Magazinrundschau

Der Wille zur Jacht

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
04.08.2014. Telerama und der New Yorker suchen den Aufstieg über den krummen Pfad. Elet es Irodalom und das San Francisco Magazine freuen sich über die Demokratisierung der Kritik durch das Internet. Harper's Magazine beantwortet die Frage, ob James Joyce Syphilis hatte. MicroMega porträtiert den linken uruguayischen Staatspräsidenten Pepe Mujica als Franziskaner. Medium begleitet Obdachlose zu Tests für die Pharmaindustrie. Pitchfork feiert die Renaissance des Vinyl.

Telerama (Frankreich), 30.07.2014

Die berühmte Serie "The Wire" ist in Frankreich nicht allzu bekannt, schreibt Arthur Frayer. Kritiker haben sie zwar gefeiert, geguckt wird sie aber vor allem in den Banlieues von Paris und Marseille, wo man sich mit den Kriminellen der Serie identifiziert, wie Frayer anhand einiger aktueller Rap-Songs aus Frankreich zeigt. Rapper Fababy kann das im Gespräch nur bestätigen: ""Stringer Bell, der ist mehr wie die Leute aus Neuf-Deux (das heißt aus dem Department Nummer 92, westlich von Paris, d.Red.). Der denkt erst ans Business, dann handelt er. Avon Barksdale ist da gegen mehr wie die Typen aus 93, nordöstlich von Paris. Die sind mehr für Gewalt, schießen erst und denken dann." Der Rapper Berthet One gibt zu, dass er ein Faible für Stringer Bell hat, jenen Dealer, der Abendkurse nimmt, verkörpert von dem charismatischen Idris Elba. "Es gibt eine Menge superqualifizierte Typen wie ihn in den Stadtvierteln. Sie investieren ihr Drogengeld in Geschäfte und Immobilien. In einem anderen Milieu wären sie Anwälte.""
Archiv: Telerama

New Yorker (USA), 11.08.2014

Im New Yorker schreibt Malcolm Gladwell über zwei Bücher, die beschreiben, wie verschiedene Gruppen in Amerika über den "krummen Pfad" versuchen, sich in die amerikanische Gesellschaft einzugliedern. 1972 beschrieb der Anthropologe Francis Ianni, wie italienische Einwanderer - wie vor ihnen schon die Iren - mit Mord, Alkoholschmuggel, Zuhälterei oder Glückspiel in oft nur einer Generation den Sprung in die Mittelschicht schafften und ihre Geschäfte auf legale Beine stellten. Jetzt hat die Soziologin Alice Goffman mit "On the Run" ein Buch veröffentlicht, das erklärt, warum Afroamerikanern mit dem Drogenhandel dieser Sprung zumeist nicht gelingt. Ein Grund dafür sei, dass Kriminelle früher oft straflos davon kamen - das garantierte eine größere soziale Durchlässigkeit. Dass hat sich seit den Siebzigern mit den modernen Polizeimethoden geändert: "Die Polizei begrub die männliche [schwarze] Bevölkerung unter einer Flut von Haftbefehlen - einige waren Haftbefehle wegen mutmaßlicher Straftaten, aber die meisten wurden ausgestellt, weil der Betreffende es versäumt hatte, zu einem Gerichtstermin zu erscheinen, eine Geldbestrafe zu bezahlen oder weil er gegen Bewährungsauflagen verstoßen hatte. Sich vom Gewicht dieser Haftbefehle zu befreien, war so schwierig für die jungen Männer, dass sie wie Flüchtlinge lebten ... Die lokale Polizei, A.T.F., das F.B.I. und der U.S. Marshals Service hatten alle spezielle Verhaftungseinheiten, sie benutzten Computergrafiken, Handyüberwachung und Daten aus jeder vorstellbaren Datenbank: Aufzeichnungen der Sozialversicherung, Gerichtsakten, Krankenhausakten, Strom- und Gasrechnungen, Arbeitsnachweisen."

Außerdem: David Remnick lässt sich von Michael McFaul, 2012 bis 2014 amerikanischer Botschafter in Moskau, erzählen, wie Russland und Putin sich in diesen zwei Jahren verändert haben.
Archiv: New Yorker

Elet es Irodalom (Ungarn), 04.08.2014

Der Philosoph Mihály Szilágyi-Gál zeichnet nach, wie das Internet auch die Gattung der Kritik verändert hat, sieht jedoch keinen Anlass zur Sorge: "Wir haben keinen überzeugenden Grund zu denken, dass die Verbreitung von Online-Medien und die Erosion der klassischen Formen der Kritik als Genre, die fachliche und allgemeine Rolle der Kritik in der Streitkultur untergraben werden ... Kritik als Haltung zu etwas ist immer mehr als reine Profession. Eine Bemerkung, die Annahme oder Ablehnung eines Textes kann nie Monopol eines Berufsstands sein. Gefallen und Übereinstimmung entstehen letztendlich aus der Autonomie einer individuellen Antwort, und dafür bietet das Internet mit seinen hektischen Oberflächen einen breiteren Raum, als die klassischen Foren der Fachmeinungen."
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Stichwörter: Monopole, Streitkultur

Harper's Magazine (USA), 31.07.2014

Hatte James Joyce nun Syphilis oder nicht? Mit umwerfender Detailkenntnis nicht nur von Joyce" Korrespondenz, sondern auch der akademischen Forschung, die sich seit den 70ern mit fast schon befremdlichem Eifer auf die legendär angeschlagene Gesundheit des irischen Autors stürzte, bekundet Kevin Birmingham unter Verweis auf die chemische VerbindungGalyl, die Joyce in Form von Phosphor auf für damalige medizinische Verhältnisse wohl sehr einschlägige Weise verabreicht wurde, fast schon lapidar: "James Joyce wurde wegen Syphilis behandelt." Eine Tatsache, meint Birmingham, die den Akademikern auch früher schon hätte dämmern können, wenn sie weniger die Menge zahlreicher Gebrechen des Autors, sondern dessen Behandlung im medizinhistorisch informierten Blick gehabt hätten: "Die Auseinandersetzungen rund um Joyce" Verfassung unterstreichen die Tatsache, dass Lektüre immer ein vorurteilsbehafteter Prozess ist. Leser sind keine neutralen Beobachter. Wir lesen mit Bedenken, Motiven und Filtern, die uns dabei behilflich sind, eine Ordnung in komplizierten Texten zu finden. ... Wie jede akademische Forschung hat auch die Forschung rund um Joyce" Biografie aus dieser selektiven Blindheit eine Methode gemacht. Lyons und Ferris haben zwar gegensätzliche Motive, doch beide fokussieren in Joyce" Berichten über verabreichtes Arsen und Phosphor vor allem das Arsen. ... Den Phosphor komplett zu ignorieren, kam beiden Autoren zupass."
Stichwörter: James Joyce, Lyon, Syphilis

MicroMega (Italien), 01.08.2014

Giacomo Russo Spena stellt das offenbar sehr gut dokumentierte Buch der Journalisten Nadia Angelucci e Gianni Tarquini über den uruguayischen Präsidenten Pepe Mujica vor, der für ihn auf dem Weg von den Tupamaros zur zähneknirschend anerkannten parlamentarischen Demokratie die Hoffnung eines neuen linken Aufbruchs in Lateinamerika repräsentiert. Das geht nicht ab ohne einige urkatholische Elemente. "Die Zeitungen erzählen, wie er sich am Tag seiner Amtseinführung mit Jeans, Aktentasche, Wuschelkopf und altem Moped präsentierte. Das ist der Stil seines Lebens, extrem demütig, nüchtern und quasi - so würde ich sagen - franziskanisch -, der ihn bis heute prägt... Und dann all die Innovationen in seinem Land. Vor allem im Bereich des Zivilrechts: Die Einführung der Homoehe (eine Revolution in Lateinamerika) und die Legalisierung des Cannabis. Mehr noch. Der Kampf gegen die Vergeudung, die Entscheidung, einen großen Teil seines Einkommens den Armen zu geben. Und schließlich die Kampagne gegen die Waffen: Jedem, der ein Gewehr bringt verspricht der Staat ein Fahrrad und einen Computer."
Archiv: MicroMega

San Francisco Magazine (USA), 26.07.2014

Die Demokratisierung der Restaurantkritik durch Yelp hat keinen guten Einfluss auf die Nerven von Restaurantchefs, berichtet Rebecca Flint Marx, die unter anderem mit den Köchen Jeff Mason und Charles Bililies aus San Francisco gesprochen hat. Eindringlich schildern sie der Autorin ihr Leid durch Yelp: "Und doch hat das Feedback unbestreitbar sein Gutes, sowohl für die Restaurantbetreiber, als auch für die Gäste. Nachdem sich einige Yelpers über die Tischdecken in Bililies" Restaurant Souvla beschwert hatten, tauschte er sie aus. Seit sie seine Salatportionen kritisierten, macht er größere. Obwohl er eigentlich gern aus der Yelp-Maschinerie aussteigen würde, erkennt er an, dass das nicht geht. Wie Mason gibt er zu, dass die Website eine Menge Besucher anziehen kann. "Neulich kam ein Paar an", sagt er: "Sie haben 67 Kritiken auf Yelp, darum sind wir gekommen!"" Inzwischen sind es 88 Kritiken.

Merkur (Deutschland), 01.08.2014

Der einzige Luxus, den sich Oligarchen nicht leisten, ist das schlechte Gewissen, schreibt der Kunsthistoriker Wolfgang Kemp in einer kleinen Typologie des unverschämten Reichtums, der sich heutzutage vor allem im Willen zur Jacht zeigt: "Politiker wollen herrschen und nebenher gerne reich sein, aber sie wollen sich dem Erwerb und der Erhaltung des Reichtums nicht übermäßig widmen. Auch nutzen Politiker das alte Privileg der Mächtigen, ihre Macht als Idealismus auszugeben. Der Oligarch kennt solche Versuchungen nicht. Er will unermesslich reich werden und bleiben. Der Oligarch braucht und benutzt die politische Sphäre: Es geht um Rahmenbedingungen und um unkomplizierten Zugriff auf Staatseigentum. Selten nur übernimmt er politische Ämter, und wenn, dann kurzfristig."

Weitere Artikel: Die Juristin Ure Sacksofsky verhandelt die verschiedenen Kritikstränge am Bundesverfassungsgericht. Remigius Bunia versucht Gleichheit, Freiheit und traditionelle Werte im politischen Koordinatensystem von links und rechts zu verorten. Und Rainer Hank diskutiert die Frage von Staat, Macht und Eigentum in den Theorien des Liberalismus. Am Ende sieht er das Gebot des Grenznutzens durchgesetzt und den Markt durch die Internet-Giganten Google, Amazon und Facebook nicht gefährdet: "Private Macht ist gefährlich, wenn der Kunde einen Schaden hat, aber nicht, wenn die Wettbewerber sich beschweren."
Archiv: Merkur

Medium (USA), 28.07.2014

In Philadelphia gibt es nicht nur fünf medizinische Fakultäten und Unternehmen, die Pharma- und Medikamententests durchführen, sondern auch eine ungewöhnlich hohe Anzahl von Obdachlosen, schreibt Carl Elliott. Allen ethischen Grundsätzen zum Trotz werden diese als "menschliche Laborratten" mit Geld und Vergünstigungen angeheuert, um insbesondere Psychopharmaka wie Neuroleptika, Antidepressiva und Angst-Präparate zu testen. Elliott berichtet von Anthony, einem Obdachlosen, der von den Unternehmen inzwischen als Profi bezeichnet wird: ""Ich mache bei schizophrenen Forschungsstudien mit, obwohl ich schizophren und bipolar bin. Ich habe auch versucht, an Studien für schwerwiegende Fälle teilzunehmen, aber sie ließen mich nicht. Dafür muss man Stimmen an jedem Tag der Woche hören, ich höre sie allerdings nur ein- oder zweimal im Monat. Sie behandeln einen gut", antwortet Anthony auf die Frage, wie er über die Studien denkt. "Man kann fernsehen. Sie haben DVDs, CDs, PlayStation, Xbox. Sie bestellen drei, viel Mal die Woche Mahlzeiten. Chinesisches Essen, Cheessteaks, Buffalo Wings, Pizza. Sie richteten mir vor ein paar Jahren sogar eine Geburtstagsfeier aus, ich schnitt den Kuchen an und sie sangen Happy Birthday". Anthony litt offensichtlich an vielen der Nebenwirkungen, die man bei jemandem erwartet, der so viele Antipsychotika genommen hat: Diabetes, erhebliche Gewichtszunahme, und Gliedersteifheit, für die er noch ein Medikament namens Cogentin nimmt."
Archiv: Medium

La vie des idees (Frankreich), 23.07.2014

Im August hält die Weltgeschichte an, zumindest in Frankreich. La Vie des Idées macht bis zum 25. zu. Hier einer der letzten Artikel. Anne Steiner bespricht Juliette Rennes" Buch "Femmes en métier d"hommes", für das die Autorin Bildpostkarten der Belle Epoque sichtete, die das Frauenbild der Zeit reflektieren und häufiger auch Frauen in Männerberufen zeigen: "Zu jener Zeit schaffen die Verleger Serien wie "Die emanzipierte Frau" oder "Die Frau der Zukunft", um in scherzhafter Weise Soldatinnen aller Dienstgrade, Försterinnen, Fechtmeisterinnen, Journalistinnen oder Politikerinnen zu zeigen, meist mit großzügiger Oberweite und in Kostüme gepresst, die ihren Körperformen widersprechen, oder in koketten Verkleidungen, die mit ihren Helmen und Dienstmützen kontrastieren. Aus dem Missverhältnis zwischen Berufskleidung und weiblichen Formen wird die mangelnde Eignung der Frauen für diese Tätigkeiten abgeleitet. Das schalkhafte Lächeln der Emanzipierten beißt sich mit dem Ernst der dargestellten Funktionen und versichert den Adressaten der Postkarten, dass all dies nur eine Maskerade sei."

Pitchfork (USA), 28.07.2014

Vinyl erlebte zuletzt eine geradezu sagenhafte Renaissance - und ein Ende des Booms ist noch nicht abzusehen, erfährt man in Joel Oliphints ausführlicher Hintergrundreportage auch anhand konkreter Zahlen, denen zufolge sich der Vinylabsatz in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdreifacht hat. Doch die Wiederentdeckung von LPs und EPs insbesondere als haptische Statussymbole in Form aufwändiger Sondereditionen bringt auch frustrierende Aspekte mit sich: "Trotz kontinuierlicher steigender Nachfrage bleibt die Anzahl amerikanischer Presswerke in etwa gleich. Keiner eröffnet neue Presswerke, da die Kosten dafür nach allen Berechnungen verboten hoch wären. Der Industrie bleiben also nur etwa ein Dutzend Presswerke, die derzeit in den Staaten arbeiten. ... "Früher konnte man mit der Fertigstellung einer Platte in vier Wochen rechnen", sagt John Beeler von der Plattenfirma Asthmatic Kitty (...) "Aber heute sage ich meinen Künstlern, dass zwischen dem Zeitpunkt, an dem wir die Aufnahmen einschicken, bis zum Zeitpunkt, an dem wir die Platte in Händen halten, mindestens drei Monate liegen." Wohin man auch blickt, ungewöhnlich lange Fertigungszeiten, die einst als Anomalie galten, entsprechen heute der Norm. ... Was den Stand der Dinge in der unwahrscheinlichen Wiederbelebung der Vinylindustrie betrifft, ist also jeder glücklich. Und jeder frustriert."

Außerdem spürt Andy Beta den heißesten neuen Sounds aus Ibizas geheimeren Clubs nach.
Archiv: Pitchfork
Stichwörter: Vinyl

Open Democracy (UK), 24.07.2014

Die "Dancewithme"-Bewegung in Bulgarien hat es geschafft, die korrupte, immer stärker unter dem Einfluss Russlands stehende Regierung zu stürzen, erzählt der in London lebende bulgarische Soziologe Nikolay Nikolov in einem sehr interessanten Hintergrundartikel: Russland versucht vor allem in der Energiepolitik, Bulgarien als trojanisches Pferd in der EU zu nutzen. Die Demokratiebewegung, so Nikolov, "brachte ans Licht, wie viele Menschen in Bulgarien und außerhalb demokratische Werte in der Öffentlichkeit schätzen. Bis dahin gab es nur ein tiefes Gefühl der Isolierung, die Zivilgesellschaft war atomisiert und hatte aufgegeben."

Außerdem in Open Democracy: Slawomir Sierakowski erinnert zum zehnten Todestag an den polnischen Dissidenten Jacek Kuroń.

Foreign Policy (USA), 01.09.2014

In keinem Land der Welt wird so stark mit Massenüberwachung experimentiert wie in Singapur, berichtet Shane Harris in einer mit eindrucksvollen animierten Bildern unterlegten Reportage. Die Regierung benutzt die gesammelten Daten nicht nur zur Terrorvorbeugung, sondern auch für Vorratsplanung, Wirtschaftsprognosen, die Steuerung des Immobilienmarkts oder Schulpläne. Zur Zeit wird das von der Bevölkerung noch akzeptiert, weil sie den Nutzen sieht, der darin liegt. Aber das muss nicht so bleiben, stellt Harris nach den jüngsten Wahlen fest: "In diesem winzigen Datensammellabor trägt das Experiment unerwartete Ergebnisse: Je mehr Zeit die Singapurer online verbringen, je mehr sie lesen, je mehr sie ihre Gedanken miteinander und mit der Regierung tielen, desto mehr verfestigt sich der Eindruck, dass Singapurs milde Repression in entwickelten demokratischen Ländern nicht als völlig normal gilt und ihre Regierung nicht unfehlbar ist. In dem Ausmaß, in dem Singapur ein Vorbild für andere Länder ist, mag es auch die Grenzen von Big Data aufzeigen und dass nicht jedes Problem vorausgesehen werden kann."

HVG (Ungarn), 26.07.2014

Die Schauspielerin Dorottya Udvaros hat unter allen drei Direktoren des Budapester Nationaltheaters gearbeitet - von Tamás Jordán über den liberalen Róbert Alföldi bis zum nationalkonservativen Attila Vidnyánszky. Zu ihrem sechzigsten Geburtstag sprach sie im Interview mit Rita Szentgyörgyi über die gespaltete Künstlerszene in Ungarn: "Wir sollten die Sachen nicht von ganz rechts oder von ganz links betrachten, denn zwischen den beiden gibt es ganz viele Übergänge. Mich stört es, wenn wir alle anhimmeln, die bei Alföldi arbeiten und alle, die bei Vidnyánszky arbeiten hassen, oder eben umgekehrt. Wir müssen miteinander diskutieren, Meinungsverschiedenheiten sind zwangsläufig ... Es wäre nur elegant, wenn wir nicht alles was aus der anderen Richtung kommt prinzipiell ablehnen würden."
Archiv: HVG

New Republic (USA), 04.08.2014

Paul Berman erinnert sich anlässlich des posthum erschienenen Buchs "A Colossal Wreck" an seinen 2012 verstorbenen Kollegen Alexander Cockburn, mit dem er Ende der Siebziger kurz bei The Village Voice zusammengearbeitet hatte. Cockburn war der Fall eines britischen Marxisten mit adligem Stammbaum, der Amerika, Israel, Homosexuelle und Populärkultur hasste. Für die amerikanische - zumeist jüdisch geprägte, sozialdemokratische - Spielart des Marxismus interessierte er sich nicht die Bohne. "Liest man Cockburn in der Voice oder später in The Nation oder in "A Colossal Wreck", gewinnt man den Eindruck, hier sei jemand seit etwa 1967 in einer Anti-Vietnamkriegsdemo gefangen und verdammt, sich für immer vor Grausen über Robert McNamara zu schütteln. Er schüttelte sich auch vor dem Zionismus, dessen Natur ihm so durch und durch abscheulich erschien. Afghanistan führte ihn, nachdem die Sowjetunion das Land besetzt hatte, zu orgasmischen Höhen sexueller Befriedigung: "ein unsägliches Land voller scheußlicher Menschen, Schafficker und Schmuggler". Mehr: "Ich lasse mich von niemandem in meiner Sympathie für Russlands Geknechtete übertreffen, aber wenn ein Land es je verdiente, vergewaltigt zu werden, dann ist es Afghanistan. ""

Archiv: New Republic