Magazinrundschau

Außerhalb des Sechsecks

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
13.12.2016. Die New York Review of Books lässt aus den Datenkraken im Netz die Luft raus. Der New Yorker sucht einen Job. La vie des idees hofft für Amerika auf eine neue Oppositionsbewegung ohne weiße Männer. Novinky diagnostiziert einen Machtkampf zwischen Milliardären und traditionellen Eliten. Gentlemen's Quarterly besucht die Republik Liberland an der Donau. Die New York Times porträtiert die Astrophysikerin Sara Seager.

New York Review of Books (USA), 22.12.2016

Sue Halpern hat sich genauer angesehen, was Facebook über sie an Daten sammelt und an Werbekunden oder andere weitergibt. Extrem interessiert ist die Datenkrake offenbar an 98 Datenpunkten über Einkommen, Vermögen und Familienverhältnisse. Halpern ist nicht nur entsetzt über die Vielzahl und Brisanz der Informationen, sondern auch über ihre Falschheit. Was sie an dem so gehypten Micro-Targeting britischer Werbefirmen zweifeln lässt: "Was ihre Analysen über mich ergaben: Dass ich wahrscheinlich männlich bin, auch wenn mich meine Likes für die NYRB 'femininer' machen; dass ich eher konservativ als liberal bin, obwohl ich Bernie Sanders auf Facebook offen unterstützt habe; dass ich eher kontemplativ als engagiert bin, obwohl ich eine ganze Anzahl von politischen und aktivistischen Gruppen geliket habe; und dass ich entspannter und gelassener bin als 63 Prozent der Bevölkerung (sehr fraglich). Aber ich fand nicht nur heraus, dass ich männlich bin, sondern auch dass sechs von zehn Männern, mit denen ich Likes teile, schwul sind, weswegen ich mit durchschnittlicher Wahrscheinlichkeit selbst ein schwuler Mann bin. Likes, die mich weniger schwul erscheinen lassen, sind das Produkttest-Magazin Consumer Report, das Tech-Blog Gizmodo und Lifehacker. Seiten, die mich eher schwul machen, sind die NY Times und die Umweltgruppe 350.org. Likes, die mich wenig an Politik interessiert erscheinen lassen, sind die NY Times und 350.org. Es kommt aber noch besser: Nach dem Algorithmus des Psychometrics Centre 'legen meine Likes nahe, dass ich Single bin'. Warum? Weil ich die Seite 350.org geliket habe. Die Organisation wurde von dem Mann gegründet, mit dem ich seit dreißig Jahren zusammen lebe!"

Robert Cottrell liest neue Bücher zu Russland und der Nato, und auch wenn ihm einige etwas alarmistisch vorkommen, muss er doch feststellen, dass Donald Trump quasi per Federstrich erledigt hat, was von der Abschreckungskraft der Nato noch übrig war: "Donald Trumps Forderung während des Wahlkampfs, dass Amerikas wohlhabendere Alliierte angemessen für ihren Schutz bezahlen sollten, war im Prinzip nicht ganz verkehrt, doch sie war fatal als öffentliche Äußerung. Sie machte klar, dass Amerikas Engagement für die Nato unter einem Präsidenten Trump nicht bedingungslos sein würde; und wenn Amerikas Engagement nicht bedingungslos ist, dann schließt es bestimmt keinen Atomkrieg mit ein. Die Katze ist aus dem Sack. Von Moskau aus betrachtet, war der Westen seit der Suez-Krise nicht in so einladender Unordnung. Was immer Putin jetzt in seinen eroberischen Instinkten zügelt, es muss innenpolitischer Natur sein. Die Nato ist es nicht."

Huffington Post (USA), 11.12.2016

Hillary Clinton hat die Wahl verloren? Absolut nicht, meint Alex Mohajer in einer exzellenten Analyse der Präsidentschaftswahl. Alle Vorwürfe, die Clinton nachträglich gemacht wurden - von Trump bis zu Sanders - sind Unsinn: Hillary Clinton war enorm beliebt, wurde von mehr weißen Arbeitern im Rust Belt gewählt als Trump und hätte die Wahlen mit 2,7 Millionen Stimmen gewonnen (mehr als jeder andere Demokrat vor ihr, mit Ausnahme Obamas) - gäbe es nicht das Wahlmännerkollegium, das den wenig bevölkerten Flächenstaaten Wisconsin, Michigan und Pennsylvania einen überproportionalen Anteil am Wahlergebnis sichert. Hier gewann Trump mit insgesamt 79,646 Stimmen. Es wird höchste Zeit, so Mohajer, dieses Wahlmännerkollegium den veränderten Gegebenheiten anzupassen: "Tatsächlich hat eine Stimme aus Wyoming viermal so viel Gewicht wie eine Stimme aus New York. Als die Verfassung 1787 geschrieben wurde, lebten die Verfasser in einem Amerika, das zu 95 Prozent ländlich war. Nach der jüngsten Volksbefragung 2010 ist Amerika heute zu weniger als 20 Prozent ländlich. Doch in den Hunderten von Jahren seit die Verfassung ratifiziert wurde, oder seit der 12. Verfassungszusatz verabschiedet wurde, der die proportionale Verteilung der Wahlmännerstimmen festlegt, wurde dieser Prozess nie reformiert. Das Wahlmännerkollegium wurde nie modernisiert, um den Wandel in der Bevölkerungsdichte und der Demografie in Amerika zu reflektieren."

New Yorker (USA), 26.12.2016

Immer mehr Computer übernehmen immer mehr Arbeit. Nichts scheint das verhindern zu können, auch nicht Donald Trumps Versprechen, Arbeitsplätze aus China, Mexiko und anderen aufstrebenden Staaten in die USA zurückzuholen, stellt Elizabeth Kolbert fest, die eine Reihe von Büchern zum Thema gelesen hat: "Trump hat gelobt, Nafta neu zu verhandeln, das  TPP-Abkommen aufzukündigen und gedroht, Zölle auf Waren aufzuschlagen, die amerikanische Firmen in Übersee produzieren. 'Unter einer Trump-Präsidentschaft wird der amerikanische Arbeiter endlich einen Präsidenten haben, der ihn beschützt und für ihn kämpft', erklärte er. Nach Bryjolfsson und McAfee zielt dieses Gerede am entscheidenden Punkt vorbei: Industrien in China werden genauso schnell, wenn nicht sogar schneller, automatisiert wie in den USA. Foxconn, der größte Auftragnehmer für Elektronik, der berühmt wurde für seine städtegroßen Fabriken und harten Arbeitsbedingungen, plant ein Drittel seiner Arbeitsplätze bis 2020 durch Automatisierung einzusparen. Die South China Morning Post berichtete kürzlich, dass es der Firma dank großer Investitionen in Roboter bereits gelungen ist, die Arbeitsplätze in ihrer Werkanlage in Kunshan von 110.000 Menschen auf 50.000 zu reduzieren. 'Mehr Firmen werden das bald auch tun', erklärte ein Funktionär aus Kunshan der Zeitung."

Jeffrey Toobin rollt noch einmal den Rechtsstreit auf zwischen dem Klatsch-Blog Gawker.com und dem Ex-Wrestler Hulk Hogan, über den Gawker bankrott ging: "Im Rückblick sieht der Fall Hogan vs. Gawker wie eine Kostümprobe für Trump vs. Clinton aus. In beiden Wettbewerben gerierte sich ein Star des Reality TV, der ursprünglich auf anderem Gebiet Berühmtheit erlangte, als von einer Elite bedrängter Außenseiter. In beiden Fällen spielte ein reicher, erfolgreicher Mann das Opfer und errang einen überzeugenden und folgenreichen Sieg."

Weitere Artikel: Malcolm Gladwell verschwendet viel Zeit und Druckerschwärze darauf, den guten Leaker Ellsberg gegen den schlechten Hacker Snowden abzugrenzen: Man liest das mit Bedauern, während man sich in die Zeiten zurücksehnt, in denen Seymour Hersh im New Yorker die durch Snowden gewonnenen Erkenntnisse vertieft hätte. Negar Azimi berichtet vom Kampf um Arbeiterrechte auf den gigantischen Museumsbaustellen in Abu Dhabi. Raffi Khatchadourian begleitet den Fotografen Edward Burtynsky ins Nigerdelta, wo Burtynskys verstörende Bilder katastrophaler Umweltzerstörung entstehen. Alan Burdick sucht im Schlaf nach dem Wesen der Zeit. Anthony Lane sah im Kino Mike Mills "20th Century Women" und Pedro Almodovars "Julieta" Lesen dürfen wir außerdem Mariana Enriquez' Kurzgeschichte "Spiderweb".
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Archiv: New Yorker

El Pais Semanal (Spanien), 14.12.2016

"Fátima, la alegría." Beatriz de Moura, die 1968 mit ihrem damaligen Mann, dem Architekten Óscar Tusquets, den berühmten Verlag Tusquets Editores gründete, dessen Leitung sie erst 2014 abgab, erinnert sich an das Mädchen, das sich um sie kümmerte, als sie kurz nach dem zweiten Weltkrieg mit ihren Eltern in Algier lebte - de Mouras Vater war damals dort brasilianischer Botschafter: "Ohne es zu wollen, zeigte Fátima, die wie eine ältere Schwester für mich war, mir die Welt jenseits des Spiegels, in dem meine seltsame Familie sich betrachtete. Trotz der unverständlichen Gleichgültigkeit meiner Eltern, begriff ich, dass sich unter dem Gewirr der Dächer und Terrassen der weißen Stadt, die sich zu den Füßen des Hügels ausbreitete, auf dem unser prachtvolles Haus stand, ein völlig anderes Leben abspielte. Wenn ich heute, ein ganzes Leben danach, auf der gegenüberliegenden Seite des Mittelmeer ins Wasser steige, sehe ich dagegen Hunderte, ja Tausende Fátimas vor mir, die mit ihren Kindern im Arm schreiend auf der Flucht vor ihren Landsleuten sind, die sich in einem primitiven Rausch gegenseitig abschlachten. Und ich fühle mich auf so sinn- wie nutzlose Weise schuldig an etwas, was ich nicht benennen kann, weil es schlichtweg keinen Namen dafür gibt."

La vie des idees (Frankreich), 08.12.2016

In einem Gespräch über "Rasse" und Gegenkulturen in den USA hofft der Journalist und Kritiker Jeff Chang, der durch Bücher über den amerikanischen Begriff von "Race" und über die Hip-Hop-Kultur hervorgetreten ist, auf ein neues Bündnis einer eher multikutlurellen Linken  und einer Linken, die den Rassebegriff im Namen eines Amerikas, das "post-racial"wäre, abwerfen will. "Trumps Präsidentschaft könnte eine Oppositionsbewegung mobilisieren, die bereit ist, die aktuelle tonangebende Politik zu unterwandern … Ein mögliches Szenario wäre, dass Feministinnen, militante Umweltschützer, Muslime, Afro-Amerikaner, Latinos und Amerikaner asiatischer Herkunft sich gegen einen gemeinsamen Feind verbünden. Die große Unsicherheit besteht allerdings darin, ob es dieser Linken gelingt, eine Botschaft an die weiße Arbeiterschicht zu richten."
Stichwörter: Jeff Chang, Rassismus

Gentlemen's Quarterly (USA), 13.12.2016

Die Flagge von LiberlandDie Flagge von Liberland
Unbemerkt vom Rest Europas wurde auf einer kleinen Insel nahe Novi Sad an der Donau eine neue libertäre Republik gegründet: Liberland. Morgan Childs hat sie besucht: "Ob es Liberland als Land wirklich gibt - mit Einwohnern, einer Infrastruktur und weltweiter Anerkennung - spielt kaum eine Rolle. Mehr als 130.000 registrierte Mitglieder sind bereit, ihre Zweifel zu suspendieren, dass das überwucherte, drei Quadratmeilen große Stück Land eine libertäre Utopie werden kann. Liberland hat sich aus einer Fantasie in eine lebende, wachsende, viel Geld ausgebende Bewegung verwandelt, mit einer großen Anhängerschaft und einigen unbekannten Splittergruppen. Für eine Organisation, die von ausländerfeindlichen, euroskeptischen, steuerhinterziehenden weißen Männer geführt wird, könnte das Timing nicht besser sein."
Stichwörter: Liberland, Libertäre

Novinky.cz (Tschechien), 09.12.2016

"Es wird derzeit gerne behauptet, die westlichen Demokratien erlebten einen Aufstand des Volkes gegen die Eliten bzw. das Establishment. Doch eher sind wir wieder einmal Zeugen eines Machtkampfes zwischen verschiedenen 'Eliten'", meint der tschechische Politologe Jiří Pehe in seinem Kommentar. Die Dichotomie 'wir' (das von populistischen Anführern geleitete Volk) und 'sie' (die traditionellen Eliten) diene lediglich der politischen Manipulation: "Die populistischen Politiker, die sich das Mäntelchen des Volkes vorhalten, sind selbst Teil der traditionellen 'Eliten'. Sie bilden dabei zwei verschiedene Gruppen. Die erste besteht aus Politikern, die man schon deshalb nicht zum 'einfachen Volk' zählen kann, das sie vorschützen, weil sie allesamt aus dem privilegierten Umfeld der white collars stammen (…) Dazu gehören zum Beispiel Marine Le Pen, Geert Wilders, Beppe Grillo, Nigel Farage, Norbert Hofer, Heinz-Christian Strache und Frauke Petry. Die zweite Gruppe derer, die im Namen des Volkes gegen das Establishment kämpfen, bilden Milliardäre oder schlicht Oligarchen, wie in den USA Donald Trump, bei uns Andrej Babiš oder vor einiger Zeit in Österreich Frank Stronach. Also die Spitze des kapitalistischen Establishments selbst. (…) Der Aufstand des Volkes gegen die Eliten ist ein Märchen", schließt Pehe.
Archiv: Novinky.cz

Merkur (Deutschland), 09.12.2016

Nur gut findet es Danilo Scholz, wenn es im Feuilleton hoch hergeht. Dass dabei aber bisweilen recht unpräzise und unkundig auf den französischen Poststrukturalisten herum gehackt wird, stößt ihm dennoch auf, wie er im Blog des Merkur in aller Ausführlichkeit darlegt: Beispiel Derrida, dessen différance in der NZZ als Ursache für "Chauvinismus, Fremdenfeindlichkeit und Terrorismus" herhalten muss: "Derrida war durchaus ein Kritiker gewisser Formen der Vernunft", hält Scholz dem entgegen, "aber dann sollte man hinzufügen, dass diese Kritik sich als Fortsetzung der kritischen Arbeit Kants verstand, der gegen die metaphysischen Auswüchse des Vernunftbegriffs bei Leibniz und Wolff zu Felde zog. Die différance bezeichnet dabei eine Spannung zwischen der Endlichkeit unserer Erfahrung und der Unendlichkeit des Vernunfthorizonts, die angenommen werden muss, aber niemals ein für alle Mal begründet werden kann. Derridas Philosophie ist ein Appell, diese Spannung nicht aus den Augen zu verlieren und die Vernunft vor ihrer Entstellung zu bewahren, die droht, wenn Rationalität zu einem metaphyischen Objekt überhöht wird. Von diesem Appell findet sich bei Dobrowski keine Spur. Was bleibt, ist die 'Schlinge eines masochistischen Skeptizismus'. Schlimmer noch: Philosophen nach Derrida fühlten 'sich befreit von der Pflicht, nach der Wahrheit zu suchen', weil fortan 'alles Mögliche Wahrheit repräsentieren' könne. Dabei dispensiert sich Dobrowski ohne Umschweife selbst von der Pflicht, nach der Wahrheit eines Werks zu suchen, das er ablehnt. Es würde nicht überraschen, wenn Derrida auch dafür die Verantwortung übernehmen muss."
Archiv: Merkur

Longreads (USA), 10.12.2016

Ein Gespenst geht um in den Soundtracks Hollywoods - das Gespenst des BRAAAM! Gemeint ist damit jener pathetische Knalleffekt, den Hans Zimmer 2010 für Christopher Nolans "Inception" entwickelt hat und der seitdem in allerlei Trailern und Filmen west und spukt. Adrian Daub hat über diese jüngere akustische Wuchtsignatur aus Hollywoods Klanghexenküchen genauer nachgedacht und darüber einen immens lesenswerten Essay geschrieben. BRAAM als Soundtrackkonzept lässt demnach die romantische Auffassung des Hollywood-Soundtracks, die mit Zitat-Fragmenten durchsetzt fortlaufend kunstbeflissene Reminiszenzen abliefert, hinter sich zugunsten eines egalitäreren Anspruchs, der mittels elektronischer Klangerzeugung und -organisation überdies kostensparend und effizient zu erfüllen ist: "Eine alte Ökonomie des Prestige wurde fallen gelassen und ist durch eine neue ersetzt. Kein Zufall ist es, dass BRAAAM nach etwas klingt, was wir in einem EDM-Stück erwarten würden und dies vor allem als 'drop'. Zimmers Soundtracks sind eingebettet in neue und andere Kreisläufe und diese Kreisläufe wiederum haben sich ihrerseits in etwas gewandelt, was wir heute dann, wenn im Multiplex das Licht ausgeht, zu hören erwarten. Ist das nun gut oder schlecht? Es fällt leicht, die Soundtracks des glorreichen Zeitalters zu romantisieren und die krass kommerziellen Aspekte von Zimmers fließbandartiger Herangehensweise an die Komposition zu verdammen. ... Zimmer und andere seiner Generation haben einen Klang entwickelt, der das spätromantische Idiom der Hollywoodsoundtracks des goldenen Zeitalters hinter sich lässt, und stattdessen Werke wesentlich avantgardistischerer Komponisten ähnelt."
Archiv: Longreads

HVG (Ungarn), 30.11.2016

Der Politologe Zoltán Lakner (41) wurde zum neuen stellvertretenden Chefredakteur der Wochenzeitschrift 168 óra (168 Stunden - Politik, Wirtschaft, Kultur) berufen. Lakner gibt zum 1. Januar 2017 seinen Posten als Hochschullehrer auf, mit seinen Beratertätigkeiten hörte er bereits während des laufenden Jahres auf. Über seine Pläne mit dem Blatt aber auch über die Lage der Opposition sprach er mit János Dobszay: "Seit Jahrzehnten lese und schätze ich das Blatt und seit Längerem war ich externer Autor. Über eigene Erfahrungen kann ich aber nur in der letzten Zeit reden: ich möchte, dass in 168 óra verstärkt die Meinung der 20-30-40-Jährigen, Fremdsprachen sprechenden, die Welt kennenden und verantwortlich denkenden, linken Intellektuellen erscheint, die bisher nur selten sichtbar wurden. (...) Aus dem Sieg von Trump zogen viele den Schluss, dass die political correctness entsorgt werden müsse. Das ist aber nicht wahr. Sicherlich bedarf es eines neuen Narrativs, doch die Linke sollte stolz darauf sein, dass sie die Gesellschaft nicht durch Angstmache überzeugen will, sondern mit Ideen frei von Aggressivität und Voluntarismus."
Archiv: HVG

En attendant Nadeau (Frankreich), 04.12.2016

Pascal Engel stellt eine voluminöse zweibändige, von Christophe Charle und Laurent Jeanpierre herausgegebene Geschichte des intellektuellen Lebens in Frankreich vor: "La vie intellectuelle en France. Des lendemains de la Révolution à 1914" und "De 1914 à nos jours". Sie versuche 200 Jahre kulturelles Leben in Frankreich abzubilden und zu analysieren und gleichzeitig jede Form des Abgesangs zu vermeiden: "Die Rhetorik des Verfalls oder der Größe gehört zu jenen Mythen, denen die Autoren des Werks gerade entgegentreten wollen, indem sie zeigen, dass intellektuelle Ideen weithin kollektive Schöpfungen sind, dass die Fortschritte nicht unbedingt dort liegen, wo man sie vermutet und nicht immer von dominanten Personen oder Strömungen kommen - vielmehr sind sie oft Ergebnis langsamer Veränderungen und Prozesse, die auch Einflüsse von außerhalb des Sechsecks aufnehmen."
Stichwörter: Intellektuelle

New York Times (USA), 11.12.2016

Im aktuellen Magazin der New York Times stellt uns Chris Jones die Astrophysikerin Sara Seager vor, die nach Planeten außerhalb unseres Sonnensystems sucht: "Bis in die 90er waren Exoplaneten nur ein theoretisches Konstrukt. Der Logik zufolge mussten sie da draußen sein, doch es gab keinen Beweis. Erst 1995 wurde mit 51 Pegasi b mittels eines lichtanalysierenden Spektrographen der erste Exoplanet entdeckt, der um einen sonnenartigen Stern kreist. Der Planet wurde zwar nicht wirklich gesehen, aber mit Hilfe der mathematischen Methode der Radialgeschwindigkeit konnte der Effekt seiner Schwerkraft auf seinen Stern festgestellt werden, also musste er existieren. Seitdem explodierte das Wissen vor allem wegen der Möglichkeit, Licht zur Erkundung fremder Atmosphären einzusetzen. Wenn Sternenlicht die Atmosphäre eines Planeten kreuzt, blockieren bestimmte auf Leben hinweisende Gase die Wellenlängen des Lichts. So lässt sich etwas sehen, indem man nach etwas sucht, was nicht da ist. Licht oder seine Abwesenheit liegt auch der sogenannten 'transit technique' zugrunde, einer neueren, effizienteren Methode zur Entdeckung von Exoplaneten als Radialgeschwindigkeit. Sie behandelt Licht wie Musik, etwas, das besser gefühlt denn gesehen werden kann. Das Kepler Teleskop erkennt Exoplaneten, wenn sie zwischen ihren Sternen und den Spiegeln des Teleskops kreisen und winzige, aber messbare Verdunkelungen verursachen."

Außerdem feiert das Magazin Hollywood in wunderbaren Schauspieler-Porträts und einer ziemlich einzigartigen Virtual-Reality-Show, die den Zuschauer in einen L.A.-Noir-Film eintauchen lässt - gleich neben seinem Lieblingsstar. Im Dossier auch ein aufschlussreiches Gespräch der Filmkritiker Wesley Morris und A.O. Scott über zeitgenössische Arten des Spielens vor der Kamera. In einem weiteren Artikel berichtet Inara Verzemnieks von Menschen in den USA, die ohne Krankenversicherung leben.