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Magazinrundschau

Eine Wundertütensituation

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
05.02.2019. In Harper's geißelt Lionel Shriver den Impuls, Werke entehrter Künstler auszulöschen. In Longreads erzählt Jeff Gold, was er Schönes im Müll des Stooges-Managers Danny Fields fand. Die NYRB lässt sich von Fintan O'Toole die Überlegenheitstechniken der britischen Upperclass erklären. In Novinky erzählt die in Brasilien lebende Schriftstellerin Markéta Pilátová von ihrem "Roma". La Vie des Idees amüsiert sich mit einer Geschichte des französischen Buchdrucks. Der New Yorker macht grenzüberschreitende Gesangserfahrungen mit einem "Roomful of Teeth".

Harper's Magazine (USA), 01.02.2019

In Harper's zeigt sich Lionel Shriver entsetzt und empört über die feige Willfährigkeit, mit der Institutionen und Kulturmanager Künstler - und ihre Kunst - behandeln, denen man eine Verfehlung vorwirft: Ein Komiker soll unaufgefordert vor Frauen masturbiert haben, ein Schauspieler Kollegen sexuell belästigt haben, eine Komikerin setzt einen rassistischen Tweet ab - zack, schon sind die drei nicht nur ihre Jobs los, auch ihr Werk verschwindet. Serien, Filme, Kunstwerke werden aus den Archiven und Streamingdiensten entfernt. Shriver möchte das nicht mal für verurteilte Vergewaltiger wie Bill Cosby akzeptieren: "Der zeitgenössische Impuls, entehrte Schöpfer zurechtzuweisen, indem man ihre Werke vom Kulturmarkt verschwinden lässt, ist bösartig, rachsüchtig und unlogisch. Wenn man jemanden erwischt, der etwas Schlechtes tut, warum würde man dann ausradieren wollen, was er Gutes getan hat? Wenn Sie wegen Einbruchs verurteilt werden, wird der Richter keine Gerichtsvollzieher losschicken, um das Baumhaus, das Sie für Ihre Tochter gebaut haben, abzureißen und Säure auf Ihren selbstgemachten Kuchen zu gießen. ... Dieser Auslöschungsimpuls ist in erster Linie eine Folge von Terror: dass die umherziehende schwarze Wolke der Verleumdung jede Person oder Institution umhüllt, die sich an der Verbreitung des Werkes eines verunglimpfte Künstler beteiligt. Wenn du mitmachst und denjenigen anprangerst, der die Schandmaske trägt, wird sie dich vermutlich nicht streifen. Auslöschung ist auch eine Form des Umschreibens von Geschichte - ein populärer Impuls der letzten Zeit. In der überarbeiteten Version der Ereignisse sind wir diesen ekelhaften Kreaturen nie erlegen. In der historischen Neufassung war schon immer etwas faul an Bill Cosby; er war nie Amerikas Dad."
Stichwörter: Shriver, Lionel

Longreads (USA), 05.02.2019

Jeff Gold ist das Trüffelschweinchen unter den Musikarchäologen. Seiner Spürnase und seiner sturen Beharrlichkeit ist es zu verdanken, dass manche Archiv- und Demoaufnahmen namhafter Bands nicht nur wiederentdeckt, sondern auch erstmals veröffentlicht wurden. Im Gespräch erklärt er, wie er zum Beispiel an den Stooges-Song "Asthma Attack" kam: Gefunden hat er ihn in den umfassenden, aber unsortiertern Beständen des früheren Stooges-Managers Danny Fields. Neben den Kisten in seiner Wohnung hatte Fields noch ein ungesichtetes externes Lager, dem wegen Mietrückstands die Räumung drohte: "Ich sagte zu ihm, Danny, zahl Deine Rechnungen, ansonsten knacken die das Schloss und verkaufen das Zeug oder sie werfen es weg, wenn es uninteressant aussieht. Ihn juckte das nicht groß. Dann sagte ich, wie wäre es, wenn ich die Rechnungen bezahle und das Material durchsehe, ob es da irgendwas gibt, was ich dir abkaufen kann? Damit war er einverstanden. ... Das war echt ein ziemlich muffiges Lager. Kein Licht, keine Fenster, ein düsteres Wirrwarr voller Kisten. ... Ich brachte dann meinen Freund Johan Kugelberg mit, einen Musikhistoriker, Archivar und Autor des definitiven Buches über Velvet Underground. Der wollte Danny auch Zeug abkaufen und er brachte das richtige Equipment mit: eine Handkarre und Taschenlampen. Unter den vielen Kisten der Sorte, wie sie Danny auch in seiner Wohnung hatte, fand ich eine voller Magnetbänder, wirklich Magnetbänder als solche. Aufgerollt, keine Hüllen, keine Beschriftung. Auf ein paar solcher Kisten stand 'Stooges' drauf, auf einer anderen 'Velvet Underground'. Dann gab es da Kassetten. Etwa ein Viertel davon war gekennzeichnet, der Rest war ohne Vermerk. ... Ich erinnere mich noch daran, wie ich Danny sagte: 'Okay, das ist der Preis, den ich Dir bezahlen kann, auf Grundlage dessen, was ich glaube, was ich hier vor mir habe.' Es war ein bisschen eine Wundertütensituation. Wir wussten nicht, was sich auf den Bändern befand. Wir wussten nicht, ob sie noch abspielbar waren. ... Zwei Tage lang saß ich in einem teuren Studio, nur um diese Dinger durchzuhören und eine Ahnung zu kriegen, was da überhaupt drauf war. Das wurde dann ziemlich klar: einige von ihnen konnten nicht zugeordnet werden, andere klangen nach irgendwelchen Kopien, die Danny mal gezogen hatte. Aber es befanden sich auch John Cales Abmischungen des ersten Stooges-Album darin - soweit ich mich erinnere: unbeschriftet."
Archiv: Longreads

Magyar Narancs (Ungarn), 02.02.2019

Der Regisseur György Pálfi (u.a. Taxiderimna) schätzt die Gefahr gering ein, dass von der Orban-Regierung in Auftrag gegebene historische Spielfilme erfolgreich für Propagandazwecke eingesetzt werden können: "Wenn ein Film als Propaganda funktionieren soll, muss er sehr gut sein. Ein schlechter Film erreicht sein Ziel nur schwer. Bloß weil irgendwo sechs Pferde rumhüpfen, werden die Zuschauer ihn noch nicht mögen, auch wenn es ein Film ist, auch wenn es historisch ist. Es ist unglaublich schwer, einen Film für politische Zwecke zu missbrauchen, wenn er nicht gut gemacht ist - weil er an unzähligen Stellen aus dem vorgesehenen Bedeutungsraum entgleisen kann. Ich kenne nur ganz wenige Beispiele für gute Propagandafilme in der Filmgeschichte. Jene Filmemacher, die fähig waren, auf Bestellung Filme zu machen, machten ebenso gute Autorenfilme: Eisenstein oder Leni Riefenstahl. Man muss auf einer Ebene mit Miklós Jancsó sein um etwas Ähnliches hinzubekommen wie "Sterne an den Mützen". Die Medien kann man wesentlich einfacher für Propagandazwecke verwenden."
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New York Review of Books (USA), 21.02.2019

Der Brexit hatte ein Gutes: Er ließ uns Fintan O'Toole entdecken, den Kolumnisten der Irish Times, der als Ire in England aufgewachsen ist und einen scharfen Blick auf die englische (nicht britische) Seele hat. Der britische Romancier Hari Kunzru ("White Tears") bespricht O'Tooles Buch "Heroic Failure - Brexit and the Politics of Pain" und sein Psychogramm der Brexiters: "Die Skrupellosigkeit der Patrizier ist einer beständigsten Züge des britischen Upper-Class-Charismas und eine Technik, Überlegenheit über die regelgläubigen, erbsenzählenden Streber der Bourgoisie zu demonstrieren. O'Toole identifiziert sie korrekt als eine Art 'camp'-Attitüde, die es erlaubt, eigene Fehler mit einem Lachen wegzuwischen und Ignoranz als Tugend auszugeben, die nur die eigene Unberührtheit von einer Sache beweist. Die fatale Anziehungkraft dieser Pose auf das englische Publikum ist verantwortlich für viele sonst unerklärliche Karrieren."

Weitere Artikel: Elaine Blair liest John Burnsides Buch über Henry Miller. Christopher R. Browning spürt mit Paul Hanebrink dem Mythos des jüdischen Bolschewismus nach.
Stichwörter: Brexit, O'toole, Fintan

Novinky.cz (Tschechien), 04.02.2019

Die in Brasilien lebende tschechische Schrifstellerin und Journalistin Markéta Pilátová erklärt, wie viel der in den Siebzigern spielende Film "Roma" des mexikanischen Regisseurs Alfonso Cuarón noch mit dem heutigen Südamerika zu tun hat: Wer es sich dort halbwegs leisten könne, habe eine Hausangestellte. Und tatsächlich bestehe oft eine Art "hybride Verwandtschaft" zwischen Arbeitgebern und Hausmädchen. (Und wenn diese es einmal schaffen, sich zur Sekretärin oder Verkäuferin hochzuarbeiten, stellen sie nicht selten selbst eines ein.) Wer eine Hausangestellte habe, verteidige sich damit, dass diese meist ungebildeten Frauen vom Land oder aus Slums sonst keine Arbeit finden würden. "Was auch stimmt. Andererseits möchte keiner, der Bedienstete hat, dass sich ihre Rechte erweitern und ihre Dienste teurer werden, oder dass sie im Zuge einer Weiterbildung womöglich noch ihren Job an den Nagel hängen. Das System in Lateinamerika ist so eingerichtet, dass jedes junge Mädchen, das das Pech hat, in einem Slum oder in einer armen ländlichen Gegend geboren zu werden, dankbar sein muss, wenn es eine Stelle als Hausmädchen bekommt. Cuaróns sehr präziser Film betört so vor allem die sozial sensiblen Europäer. In Brasilien hat fast jeder zu Hause Netflix, wo man sich 'Roma' ansehen kann. Und auch ein Hausmädchen. Nur gibt keiner der Intellektuellen und Hipster in meinem Freundeskreis zu, dass der Film mit ihnen und ihrer Welt zu tun hat. Und wenn sie ihn fertiggeguckt haben, fegt María oder Lucía oder Juliana hinterher die Popcorn-Krümel weg."
Archiv: Novinky.cz

New Yorker (USA), 11.02.2019

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker lauscht Burkhard Bilger dem Avantgarde-Vokalensemble "Roomful of Teeth". Gegründet von Brad Wells erkundet die Gruppe seit 2009 grenzüberschreitende Gesangserfahrungen: "Eine Art Laborexperiment für die menschliche Stimme. Seine acht Sänger decken einen Bereich von fünf Oktaven ab, von grunzenden Tiefs bis zu Hundepfeifen. Drei haben eine perfekte Tonlage, alle haben ein klassisches Training, und Wells hat Experten hinzugezogen, um ihnen eine verwirrende Auswahl anderer Techniken beizubringen: alpines Jodeln, bulgarisches Schmettern, persisches Tahrir und Inuit und Tuvan Kehlkopfgesang. Da die Gruppe fast alle Stücke schreibt oder in Auftrag gibt, kann sie Vokaleffekte erzeugen, die die meisten Sänger niemals ausprobieren würden. Die erste Platte gewann 2013 den Grammy Award für Best Chamber Music/Small Ensemble Performance. Im selben Jahr gewann Caroline Shaw, eine der beiden Mezzosopranistinnen der Gruppe, als die jüngste Preisträgerin bisher den Pulitzer-Preis für ihr Stück 'Partita for 8 Voices' … Darwin glaubte, Musik und Sprache hätten sich zum Teil entwickelt, indem Menschen natürliche Klänge nachahmten. 'Roomful of Teeth', so könnte man sagen, ist ein weiterer Schritt in diese Richtung. Die exotischen Techniken der Gruppe stützen sich nicht nur auf verschiedene Teile der Stimmanatomie, es sind Tonabzüge der Landschaften, in denen sie entwickelt wurden. In Sardinien existiert die Tradition des 'cantu a tenòre', bei der vier Männer Harmonien singen, die sich an den Stimmgeräuschen ihres Viehs orientieren: Die tiefste Stimme ist eine Kuh, die mittleren Stimmen sind ein Schaf und das Geräusch des Windes, und der Solist ist wie ein Hirte, der zu seiner Herde singt. Indem sie solche Klänge mit den widerhallenden Echos eines Schweizer Jodlers oder mit dem peitschenden Regen des koreanischen P'ansori kombiniert und sie mit Kenntnissen eines Komponisten bearbeiten, produziert die Gruppe Musik, die ursprünglich und anspruchsvoll, uralt und verblüffend modern ist. 'In der klassischen Stimmpädagogik gab es diese harten Grenzziehungen und Beschränkungen', sagt Wells. 'Die Meinung war: Alles andere ist eine minderwertige Verwendung der Stimme. Aber wenn Menschen diese Techniken so lange in verschiedenen Teilen der Welt eingesetzt haben, wie könnten sie sich dann irren? Ich liebe eine kehlige oder eine widerliche Stimme. Ich liebe Stimmen, wenn sie knacken. Ich liebe es, den Sand in der Stimme zu hören. Es geht einzig darum, die Grenzen des Schönen zu erweitern.'"

Hier was zum Reinhören:




Außerdem: Dan Chiasson stellt den Dichter Shane McCrae vor, der in seinen Gedichten Formen der Renaissance und das Gestammel von Donald Trump kombiniert. David Denby zeichnet ein liebevolles Porträt des Drehbuchautors Ben Hecht, dem Adina Hoffman gerade eine "superbe" Biografie gewidmet hat: "Ben Hecht: Fighting Words, Moving Pictures" (in the Yale Jewish Lives series). Und Anthony Lane sah im Kino Florian Henckel von Donnersmarcks Film "Werk ohne Autor".
Archiv: New Yorker

Merkur (Deutschland), 04.02.2019

Und was, wenn Westdeutschland gar nicht der Normalstandard wäre, an dem sich die Ostdeutschen ständig messen lassen müssen? In einem rhetorisch etwas anstrengenden Text erinnert der Historiker Jürgen Große, wie viel Verachtung und billige Stereotype die Ostdeutschen in den vergangenen drei Jahrzehnten über sich ergehen lassen mussten. Wen störte schon, dass selbst Angela Merkel in der CDU jahrelang nur als Zonenwachtel tituliert wurde? "Vieles, was die industrielle Moderne ausmacht, haben Ostdeutsche gründlicher absolviert: Glaubensschwund etwa oder Frauenemanzipation. Im Osten erregt der Kampf um Gender-Sterne oder gegen Gomringer-Gedichte bestenfalls Heiterkeit. Zu sehr dementiert er die Existenz jenes Selbstbewusstseins, das dadurch behauptet werden soll. Das gilt auch für andere Selbstzuschreibungen. Wenn es so etwas wie eine ostdeutsche 'Identität' geben sollte, dann würde diese sich in Identitätspolitik kulturlinken Typs wahrscheinlich auflösen. Nicht die Artikulation des eigenen Andersseins, sondern die Analyse jenes Daseins, das zu seiner Selbstvergewisserung so dringend dieses Andersseins bedarf, verspricht kognitiven Gewinn. Mehr dürfte für die ostdeutsche Minderheit vorerst nicht drin sein."

Außerdem: Heide Volkening schreibt über den plötzlich populär gewordenen, dabei tief in den Erfahrungen von Rostock und Greifswald verwurzelten Politpunk von Feine Sahne Fischfilet.
Archiv: Merkur

The Point (USA), 04.02.2019

Der Philosoph Anton Barba-Kay denkt in einem Essay gründlich darüber nach, wie das Internet die politische Diskussion verändert, weil die Diskussion im Netz ohne sozialen Kontext der Sprechenden auskommen muss. Kontextlos sind auch oft Fakten, die benutzt werden, die eigene Meinung "objektiv" zu untermauern: "Studien haben gezeigt...", heißt es dann. "Doch auch wenn wissenschaftliche Daten zur prestigeträchtigsten Art des Online-Informationsaustauschs geworden sind, hat diese Entwicklung nicht zur Versöhnung unserer politischen Unterschiede beigetragen, sondern im Gegenteil die Polarisierung verstärkt. Während politische oder soziale Informationen ihre Fragmentierung in 'Fakten' erleben, weil sie nach dem Standard objektiven Neutralität bewertet werden, den wissenschaftliche Fakten verkörpern sollen, werden sie zur gleichzeitig parteiischer. Jede Tatsache ist das Ergebnis eines Urteils, das im Rahmen des Zulässigen gefällt wurde. Es gibt eine mehr oder weniger ausgewogene und nüchterne Berichterstattung, aber keine objektive oder neutrale. Wenn also die Charakterisierung des Nachrichtenwürdigen für uns online optional wird, wenn unsere Informationsquellen so vielfältig sind, dass sie auf mich zugeschnitten und kommerzialisiert sind, dann kann es nicht überraschen, wenn diese Vielfalt eher der Polarisierung als dem Konsens dient. Schließlich gibt es keinen zwingenden Grund, das, was ich 'bias' nenne, von dem zu unterscheiden, was Sie einen 'substantiellen Einwand' nennen."
Archiv: The Point

La vie des idees (Frankreich), 04.02.2019

Sehr ansprechend klingt, was Maxime Triquenaux über Robert Darntons neues Buch "Un tour de France littéraire - Le monde du livre à la veille de la Révolution" erzählt. Darnton ist seit langem der vielleicht renommierteste Historiker des Lesens, der die Entwicklung des Buchdrucks vor allem am französischen Beispiel untersucht. Für die englischsprachige Ausgabe des Buchs hat er übrigens eine wunderbare Website angelegt. "Diese Tour de France setzt sich - wie die Tour de France der Handwerksgesellen oder sogar in 'Asterix' - aus einer Abfolge von Etappen zusammen, die jeweils einen bestimmten Aspekt des Buchhandels beleuchten. Pontarlier, eine Grenzstadt, eröffnet den Fokus auf Schmuggelnetzwerke. In Lyon, einer Hochburg des Druckwesens seit dem 16. Jahrhundert, geht es mehr um die Raubdruckunternehmen, die die Pariser Monopole angreifen (etwa die Encyclopédie). Loudun dagegen, eine kleine Stadt, die über keinen große Markt verfügt, erlaubt einen Blick auf die Praxis der Kolportage. Eine angenehme Vielfalt, die die große Präzision der Studie um echtes Lesevergnügen ergänzt."
Stichwörter: Darnton, Robert, Buchdruck

Guardian (UK), 05.02.2019

Die neuen superhohen, superdünnen Wolkenkratzer für Superreiche verändern gerade schlagartig New Yorks Skyline. Oliver Wainwrigt vergleicht den Schub mit anderen Phasen der Architekturgeschichte, in denen technologischer Fortschritt und immenser Wohlstand zu neuen Gebäudetypen führten - als etwa die Römer begannen, mit Beton zu bauen, das viktorianische England mit Stahl und die Amerikaner Aufzüge einsetzten: "Diese Wolkenkratzer sind jedoch nicht nur die Folge einer neuen Konstruktionstechnologie und eines globalen Übermaßes an superreichen Käufern, sie sind auch die Folge einer Zonierungspolitik, die Developern erlaubt, ungenutzten Luftraum zu erwerben, seinem eigenen Grundstück zuzuschlagen und ein riesiges Gebilde darauf zu setzen, ohne dass irgendein öffentliches Verfahren dazu stattfindet. Das Gesicht New Yorks ändert sich in einer seit Jahrzehnten ungesehenen Geschwindigkeit und die Geschäfte, die das vorantreiben, finden hinter verschlossenen Türen statt. Die Ergebnisse reichen von sublim bis subtil, oder sogar beides zusammen. 432 Park Avenue ist ein surreales Kantrohr aus weißem Beton, das zweimal so hoch wie alles um sich herum emporzuschießen scheint, mit seinem endlosen rechtwinklingen Raster aus Fenstern, das Welten aus soliden Marmorbadewannen und klimatisierten Weinkellern umschließt. Es ist der eleganteste der neuen Türme und erinnert an die minimalistischen Skulturen Sol LeWitts, auch wenn Architekt Raphael Viñoly behauptet, er sei von einem Mülleimer inspiriert worden. Er kann eindeutig Müll in Gold verwandeln, das Penthouse wurde für 95 Millionen Dollar verkauft. Es ist das höchste Wohnhaus der Welt, wird es aber nicht lange bleiben. Neben ihm wächst bereits der wuchtige Rumpf des Central Park Tower, ein großer gläsener Hüne, und wird ihm in Kürze die Krone der schwindelerregendsten Residenz auf dem Planeten abnehmen."
Archiv: Guardian

Respekt (Tschechien), 30.01.2019

Der 90-jährige tschechische Schrifststeller und ehemalige Dissident Pavel Kohout schreibt an seinen früheren Weggefährten, den heutigen tschechischen Staatspräsidenten Miloš Zeman einen offenen Brief, nachdem dieser ihm nicht mehr auf private Briefe geantwortet habe. Kohout bereut darin, dass er Zeman bei seiner ersten Kanditatur gewählt habe, und fragt sich, wie es kommen konnte, dass ein Mann, der am ersten Tag seiner Präsidentschaft noch die Europafahne gehisst habe, inzwischen zum Spalter der Gesellschaft geworden sei. Und er schließt seinen langen Brief mit zwei Ratschlägen: "Noch hast du Zeit, dich von deinen eigennützigen Beratern und den schlechten Meinungen, die dir schaden, zu befreien! Dies schreibt dir ein Mensch, der immer noch die neunzig Jahre seines Lebens bewertet und versucht, Fehler wiedergutmachen, zu denen neuerdings auch die erste direkte Präsidentenwahl gehört. Und wenn du dazu keine Kraft und keine Lust hast, Miloš, solltest du so schnell wie möglich zum Wohl der Republik die Präsidentenstafette an einen begabten Politiker der nächsten Generation übergeben, der von den nationalen Katastrophen und Zerwürfnissen unbelastet ist. (...) Ich weiß, dass so ein persönlicher Aufruf lächerlich klingen mag, aber wenn du ihm nachkommen würdest, wärest du für immer der große Mann, der du sein wolltest."
Archiv: Respekt

Gentlemen's Quarterly (USA), 31.01.2019

Mit Gratismusik im Netz lässt sich kein Geld verdienen, hieß es vor ein paar Jahren noch - der gegenwärtige Boom an Soundcloud Rap beweist das glatte Gegenteil: Hier herrscht gerade Goldgräberstimmung, wie Carrie Battan in einer ausführlichen Darstellung des Hypes nachvollziehbar macht - binnen kürzester Zeit hat Hiphop die Charts eingeebnet und zur eigenen Veranstaltung gemacht. Obskure Netzmusiker sind der neue Mainstream. "Nach der Rezession, in der prekären Übergangsphase vom Verkauf physischer Alben zum Streaming, hatten HipHop-Platten weniger als zehn Prozent Marktanteil. Gefangen zwischen einer alten, kollabierenden Infrastruktur und einer neuen vielversprechenden Einnahmequelle, fiel es den Musikern - von jungen, unerfahrenen Teenagers mit einer Fanbase voller Digital Natives ganz zu schweigen - schwer, sich einen lukrativen Deal zu sichern." Doch 2017 "überholte Streaming endlich den physischen Vertrieb, was es einer aufgeweckten Meute junger Stars mit zahlreichen Online-Fans gestattete, die bröckelnden Burgmauern einzureißen. Unterstützt von glühenden Fans, luden Künstler mit absurden Images und Texten über ihren Drogengebrauch dreiste Stücke auf Soundcloud hoch, die die Grenzen zwischen den Genres verwischten und sich zu unkontrollierbaren Hits mauserten. ... Eine universelle Wahrheit besagt, dass jeder Blase einmal platzt. Doch wann immer ich andeute, dass dieser Geldfluss einmal versiegen könnte, stoße ich auf einhelligen Protest der Redakteure bei den Musikfirmen, der Manager, der Festivalgründer und Anwälte. Derzeit reiten wir auf einer derart bedeutsamen, irrwitzigen Welle, dass es nahezu unmöglich scheint, sich deren Ende vorzustellen. Sie bringen allerdings einen bestrickendes Argument vor: Alles in allem ist HipHop nicht wie Disco oder EDM. Er ist kein isoliertes Phänomen wie andere Genres zuvor. HipHop verleibt sich jedes andere Genre, jede Subkultur ein und spuckt sie in einem neuen, lärmenden Format wieder aus. In gewisser Hinsicht ist HipHop zu groß geworden, um noch zu scheitern."
Stichwörter: Hiphop, Streaming, Soundcloud, Rap