Magazinrundschau

Mein Blick in das Nichts

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
04.11.2008. Umberto Eco kann sich im Espresso sehr gut italienische Selbstmordattentäter vorstellen. In der Huffington Post fordert Studs Terkel kurz vor seinem Tod: mehr Re-gu-lie-rung! Der Spectator stellt die Poly Gruppe vor, ein Unternehmen der chinesischen Volksbefreiungsarmee. Der Observator Cultural bringt ein Dossier zu dem Schriftsteller Mircea Nedelciu. Die New York Times proträtiert Lauren Zalaznick, die Fernsehen für Bescheidwisser macht. In der New York Review of Books erklärt Zadie Smith das Ende des lyrischen Realismus.

Huffington Post (USA), 23.10.2008

Acht Tage vor seinem Tod am vergangenen Freitag gab Studs Terkel, "der Mann, der Amerika interviewte", sein letztes eigenes Telefoninterview. Edward Lifson wollte von ihm wissen, was er Barack Obama fragen würde, wenn er ihn interviewen sollte. Der schon sehr altersschwache Terkel, der zuletzt mit dem Sterben aber noch warten wollte, um Obama als Präsidenten erleben zu können, geriet so richtig in Fahrt. Und gab Obama, statt Fragen zu formulieren, gewohnt energisch einige Ratschläge mit auf den Weg. "Ich würde ihm sagen, verschwende deine Zeit nicht mit ein paar Themen wie dem Gesundheitssystem. Wir haben größere Aufgaben vor uns! (...) Der freie Markt muss reguliert werden. Im New Deal hat man das gemacht und dadurch Jobs geschaffen. Das müssen wir wieder tun. Wir brauchen mehr Re-gu-lie-rung! Ich hab' mir grade Alan Greenspan angeschaut, diesen Idioten! Sozialarbeiter, wie Obama mal einer war, wissen, was los ist. Wenn sie sich daran erinnern. Erinnerung ist das Allerwichtigste. In diesem Land haben doch alle Alzheimer. Obama muss sich einfach auf seine Zeit in der Gemeindearbeit zurückbesinnen." Zum Abschluss bekennt Terkel: "Die Vorstellung von einem schwarzen Typen im Weißen Haus finde ich stimulierend, sehr stimulierend sogar. Ich wünschte nur, er wäre etwas progressiver!"

Espresso (Italien), 31.10.2008

"Der Wind des Hasses" von Roberto Cotroneo ist ein Roman, den Umberto Eco allen empfehlen kann, die etwas über die dunkle Seite Italiens erfahren wollen. Er spielt in einem imaginierten, aber offenbar erschreckend realistischen dauerfaschistischen Italien. Terror und Todeswunsch gibt es hier, mitten in Europa, mehr als genug. In Italien sind Selbstmordattentäter durchaus denkbar, meint Eco. "Auch in unserem Terrorismus gab es einen selbstmörderischer Impuls, 'eine unwiderstehliche Anziehungskraft des Todes, jenes Todes, dem man anderen zufügt und der auch über uns selbst kommen kann'. Wenn im Roman einer der Protagonisten einem Polizisten beim Sterben zusieht, dem er einen Genickschuss versetzt hat, dann sagt er: 'Wir hatten es nicht gemacht, weil wir eine bessere Welt wollten, sondern weil es wir waren, die sterben wollten, weil ich mich in diesen Augen selbst gesehen habe, ich habe meine Beklemmung gesehen, meine Angst, mein Blick in das Nichts da drinnen, diesen Hass eines unerlösten Landes.'"
Archiv: Espresso

London Review of Books (UK), 06.11.2008

Der in Los Angeles lehrende Historiker Sanjay Subrahmanyam erklärt, was mit dem diesjährigen Booker-Preisträger "Der weiße Tiger" (deutsche Kritiken) des Autors Aravind Adiga seiner Ansicht nach ganz grundsätzlich nicht stimmt - es ist die englische Stimme des angeblich aus der indischen Unterschicht stammenden Ich-Erzählers: "Seite um Seite wird man durch die klirrenden Dissonanzen der Sprache und die einfach nicht passenden Ausdrücke aus dem Text gerissen. Das ist die Stimme eines in piekfeinem Englisch erzogenen Mannes, der schmutzig zu sprechen versucht, ohne dass er es hinbekommt. Hier spricht kein Salinger als Holden Caulfield oder Joyce als Molly Bloom. Ganz gewiss auch kein Vergleich mit Ralph Ellison oder James Baldwin, auf deren Parteinahme für die Marginalisierten sich Adiga beruft. Nein, wir haben es hier mit jemandem zu tun, der kein Gespür für die Textur der indischen Umgangssprache hat, aber trotzdem behauptet, er habe einen realistischen Text produziert."

Weitere Artikel: Daniel Soar schreibt in der "Tagebuch"-Rubrik über Bunker im Londoner Untergrund. Der Schriftsteller Colm Toibin hat Andrea Weiss' Biografie "Im Schatten des Zauberbergs: Die Geschichte von Erika und Klaus Mann" (Verlagswebsite) gelesen - und ausweislich seiner sehr umfangreichen Rezension auch manch anderes Werk aus dem Mann-Primär- und Sekundäruniversum. Besprochen werden außerdem zwei Bücher von und über Juden im Irak, Alastair Campbells allzu autobiografischer und vor allem, seufzt Jenni Diski in ihrer sehr amüsanten Kritik, auch allzu schlecht geschriebener Roman "Reine Kopfsache" und Fernando Meirelles' Saramago-Verfilmung "Blindness".
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Merkur (Deutschland), 01.11.2008

"Das westliche Erbe hat ... nichts Wertvolleres aufzuweisen als die Städte Europas", schwärmt der Philosoph Roger Scruton in einem aus dem City Journal übernommenen Beitrag, wobei er nicht unbedingt Frankfurt Fußgängerzone vor Augen hat, sondern klassizistische Fassaden, die von Bomben und mutwilliger Zerstörung verschont wurden: "Modernistische Vandalen wie Richard Rogers und Norman Foster - beide verantwortlich für einige der schlimmsten Akte der Zerstörung in unseren europäischen Städten - leben in eleganten alten Häusern in reizvoller Lage, wo handwerkliche Stile, traditionelle Materialien und menschliche Maße das architektonische Ambiente bestimmen. Es scheint, dass sie statt Bernard Mandevilles berühmtem Prinzip 'private Laster, öffentliche Vorteile' dem Gesetz privater Vorteile und öffentlicher Laster folgen - wobei für den privaten Vorteil einer reizvollen Lage mit dem öffentlichen Laster bezahlt wird, unsere Städte zu brutalisieren."

Der in Cluj und Constanta lehrende Literaturwissenschaftler Rasmus Althaus (mehr bei Xing) schickt aus Osteuropa einige Impressionen, zum Beispiel aus einer nicht näher bezeichneten Stadt in Rumänien: "Wie aus Gewohnheit bilden sich hier immer noch lange Schlangen. Viele Produkte sind auch grammweise zu kaufen: Belgische Pralinenschachteln werden aufgerissen, und der Inhalt wird stückweise verkauft. Cracker und Nüsse gibt es abgewogen. Die Leute bestellen wohlüberlegt und haben das Geld meist schon vorher abgezählt. Wenn man in einem Laden etwas verlangt, sagt man meist nicht, was man will, sondern fragt, ob es das gibt - auch wenn es offensichtlich vorhanden ist."
Archiv: Merkur

Spectator (UK), 01.11.2008

Elliot Wilson stellt die Poly Gruppe vor, ein Unternehmen der chinesischen Volksbefreiungsarmee, das seine Finger in vielen Geschäftszweigen hat. Ganz nebenbei ist der Konzern auch Chinas inoffizielles Kulturministerium, in dem Restitutionsfragen auf zupackende Art gelöst werden. "Während die Volksbefreiungsarmee per se für eine grobe Form der Machtausübung steht, geht Poly subtiler vor. Still und leise finanziert sie Kunstausstellungen, die durch die ganze Welt touren. Gibt es irgendeine Auktion chinesischer Kunst, dann sind die Repräsentanten von Poly zur Stelle, um jeden privaten Käufer zu überbieten. Die Aufgabe, lokale und ausländische Märkte nach Chinas verstreutem kulturellen Erbe abzugrasen, hat der 41-jährige Chefarchäologe Jiang Ying Chun inne, der in der Poly-Abteilung 'Kultur und Kunst' arbeitet. Er ist dafür zuständig, die wenigen Teppiche, Vasen, Skulpturen und Bronzefiguren, die sich noch in privaten Händen befinden, ausfindig zu machen, um sie dann mit Barem aufzukaufen, das durch den Verkauf von Waffen an Länder wie Zimbabwe, Sudan und Pakistan erwirtschaftet wurde. Poly hat zudem Zugang zu Chinas riesigen Devisenreserven - im Juni 2008 waren es 980 Milliarden Pfund. 'Falls Poly 100 Millionen Pfund benötigen würde, um alle auf der Welt verbleibenden Qualitätsbronzen aufzukaufen, dann würden sie das eben machen', sagt Colin Sheaf, der Chinaexperte beim Londoner Auktionshaus Bonhams. 'Falls sie nochmal 100 Millionen brauchen, dann wäre das kein Problem. Es ist bodenlos.'"
Archiv: Spectator

Observator Cultural (Rumänien), 01.11.2008

Der Observator Cultural hat ein neues Dossier zu dem Schriftsteller Mircea Nedelciu. 1950 in eine Bauernfamilie geboren, hat er 39 Jahre unter einem totalitären Regime verbracht. Die restlichen zehn Jahre kämpfte er gegen seine tödliche Krankheit, das Hodgkin-Lymphom. In einer Einführung zu Nedelcius Werk zitiert Sanda Cordos aus Nedelcius Text "Der horizontale Mensch", in dem er sich mit dem Tod auseinandersetzte: "die Konfrontation ist unausweichlich, du musst kämpfen und kannst dich nicht mehr drücken. (...) Was das angeht, kann die Position des horizontalen Menschen geradezu ein Trumpf sein: du kannst nicht mehr nach unten fallen, es gibt für dich nur vorwärts oder rückwärts (ein strategisches Rückwärts versteht sich natürlich). Es wird sich zeigen, wohin das alles führen mag, aber so viel sei schon mal gesagt: ich habe einige Tricks entdeckt (bei manchen Gegnern hätte es ohne Tricks gar keinen Sinn, überhaupt zu kämpfen). Zum Beispiel ausführlich ein gesundes Bein zu beschreiben, die Zehen, wie sie sich frei nach unten oder oben ausstrecken, die Beweglichkeit eines feinen Knöchels, die spielende Leichtigkeit der Waden und Schenkel beim Tanz - das alles macht die Strategie meines abscheulichen Widersachers zunichte. Denn er weiß zwar, dass meine Beine bereits ihm gehören, aber ich spreche nicht von meinen Beinen, sondern von anderen: es gibt so viele und wird immer neue geben!"

Eine Leseprobe aus Nedelcius "The Controlled Echo Effect" gibt's im Augenblick leider nicht auf Deutsch, aber auf Englisch, Russisch, Ungarisch, Polnisch, Niederländisch, Spanisch, Französisch und Italienisch.
Stichwörter: Trickster

New Statesman (UK), 30.10.2008

Alice Albinia ist nach Kaschgar gereist, in die Haupstadt der hauptsächlich von muslimischen Uiguren bewohnten chinesischen Provinz Xingjian. Friedliches Zusammenleben ist hier reine Propaganda: "Wenn man heute die Id-Kah-Mosche besichtigt, sieht man ein großes Plakat, das in gebrochenem Englisch die staatliche Politik vorgibt: 'Alle ethnischen Gruppen leben friedlich zusammen hier. Sie arbeiten gemeinsam, um ein schönes Heimatland aufzubauen und lehnen ethnische Trennung und illegale religiöse Aktivitäten ab.' Wenig überraschend lehnen viele Uiguren die Chinesen als Invasoren ab, die ihre Kultur und Religion bedrohen. Während Peking weiter darauf abzielt, Han-Chinesen und Handel nach Xinjiang zu bringen, gibt es noch stillen Widerstand in den Straßen nördlich der Moschee. Hier, wo alte Männer in Teehäusern Schach spielen und Läden ihre plombenziehenden Süßigkeiten aus gehackten Walnüssen verkaufen, trifft man alte Frauen, die kein Mandarin sprechen, Handwerker, die China für ein anderes Land halten und Händler, die nicht der Pekinger Zeit folgen." Und Männer, die sich darüber beklagen, dass den Frauen verboten wird, in der Schule oder im Staatsdienst Kopftücher zu tragen.

Gegen "Hunger", Steve McQueens Film über den im Hungerstreik gestorbenen IRA-Mann Bobby Sands (mehr hier und hier), sieht Marc Fosters James-Bond-Film "Ein Quantum Trost" ganz schön alt aus, befindet Ryan Gilbey: "McQueen beherrscht Tempo und Kontrast: er wechsel ernsthafte Ruhe mit beklemmendem Lärm ab; Bilder des körperlichen Zerfalls mit Andeutungen spiritueller Schwerelosigkeit; geduldige, endlose Einstellungen mit rasanten Bildern, die den Eindruck erwecken, die Kamera wäre an ein Feuerrad gebunden gewesen. Dieser überwältigende Sturm lässt all die Extra-Tricks und Innovationen ganz schön mickrig erscheinen, die sich frühere Filmemacher ausgedacht haben, um uns stärker in ihre Welt zu ziehen."

Nepszabadsag (Ungarn), 31.10.2008

Für die Finanzkrise geben die Osteuropäer fast ausschließlich sich gegenseitig (die Polen den Ungarn, die Rumänen den Bulgaren), den entwickelten Ländern ("die haben uns wieder im Stich gelassen") oder ihrer eigenen, inkompetenten politischen Elite die Schuld. Eszter Babarczy findet diese Reaktionen besonders gefährlich, weil sie sie an jene Rhetorik erinnert, aus der später Nazideutschland hervorging: "Natürlich droht die Tendenz in Osteuropa, immer den anderen die Schuld zu geben, nicht auf einen Weltkrieg hinauszulaufen, sie ist aber insofern eine Bedrohung, als wir uns den 'äußeren' Umständen ständig ausgeliefert fühlen und für uns jede Krise überraschend kommt. Wer denkt, dass immer die anderen schuld sind, der lernt nichts und ist nicht imstande, Probleme zu lösen."
Archiv: Nepszabadsag
Stichwörter: Nazideutschland

Guernica (USA), 03.11.2008

Bernard-Henri Levy spricht im Interview zu seinem gerade ins Englische übersetzten Buch "Ce grand cadavre a la renverse" über die Linke, den Islam, den Antisemitismus und warum es ihm ja sowas von schnurz ist, wer seinen Ideen applaudiert: "Es gibt im Islam, wie in Frankreich, wie in Europa, eine Schlacht, einen grimmigen Kampf zwischen denen, die Gleichheit für Frauen wollen, Antirassismus, den Triumph der Menschenrechte, und denen, die die Werte wollen, die der Faschismus aufgebaut und popularisiert hat. Es ist eine Schlacht. Als ich ein junger Mann war, sagte man mir, du solltest nicht die Sowjetunion kritisieren, denn die französische Rechte tut das auch. Na und? Ich soll die Ermordung von Millionen Menschen in Konzentrationslagern gutheißen, mit dem Motiv, dass irgendein dummer rechter Franzose mit mir übereinstimmt? Er wird vergessen werden. Genau wie Bush. Bush ist nichts. Wir treffen uns in zwei Jahren und niemand wird sich mehr für Bush interessieren. ... Ich werde diese heroischen Frauen und mutigen jungen Männer, die für Demokratie kämpfen, nicht opfern, ich werde sie nicht verraten und sterben lassen, weil es scheint, als wollte auch Bush ihnen helfen. Vielleicht will er das ja wirklich. Es ist mir egal. Bush ist nichts. Er war etwas. Jetzt ist er nichts."
Archiv: Guernica

Nouvel Observateur (Frankreich), 30.10.2008

Jonathan Littell empfiehlt den Essay "Les elections presidentielles aux Etats Unis" von Roger Persichino (Folio Actuel), der sich grundsätzlich mit den amerikanischen Präsidentschaftswahlen und nicht ausschließlich mit dem Wahlkampf 2008 beschäftigt. Littell schreibt: "Viele von uns werden, wenn Barack Obama, was wahrscheinlich erscheint und wie wir uns wünschen, zum Präsidenten gewählt wurde, verstehen wollen, worin die Logik und Zwänge bestehen, die seine Entscheidungen steuern und seine Handlungsfähigkeit bestimmen. Und so bin ich fest davon überzeugt, dass man ein historisches oder politisches Phänomen ohne ein präzises Verständnis der ihm zugrundeliegenden Mechanismen nicht analysieren kann. Und dieses Verständnis vermittelt uns Persichinos Buch auf luzide, pointierte und didaktische Weise, gleichermaßen nützlich für einen Amerikaner wie für einen Franzosen. Der nächste Präsident wird großteils durch den Wahlkampf definiert, der ihn zur Macht geführt hat: Das zu verstehen, das Wie und das Warum, ist entscheidend für die Folgezeit."

Besprochen wird außerdem der Essay "Le bluff ethique" (Flammarion) des Philosophen Frederic Schiffer. Darin wettert dieser gegen die "falschen Versprechungen" der "Moralprediger" und "Scharlatane" seiner Zunft wie Michel Onfray oder Luc Ferry sowie deren Vorgänger von Platon bis Wittgenstein, die einem "getäuschten Publikum ein glückliches, erfolgreiches und authentisches Leben durch Arbeit am eigenen Selbst" verhießen.

Economist (UK), 31.10.2008

Als Anschauungsunterricht für den kommenden US-Präsidenten begreift der Economist H.W. Brands Biografie des triumphalen Krisen-Präsidenten F.D.R. Roosevelt: "Roosevelt war der bedeutendste amerikanische Präsident seit Lincoln. Seine kolossalen Fähigkeiten wurden durch seine Krankheit, die ökonomische Katastrophe und einen Weltkrieg auf die Probe gestellt. Er nutzt jedes ihm verfügbare Instrument, um die Vereinigten Staaten in Krieg und Frieden zu leiten: Partei, Bürokratie, den Kongress und die Medien seiner Zeit. Wer auch immer die Wahlen 2008 gewinnt, wird all diese Instrumente in eingerostetem, geschwächtem oder deformiertem Zustand vorfinden. Es wird seine Aufgabe sein, als Präsident wieder eine tragfähige Beziehung zum Land und zur Welt herzustellen - und er wird, um Amerika aus dem Tal des ökonomischen Niedergangs zur Höhe der Macht zu führen, des Talents und des Charakters eines Franklin Roosewelt bedürfen."

Daran, wie der nächste Präsident nach Ansicht des Economist heißen sollte, lässt die Titelgeschichte "Es wird Zeit" nicht den mindesten Zweifel: Barack Obama.
Archiv: Economist
Stichwörter: Bürokratie, Barack Obama

Polityka (Polen), 29.10.2008

In der Reihe der Gespräche zu zwanzig Jahren Tranformation in Polen (wir berichteten vom Interview mit Tadeusz Mazowiecki) wird der Urheber der wirtschaftlichen "Schocktherapie", Leszek Balcerowicz, zu seiner Motivation befragt. "Genau wusste damals niemand, was passiert, aber klar war, dass nur der Kapitalismus uns die Chance bieten würde, zum Westen aufzuholen. Alles musste ganz schnell gehen. (...) Ich war mir der historischen Umbruchssituation bewusst, mir war klar, dass diese Chance genutzt werden musste. Deshalb nahm ich an, dass wenn ich mich fehlgehen sollte - was wahrscheinlich war - dann lieber mit zuviel Radikalismus als zu wenig. Man muss immer wählen, welchen Fehler man am ehesten verhindern will."

Außerdem freut sich Jan Topolski auf das Festival russischer Filme in Warschau, "Sputnik". Und Stanislaw Podemski erinnert an ein weiteres Kapitel in der Geschichte des polnisch-jüdischen Miteinander: die Beteiligung polnischer Juden an den Nationalaufständen im 19. Jahrhundert, die von den Zeitgenossen nicht immer gern gesehen wurde.
Archiv: Polityka
Stichwörter: Sputnik

New York Times (USA), 03.11.2008

Im Magazin porträtiert Susan Dominus die Präsidentin von Bravo Media, Lauren Zalaznick, eine 45-jährige grauhaarige ehemalige Filmproduzentin (Larry Clarks "Kids"), die heute Fernsehserien konzipiert und produziert, die vom jüngsten einflussreichen Publikum in den USA geliebt werden: "Project Runway", "Real Housewive", "Top Chef", "Blow Out" - alles Reality-TV-Serien, die nicht an die Instinkte der Proletarier appellieren, sondern an die der Bescheidwisser, die "konkurrenzbetonten urbanen Professionellen - die Gymbesucher, die Restaurantstammgäste, die trendigen Shopper, die Innenarchitekten", kurz: den Traum aller Anzeigenkunden, deren Welt porträtiert, persifliert, dokumentiert und dekonstruiert wird. Produkt placement ist in ihren Serien deshalb auch kein Thema. "Product Placement soll unsere Intelligenz beleidigen? Unmöglich, denn wir wissen, dass sie wissen, dass wir ganz genau wissen, wie das Geschäft funktioniert. (...) Nehmen Sie den Haarstylisten Jonathan Antin in seiner nicht mehr ausgestrahlen Show 'Blow Out', wie er beim Dreh einer Werbung für seine neue Haarpflegeserie gefilmt wird. Der Plot besagt, dass er eine Diva ist. Während er verschiedene Einstellungen für sein Commercial filmt, sagt Jonathan Antin wieder und wieder Variationen des folgenden: 'Shampoo ist ein unglaublich wichtiger erste Schritt in Ihrem Tag.' Er ist lachhaft, seine Äußerung ist lachhaft. Und doch, wenn Sie Shampoo verkaufen wollen, können Sie sich eine bessere Umgebung für Ihre Werbung vorstellen?"

Weitere Artikel: Der Iran ist vielleicht das einzige Land der Welt, dem die USA bis heute nicht beikommen können. Ein Mann hat jedoch eine Strategie entwickelt, die aufgehen könnte, schreibt Robin Wright: Stuart Levey, Staatssekretär im Finanzministerium, hat in den letzten Jahren zahlreiche Banken auf der ganzen Welt davon überzeugt, keine Geschäfte mehr mit dem Iran zu machen. China produziert inzwischen zwei Drittel aller Medikamente auf der Welt, aber sind die chinesischen Fabriken sicher?, fragt Gardiner Harris. Die Kontrollen sowohl der Amerikaner als auch der Europäer sind jedenfalls mehr als lückenhaft.

New York Review of Books (USA), 20.11.2008

Von genau den Menschen, für die Lauren Zalaznick Fernsehen macht, handelt der Roman "Netherland" von Joseph O'Neill, wenn wir Zadie Smith richtig verstehen. "Es ist ein Roman der will, dass Sie wissen, dass er weiß, dass Sie wissen, er weiß." Balzacscher lyrischer Realismus, dessen Held Hans, ein holländischer Börsenanalyst, ein Authenizitätsproblem hat. Smith beschreibt eine Szene, in der sich Hans mit seiner Frau über den Irakkrieg streitet - das heißt, sie streitet, seine Gedanken driften schnell fort. Smith zitiert: "Hatte der Irak Massenvernichtungswaffen, die eine wirkliche Bedrohung darstellten? Ich wusste es nicht; und um ehrlich zu sein, um meine wirklichen Schwierigkeiten damit zu berühren, ich hatte kein Interesse an dieser Frage. Es war mir wirklich egal." Für Rezensentin Smith "steht dieses Fazit nie in Zweifel: selbst als Rachel weitertobt, wandern Hans' Gedanken immer wieder zu dem Sturm und seinen Schneeflecken, 'kleinen und dunklen ... Fliegen', die wie eine 'kalte Toga über die Stadt drapiert' sind. Der Ennui des Flaneurs aus dem 19. Jahrhundert wurde in die politische Apathie eines Bourgeois aus dem 21. Jahrhundert verpflanzt - und verschönt. Das politische Engagement anderer offenbart sich als einfach eine andere Form von Unauthentizität." Smith zieht Tom McCarthys "Remainder" vor, ein Roman, der eher in der Tradition von Robbe-Grillet steht. Warum, müssen Sie selbst lesen.

Außerdem: In der Kundera-Affäre fanden es einige Kommentatoren irgendwie peinlich, in einem Atemzug über das Leben eines Autors und seine Bücher zu sprechen. Sie sollten besser nicht die Texte von J.M. Coetzee über Irene Nemirovsky, Ian Buruma über die Naipaul-Biografie von Patrick French und Daniel Mendelsohn über den griechischen Dichter Constantine Cavafy lesen. Allen anderen seien sie empfohlen.