
Kais Harrabi
stutzt beim Scrollen durch seine
Tiktok-Empfehlungen, als ihm immer wieder
melancholische Nostalgie-
Videos unterkommen, die das Hochglanz-Flair insbesondere der
US-
Achtziger beschwören - und wieviele Nachgeborene (darunter auch er selbst) dabei tatsächlich die Wehmut packt, obwohl sie keine Erinnerungen an diese Zeit haben können und die Bilder allesamt
aus den Tiefen der KI-
Datensilos stammen (und es ist wirklich fast schon gruselig,
wie stilecht das aussieht, mehr davon
hier). "Dabei gibt es eigentlich kaum einen Grund dafür, den Blick sehnsüchtig zurückschweifen zu lassen. Das New York der Achtziger, auf das sich so viele der Nostalgie-
TikToks beziehen, gab es so gut wie nicht. Die Stadt galt damals als rattenverseuchtes Höllenloch; die
AIDS-
Pandemie zog eine Schneise der Verwüstung durch die Kunstszene, das (queere) Nachtleben und die vermeintlich coolen Viertel; nachts alleine in der U-Bahn unterwegs zu sein, war keine gute Idee." Doch "was von den Achtzigerjahren an visuellem Material geblieben ist, sind vor allem die Hochglanzträume aus Modezeitschriften und Möbelkatalogen - Bildmaterial, das schon damals zum Träumen (und Kaufen) anregen sollte. Und Bildmaterial, mit dem sich heute relativ problemlos generative K.I.-Modelle trainieren lassen. ... Die K.I.-Bilder wecken aber auch
falsche Erinnerungen. Ästhetisch sind sie oft
viel zu smooth; die Glätte, die die Fotos versprechen, können weder Katalogfotos noch Filme solcher Stilisten wie 'Top Gun'-Regisseur Tony Scott einlösen. Das hat damit zu tun, dass die Achtziger auch das letzte Jahrzehnt waren, in dem man sich sicher sein konnte, dass das, was man im Kino oder Fernsehen zu sehen bekam,
nicht aus dem Computer stammte. ... Filme wie 'Wall Street', Martin Scorseses 'Die Zeit nach Mitternacht' oder Tony Scotts Fortsetzung von 'Beverly Hills Cop' haben immer noch eine
physische Qualität. ... Die Neon-Dreams sind dagegen weich, sauber und soft - idealisierte Erinnerungen, False Memories, die ihre Betrachter auf eine introspektive Suche schicken, die hoffnungslos ist und die einzig einen vagen, süßlichen Schmerz darüber triggert, dass diese Räume
nie in dieser Form existiert haben."
Besonders gerne werden die
TikToks übrigens mit dem Stück "Badge and Gun" von
Sunglass Kid musikalisch unterlegt. Das Stück ist bis in feinste Sound- und Arrangementdetails der Klangwelt der Achtziger nachempfunden - ist aber im Sommer 2024 veröffentlich worden.