlichen und komplexen Vielfalt der Spielkultur zurecht."