Magazinrundschau
Die Probleme sind verstanden
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
22.01.2019. Buzzfeed erzählt, wie die amerikanischen Spin-Doktoren Arthur J. Finkelstein und George Birnbaum Viktor Orban dabei halfen, George Soros zum Feindbild der Antisemiten zu machen. In 168 ora wünscht sich die Dokumentarfilmerin Agnes Sos mehr Wirklichkeit im ungarischen Fernsehen. Der New Yorker sieht in die Zukunft des Journalismus und erkennt nur einen Trump-Tweet. In La vie des idees beschreibt der Urbanist João Sette Whitaker die dunklen Kräfte Brasiliens. Die NYT lernt vom Genetiker David Reich, dass wir alle eine Kreuzung sind. Tablet feiert am 40. Jahrestag der islamischen Revolution im Iran die jüdisch-persische Musik.
Buzzfeed (USA), 20.01.2019
168 ora (Ungarn), 20.01.2019
Ende Januar findet in Budapest das internationale Dokumentarfilmfestival BIDF statt. Im Interview mit Zsuzsanna Sándor schildert Ágnes Sós, Filmproduzentin und Mitbegründerin des BIDF, den schweren Stand des Dokumentarfilms in Ungarn. "Wir haben viele ausgezeichnete Regisseure, und einzelne Werke schaffen es regelmäßig zu den bedeutenden Festivals. Die Gattung findet aber bei uns keine Anerkennung. Jährlich werden mehrere hundert Millionen Euro für die Filmförderung ausgegeben, aber es werden lediglich ein bis zwei Dokumentarfilme gefördert. Das ist sehr wenig. Diese Werke werden entweder gar nicht in den Kinos gezeigt oder nur für eine sehr kurze Zeit, und damit bleiben sie kaum erreichbar für das hiesige Publikum. (…) Zusätzlich zur Förderung müssten die Fernsehsender eine Ausstrahlung zusichern, mit Sendedatum. Die staatlichen Sender zeigen jedoch praktisch keine Dokumentarfilme, obwohl dies ihre Pflicht wäre. (…) Bei der Entscheidung des Medienrates spielt nicht selten die ideologische Anpassung eine Rolle. Ein Dokumentarfilm zeigt die Wirklichkeit und die stimmt nicht unbedingt mit den Interessen der Macht überein. Oft hören wir, dass das ungarische Publikum an Dokumentarfilmen nicht interessiert sei, was sicherlich stimmt, da es ja keine sehen kann. Wir haben das BIDF ins Leben gerufen, damit sich dies ändert."London Review of Books (UK), 24.01.2019
Die Brexiteers kennen nur eine Taktik, glaubt William Davies: "Raus, und wenn das nicht klappt, dann raus." Das Problem mit dem Ausstieg sei, dass er keine politische Lösung ist, meint Davies und begründet dies mit dem Standardwerk "Exit, Voice and Loyalty" des Ökonomen Albert Hirschman, der untersuchte, wie Menschen in einem Markt ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen können: "Meistens halten wir uns Exit und Voice als Optionen offen, eher als theoretische Rechte denn im täglichen Verhalten. Viele Konsumenten wechseln ihr Waschmittel nicht (Exit), wie auch nur wenige Wähler ihre Abgeordneten mit Forderungen und Beschwerden behelligen (Voice). Aber entscheidend ist, dass wir das Recht haben, dies zu tun. Das garantiert uns ein Minimum an Macht. Aber diese Rechte haben jeweils ihre eigene Domäne: Exit gehört in die Sphäre des Marktes, Voice in die Sphäre der Politik. Wie konnte also die Ideologie des Exits - oder seine Fantasie - die britische Politik verschlingen? Wie konnte ein Prinzip des Marktes, der Ausdruck der eigenen Unzufriedenheit durch den Ausstieg, die größte Verfassungskrise seit 1945 hervorrufen? So gesehen ist der Brexit weniger eine Demonstration von Souveränität und Demokratie, als ein neuer Schritt in der Marktwerdung der Politik. Wenn es das fundamentale Recht eines jeden Investors, Kunden oder Händlers ist, zu gehen, wann es ihm passt, warum dann nicht auch das einer Nation?"Weiteres: Auch mit achtzig Jahren lässt Reporterurgestein Seymour Hersh nicht locker: Diesmal geht er Hinweisen nach, wie George H.W. Bush als Vizepräsident von Ronald Reagan verdeckte Operationen am Kongress vorbei lancierte. Besprochen werden Zachary Leaders Biografie des Schriftstellers Saul Bellow und die beiden neu aufgelegten Großewerke "The Great Terror" und "The Harvest of Sorrow" des britischen Historikers Robert Conquest.
Aktualne (Tschechien), 20.01.2019
New Yorker (USA), 28.01.2019
In der aktuellen Ausgabe des New Yorker schaut Jill Lepore mit Jill Abramsons Buch "Merchants of Truth" in die Zukunft des Journalismus, und die sieht nicht rosig aus. Unschuldig sind die Zeitungen daran nicht: "Je stärker Trump die Presse angreift, desto stärker wird die Presse? Leider nicht ganz. Redaktionelle Entscheidungen werden immer häufiger Facebooks News Feed, Chartbeat oder anderen Formen redaktioneller Automatisierung überlassen. Die Hände der Redakteure sind an Algorithmen gebunden. Nicht zuletzt wegen des rasanten Tempos des Journalismus im 21. Jahrhundert tauchen heute routinemäßig Geschichten auf, die vielleicht vor einer Generation nie veröffentlicht worden wären … Das größte Problem ist, dass die Drohgebärden, die Verderbtheit, Verlogenheit und Vulgarität der Trump-Administration viele Reporter und Redakteure aus dem Konzept gebracht haben. Die gegenwärtige Krise, die nichts Geringeres als die totale Verwirrung des öffentlichen amerikanischen Lebens ist, hat viele Leute im Journalismus dazu veranlasst, Entscheidungen zu treffen, die sie bedauern oder noch bedauern werden. Im Zeitalter von Facebook, Chartbeat und Trump haben ältere Nachrichtenorganisationen, kaum weniger als Start-ups, ihre redaktionellen Standards in einer Weise herabgesetzt oder verändert, die das politische Chaos befördert. Drehen Redakteure am Montagmorgen den Globus und entscheiden, welche Geschichten wichtig sind? Oder lassen sie Trumps Twitter-Feed entscheiden? Oft scheint letzteres der Fall. Manchmal macht das, was nicht umbringt, nicht stärker, sondern alle krank. Je streitlustiger die Presse, desto treuer die Anhänger von Trump, desto kaputter das öffentliche Leben. Je verzweifelter die Presse um Leser ringt, desto ähnlicher wird sie der Politik. Die Probleme sind verstanden, die Lösungen schwer zu erkennen. Gute Berichterstattung ist teuer, aber der Leser will nicht dafür zahlen."Außerdem: Yascha Mounk rekapituliert den Mordfall Susanna Feldmann und wie die politische Rechte in Deutschland ihn instrumentalisiert hat. Jia Tolentino befragt den Schriftsteller Marlon James zum Verhältnis von Realität und Fantasie. Anthony Lane sah im Kino M. Night Shyamalans "Glass". Adam Gopnik erklärt, wie man "heilige Bücher" liest. Und Alex Ross hört neue Opern, darunter Philip Venabless' "4.48 Psychosis" nach dem gleichnamigen Stück von Sarah Kane.
La vie des idees (Frankreich), 18.01.2019
Ceska pozice (Tschechien), 17.01.2019
Tablet (USA), 22.01.2019
Hier singt Nehedar ein altes Liebeslied: "Juni Juni"
New York Times (USA), 19.01.2019
Im Magazin berichtet Gideon Lewis-Kraus über die Arbeit mit prähistorischer DNA, was sie uns über die Vergangenheit sagen kann und was nicht: "Es herrscht Einigkeit darüber, dass die Geschichte in Afrika beginnt. Später, vor bis zu 100.000 Jahren, setzte sich die menschliche Geschichte auf den anderen Kontinenten fort. Nach Meinung des Genetikers David Reich hat das Studium alter DNA die Vermutungen über das, was dann geschah, widerlegt. Einer Prämisse zufolge haben sich Gruppen des frühen Menschen an bestimmten für sie passenden Orten niedergelassen. Dies ist nicht nur eine Lieblingstheorie der Prähistoriker, sondern auch die natürliche Art und Weise, wie der Mensch im Lauf der Jahrtausende seine Identität mit dem Ort seines Daseins zu verbinden suchte. Für die Ni-Vanuatu Ozeaniens etwa ist ihre Bindung zum Archipel selbstverständlich. Ihre mündlichen Überlieferungen führen ihren Ursprung auf ein nichtmenschliches Merkmal der Landschaft zurück, ihre ersten Vorfahren sind beispielsweise aus einem Stein oder einem Kokosbaum entstanden. Nicht-Indigene suchen die gleiche Verwurzelung bei biotechnologischen Diensten wie 23andMe (wo jedermann die Untersuchung seiner genetischen Informationen anfordern kann, d Red.), die ihnen erklären, dass sie 'Spanisch' oder 'Yoruba sind. Reich hingegen ist der Meinung, bewiesen zu haben, dass die Menschheitsgeschichte nicht von Stillstand und Reinheit geprägt ist, sondern von Bewegung und Kreuzung. Menschen, die heute an einem Ort leben, haben oft keine genetische Ähnlichkeit mit Menschen, die dort vor Tausenden von Jahren lebten, so dass die Vorstellung, etwas im Blut mache einen zu einem Spanier, absurd erscheint …Nach dem Aussterben der Neandertaler vor etwa 40.000 Jahren waren die archaischen menschlichen Populationen, Reich nennt etwa die alten Nordeurasier, völlig anders als die Populationen von heute."
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