Magazinrundschau

Zufällig schwarz

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
11.11.2008. Wer wird Indiens Obama sein, fragt Outlook. Der New Yorker beschreibt das komplizierte Verhältnis der schwarzen Bürgerrechtler zu Obama. Der Guardian staunt über das explosive Gemisch von Neurosen in der Familie Wittgenstein. Tygodnik Powszechny blickt den polnischen Juden der Zwischenkriegszeit in die Augen. Al Ahram stellt ein Onlineprojekt der Bibliotheca Alexandrina zur Geschichte Ägyptens vor. In Radar setzt Rodrigo Fresan die Besteller auf die Anklagebank. Vanity Fair blickt ins Innere des derzeit vielleicht erfolgreichsten Nachrichtenunternehmens der Welt: Bloomberg.

Outlook India (Indien), 17.11.2008

Jede Menge Artikel zu Barack Obama. Dipankar Gupta fragt unter anderem, wer Indiens Obama sein könnte: "Ein Muslim? Oder ein Unberührbarer?" Die Religion, glaubt Gupta, wird die größere Hürde sein. "Wenn sich Indien wirklich ein Beispiel an Obamas phänomenalen Erfolg nehmen möchte, dann wird der Test darin bestehen, wie wir unsere Muslime behandeln. Einer der wichtigsten Gründe, dass sich Minderheiten in den USA wohl fühlen, liegt darin, dass alle Bürger die gleichen Rechte genießen. Egal, welche Ressentiments jemand in seinem Herzen hegt - in dem Moment, da er sie ausspricht, tritt das Gesetz auf den Plan."

Weiteres: Neues "aufregendes" Kino aus Marathi verspricht Namrata Joshi und preist besonders zwei Filme. Umesh Kulkarnis Allegorie "Valu" über die Bändigung eines wilden Stiers und Ramesh Mores Film "Mahasatta" über zwei Arbeiter der Tata Werke, die sich im Jahr 2003 selbst verbrannt haben, weil sie keine feste Anstellung bekommen haben. "Was 'Mahasatta' besonders macht, ist, wie er unser kollektives Gewissen anspricht und aufstachelt. Er ruft die Herzlosigkeit der New Economy in Erinnerung, den Verrat an den Arbeitern, die sowohl von der Firma wie auch von der Gewerkschaft außen vor gelassen wurden. Der Film ist aber nicht nur ein weiteres ernstes, schwerfälliges, didaktisches Pamphlet zu einem schweren sozialen Problem; er erzählt seine Geschichte erfinderisch, kantig und engagiert."

Sehr gut besprochen werden Walter Crockers Nehru-Biografie "A Contemporary's Estaimate" und der Afghanistan-Roman "The Wasted Vigil" der Pakistanerin Nadeem Aslam.

New Statesman (UK), 10.11.2008

Beim Londoner Jazzfestival tritt am 14. November der tunesische Sänger und Oud-Spieler Dhafer Youssef auf. Anlass für Hisham Matar, eine Hymne auf einen Musiker zu schreiben, der Sufi-Philosophie mit klassischer indischer Musik und skandinavischem Avantgardejazz verbindet. "In 'Divine Shadows' ebenso wie in seiner jüngsten Veröffentlichung 'Glow' ... scheint Dhafer Youssef mit nordeuropäischen Musikern den Punkt auszumessen, an dem arabische und westliche Musik sich treffen und trennen. Westliche Musik, die sich hauptsächlich mit der linearen Reise beschäftigt, mit Bewegungen, die sich auf eine Lösung hin bewegen, wird kontrastiert mit der reisenden Natur der klassischen arabischen Musik: sie interessiert sich weniger dafür irgendwohin zu gelangen als zu sein. Die Kombination ist packend und beschwört das Verlangen der Sufis nach neuen Wegen der Vereinigung, die in dem Dilemma mitschwingen, in dem sich die muslimische Welt und das westliche Europa heute befinden. Hier wird aus dem Verlangen nach der Rückkehr des Göttlichen die Sehnsucht nach Harmonie und Brüderlichkeit mit dem anderen."

Hier ein Auftritt des Dhafer Youssef Quartetts (Dhafer Youssef, Eivind Aarset, Audun Erlien und Rune Arnesen) beim Jazz Onze Plus Festival 2006 in Lausanne: "Odd poetry"



Außerdem: Norman Stone stellt Charles Kings "instruktive und interessante" Geschichte des Kaukasus, "The Ghost of Freedom", vor.
Stichwörter: Hisham Matar

Tygodnik Powszechny (Polen), 09.11.2008

Anita Piotrowska und Agnieszka Sabor sprechen mit der Regisseurin Jolanta Dylewska über ihren Dokumentarfilm "Po-lin", in dem, dank Amateuraufnahmen von Besuchen amerikanischer Juden in den Shtetls der Zwischenkriegszeit, die Welt der polnischen Juden lebendig wird (mehr Informationen und der Trailer - leider bislang alles nur auf Polnisch). "Ein wiederkehrendes Motiv in diesen Filmen hat mich berührt: die Menschen nähern sich der Kamera und schauen ins Objektiv, so wie man einer vertrauten Person in die Augen schaut. Ihr Blick wird somit zu uns übertragen. Ich glaube, es ist ein emotionaler Wert dieser Filme, dass der heutige Betrachter mit jenen Menschen kommunizieren kann. Das zog mich am meisten an - mehr noch als die Tatsache, dass die Filme Synagogen dokumentieren, die es heute nicht mehr gibt", sagt Dylewska.

Außerdem erinnert Andrzej Rostocki daran, wie unglaublich populär der kürzlich verstorbene amerikanische Schriftsteller William Wharton in Polen war (Gesamtauflage zwei Millionen!): Er war der "wichtigste Therapeut" der Transformationszeit, meint Rostocki. Andrzej Franaszek berichtet gerührt von den "Geburtstagsfeiern" zu Ehren des vor zehn Jahren verstorbenen Dichters Zbigniew Herbert in Krakau.
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Stichwörter: Zbigniew Herbert, Krakau

Gazeta Wyborcza (Polen), 08.11.2008

Auch Tadeusz Sobolewski ist beeindruckt von "Po-lin": "Jolante Dylewska machte daraus einen Film über das Leben, nicht über die Vernichtung. Die Leere dieser Kleinstädte füllt sich auf wundersame Weise vor unseren Augen. Erst sprechen die Gegenstände zu uns - Türen, Fensterläden, Reliefs. Und dann kommen 'sie', die Vorkriegsbewohner. Sie kommen aus ihren Häusern, lächeln in die Kamera. Sie klagen niemanden an, sie wollen nichts von uns. Wir sind es, die sie brauchen." Sehr schade findet es Sobolewski aber, dass der Film in nur zwei (!) Kopien vertrieben wird.

Guardian (UK), 09.11.2008

Der irische Dichter und Nobelpreisträger Seamus Heaney erklärt im Interview, ob er - wie Wordsworth - eine "Person ist, die früh im Leben eine prägende Erfahrung" hatte, die er "den Rest seines dichterischen Lebens zu beschreiben versucht": "Die frühe Erfahrung war für mich zentral. Aber ich würde sagen, dass man sie weniger zu beschreiben als vielmehr zu lokalisieren versucht. Die Menge an sensorischem Material, die im System des Gehirns und des Körpers abgelegt ist, ist unschätzbar. Sie ist wie eine Kultur auf dem Grund eines Gefässes, obwohl sie nicht wächst, glaube ich, oder etwas anderem beim Wachsen hilft, bis man einen Weg findet, sie zu erreichen und zu berühren. Aber wenn man das erst mal getan hat, ist es, als würde man seine Hand in ein Nest legen und feststellen, dass irgendetwas im Kopf beginnt auszuschlüpfen."

Alexander Waughs Biografie der Familie Wittgenstein wirft einiges Licht auf den berühmtesten Sproß der Familie, Ludwig, schreibt der Literaturprofessor Terry Eagleton. Die Wittgensteins, könnte man zusammenfassen, waren ein explosives Gemisch von Neurosen. Vor allem die Söhne hatten "eine erschreckende Gewohnheit, sich wegzuwerfen. Der gutaussehende, intelligente, homosexuelle Rudolf schlenderte in eine Bar in Berlin, löste Zyankali in einem Glas Milch auf und starb qualvoll auf der Stelle. Zwei Jahre früher war Hans Karl spurlos verschwunden. Es wird angenommen, dass er sich im Meer ertränkt hat. Er war ein schüchternes, unbeholfenes, möglicherweise autistisches Kind mit einem erstaunlichen Talent für Mathematik und Musik. Sein erstes ausgesprochenes Wort war 'Ödipus'. Er war vermutlich ebenfalls schwul. Kurt scheint sich 'ohne erkennbaren Grund' als Soldat im Ersten Weltkrieg erschossen zu haben. Der Philosoph Ludwig behauptete, er habe erstmals im Alter von 10 oder 11 Jahren über Selbstmord nachgedacht."

Außerdem: Der Schriftsteller Adam Thirlwell grübelt mit Dostojewski, Musil und Kafka darüber nach, wie man Gedanken beschreibt. Und Charlotte Higgins besucht den Künstler Anish Kapoor in seinem Londoner Atelier.
Archiv: Guardian

Al Ahram Weekly (Ägypten), 06.11.2008

Arabisch müsste man lesen können! Dina Ezzat stellt ein hochinteressantes Projekt der Bibliothek von Alexandrien vor: Sie dokumentiert im Internet die Geschichte Ägyptens von 1802 bis 1981. Die Webseite, die laufend ergänzt wird, bietet zur Zeit "20.000 Fotografien von historischen Ereignissen, 11.000 Dokumente, 1.200 Essays und Biografien und 5.800 Nachrichtenausschnitte. Außerdem 1.000 Reden ägyptischer Politiker und 250 Videoaufnahmen politischer Ereignisse" und Audiodateien. Es geht dabei nicht nur um Politik, sondern auch um Kultur, die Rolle der Frauen in der ägyptischen Kunst und im Journalismus, Gedichte von Biram Al-Tunsi oder Lieder von Sayed Darwish. Massenhaft Material also für Forscher und interessierte Leser. "'Tatsächlich hat Ägypten ein großes Problem mit dem Geschichtsunterricht. In den Schulen wird Geschichte auf eine Art gelehrt, die jedem wissenschaftlichen und analytischen Denken spottet. Und an den Universitäten lernen Geschichte nur die, die sich nirgendwo anders einschreiben konnten', sagt Magdi Guirguis", ein Historiker, der sein Familienarchiv zur Verfügung gestellt hat.

Besprochen werden der tschechische Film "Tobruk", der einen Einblick gibt in die "faszinierende" Beziehung der tschechischen Republik zu Ägypten, die arabische Seite allerdings etwas unterbelichtet lässt, meint Eric Walberg, und zwei Bücher, die sich kritisch mit dem heutigen Ägypten auseinandersetzen: Sophie Pommiers "Egypt, L'Envers du decor" (hier) und John R. Bradleys "Insight Egypt: the Land of the Pharaohs on the Brink of Revolution" (hier).

Nouvel Observateur (Frankreich), 06.11.2008

"Ghetto urbain. Segregation, violence, pauvrete en France aujourd'hui" heißt die neue Studie des Soziologen Didier Lapeyronnie, in der er die Übel und Werte der "Gegen-Gesellschaft" in den neuen Ghettos französischer Vor- und Kleinstädte untersucht. Auf die Frage, ob diese "Gegen-Welt", die "Käfig und Kokon zugleich" sei, auch Werte und Antworten produziere, die über die Logik der allfälligen Gewalt in diesen Milieus hinausweist, antwortet er im Gespräch: "Das Ghetto ist eine Welt der starken Bindungen: Jeder kennt jeden. Das unterscheidet sich stark von der gewöhnlichen sozialen Welt, in der wir leben, die von schwachen Bindungen beherrscht wird: Wir kennen Leute, die sich ihrerseits nicht kennen. Schwache Bindungen sind aber sozial viel effizienter: Sie liefern ein Netz. Über diese Art Verbindungen findet man Arbeit, nicht indem man Lebensläufe verschickt. Starke Bindungen schützen die Leute, sind wie ein Kokon, mit all seinen negativen Aspekten. Aber sie stellen für jeden auch ein Handicap und eine Last dar."

Weiteres: Unter der Überschrift "Die Zukunft darf nicht aus dem Müll der Gegenwart bestehen" spricht der spanische Philosoph Daniel Innerarity in einem Interview über sein neues Buch "Le Futur et ses ennemis. De la confiscation de l'avenir a l'esperance politique", in dem er die klassische Rechts-Links-Spaltung für nicht mehr sachdienlich erklärt und seine Hoffnung auf eine erneuerte Demokratie darlegt.

Times Literary Supplement (UK), 06.11.2008

Benjamin Britten war offenbar kein sehr inspirierter Briefeschreiber. Faszinierend fand der Tenor Ian Bostridge jedoch den Mangel an Selbsterkenntnis, der sich in den Briefen des Komponisten offenbart und der in krassem Gegensatz zum fertigen Werk steht. Das betrifft auch Brittens Oper "The Turn of the Screw", die auf dem gleichnamigen Roman von Henry James basiert: "Einer der Furcht einflößendsten Momente in der ganzen Oper, zweiter Akt, Szene zwei, wenn die Kinder wie Chorsänger hereinkommen und ein finster parodistisches Benediktum singen, wird von Britten in einem Brief an den Direktor Basil Coleman in dem harmlosesten Licht beschrieben: 'Ich fühle sehr stark, sowohl für Form & Drama des Werks als auch für die Musik selbst, dass wir hier etwas helles und fröhliches haben müssen, etwas, dass es den Kindern erlaubt, jung und charmant zu sein (praktisch das letzte mal in diesem Werk) - & ich denke eine Hymne (eine Art "Chorprozession) ist die bis jetzt beste Idee dazu.' Doch als das Werk fertig war, sorgten die traumwandlerische Sicherheit von Britten als musikalischer Dramatiker und sein bewusster analytischer Verstand dafür, dass er den Kern der Sache auf eine Art ausdrückte, die er sich während des Komponierens nicht erlaubt hatte: ihm war klar, dass in punkto Realität oder - andersrum - der Geister in der Oper, 'Myfanwy Piper [die Librettistin] und ich die gleiche Ambiguität erreicht haben wie Henry James'."

Der Historiker Hew Strachan fragt sich nach der Lektüre eines Buchs über den Ersten Weltkrieg, wann britische Historiker diesen Krieg endlich mal nicht nur unter nationalen Gesichtspunkten untersuchen werden. "Die Franzosen, zusammen mit den Amerikanern (nicht den Briten), führten den Gegenangriff an der Marne am 18. Juli 1918, der den Wendepunkt an der westlichen Front markierte. Dies ist nicht die Version, die britische Historiker bevorzugen. Sie klagen Petain fälschlicherweise an, [den britischen Oberbefehlshaber Douglas] Haig nach der deutschen Attacke am 21. März 1918 nicht unterstützt zu haben und behaupten, Haig, nicht Petain, habe den entscheidenden Schlag gegen die deutsche Armee am 8. August 1918 in Amiens geführt."

Weltwoche (Schweiz), 06.11.2008

Albert Kuhn porträtiert den Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky, Roman-, Fernsehserien- und Schlagerautor. 2006 veröffentlichte er eine fast 800 Seiten lange jüdische Familiensaga, "Melnitz", die in der Schweiz auf Platz 1 der Bestsellerliste landete. "Charles Lewinsky hat altmodische Prinzipien. Man habe nicht das Recht, sagt er, sich Künstlerin oder Künstler zu nennen. Ob etwas Kunst ist oder wird, entscheiden die, die ein Werk lesen, hören oder anschauen." Das können Leser ab 20. November überprüfen, ab dann erscheint nämlich Lewinskys Fortsetzungsroman in der Weltwoche. "Das Handicap: 'Doppelpass' ist kein bestehender Roman, der in servilen Häppchen abgegeben wird. Der Text soll fortlaufend geschrieben werden und Aktualitäten beinhalten. Also kann sich der Autor keinen Bogen und keinen Schluss ausdenken. Er muss das Unvorhersehbare laufend voraussehen. In Folge 40 darf nichts passieren, was nicht kompatibel ist zu Folge 1 bis 39. Ein Roman, der sich selbst Eier legt und Fallen stellt. Kommentar Lewinsky: 'Das wird ein scharfer Ritt. Ich hab so etwas noch nie gemacht. Darum sagte ich zu.'"
Archiv: Weltwoche

Radar (Argentinien), 09.11.2008

Der Schriftsteller und Kritiker Rodrigo Fresan setzt die "Besteller auf die Anklagebank": "Wie so oft ist auch heute wieder die Rede davon, die Literatur stecke in einer Krise. Das glaube ich nicht. Der Literatur geht es gut.Wer in einer Krise steckt, sind die Bestseller: Die sind in der Tat immer schlechter geschrieben. Im Vergleich zu Dan Brown und seinen Epigonen wirken Leute wie Robert Ludlum, Irving Wallace oder Morris West geradezu wie Balzac, Hugo oder Zola. Dazu kommt, dass heute jeder flüchtige Bestseller eine Unmenge noch flüchtigerer Klone produziert, die in der Regel noch schlechter sind als das ohnehin nicht besonders gute Original. Was wiederum dazu führt, dass die erfolgreichsten Bestsellerautoren sich gezwungen sehen, sich selbst zu imitieren, oder aber - um sich irgendwie von ihrer einmal gefundenen Erfolgsformel zu befreien - in einer verzweifelt zentrifugalen Bewegung ihre besten Figuren eigenhändig auslöschen."
Archiv: Radar

Salon.eu.sk (Slowakei), 07.11.2008

Martin Butora gratuliert in der slowakischen Tageszeitung Sme Barack Obama zum Wahlsieg (hier auf Englisch). Er ist auch gut für die Slowakei, meint er. "Wenn Obamas Regierung es schafft, die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzkrise zu überwinden, wird das dazu beitragen, den Glauben an den demokratischen Kapitalismus wiederherzustellen, das ist nicht ganz unwichtig für uns Slowaken. Mit demokratischem Kapitalismus meine ich ein soziales System, das nicht doktrinär sondern offen ist, das fähig ist zur Selbstkorrektur und aus seinen Fehlern lernen kann. Unser Glaube in dieses System ist schwer erschüttert und es wäre unglücklich, wenn dies die Tür zu einem anderen, weniger wünschenswerten Modell eines staatskontrollierten oder autoritären Kapitalismus führen würde."
Archiv: Salon.eu.sk
Stichwörter: Barack Obama, Slowakei

New Yorker (USA), 17.11.2008

Als hellen (Hoffnungs?-)Mond lässt der New Yorker sein O auf der Titelseite über dem Lincoln Memorial in Washington strahlen - und widmet sich im Inneren ausführlich Barack Obamas Wahl zum Präsidenten. In seinem sehr langen Porträt Barack Obamas setzt David Remnick zwei Schwerpunkte, die sich ergänzen: Obamas Wahlkampf und das verzwickte Verhältnis, dass ein Teil der älteren, vom Kampf um die Bürgerrechte geprägte afroamerikanische Community zu ihm hat. Remnick zitiert Colin Powell, der positiv ausdrückt, was andere - wie Jesse Jackson oder Al Sharpton - gestört haben mag: "Der Unterschied liegt kurz gesagt in folgendem - und darauf habe ich in meiner ganzen Karriere als erster schwarzer Sicherheitsberater, als erster schwarzer Generalstabschef, als erster schwarzer Außenminister: Obama hat seinen Wahlkampf als Amerikaner geführt, der schwarz ist, nicht als schwarzer Amerikaner. Das ist ein Unterschied. Leute haben zu mir gesagt, 'meine Güte, es ist großartig, der schwarze Außenminister zu sein' und ich blinzelte und lachte und sagte, 'Ist hier ein weißer in Sicht? Ich bin der Verteidigungsminister, der zufällig schwarz ist.' Passen Sie auf, an welche Stelle Sie Ihre Beschreibung setzen, denn das macht den ganzen Unterschied aus."

Hendrik Hertzberg kann es immer noch nicht fassen: "In zehn Wochen wird ein Mensch Präsident der Vereinigten Staaten sein, dessen Vorname ein aus dem Arabischen abgeleitetes Suaheli-Wort ist (und 'Segen' bedeutet), dessen zweiter Vorname nicht nur der eines Enkels des Propheten Mohammed ist, sondern auch das ursprüngliche Zielobjekt eines noch andauernden amerikanischen Kriegs, und dessen Nachname sich perfekt auf 'Osama' reimt. Das ist kein Name, sondern eine Katastrophe, jedenfalls in der amerikanischen Politik. Oder sollte es zumindest gewesen sein."

Weiteres: James Wood erlebte bei Obamas Siegrede "eine sehr gute Nacht für die englische Sprache". Ryan Lizza beschreibt die Schlachtpläne und Strategien, die hinter Obamas Sieg stehen. David Grann beschäftigt sich mit dem Absturz von John McCain. Nick Paumgarten erklärt, wie Banker und Broker die Auswirkungen der Wahl auf die Entwicklungen in der Finanzwelt belauern. Und George Packer untersucht, inwiefern die aktuelle Finanzkrise Obama dabei helfen kann, die Demokraten neu zu definieren.

Besprechungen: Joan Acocella stellt eine Reihe neuer Publikationen zum Thema "overparenting" vor - ein neumodischer Begriff für ein Elternverhalten, das früher schlicht "verziehen" hieß. Peter Schjeldahl führt durch eine Ausstellung des Fotografen William Eggleston im Whitney Museum. Und Anthony Lane sah im Kino den neuen Bond "Ein Quantum Trost". Zu lesen ist schließlich die Erzählung "Lostronaut" von Jonathan Lethem und Lyrik von C.K. Williams und Robert Wrigley.
Archiv: New Yorker

Nepszabadsag (Ungarn), 08.11.2008

Der Politologe Laszlo Lengyel gratuliert den amerikanischen Wählern - "sie schenkten nicht nur sich selbst, sondern auch der ganzen Welt Hoffnung" - und hofft nach der Wahl Barack Obamas auf die Entstehung einer ganz neuen Kultur, "die statt auf Gewalt und autoritäre Politik auf Verhandlungen und friedliche Lösungen setzt und eine große Veränderung der Lebenswelten bewirkt. Wie die sechziger Jahre unsere Auffassung vom Alltag radikal veränderten, und wie die vergangenen zwanzig Jahre wieder eine andere Kultur erblühen ließen, glaube ich daran, dass die größte Veränderung eine kulturelle sein wird, die erneut von Amerika ausgehen wird, doch diesmal Hand in Hand mit Europa und Asien. Wir werden nie mehr über die Beziehung zwischen Frauen und Männer, zwischen Eltern und Kinder, zwischen Jung und Alt, zwischen verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen auf heutige Art und Weise nachdenken können."
Archiv: Nepszabadsag
Stichwörter: Barack Obama

Economist (UK), 07.11.2008

Der Economist schreibt unter der Überschrift "Werdet endlich erwachsen" über das Ende der Blogs, wie sie waren. Pioniere, die seit zehn Jahren dabei sind, geben auf, Konzerne kommerzialisieren das Bloggen und die Formen sind dabei, sich entschieden zu wandeln: Die Pioniere "sind heute zum Beispiel 'Mikro-Blogger' und nutzen Dienste wie Twitter, die das rohe, unmittelbare und intime Gefühl der frühen Blogs wiederherstellen. Twitter-Nachrichten, meistens von Handys geschickte, sind weniger als 140 Zeichen lang und antworten auf die Frage 'Was tust du gerade?' Es ist bezeichnend, dass Evan Williams, Mitgründer des Dienstes Blogger.com - ein Angebot aus den ersten Blog-Tagen, das heute zu Google, dem Wal-Mart des Internets gehört -, nun Twitter betreibt und darin die Zukunft sieht. Die traditionellen Blogs gehören heute immer öfter zu konventionellen Medien-Organiationen. Fast jede Zeitung, jeder Radio- und Fernsehsender hat heute Blogs und professionelle Weblogs wie HuffingtonPost.com für die Linken (mit 4,5 Millionen Besuchern im September) oder Free.Republic.com für die Konservaitven (eine Million Besucher) haben ... im US-Wahlkampf wichtige Rollen gespielt."

Die amerikanischen Wahlen und was aus ihnen folgt, findet sich unter Überschriften wie "Große Erwartungen" (Titelgeschichte), "Konfetti und heiße Dates" (über Chicagos Liebe zu Obama), "Szenen von einer Totenwache" (über das noble Ende von McCain) oder - Schreck lass nach - "Palin für 2012!" zusammengefasst.

Außerdem ein Nachruf auf den großen Jahrhundertchronisten Studs Terkel.
Archiv: Economist

Spiegel (Deutschland), 10.11.2008

Im Interview (leider nicht online) spricht der Autor Boris Akunin über den schlechten Zustand der Intelligenzija in Russland, die sich von Putin und Medwedew korrumpieren ließ und die Reaktion der russischen Regierung auf sein Interview mit dem inhaftierten Michail Chodorkowski - sie hat dessen Haft verschärft. "Sie wollte ein Zeichen setzen. Weniger gegenüber Chodorkowski, weil sie versteht, dass sie ihn auch nach fünf Jahren Haft nicht brechen kann. Sondern vielmehr, um andere Schriftsteller davor zu warnen, dieses öffentliche Gespräch über den Zustand unseres Landes fortzusetzen."
Archiv: Spiegel
Stichwörter: Michail Chodorkowski

Rue89 (Frankreich), 09.11.2008

Angesichts der - nicht nur in Frankreich virulenten - Zeitungs- und Zeitschriftenkrise und einem Rückgang der Print-Umsatzzahlen um gut 30 Prozent macht die Wirtschaftswissenschaftlerin Francoise Benhamou für den Leserschwund neben allgemeinen ökonomischen Zwängen mit negativen inhaltlichen Auswirkungen zwei weitere Faktoren ursächlich verantwortlich: die Standardisierung der Presseerzeugnisse und die scheinbar beliebige Austauschbarkeit von Journalisten. Dabei seien gerade unverwechselbare Autoren deren wichtigstes Kapital: "Die Stärke eines Presseorgans besteht in seiner spezifischen Besonderheit, in den Federn, die darin schreiben. In der heutzutage hyperkonkurrenten Presselandschaft ist für das Überleben eines Blatts nicht nur die Schaffung einer Marke eine unverzichtbare Bedingung, sondern der Aufbau eines Redaktionsteams, dem der Leser darin begegnet und das seinen Ton und Inhalt ausmacht."
Archiv: Rue89
Stichwörter: Rue89

Vanity Fair (USA), 01.12.2008

Seth Mnookin schreibt über das Büro der New York Times im Irak. Drei Millionen Dollar lässt es sich die Times im Jahr kosten - Swimmingpool, Waffen für die Journalisten, 100 irakischen Angestellte, davon viele bewaffnete Sicherheitsleute, importierte Möbeln aus Jordanien und Kuwait für vier Reporter und zwei Fotografen. Klingt übertrieben? "Wie [der Reporter und Fotograf] Mike Kamber meint, 'Wir arbeiten in einer Umgebung in der die ganze Zeit ein Preis auf unseren Kopf ausgesetzt ist.' Tatsächlich ist der Irak nach jedem Maßstab einer der gefährlichsten Konflikte in der Geschichte des modernen Journalismus. Von 2003 bis zu diesem Herbst sind hier 135 Journalisten getötet worden (außerdem 51 Helfer - Fahrer, Übersetzer, Sicherheitsleute). Das sind mehr als seit 1981 in den Konflikten in Somalia, Afghnaistan, Sierra Leone, den Philippinen, dem Balkan und dem ersten Irakkrieg zusammen getötet wurden. Von 1955 bis 1975 wurden 66 Journalisten in Vietnam getötet. 87 starben im Ersten und Zweiten Weltkrieg und im Koreakrieg zusammen." Das Publikum allerdings interessiert sich immer weniger für Berichte aus dem Irak.

In einem zweiten Artikel beschreibt Mnookin das derzeit vielleicht erfolgreichste Nachrichtenunternehmen der Welt: Bloomberg. Das Unternehmen hat einen neuen chief content officer, Norman Pearlstine. "Als er die Verhandlungen für seinen Job aufnahm, wusste er nicht sehr viel über seinen künftigen Arbeitgeber. Er wusste zum Beispiel nicht, dass Bloomberg News 2.300 Mitarbeiter hat, das sind mehr als die Redakteure der NYT und der Washington Post zusammen, oder dass von den 135 Bloomberg-Büros allein 30 im asiatisch-pazifischen Raum liegen". 300 zusätzliche Mitarbeiter wurden in den letzten Jahren angestellt. Bloomberg ist unverzichtbar für Wirtschaftskräfte, die den Dienst gegen Cash abonnieren, damit verdiente das Unternehmen 2007 rund 4,7 Milliarden Dollar. Zugleich hat Bloomberg seinen Geschäftsbereich ausgeweitet. "Heute haben zehn Zeitungen in der Welt, inklusive der spanischsprachigen Ausgabe des Miami Herald und des Tages-Anzeigers, der zweitgrößten Zeitung in der Schweiz, von Bloomberg News bestückte Seiten in ihren Zeitungen über Themen, die sie selbst sich nicht mehr leisten können abzudecken. In den letzten Jahren, als große Tageszeitungen wie die Los Angeles Times und die Chicago Tribune ihre Buchkritiken abgeschafft oder drastisch reduziert haben, hat die Kulturabteilung von Bloomberg ihre Kulturberichterstattung ausgeweitet, immer mit einem Auge darauf, ihren Inhalt in Tageszeitungen zu platzieren." Dieser Erfolg ist laut Mnookin vor allem zwei Männern zu verdanken: Michael Bloomberg und Matt Winkler. "'Matts einzigartiges Verdienst', zitiert Mnookin Bloomberg Präsidenten Dan Doctoroff, 'ist es, die symbiotische Beziehung zwischen Nachrichten und dem restlichen Bloomberg-Geschäft wirklich verstanden zu haben' - vor allem, weil er die journalistische Organisation als eine kapitalistische verstanden habe. 'Er war absolut brillant darin, dass in ein Konzept zu verwandeln.'"
Archiv: Vanity Fair