Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
09.09.2002. Jedes Magazin hat den 11. September auf dem Cover - mit Ausnahme des L'Express, der die französischen Immobilienpreise favorisiert. Im Espresso schreiben Umberto Eco und Oliver Stone. In Outlook India schreiben Noam Chomsky und Samuel Huntington. Im Nouvel Obs Carlos Fuentes und Benjamin Barber. Der Economist bringt ein Special, die NYT stellt Bücher zum Thema vor.

Outlook India (Indien), 16.09.2002

In nicht weniger als zwölf Artikeln und Interviews begeht das Magazin den Jahrestag des 11. September. Es ergibt sich, alles in allem, eine kritische Perspektive auf die Politik der USA vor dem 11. September - und danach.

Schon der Aufmacher stammt von keinem anderen als Noam Chomsky (mehr hier), Galionsfigur der amerikanischen Linken und einem der schärfsten Kritiker der US-Politik seit Jahrzehnten. Er zieht vor allem eine Bilanz der Folgen des Attentats für die Weltpolitik und sie fällt, wie nicht anders zu erwarten, alles andere als erfreulich aus. Die Rechte, die die USA mit ihrem Kampf gegen den Terror für sich in Anspruch nehmen, haben sie den von ihnen mit Terror überzogenen Staaten nie eingeräumt (Chomsky beruft sich auf Kuba und Nicaragua) - und natürlich, so Chomsky, haben die USA nichts anderes als Machtpolitik und die Interessen der amerikanischen Konzerne im Sinn: "One major outcome is that the US, for the first time, has major military bases in Central Asia. These are important to position US multinationals favourably in the current 'great game' to control the considerable resources of the region, but also to complete the encirclement of the world?s major energy resources, in the Gulf region."

Der zweite US-Amerikaner, der zu Wort kommt, ist - vom anderen Ende des politischen Spektrums - Samuel Huntington (hier mehr), der im Interview zu seiner These vom "Clash of Civilizations" befragt wird. Auf die Außenpolitik der US-Regierung lässt er nichts kommen: "I am sure that Sweden has a pure foreign policy but what does Sweden do? Whereas we are involved all over the world. I think we do pretty well as compared with the record of other countries." Außerdem: Neun in den USA lebende Inder erinnern sich an im World Trade Center ums Leben gekommene Verwandte. Indische Filmemacher, Dichter, Künstler, Schauspieler kommentieren kurz - und in der Mehrzahl recht US-kritisch - den 11. September, seine Ursachen und Folgen.

Unter die Lupe genommen werden aber auch die Auswirkungen auf die Region. Die Situation Pakistans wird - unter dem Titel "Faust's New Deal" - analysiert; Präsident Musharraf hat seine Kehrtwendungen, meint Ayaz Amir, geschickt verkauft. Er hat sich von den religiösen Extremisten losgesagt - und damit auch von den Terroristen in Kaschmir -, ohne auf gefährlichen Widerstand im eigenen Land zu stoßen und findet für seine scheindemokratische Diktatur die weitgehende Unterstützung des Westens. Ein weiterer Artikel geht noch genauer auf den Stand der Dinge im Kaschmir-Konflikt ein. Spekuliert wird außerdem über den Verbleib von Mullah Omar und Osama Bin Laden.

Espresso (Italien), 11.09.2002

Umberto Eco analysiert im Espresso die veränderte Logik des Krieges nach dem 11. September. Mit der neuen Form des "Diffusen Kriegs" wurden alle Gewissheiten traditioneller Konflikte und militärischer Auseinandersetzungen über den Haufen geworfen. Das erzeugt einen weltweiten Bluthochdruck, meint Eco, weil niemand weiß, wie das neue diffuse Krankheitsbild zu bekämpfen sei, obwohl jeder spürt, dass die alten Konfliktkonzepte sich radikal verändert haben. Während der "Paleokrieg" sich auf klar definierte Fronten stützte, die Waffenindustrie von den Kriegszeiten profitierte und die Propaganda dem Feind nie eine Stimme verlieh, änderten sich diese Regeln drastisch im Golfkrieg. In diesem 'Neokrieg' "beweinten die Kriegsführenden das erste Mal ihre Feinde". Im 'Diffusen Krieg' lässt sich der Feind nicht mal mehr lokalisieren oder definieren. Die Verwirrung ist komplett: "Im diffusen Krieg zählen die traditionellen militärischen Formen nicht mehr und diejenigen die, wie der Geheimdienst zur Bekämpfung geeignet sein könnten, erscheinen nicht ausreichend vorbereitet. Damit sind die Widersprüche maximal, genauso wie die Konfusion. Auf der einen Seite sind alle Bedingungen der Kriegsführung außer Kraft gesetzt, weil der Feind sich komplett mimetisiert hat. Auf der anderen Seite versucht man, Paleokriege zu inszenieren (z. B. einen Angriff auf den Irak), die jedoch nur dazu dienen, die innere Front zusammenzuhalten, um die Bürger vergessen zu lassen, dass der Feind nicht dort ist, wo man ihn bombardiert, sondern mitten unter uns."

Außerdem in L'Espresso: ein Artikel von Oliver Stone: "Der Tausch von Freiheit gegen Sicherheit ist ein Irrtum. Sich nicht mit Präsident Bush zu befassen auch."
Archiv: Espresso

Nouvel Observateur (Frankreich), 05.09.2002

Auch der Nouvel Obs widmet dem ersten Jahrestag der Anschläge vom 11. September ein umfangreiches Dossier. Resümiert und ausgelotet werden Schock und Reaktionen, der derzeitige Wissensstand über Al Qaida und Handlungspläne für die Zukunft (eine ausführliche Inhaltsübersicht finden Sie hier).

Im Debattenteil des Dossiers beschreibt der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes (mehr hier) den Kampf Amerikas gegen sich selbst und wirft den USA vor, mit ihrer "Einseitigkeit die durch den Terrorismus evozierten Probleme unterzubewerten: Armut und Ungerechtigkeit, kultureller Wertverlust und religiöser Fanatismus". Die neue Definition der "Achse des Bösen" und die Fixierung darauf seien "diffus und ungenau" und begünstigten eine "launische Politik". "Wenn Ihnen ein Land oder dessen Führung nicht passt, beschuldigen Sie es einfach des Terrorismus. Banalisieren Sie diesen Begriff, bis er jeglichen Sinn verliert und zu einem Joker im internationalen Poker taugt. Halten Sie sich Ihren Feinden gegenüber gemütlich bedeckt, voila, das wird genau nach dem Geschmack der Terroristen sein."

Auch der Globalisierungsgegner, Hochschuldozent und ehemalige Clinton-Berater Benjamin R. Barber (homepage) analysiert die "Lektionen" des 11. September. "Alles und nichts" habe sich in den USA seither verändert: so habe unter anderem zwar die Notwendigkeit internationaler Abstimmung die frühere Unabhängigkeit abgelöst, gleichzeitig gehe es unter der Regierung Bush aber immer noch darum, den "einsamen Ritter" zu spielen, der "mit Gewalt agiert" und dabei "stotternd" das System der Straf- und Menschenschrechte ignoriert sowie erneut eine "amerikanische Hegemonie installiert". Die "besorgniserregende Ironie" dieses ersten Jahrestages bestehe darin, dass "die Terroristen zweifellos viel besser als die USA die Realitäten gegenseitiger Abhängigkeiten begriffen haben. Sie sind sich bewusst, dass sie Teil einer internationalen Infrastruktur sind (...) und nicht für sich alleine agieren können".

Nur einer findet lobende Worte für Amerika: Der frühere Carter-Beraters Zbigniew Brzezinski erklärt, dass es die USA mit ihrem Entschluss, "den höchst komplexen historischen Dimensionen des Terrorismus zu trotzen, riskieren, erneut zur Zielscheibe zu werden."
Anzeige

New Yorker (USA), 09.09.2002

Louis Menand wirft einen Blick auf den 11. September in seiner Auswirkung auf die amerikanische Seele. Der erste Impuls in vielen Reaktionen auf den Anschlag sei gewesen: "It just proves what I've always said." Seither hätten vielen Menschen das Gefühl gehabt, "nicht alleine den American way of life" verteidigen zu müssen, sondern vielmehr dessen "Überlegenheit". Menand hat sich nun eine ganze Reihe von Publikationen zum 11. September angesehen, deren Grundtenor zwei gegensätzlichen "Schulen" verpflichtet sei: einer eher anti-amerikanischen Materialismus- und Expansionskritik oder einem "abweichenden Patriotismus". Ausführlich stellt er Stimmen aus beiden "Lagern" vor, darunter Bücher von Noam Chomsky ("erste Schule"), Gore Vidal (zweite Schule), Jean Baudrillard (erste Schule, europäische Version) und des slowenischen Kulturwissenschaftlers Slavoj Zizek (eher zweite Schule). Sein Resumee: "Americans are willing to fight, and even to die, for the belief that no one should be made to die for a belief. And: Americans hold it to be a transcendent truth that it is possible to live a good life without loyalty to a transcendent cause. The formulations are fuzzy because 'a way of life' has many aspects. There is no perfect clarity."

Cathleen Schine führt uns in die Frühgeschichte von Ground Zero und beschreibt, wie es in Downtown Manhattan vor 400 Jahren aussah: "As soon as I began to compare early maps (?), I saw that the sixteen acres I wanted to know better was not covered with fragrant vines and fruit trees. More than half of it was covered by the river. (?) The story of the sixteen acres, began at Greenwich Street." Der Magnum-Fotograf Gilles Peress liefert dagegen aktuelle Stadtansichten: eine umfangreiche Dia-Show zeigt sein Bild einer "lebendigen Stadt".

Nicholas Lemann analysiert detailreich anhand von Reden und Debatten im Weißen Haus, weshalb die "Realisten" unter den Politikern einen Schlag gegen den Irak ablehnen. "The consensus among the realists is that the United States should have declared war on Al Qaeda, not on terrorism. If it had, then all foreign-policy projects would be evaluated on the basis of how well they served the worldwide struggle against Al Qaeda. The realists are minimalists. They often say things like "do less" and "reduce the American footprint." Using the September 11th attacks as the occasion to remake America's role in the world is exactly what they don't want."

Außerdem zu lesen: eine Erzählung von Julian Barnes, Kurzbesprechungen mehrerer Bücher von u.a. Peter Sheridan und Peter Gay, und eine Betrachtung über "Musik und Geheimnis" im Film "8 Frauen" von Francois Ozon.

Nur in der Printausgabe: ein Porträt des ägyptischen Arztes Ayman al-Zawahiri, dem "Mann hinter bin Laden", und Lyrik von Galway Kinnell, Dana Goodyear und Charles Simic.
Archiv: New Yorker

Express (Frankreich), 05.09.2002

Als "unverwundbares Medientier", als "einen zur Polizei übergelaufener Ganove", als "alten Angeber", als "Hyäne der Schreibmaschine", als einen "professionellen Falschspieler" beschimpft man Philipp Sollers gerne. Er ist Autor und Verleger bei Gallimard. Mit dem Buch seines Freundes Jacques Schuhl "Ingrid Caven" gelang es ihm, den Prix Goncourt 2001 abzuräumen. Sein neuer Roman "Etoile des amants" gilt in Frankreich als preisverdächtig (eine Besprechung lesen Sie hier). Sollers hat überall seine Hände mit im Spiel. Mit Lionel Jospin ist er befreundet, auch darum, weil beide Nachbarn auf der Ferieninsel "Ile de Re" sind. Der letzte Urlaub war jedoch enttäuschend, klagt Sollers gegenüber dem Express: "Wir haben uns im Sommer nur einmal gesehen. Jospin war sehr entspannt, wir spielten zwei Stunden Tennis und haben uns so gut wie gar nicht über Politik unterhalten." Mehr über Sollers, der mit Julia Kristeva verheiratet war und in den 60er Jahren Derrida, Lacan, Althusser und Debord Nahe stand, lesen Sie hier.

Besprochen werden neue Romane von Anny Duperey, von Yasmina Khadra (einen Auszug lesen Sie hier) und "Le journal de Louise B" von Jean Vautrin. Ferner lesen wir, dass der in Frankreich produzierte Episodenfilm "11 09 01", in den USA als antiamerikanisch angesehen wird, was die Franzosen nicht verstehen, weil sie die Amerikaner ja wirklich für so böse halten.

Und schließlich feiern Les Rita Mitsouko zwanzig Jahre ihrer Karriere mit dem neuen Album "La Femme trombone". Das soll so etwas wie "la femme trop bonne" bedeuten. Ah bon. Damit wollen sie Bilanz aus dem Feminismus ziehen. Das Ergebnis hören Sie hier.
Archiv: Express

Economist (UK), 06.09.2002

In einem Special beschäftigt sich der Econmist mit dem 11. September und seinen innen- und außenpolitischen Konsequenzen für die USA. So untersucht ein Text, wie der 11. September das Binnenklima verändert hat. Nachdem einer der "amerikanischen Gründungsmythen" - "a place apart, a continent protected by high seas" so nachhaltig erschüttert worden war, hätten sich der ohnehin stark ausgeprägte amerikanische Patriotismus und die Religiosität unmittelbar nach den Anschlägen erheblich intensiviert. In der Zwischenzeit sei beides wieder auf Normalmaß reduziert, was nahe lege, dass es sich dabei um "Reaktionen einer verletzten Nation" gehandelt habe. Auch aus diesem Grunde habe "die patriotische Bestätigung" nicht wirklich Neues bewirkt, sondern eher alte Mentalitäten und tief sitzende Überzeugungen gestärkt. Die "Auswirkungen auf die amerikanische Weltsicht" könnten sich dagegen nach Ansicht des Economist "mit der Zeit als weitreichender erweisen."

Ein gutes Beispiel hierfür ist der erste von zwei weiteren Texten des Specials. Darin geht es um das "wohltätige" (sic!) Engagement der USA in Zentralasien, eine Region, die man sträflich vernachlässigt habe. Russenkrieg und Taliban waren die Folge. Damit ist jetzt Schluss: "September 11th has re-established the precept that Central Asia is too important and too dangerous to be ignored. It is home to the world's most alarming Islamic sects, it is the place where the West has historically rubbed up against Russia and China, and it is both blessed with oil and cursed with (Pakistani) nuclear weapons." Und auch der zweite Text zeugt von deutlichen "Auswirkungen auf die amerikanische Weltsicht": Er versucht zu erklären, weshalb ein Schlag gegen den Irak nicht nur keinswegs die Brücken zur arabischen Welt kappen, sondern stattdessen vielmehr "einige Gesellschaften in Richtung westliche Welt schubsen" werde.

Schließlich geht noch ein Blick nach Europa, genauer in die Schweiz. Thema ist ihr Beitritt zur UN, der im März diesen Jahres per Volksabstimmung beschlossen worden war. Auch wenn der Economist einräumt, dass dies als ein "Sieg der Normalisierer" über die stets um ihre "Ultra-Unabhängigkeit" ringenden Gegner von Öffnungen und Anschlüssen aller Art gewertet werden könne, dürfe mit einem nachfolgenden EU-Beitritt aber noch lange nicht gerechnet werden: "Wetten Sie lieber nicht darauf." Und in der Rubrik "Books and Arts" werden noch zwei Bücher über die Al-Qaeda vorgestellt.

Nur im Print: Artikel über Edmund Stoibers bayerisches Vermächtnis, über Bertelsmanns strategische Änderungen und den Tod von Napster (nur die Clone leben, aber die gehören ja auch nicht Bertelsmann).
Archiv: Economist

Times Literary Supplement (UK), 08.09.2002

Für "Dead Air", den neuen Roman von Iain Banks muss der Leser laut Rezensent Colin Greenland schon einige Voraussetzungen mitbringen. Zum Beispiel wissen, dass der titelgebende Begriff aus der Radiotechnik schlicht "Stille" bedeutet, beziehungsweise das "versehentliche Senden von nichts". Seine Geschichte, wie auch die Figur des Protagonisten, eines ziemlich yuppiehaften "Berufswidersprechers", scheinen die "jüngste Geschichte der Telekommunikation" zu spiegeln. Denn für Banks, erklärt Greenland, " haben moderner Jargon und moderne Technologie ganz ähnliche Reize" - sie bieten "beide ein Vergnügungspotenzial, das mit Gleichgesinnten geteilt werden kann". Ein bisschen auskennen muss man sich also schon, ("The ideal reader will be ready and able to distinguish Mark Thomas from Thom Yorke, Budvar from Bud"), aber dafür erhalte man "a sardonic, even caustic view of the default culture - socially deracinated, technologically privileged - of Britain in the infancy of the twenty-first century."

Walter Laqueur lobt eine Studie über Selbstmordattentäter des deutschen Journalisten Christoph Reuter. Neben einer Aufsatzsammlung sei "Mein Leben ist ein Waffe" seines Wissens der erste systematische Beitrag zum Thema. Laqueur umreißt in seiner Besprechung zunächst etwas langatmig die diversen historischen und politischen Hintergründe und Formen, bescheinigt dann aber Reuters "Psychogramm eines Phänomens" beschreibe "den zeitgenössischen Selbstmordterrorismus als eine nur zum Teil moderne Erscheinung, als eine Mischung aus der Schlacht von Kerbela und Kabelfernsehen, eine Synthese aus alten Mythen und neuen Medien". (Nur als Auszug)

Außerdem besprochen werden eine Studie über den freien arabischen Nachrichtensender Al-Jazeera (dies könnte! die homepage sein) sowie ein Bericht über die Bemühungen englischer Tierfreunde, eine bedrohte Vogelart namens Spix?s macaw (Bilder) vor dem Aussterben zu bewahren. Hinweis des Rezensenten: "This book is not primarily about biology, but about human egos and greed, and it is difficult to read it without wanting to weep." (Mehr dazu auf dieser sehr langsamen Seite.)

New York Times (USA), 08.09.2002

Auch die New York Times Book Review kann sich der Jahrestags-Aktualität nicht entziehen, der Schwerpunkt der Besprechungen liegt auf Büchern zum 11. September. Eine umfangreiche Leseliste zum Thema findet sich hier. Walter Kirn hat sich durch eine ganze Reihe von ihnen gelesen. Eher enervierend fand er, was Schriftsteller und Intellektuelle in ersten, nun festgehaltenen Reaktionen zu schreiben hatten: "With some exceptions these first-response reflections on terrorism have a strained, hurry-up-and-say-something-memorable feeling. One suspects that events caught these authors napping just like almost everybody else, but, being literary professionals, they felt obliged to snap out of it immediately and hit their keyboards, like pianists on the Titanic."

Außerdem werden zum Thema besprochen: Ein Band mit Thomas L. Friedmans (er ist Autor der New York Times) Kolumnen (hier das erste Kapitel), die sich, das findet der Rezensent nicht unbedingt schlecht, durch ungebrochenes amerikanisches Selbstbewusstsein auszeichnen: "With all those contradictions, few writers express better the sheer perplexity of America today: We are an open society and a beacon of freedom, so why do they hate us?" Eine Rekonstruktion der Al-Qaeda-Vorgeschichte liefert John Millers und Michael Stones "The Cell": Die Autoren, "distinguished investigative reporters, with the help of the editor Chris Mitchell, bring high credibility to this streetwise, gritty police procedural, especially Miller, a television reporter who trekked into the Afghan mountains in 1998 to interview bin Laden." Weiter wird besprochen James B. Stewarts Geschichte eines wahren Helden, des Sicherheitsbeauftragten von Stanley Morgan, Rick Rescorla: "A co-worker urged Rescorla to leave. 'I will,' he said, 'as soon as I've got everybody else out.' He had plenty of time to save himself. But when last seen, he was on the 10th floor, climbing up the stairs to search for stragglers." Und noch eine Rekonstruktion, nämlich die des einzigen Terroristen-Fluges, der sein Ziel nicht fand - hier gibt es als Leseprobe das erste Kapitel aus Jere Longmans Buch "Among the Heroes".

Von den Büchern zu anderen Themen wird Antony Beevors "The Fall of Berlin 1945" am besten besprochen. Beevor, der Autor mehrerer militärgeschichtlicher Bücher, schildert im blutigen Detail den Untergang des Dritten Reichs, die sinnlosen Verteidigungsschlachten eines längst verlorenen Kriegs, aber auch die Bestialität der Roten Armee:" Beevor's gut-wrenching tale is told from the perspective of those who lived, fought and all too often died in East Prussia and Berlin. His descriptions of the experiences of individual soldiers and civilians, the street fighting in Berlin and the events taking place in the Hitler bunker and the Kremlin, make 'The Fall of Berlin 1945' the best account yet written on the death knell of Hitler's vaunted Thousand Year Reich."

Marilyn Stasio hat sich durch eine Reihe neuer Krimis gelesen, aber weder das neue Buch von Martha Grimes noch der jüngste Roman des großen K.C. Constantine haben sie besonders beeindruckt.
Stichwörter: Krimis, Rote Armee, Titanic, Bunker

Spiegel (Deutschland), 09.09.2002

Von der Spiegel-Titelseite prangt heute schwarz und weiß auf blutig rotem Untergrund: "Der angekündigte Krieg". Für die Käufer gibt es ein "Dossier Saddam", ein Gespräch mit dem irakischen Oppositionsführer - der für den Krieg gegen Saddam ist - und eines mit dem irakischen Außenminister. Nichts von alledem für den zahlungsunwilligen Internet-Leser. Und leider auch nicht viel Interessantes aus dem Rest des Heftes.

Einen erschreckenden Bericht gibt es zur Lage in den Niederlanden. Nach dem Mord an Pim Fortuyn hat sich die Atmosphäre radikal verändert. Politiker erhalten Morddrohungen, aber nicht nur sie. Jeder, der prominent und der Sympathie für die Rechte nicht verdächtig ist, muss damit rechnen, Briefe mit Pistolenkugeln in der Post vorzufinden: vor allem Fußballtrainer wie Frank Rijkard oder Roeland Oltmans sind gefährdet.

Im Interview erzählt John David Morley von seiner Zeit als Hauslehrer der Kinder von Liz Taylor bei ihr und Richard Burton Anfang der siebziger Jahre. Klingt mal wieder nicht so, als gäbe es viel Grund, die Reichen und Schönen zu beneiden: "Nun ja, Richard und Liz waren schwere Alkoholiker, da war der Umgang nicht immer angenehm. Außerdem hatte Richard mit inneren Dämonen zu kämpfen. Ich nehme an, dass er eine Art Todessehnsucht in sich trug. Eines Abends saßen wir auf der Terrasse der Casa Kimberley beim Abendessen, Richard trank unzählige Tequila und begann auf einmal 25 Strophen eines Klagelieds zu deklamieren: Timor mortis conturbat me - die Todesangst quält mich." Morley selbst ist es allerdings gar nicht so schlecht gegangen: "Allein durch meine Nähe zu den Berühmtheiten wurde auch ich begehrenswert. Reiche Leute luden mich auf ihre Yachten ein, Frauen wollten mit mir schlafen."

Und TUI-Chef Michael Frenzel gibt im Interview Entwarnung: die Leute fliegen wieder. "Natürlich hat Djerba die Angst vor dem Terror verstärkt. Aber wir können an unseren Buchungskurven sehen, dass solche Ereignisse nur kurzfristig wirken. Der 11. September hat das Verhalten der Konsumenten nicht grundlegend geändert."
Archiv: Spiegel