Magazinrundschau

Junger Mann von göttlicher Natur

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
28.08.2018. In Magyar Narancs erinnert Viktor Horváth an die ungarische Kollaboration bei der Niederschlagung des Prager Frühlings. Der New Yorker inspiziert Daniel Ortegas Wandel vom Revolutionär zum Autokraten. El Malpensante  fordert: Guerrilleros zu Parkwächtern. In Eurozine fragt der ukrainische Philosoph Mykola Rjabtschuk die Tschechen, ob nur die Mitteleuropäer Freiheit verdienen. In Quietus erinnert sich Terence Stamp an sein Vorstellungsgespräch mit Pasolini für "Teorema". In Elet es Irodalom sieht László F. Földényi nur noch horizontales Verlangen, wo früher vertikales Heimweh war.

Magyar Narancs (Ungarn), 16.08.2018

Der Schriftsteller Viktor Horváth, der Ende letzten Jahres seinen Roman mit dem Titel "Tankom" (Mein Panzer, Magvető, Budapest 2017, 276 Seiten) veröffentlichte, denkt über die Niederschlagung des Prager Aufstands 1968 durch die Truppen des Warschauer Pakts nach, an dem auch Ungarn beteiligt war. "Die heute regierende Macht bevorzugt das Tadeln von Anderen vor der selbstkritischen Konfrontation. 1968 schlugen wir eine Revolution nieder, so wie unsere Revolution 1956 niedergeschlagen wurde. Darüber schweigt man lieber, weil es eine Schande ist. Gleichzeitig würde uns das Sprechen darüber vor einer Wiederholung schützen. Wenn also ein Thema tabu ist für eine Macht, dann sollten wir misstrauisch sein, denn die Macht bereitet vielleicht unbewusst etwas Ähnliches vor: eine Konfrontation, bei der es nur Verlierer gibt und so die Schuldabwehr fortgesetzt werden kann, damit über das Volk, das sich als Opfer betrachtet, weiter geherrscht werden kann. Zu Soft-Power passen Soft-Opfer sehr gut: wir haben unser tägliches Bier und die abendliche Fernsehserie, während wir über Trianon traurig sind. 1968 passt nicht dazu."

New Yorker (USA), 03.09.2018

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker berichtet Jon Lee Anderson, wie Nicaraguas Präsident Daniel Ortega sich bewährter Autokraten-Taktiken bedient: "Seit elf Jahren festigt Ortega seine Macht mit raffiniertem Geschacher. Auch wenn seine Karriere vor vier Jahrzehnten als marxistischer Revolutionär begann, hat er sich mit Unternehmensführern arrangiert und mit der Katholischen Kirche verbrüdert, indem er die Abtreibung verbot. Noch immer wettert er gegen US-Imperialismus, zugleich umwarb er den Internationalen Währungsfonds und ließ eine Welle amerikanischer Pensionäre ins Land, die in Nicaragua Immobilien kauften. In den letzten Monaten versucht Ortega verstärkt, die Kontrolle wiederzuerlangen, und bedient sich dazu der Strategien von Autokraten in der Türkei, in Ägypten, Venezuela und anderswo: Erkläre deine politischen Gegner zu Betrügern, stifte die Menge zur Gewalt an und weise jede Verantwortung von dir. Hunderte Protestierende wurden getötet oder ins Gefängnis gesteckt … Eine maskierte Bürgerwehr ging systemtisch auf die Barrikaden los und tötete. Ortega behauptet, die Paramilitärs wären eine Erfindung der Medien, steckten mit seinen Feinden unter einer Decke oder wären nur Leute aus der Gegend, die sich selbst verteidigten. Parallelen zur Krim 2014 drängten sich auf, wo Putin zunächst abstritt, dass die Uniformierten an der Grenze Russen waren. Ortegas Äußerungen sind ebenso unglaubwürdig. Videos zeigen Paramilitärs bei der Zusammenarbeit mit uniformierter Polizei, eines zeigt Ortega, wie er inmitten von Leuten in Kampfanzügen einen maskierten Mann umarmt. Das ging so, bis die Leichen von Aktivisten auftauchten; sie zeigten Wunden von Schüssen im Hinterkopf - ein Zeichen für Massenexekutionen. Ein US-Offizier nennt es den Wechsel von einem Klima der Angst zum Terror."

Außerdem: Ian Parker trifft Glenn Greenwald, der Russlands Einfluss auf die amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2016 bezweifelt. Simon Schama schaut sich die historischen Pigmente in der Sammlung Forbes an. Judith Thurman denkt über das Genie von Leuten nach, die Dutzende Sprachen sprechen. Carrie Battan hört Nicki Minaj. Louis Menand liest Francis Fukuyamas Buch "Identity: The Demand for Dignity and the Politics of Resentment" und Anthony Lane sah Julien Farauts Filmdoku über den Tennisprofi John McEnroe.
Archiv: New Yorker

El Malpensante (Kolumbien), 25.08.2018

Guerrilleros zu Parkwächtern. Die Anwältin und Journalistin María José Castaño Dávila erörtert die problematische Zukunft des kolumbianischen Chiribiquete-Nationalparks, des größten Tropennationalparks der Welt: "Gerade in den Regionen, die das bedeutendste Naturerbe Kolumbiens beherbergen, waren die bewaffneten Auseinandersetzungen während des Bürgerkriegs häufig besonders intensiv. Paradoxerweise trug dies wesentlich zu ihrem ökologisch-kulturellen Schutz bei. Wie soll es nach dem Friedensabkommen mit der FARC hier weitergehen? Für die indigene Bevölkerung der Region ist die Sache klar: Chiribiquete - das tatsächlich am Äquator liegt - ist die Mitte der Welt, der Urquell allen Lebens. Die hier vorhandenen archäologischen Schätze - u. a. zehntausende Felsmalereien - 'brauchen spirituellen Schutz, für den nur die Indigenen durch Abhaltung ihrer Rituale sorgen können', wie der einer Schamanenfamilie entstammende Uldarico Matapí meint. Die FARC sorgte hier 30 Jahre lang auf ihre Weise für Umweltschutz: Fischer, die beim Ausplündern von Schildkrötennestern erwischt wurden, mussten zur Strafe 50 rohe Schildkröteneier essen. In Zukunft könnten Indigene wie auch ausgemusterte FARC-Guerrilleros den Nationalpark vor Gefahren wie Abholzung und illegalem Bergbau schützen."
Anzeige
Stichwörter: Kolumbien, Umweltschutz

HVG (Ungarn), 15.08.2018

Nach einem neuen Erlass sollen ab dem kommenden Hochschuljahr in Ungarn die Studienfächer der Gender Studies eingestellt werden. Dies wird auch als weiterer Schritt zur Aufhebung der Autonomie der Universitäten bewertet, wogegen im In- und Ausland heftig protestiert wird. "Eine endgültige Entscheidung gibt es bisher nicht, doch es ist vielsagend dass die Universitäten während der Sommerpause nur 24 Stunden Zeit bekamen, das Vorhaben zu beurteilen, berichtet Péter Hamvay. "Es wurden keinerlei Studien beigefügt, die die Auflösung des Studiengangs stützen. Später wurde eine Begründung nachgereicht, wonach der Studiengang wirtschaftlich nicht rational sei und auf dem ungarischen Arbeitsmarkt keinerlei Bedarf dafür bestehe. Mit dieser Begründung könnten jedoch Fächer von der Altphilologie bis hin zur Assyrologie und Ägyptologie sowie die meisten geisteswissenschaftlichen Fächer eingestellt werden. Die Universitäten lehren und betreiben zahlreiche Wissenschaften, die keinen unmittelbaren wirtschaftlichen Nutzen aufweisen."

Kam die Anordnung von oben? Árpád W. Tóta glaubt es nicht. "Viktor Orbán interessieren die Sozialwissenschaften nicht. Wahrscheinlicher sind untergeordnete Opportunisten, die mit diesem Vorhaben auf Anerkennung des Regimes hofft. Der Bildhauer, der 'nationale Stauten' macht, weil die auf jeden Fall übernommen werden, auch wenn sie wie Stuhlbeine aussehen. Der Journalist, der keinen originellen Satz schreiben kann und sich somit auf Denunzierungen spezialisiert, weil diese auch bei Polizeiberichten funktionieren. Der Regisseur, der auf die Bühne Pferde und Kreuze schiebt, weil die so ungarisch sind und weiß, dass er damit keinen Oscar und keinen Goldenen Bären erhalten wird - er hasst jene, die das schafften - aber er weiß auch, wenn er Federgras in den Misthaufen steckt, er das auch verkaufen kann: An den Staat. (...) Kleinliche, primitive Menschen, die zwar nicht laufen können, aber fürs Beinstellen reicht es gerade. (...) So erging es in den Dreißigern Jahren dem deutschen Atomphysiker, in den Fünfzigern Jahren dem russischen Kybernetiker. Und so erging es in beiden Regimen den Psychologen. Mit Machtinstrumenten ausgestattet, sich ins Fäustchen lächelnd machten jene neidischen nichtsnutzigen "Niemande" Existenzen kaputt und beriefen sich dabei stets auf Heimatliebe und Treue. Sie konnten dies tun, weil niemand gegen sie das Wort erheben und sagen konnte, dass es dem Vaterland schadet, wenn die Politik der Wissenschaft die Richtung vorschreibt."
Archiv: HVG

Eurozine (Österreich), 27.08.2018

In einem bitteren Essay rekapituliert der ukrainische Philosoph Mykola Rjabtschuk, wie sehr der Prager Frühling die Menschen in der Ukraine, in Russland und in Georgien über Jahrzehnte inspiriert hat - und wie wenig Solidarität die Revolutionäre von Kiew oder Tiflis aus Tschechien und der Slowakei erhalten haben: "Mir ging auf, dass ich Milan Kunderas vielgerühmten Essay über die "Tragödie Mitteleuropas" nicht sorgfältig genug gelesen hatte. Mein idealistischer Blick auf die Region war weitgehend von seiner überzeugenden Forderung gerpägt, zu Europa zu gehören und in die Familie der freien europäischen Nationen zurückzukehren. Ich ignorierte Brodskys Kritik an Kunderas Position, obwohl er sie sehr scharfsichtig als zu essentialistisch im Hinblick auf den Westen und zu exklusiv im Hinblick auf den Rest beschrieb. Kunderas explizite Botschaft war: Wir, die Tschechen, (die Polen, die Ungarn) sind Europäer in Kultur und Geschichte; wir wurden vom Westen in Jalta betrogen und an Stalin verkauft, wir nahmen dies nicht hin und werden dies nie hinnehmen; wir gehören nicht zum sowjetischen Reich, denn wir Mitteleuropäer sind anders, wir sind wie die Westler, und deshalb verdienen wir die Freiheit. Ob all die anderen Nationen im Sowjetischen Reich auch Freiheit verdienten - selbst wenn sie keine Mitteleuropäer oder nicht einmal Europäer wären - sagt Kunderas Text nicht deutlich, aber implizit und wahrscheinlich unabsichtlich errichtete er eine Hierarchie von mehr und weniger europäischen Nationen und daher mehr und weniger freiheitsliebenden und - verdienenden. Wie der ukrainische Philosoph Wolodimir Jermolenlo treffend bemerkte, mag Kunderas Konzept 'befreiend für Mitteleuropa gewesen sein, aber für das Europa weiter östlich war es desaströs. Anstatt die Mauer zwischen Ost und West niederzureißen, verschob er sie nur weiter nach Osten.'"

Außerdem spricht der russische Historiker Juri Slezkine über sein Buch "Das Haus der Regierung", in dem er die Geschichten der sowjetischen Revolutionäre der ersten Stunde erzählt.

Archiv: Eurozine

London Review of Books (UK), 30.08.2018

Natürlich diskutiert auch Großbritannien über den Gesichtsschleier an Schulen und Universitäten, die jeweils eigene Regeln über die Vollverschleierung haben. Azadeh Moaveni gleicht zwei Bücher zum Thema - Anabel Inges "The Making of a Salafi Muslim Woman" und Rafia Zakarias "Veil" - mit ihren eigenen Erfahrung ab und sieht im Gesichtsschleier weniger das Anzeichen einer religiösen Radikalisierung als ein Protestsymbol, mit dem junge Menschen gegen Eltern, Staat und Gesellschaft opponieren. "Jeder, der Zeit mit jungen Musliminnen verbringt und in der Pflicht steht, das Schleiertragen als mögliches Zeichen einer Radikalisierung zu beobachten - wie es die Regierung Akademikern wie mir zur Pflicht gemacht hat - wird merken, dass Konsumkultur und Gruppendruck die wichtigsten Faktoren beim Anlegen des Kopftuchs sind. Ich lehre an der Kingston University in Südwest-London, wo Musliminnen einen beträchtlichen Anteil unter den Studierenden ausmachen, und ich habe bemerkt, dass einige Mädchen ihr erstes Jahr unverschleiert beginnen, bis sie merken, dass die Hidschab-Fashionistas die dominierende Clique auf dem Campus sind. Im zweiten Jahr kommen sie also auch mit Kopftuch oder Turban. Hidschabs sind cool, so wie Bärte cool sind, oder muslimische Frömmigkeit; sie zu tragen gibt einer irritierenden ungerechten Welt Sinn und verleiht der Trägerin mit Würde eine kohärente, transnationale Identität (als globale Muslimin und nicht als verschmähte Pakistanerin oder Bangladeshi). Es ist die Sprache einer vielfältigen Rebellion: gegen das Kopfeinziehen ihrer 'Kokosnuss-Eltern', gegen den Staat, der deine Religion als Sichereitsproblem betrachtet, gegen eine Presse, die sich an rassistischen Beleidigungen ergötzt."

In Adam Shatz' Augen kommt Benjamin Netanjahu noch viel zu gut weg in Anshels Peffers durchaus kritischer Biografie des israelischen Ministerpräsidenten, der sein Geschäft als Werber begann: "Wir sind genau wie Du', sagte Sara Netanjahu zu Trump. Die Medien hassen uns, aber die Leute lieben uns.' Sie liegt zur Hälfte richtig: Ihr Mann bleibt beliebt unter israelischen Juden. Aber zu Trumps 'Leuten' gehören sehr wenige amerikanische Juden, und Israels Alianz mit ihm hat die Kluft zwischen amerikanischen Juden und dem jüdischen Staat vergrößert. Die meisten amerikanischen Juden, selbst einige liberale, waren bereit, die Menschenrechtsverletzungen gegen die Palästinenser zu ignorieren oder zu rationalisieren. Aber sie sind nicht bereit, den Krieg gegen Immigranten auszuhalten, den Bann gegen Muslime oder die Erosion der amerikanischen Demokratie."

Weiteres: Susan Pedersen bespricht zwei Bücher über den Kampf der Sufragetten ums Frauenwahlrecht. Tariq Ali liest in Sujatha Gidlas Familiengeschichte "Ants among Elephants" vom Kampf um gegen den Kastensystem und um soziale Mobilität.

Elet es Irodalom (Ungarn), 24.08.2018

Der Kunsthistoriker László F. Földényi denkt über die Veränderung von ästhetischen Präferenzen nach: "Bei 'Stromlinienform' kommen mir zuerst Autos in den Sinn. Dass sie immer stromlinienförmiger entworfen werden, bis die verschiedenen Marken nicht mehr zu unterscheiden sind. Wo ist heutzutage ein Citroën DS, eine Porsche 964 oder ein Trabant! (...) Hinter den vereinheitlichten Karosserien erkennen wir eine Denkweise, die alles ähnlich sehen möchte. Dies ist auch in anderen Bereichen zu erkennen: bei den für Festivals produzierten Filmen, genau so wie bei den für Büchermessen veröffentlichten Büchern, um über die bildenden Künste gar nicht zu reden. Ziel ist es, ein gutes Gefühl zu haben, was natürlich eine gute Sache ist. Doch dies ist kein nachhaltiges Gefühl und an sich hilft es nicht weiter. Wer erinnert sich an die großen Erfolge von vor drei oder fünf Jahren? Der polnische Dichter Adam Zagajewski schrieb einst über das 'vertikale Heimweh', das immer eine herausragende Eigenschaft der europäischen Kultur war und das heute als anachronistisch gilt. Anknüpfend füge ich hinzu, dass es durch das 'horizontale Verlangen' ersetzt wurde: die Sensibilität für Metaphysik wurde abgelöst vom Genuss der Stromlinienförmigkeit der Oberfläche. Der Katharsis durch die Wirkungserregung. Die Katharsis - und ich rede hier nicht über Tränen (...) - ist ähnlich wie die metaphysische Sensibilität ebenfalls anachronistisch in einer Welt, die ausschließlich horizontales Verlangen erregt und im unendlichen Meer von erwerbbaren Gegenständen und aufhäufenden Objekten die ganze Zivilisation erdrosseln will."
Stichwörter: Földenyi, Laszlo F.

Quietus (UK), 25.08.2018

Ein Leben wie Terence Stamp hat vermutlich kein zweiter geführt: Die Swinging Sixties in London hat er ebenso mitgenommen wie später den Ashram in Indien. Er kannte alle und jeden, arbeitete im Grunde mit fast allen namhaften Filmemachern und wurde später schließlich noch im Comeback ein gefeierter Charakterdarsteller. Nur James Bond durfte er nicht spielen, obwohl es da durchaus beidseitiges Interesse gab. Jetzt hat er auf Englisch seine Memoiren vorgelegt, was für Brian Raven Ehrenpreis ein guter Anlass war, mit Stamp ein langes Gespräch zu führen. Unter anderem erfahren wir, wie er in Pasolinis "Teorema" gelandet ist, nämlich buchstäblich von der Straße weg: "Die Wahrheit ist, dass ich schon als Junge oder Teenager Silvana Mangano in einem Film namens 'Bitterer Reis' gesehen habe und mich bis über beide Ohren in sie verliebt hatte. Ich kenne keine Frau, die so umwerfend schön war wie sie."

Wer sich davon überzeugen will: Ab 3:49 hat die umwerfende Silvana Mangano in Giuseppe de Santis' 1949 entstandenem Film ihren großen Auftritt:



Und Stamp weiter: "Als ich später dann in Rom war - ich glaube, ich arbeitete da gerade ein bisschen für Fellini - und ich die Villa Condoti runterging, sah ich sie auf einmal. Und auch wenn sie seitdem älter geworden war, gab es da absolut kein Vertun. Sie befand sich in Gesellschaft eines Typen namens Piero Tosi, der bei Fellini für die Kostüme zuständig und überhaupt einer der größten Modemenschen der Stadt war. Er rief 'Terence, Terence, Silvana, schau, das ist mein Freund Terence!' Und sie sah zu mir rüber und wandte sich auf Italienisch zu Tosi, dass ich wunderbar in Pier Paolos Film passen würde. Dann sprach sie mich auf Englisch an und fragte mich, ob ich denn mit Pasolinis Werk vertraut sei. Nein, antwortete ich. Sie sagte: 'Das ist ein wunderbarer Filmemacher, der gerade einen neuen Film dreht und du würdest bestens passen.' Ich fragte, ob sie auch mitspiele, da sagte sie 'si, si, certo.' Sie erzählte Pasolini von mir, der schließlich für ein Treffen nach London flog. Er sprach kein Wort Englisch, aber der Produzent, ein Neffe Viscontis, übersetzte für uns. Wir trafen uns im 'Claridge's', was mich sehr verwunderte, wo er doch so ein linker 'alle Menschen sind gleich'-Typ war. Er erklärte mir, dass 'Teorema' die Geschichte eines jungen Mannes von göttlicher Natur erzählt. Er kommt in ein bourgeoises Haus und verführt die Frau, den Mann und den Sohn. Da sagte ich bloß: 'Das kriege ich hin.'" Wer mehr über "Teorema" lesen will, hier noch ein Filmgespräch beim British Film Institute aus dem Jahr 2013 mit Stamp.
Archiv: Quietus