Magazinrundschau

Fremde Boote helfen einander nicht

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
21.06.2016. Im Merkur singt Hannelore Schlaffer ein Loblied auf den "guten Nazideutschen", den Romanisten und SS-Hauptsturmführer Hans Robert Jauß. Brooklyn Rail erklärt, was Diane Arbus mit August Sander gemeinsam hat. Wenn Hillary Clinton endlich gegen Trump antreten kann, werden die Leute sie auch mögen, meint das New York Magazine. Die Zeit sucht nach Geisterschiffen im japanischen Ostmeer.

Merkur (Deutschland), 20.06.2016

Leider immer noch nicht online, aber inzwischen doch etwas diskutiert ist Hannelore Schlaffers Essay über den Romanisten und SS-Hauptsturmführer Hans Robert Jauß. Darin verteidigt sie ihren einstigen Mentor, man könnte fast sagen, nicht trotz, sondern wegen seiner NS-Tugenden. Sie preist Denkkraft, Pflichtbewusststein und Disziplin des "sicheren Manns": "Die Kritik an Jauß geht davon aus, dass Männer immer genau zu wissen haben, was gut ist und was böse. Der junge Jauß, der von Nazi-Lehrern erzogen worden war, hätte, so urteilen seine heutigen Richter, die nie der Gefahr der Verführung durch eine Ideologie ausgesetzt waren, schon zu wissen gehabt, was gut sei und was böse. Ich hingegen bekam, was er in der Schule gelernt hatte, was ihm antrainiert worden war und ihn heute schuldig erscheinen lässt, im Deutschland nach dem Krieg zu spüren und habe es als Wohltat empfunden. Damit bin ich nicht allein: Das ganze Land hat ja, als es die Männer nach dem Zusammenbruch des 'Dritten Reichs' wieder beschäftigte, die Erziehung zu den verbrecherischen Idealen und Tugenden des NS-Staats für sich und für den Aufstieg der Demokratie in Deutschland genutzt, um ein Land einzurichten, in dem es sich gut leben lässt. Es ist ein traurge Wahrheit: Aus guten Nazideutschen wurden gute Bundesdeutsche."

Im Tagesspiegel hat der Romanist Albrecht Buschmann auf den Text reagiert: "Die hervorstechende Qualität der Jauß'schen Nachwuchsschmiede sei ihre Vermittlung militärischer Prinzipien gewesen. Da fällt es nur noch am Rande in Gewicht, dass er weder im Krieg noch im Kolloquium 'Mannschaft' war und auch nicht, wie es bei Schlaffer heißt, 'einer der namhaften Zeugen jener dunklen Phase der deutschen Geschichte'. Jauß war nicht Mitläufer oder einfacher Soldat: Er war Täter, als Ausbilder auch für Rassenkunde wie als hochdekorierter Frontoffizier."
Archiv: Merkur

Brooklyn Rail (USA), 03.06.2016

Jeff Rosenheim, Kurator im Breuer Building des Metropolitan Museum, spricht sehr ausführlich mit Michèle Gerber Klein über die kommende Ausstellung "Diane Arbus - in the Beginning", in der bisher unbekannte Fotos aus der frühen Zeit der Fotografin gezeigt werden. Es geht einerseits um den Skandal, den Arbus mit einem Foto des Warhol-Stars Viva auslöste (leichter verständlich erzählt von Christopher Bonanos im New York Magazine, das angeblich nach der Veröffentlichung der Fotos im Jahr 1968 wegen protestierender Anzeigenkunden die Hälfte seiner Einnahmen verlor). Aber mehr noch geht es um eine ganz eigene Qualität der frühen Arbus-Fotos, die Rosenheim sehr schön skizziert: "Mehr als alle anderen männlichen Street photographers in New York zu dieser Zeit ähnelt sie August Sander. Sie möchte mehr vom Bild als nur das Bild, sie möchte eine Interaktion mit dem Fotografierten, die die andern Fotografen gerade fürchten. Die benutzen Winkelsucher. Auch Helen Levitt benutzt einen Winkelsucher. Und Robert Frank arbeitet sehr schnell. Die anderen Künstler suchen alle eine Methode sich zu verstecken, um buchstäblich aus dem Verborgenen zu arbeiten." Arbus wollte zwar nicht, dass die Leute posieren, so Rosenheim, "aber sie wollte auf eine schöne, provozierende Art, dass die Leute in ihren Bildern zum Teil der Beziehung mit dem Betrachter werden".

Magyar Narancs (Ungarn), 26.05.2016

In den ungarischen Medien hat es in den letzten Jahren große Veränderungen gegeben: Ausländische Investoren zogen sich zurück und machten neuen Eigentümern Platz, erklärt der Medienanalyst Attila Bátrofy in einem umfangreichen und detaillierten Beitrag. Die WAZ zog sich aus HVG zurück, der Regierungsbeauftragte für die ungarische Filmindustrie Andrew Vajna erwarb über Mittelsmänner den Sender Tv2 von Pro7-Sat1 und die Deutsche Telekom veräußerte ihre ungarische Tochter Origo, das zweitgrößte Online-Portal Ungarns, an den New Wave Media Konzern, dessen Eigentümer mit dem Präsidenten der ungarischen Zentralbank verwandt ist. Die neuen Eigentümer sind jetzt also ungarische Geschäftsleute. Und das hat auch Folgen für den Inhalt dieser Medien, so Bátrofy: "Nach der Wende strebten die multinationalen Verlagsgruppen mindestens ein neutrales, wenn nicht ein gutes Verhältnis mit der jeweils aktuellen Regierung an. (...) Für die neuen Eigentümer gilt dies verstärkt. (...) Wiederholt wird betont, dass es immer noch oppositionelle oder unabhängige Medien gibt, alles geschrieben werden kann und niemand von der Polizei abgeholt wurde. Die Dynamik der Prozesse zeigt jedoch, dass der Spielraum der oppositionellen und unabhängigen Medien enger und das regierungsnahe Medienportfolio immer größer wird. Letzteres wird nicht nur aus Steuergeldern in Form von staatlichen Anzeigen und Subventionen betrieben, zuletzt wurde auch ihr Erwerb aus Steuergeldern finanziert."
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New Yorker (USA), 27.06.2016

In der neuen Ausgabe des Magazins untersucht Evan Osnos die Politik der Waffen und der Angst: "Die bewegendste rechtliche wie politische Frage lautet, wer künftig in den USA eine Waffe tragen darf und warum … Wenn die amerikanische Waffenindustrie weiter macht wie bisher, wird der Markt immer mehr auf eine kleine, passionierte Gruppe hin ausgerichtet werden. Das wird die Kluft vergrößern zwischen den Falken und den Lämmern, zwischen Freund und Feind. Sollte Trump ins Weiße Haus einziehen, wird er die moralische Logik des verdeckten Waffentragens verbreiten. Wenn nicht, haben seine Anhänger einen Grund mehr, sich umzingelt und bedroht zu fühlen. Weil die Waffen-Fürsprecher und die Waffen-Gegner immer weiter auseinanderdriften, wird es immer schwieriger, die Absichten des jeweils anderen zu verstehen. Mehr denn je handelt es sich um zwei einander feindlich gesinnte Gruppierungen, die sich im Dunkeln misstrauisch umkreisen, getrieben von der Angst vor dem unbekannten anderen."

Außerdem: Jill Lepore erklärt Hillary Clinton und Donald Trump zu Kindern des Feminismus bzw. Antifeminismus. Ben Taub trifft die syrischen Schattenärzte, die mit Skype-Teachings und geheimen OPs versuchen, die medizinische Versorgung im Land aufrechtzuerhalten. Paige Williams besucht Lee Berger in der Malapa-Höhle, Südafrika, wo der umstrittene Paläoanthropologen den Australopithecus sediba entdeckt hat. Und Paul Theroux schickt eine Erzählung: "Upside-Down Cake".
Archiv: New Yorker

The Atlantic (USA), 20.06.2016

Terrence Rafferty versucht den Erfolg von Krimi-Autorinnen wie Gillian Flynn, Paula Hawkins, und Tana French zu ergründen, die mit ihren Psychothrillern die Bestseller-Listen anführen. Sie passen perfekt in unsere Zeit, meint Rafferty, wenn sie die größten Effekte mit ihrer Sprache und mit unzuverlässigen ErzählerInnen erzielen: "Anders als Highsmith and Rendell, die ihrer dunklem Kunst meist im trockenen, kühlen Ton der dritten Person nachgingen, neigen die heutigen Autorinnen zu einer instabilen Mischung aus schrillen ersten Personen: tyrannisch, anklagend, rechtfertigend, ein bisschen verzweifelt. Diese vertrackten Thriller des 21. Jahrhunderts zu lesen ist ein bisschen wie auf einer Website einen besonders hitziger Kommentar-Thread herunterzuscrollen oder versehentlich in eine Twitter-Fehde zu geraten. Durch diese schäbigen Tweets muss eine Frau gehen! Verglichen mit ihren männlichen Gegenparts scheinen die heutigen Autorinnen vertrauter mit dem Urstrom aus Ich und Es der Sozialen Medien, dem schwammigen Niemandsland, in dem Millionen von selbstgeschaffener Marken um die Oberhoheit kämpfen."
Archiv: The Atlantic

Elet es Irodalom (Ungarn), 21.06.2016

Ungarn spielt nach 44 Jahren erstmals wieder in der Endrunde einer Fußball-EM mit, wobei die Mannschaft unter der Führung des deutschen Bernd Stock gegen Österreich erfolgreich in das Turnier startete. Eine anfängliche Diskussion darüber, ob das Anfeuern der Mannschaft gleichzeitig eine indirekte Anerkennung der Politik des bekanntlich fußballbegeisterten Ministerpräsidenten sei, verhallte mit dem Sieg gegen Österreich. Nun wird in Ungarn über alle Lager hinweg darüber diskutiert, welche Auswirkungen die Fußball-EM auf die kollektive Identität haben wird. Der Publizist Gusztáv Megyesi sieht zunächst die positiven Aspekte: "Eine Weltmeisterschaft besuchte die ungarische Mannschaft das letzte Mal 1986. So wuchs mindestens eine Generation auf, die ungarische Fußballer nie auf einem Feld zusammen mit den besten Spielern der Welt sah und es sich auch nicht wirklich vorstellen konnte. (...) Und nun, wenn auch nicht mit Spitzenspiel und brillanter technischer Bravour oder unüberwindbarem Schwung, so doch mit ernsthafter, gewachsener Mannschaft schlugen die Jungs die Österreicher, und kehrten damit zurück in den europäischen Fußball. Was auch immer geschieht, diese Europameisterschaft ist nunmehr genauso unsere wie die der Deutschen und der Italiener."

New York Magazine (USA), 30.05.2016

Wer ist Hillary Clinton? In einem ausführlichen Porträt sucht Rebecca Traister zu verstehen, warum die Hochachtung, die viele ihrer Mitarbeiter für sie haben, sich so selten überträgt. Das hat wohl auch mit Clintons schwieriger Beziehung zur Presse zu tun, die Traister als Ursprung der "Dichotomie zwischen ihrer öffentlichen und ihrer privaten Darstellung" erkennt: "Clintons ganzheitliche Sicht auf sich überschneidende Herausforderungen und vielfältige Lösungen - Steueranreize, Subventionen , Lohnerhöhung, Zahlungssicherheiten - begeistert durch ihren Scharfsinn. Aber sie passt eben nicht auf ein T-Shirt. Sie klingt nicht gut auf einer Kundgebung, man kann sie nicht einmal wirklich in den lokalen Nachrichten zitieren, weil es nicht so einfach ist wie zu sagen: 'Freie Universitäten!'. Wie Joe Scarborough es neulich ausgedrückt hat: 'Du willst heute Nacht gut einschlafen? Geh auf Hillary Clintons Webseite und fang an, politische Stellungnahmen zu lesen.'" Ironischerweise, meint Traitor, könnte gerade der Wahlkampf gegen Donald Trump ihr geben, was sie braucht: "Symbolik. Sie muss nicht über sich selbst reden, sie muss nur sie selbst sein, um ihr Argument anzubringen, dass sie für Inklusion, Gleichheit und Forstschritt steht. In Trump findet sie ihre Kontrastfigur: Amerikas repressive Vergangenheit."

Zeit (Deutschland), 02.06.2016

In einer sehr schönen Reportage erzählt Wolfgang Bauer von den Geisterschiffen mit Dutzenden von Toten, die immer wieder an Japans Küsten landen. Mehr als 283 sollen es in den letzten vier Jahren gewesen sein. Die Boote gehören nordkoreanischen Fischern, die sich gefährlich weit aufs Meer hinauswagen, um ein bisschen was zu verdienen. Einer von ihnen, Rhee, erzählt Bauer seine Geschichte: wie der Motor auf See versagte, kein Radiosignal und damit auch keine Wettervorhersage zu empfangen war. "Am Morgen des sechsten Tages beginnt die Maschine zu röcheln, stottert und erstirbt. Der Operator versucht, den Fehler zu finden, gemeinsam mit Rhee zerlegt er den Motor in seine Einzelteile. Beide Kolben haben sich festgefressen, die Zylinder sind angeschmolzen. 'Da habe ich begriffen, dass wir so gut wie verloren sind', sagt Rhee. Die befreundeten Fischer sind zu diesem Zeitpunkt weit entfernt. Rhee gaukelt seiner Besatzung Zuversicht vor. 'Wenn der Kapitän verzweifelt, verzweifelt die ganze Mannschaft.' Sie beratschlagen sich. In einigen Hundert Metern Entfernung sehen sie jetzt unbekannte Fischerboote, sie winken, rufen um Hilfe, doch keiner dreht auf sie zu. 'Fremde Boote helfen einander nicht', sagt Rhee. Die Kapitäne haben Angst um ihre Netze oder wollen keinen Diesel verschwenden, um andere zu retten. Diesel, der so kostbar ist in Nordkorea."
Archiv: Zeit

Guernica (USA), 21.06.2016

In Guernica schreiben Autoren aus aller Welt über die Städte ihrer Kindheit, ihrer Zukunft oder ihrer Sehnsucht. Ingrid Rojas Contreras kehrt nach Bogota zurück, das sie als eine Stadt der Autosuggestion erlebt. Die Alten erinnern sich an Zeiten, als noch Schnee in Kolumbien fiel, die Jungen hoffen auf ein Ende des Bürgerkriegs: "Die Stadtbewohner erzählen dasselbe wie die großen Tageszeitungen: Das Land steht am Rande des Friedens, selbst die größte Guerillagruppe, die FARC, könnte schon morgen das Friedensabkommen unterzeichnen. Die Gewalt ist eine Sache der Vergangenheit. Doch wenn ich in die Dörfer fahre, höre ich andere Geschichten. Eine Frau erzählt mir von ihrer hübschen Tochter: Als sie über den Dorfplatz ging, quittierte sie die aufreizenden Pfiffe mit Schimpfworten. Später lauerte der Mann, den sie beschimpft hatte, zusammen mit vier anderen Männern auf. Es waren alles Paramilitärs."

Unter anderem schreiben auch Kaya Genç über Istanbul, Xiao Luo über Peking, Salar Abdoh über Teheran, Rana Dasgupta über Delhi oder Frederic Tuten über New York.
Archiv: Guernica

Nepszabadsag (Ungarn), 18.06.2016

In der literarischen Reihe der Wochenendausgabe denkt der Schriftsteller Krisztián Grecsó über Außen- und Innenansichten von Ungarn nach: "Vor kurzem sah ich den Dokumentarfilm über das Budapester Konzert von Queen (1986). In den Achtzigern war Ungarn das Land der Möglichkeiten, nicht nur die lustigste Baracke, sondern auch eine Kulturnation, die auf einen Schlag wie der Westen sein würde. Von heute aus betrachtet ist es eher verblüffend, wie viel Potenzial in dieser Heimat steckte und nicht, was daraus wurde. Während wir jetzt auf den Ruinen sitzend trauern, begreifen wir nicht einmal die Verluste."
Archiv: Nepszabadsag
Stichwörter: Krisztian Grecso, Ungarn

New York Times (USA), 19.06.2016

Von außen nimmt die Netflix-Erfolgsgeschichte oft den Anschein einer großen Erlösungsfantasie samt Erfolgsabonnement. Aus Joe Noceras sehr instruktiver Reportage geht allerdings hervor, welchen mühsamen, von unwägbaren Marktinteressen determinierten Weg Netflix hinter sich gebracht hat. Vor allem aber zeigt sich: Netflix wurde insbesondere von den Contentanbietern lange Zeit enorm unterschätzt - was den Kampf um interessante Lizenzen in Zukunft schwieriger gestalten dürfte: "Dass Netflix die neue Internet-TV-Welt entscheidend mitgeprägt hat, heißt nicht, dass es sie auch auf alle Zeit dominiert. Hulu oder andere, kleinere Firmen wie Vimeo lizensieren und produzieren Shows. Auch die Sender, die Netflix lange als Verbündeten sahen, schlagen zurück und entwickeln eigene Streaming-Apps. Time Warner erwägt, Netflix seine Shows vorzuenthalten. Im Augenblick macht Netflix Miese, gegen Time Warner oder 21st Century Fox sehen seine Umsätze bescheiden aus. Außerdem bleibt der Streaming-Dienst abhängig von den Sendern, die ihrerseits fürchten, Netflix könnte ihr Geschäftsmodell bedrohen, so wie das Internet die Zeitungen und die Musikindustrie unterminiert hat. Jetzt, da so viele in der Unterhaltungsindustrie es als existenzielle Bedrohung wahrnehmen, stellt sich die Frage, ob Netflix in seiner eigenen Welt überleben kann und ob höhere Abonnentenbeiträge und Kosteneinsparungen beim Content eine dauerhafte Lösung sein können."

Außerdem: Greg Howard macht sich Gedanken über das Märchen der Rassenüberlegenheit. Moises Velasquez-Manoff berichtet, wie ein Patienten-Netzwerk versucht, sich durch Selbstinfizierung mit Darmwürmern selbst zu heilen. Und Charles Homans erklärt den "active shooter" zum allgegenwärtigen Phänomen unserer Zeit.