Charles Lewinsky

Melnitz

Roman
Cover: Melnitz
Nagel und Kimche Verlag, Zürich 2005
ISBN 9783312003723
Gebunden, 776 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Als 1871 nachts ein entfernter Verwandter an die Tür der Meijers klopft, ahnt noch keiner in der Familie, wie radikal sich ihr Leben ändern wird. Über vier Generationen erstreckt sich ihre Geschichte voller Liebesglück und Lebenstrauer, ihr Kampf um Erfolg und Anerkennung. Charles Lewinsky erzählt mit einer Gestaltungskraft, die den Leser unweigerlich zu einem bangenden, hoffenden und fiebernden Teil dieser Familie werden lässt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 03.06.2006

Überaus angetan zeigt sich Rezensent Hans-Peter Kunisch von Charles Lewinskys Roman, der vom Schicksal einer jüdischen Familie in der Schweiz über mehrere Generationen von 1871 bis 1946 erzählt. Kunisch fühlt sich bei der Lektüre gar an die großen realistischen Romane Flauberts und Fontanes erinnert. Zu diesem Vergleich veranlassen ihn mehrere Punkte: die anschauliche Gestaltung der Romanfiguren, die Kunisch wie "Wiedergänger klassischer Charaktere" vorkommen, das der Geschichte zugrunde liegende unbeirrt pessimistische Weltbild, mit dem dennoch Gelassenheit und Humor beim Erzählen einhergehen, und nicht zuletzt das breit entfaltete Familien- und Geschichtspanorama. Kunisch würdigt die Bezüge zur Weltgeschichte, die der Roman immer wieder bietet, obwohl er vor allem in der Schweizer Provinz spielt, sowie die kompromisslose Thematisierung des Schweizer Antisemitismus. Sein Resümee: ein "großartiger Familienroman".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.02.2006

Die "Wehmut", die den Leser zum Ende dieser fünf Generationen einer jüdischen Familie umspannenden Geschichte ergreift, ist die einer nicht eingelösten Verheißung, schreibt der beeindruckte Rezensent Roman Bucheli. Denn der Roman beginnt 1871 und für die jüdische Gemeinschaft in der Schweiz scheint ein neues Zeitalter der Gleichberechtigung angebrochen zu sein. Bucheli glaubt zu spüren, wie sehr der Erzähler von einer "im Licht der Aufklärung heller werdenden Welt" erzählen möchte. Doch stattdessen sei er gezwungen, den immer deutlicher werdenden Weg in den Abgrund des Holocaust schildern. Dies tut er denn auch mit "virtuoser erzählerischer Dramaturgie", aber ohne jede Effekthascherei, lobt der Rezensent, für den der Zauber des Romans darin besteht, dass er "die Geschichte in Geschichten" erzählt und sich darauf versteht, die gesellschaftlich-politische und die familiäre Dynamik miteinander zu verquicken. Ganz besonders gefallen hat Bucheli jedoch die titelgebende Figur des Onkel Melnitz, die als Widerpart zum Erzähler fungiere und als Widergänger "das nie auszulöschende Gedächtnis an die von Verfolgung geprägte jüdische Geschichte" verkörpere. Melnitz dringt als "innere Stimme" in die Menschen ein, als Stimme der Wachsamkeit, als Stimme einer unbequemen Wahrheit, So Bucheli. Mit "Melnitz" hat Charles Lewinsky eine "großen Roman" geschrieben, gerade deshalb, weil er "der Fassungslosigkeit vor der Geschichte eine wort- und bildmächtige, eine sinnenfrohe und detailgenaue Sprache zurückgibt", resümiert der Rezensent.