Heute in den Feuilletons

Das angeblich so geistfördernde Schlachten

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.06.2012. In der Welt freut sich Ai Weiwei auf den China-Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel: "Ich würde sie sehr gern treffen." Die Jungle World ist enttäuscht von Martin Mosebach, der Gotteslästerer gern von anderen verfolgen lässt. Auch die Presse wundert sich über Mosebachs Kokettieren mit der Infamie. Ingo Schulze kann Mosebach in der FR dagegen nicht ganz ernst nehmen. Die NZZ bewundert die glückliche Führungslosigkeit des Orchesters Spira mirabilis. Die SZ macht sich Sorgen über Antisemitismus in Ungarn. Die FAZ blickt zurück auf Elfriede Jelineks Eurydike.

Weitere Medien, 25.06.2012

Nicht ganz fassen kann Anne-Catherine Simon in der Presse das Kokettieren Martin Mosebachs mit dem Islamismus, der sich noch traut, Künstler wegen Blasphemie mit Morddrohungen zu bedenken: "Mosebachs Text erinnert an die Künstler, die bis tief in den Ersten Weltkrieg hinein von ihren Schreibtischen aus das angeblich so geistfördernde Schlachten begrüßten. Oder an Botho Strauß, der im Zuge des Streits um die Mohammed-Karikaturen den Zusammenstoß mit dem vitalen Islam als Abschied von einer 'schwachen Zeit' begrüßte."

(Via @MrsBunz) Die beliebte Computer- und Telefonmarke Apple macht zwar exorbitante Gewinne, aber das liegt auch daran, dass sie ihre Mitarbeiter so schlecht bezahlt, hat David Segal in der New York Times herausgefunden: "About 30,000 of the 43,000 Apple employees in this country work in Apple Stores, as members of the service economy, and many of them earn about $25,000 a year."

Es ist nicht gut, wenn Zeitungen zum Hobby von Milliardären werden, schreibt Alan Rusbridger im Guardian. Wie schlimm das werden kann, zeigt sich, wenn ein Millardär wie Rupert Murdoch Krieg gegen andere Zeitungen führt: "News Corp has consistently used cross-subsidies to keep down the price of the Times. For 12 years the Times fought a price war that enabled it to leapfrog in circulation over the Guardian and Independent - much smaller news organisations that simply could not possibly match its pricing policies."

Welt, 25.06.2012

China-Korrespondent Johnny Erling hat Ai Weiwei getroffen, dessen Hausarrest nach einem Jahr weitgehend gelockert wird (reisen darf er allerdings nicht). Er dankt allen Unterstützern in Deutschland: "Er habe gehört, dass sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel für ihn verwandte und Ende August auf Regierungsbesuch nach Peking kommt. Spontan sagt er: 'Ich würde sie sehr gerne treffen.'"

Weiteres: Andreas Rosenfelder war dabei, als Hubert Burda und Peter Handke in Marbach den Petrarca-Preis an den Sorben Kito Lorenc und den Serben Miodrag Pavlovic verliehen. Mara Delius gratuliert Sigrid Löffler zum Siebzigsten. Besprochen wird eine große Diane-Arbus-Ausstellung in Berlin.

Im politischen Teil attackiert Richard Herzinger Verteidigungsminister de Maizière, der mit Blick auf den "Caféhausliteraten" Bernard-Henri Lévy jede Intervention in Syrien - auch einen Luftangriff nach dem libyschen Beispiel - ablehnt.

Jungle World, 25.06.2012

Etwas mehr Mumm in Sachen Blasphemie fordert Jörn Schulz in der Jungle World von Martin Mosebach, der kürzlich islamische Fundamentalisten für ihre Morddrohungen gegen Künstler bewunderte: "Für schnöden Feuilleton-Talibanismus hat noch keiner 72 Jungfrauen bekommen. Und auch in der Bibel steht nirgendwo: 'Macht's euch gemütlich und lasst andere die Drecksarbeit erledigen.'"
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Aus den Blogs, 25.06.2012

Ein Leistungsschutzrecht für Presseverlage hat schon rein logisch keinen Sinn, meint Christoph Kappes in seinem Blog: "Google und Facebook übernehmen ja den Einzeltext und nicht das ganze Presseerzeugnis oder einen Teil davon. Statt die Verlagsleistung der Inhalte-Bündelung zu nutzen, entbündeln sie die Inhalte, indem sie nur Einzeltexte nutzen. Google macht sich also gar nicht eine übergeordnete, verlegerische Leistung zunutze."

FR/Berliner, 25.06.2012

Blasphemiegesetz? "Ich bin dabei", erklärt fröhlich Ingo Schulze. Man sieht doch, wie gut das klappt mit dem von Martin Mosebach geforderten Leidensdruck: Jesus selbst hätte "kein besserer Dienst erwiesen werden können, als ihn ans Kreuz zu schlagen. Oder anders gefragt: Was wäre Jesus ohne Kreuz?! Erst die Kreuzigung bringt - um einen schönen Mosebachschen Ausdruck aufzugreifen - Musik in die Geschichte."

Außerdem: Marcus Schneider berichtet von der Kölner "c/o pop"-Messe.

TAZ, 25.06.2012

Catarina von Wedemeyer resümiert eine Tagung zu Oskar Pastior, deren Teilnehmer sich einig waren, dass der Dichter kein besonders effizienter Spitzel der rumänischen Securitate war. Allerdings bemerkt sie auch, dass seine Kritiker nicht anwesend waren. Marcus Bensmann berichtet von den Protesten gegen die Verhaftung des kasachischen Theaterregisseurs Bulat Atabajew. Esther Bold war beim Frankfurter Kulturfestival "Lüften" auf dem Gelände der Jahrhunderthalle. Das Kollektiv Schwabinggrad Ballett warnt in seinem Griechenland-Report vor der "faschistischen Gefahr", die im Begriff sei, sich unter dem "Brüsseler Spardiktat" auszubreiten.

Und Tom.

NZZ, 25.06.2012

Marcus Stäbler stellt das Orchester Spira mirabilis vor, das ohne Dirigenten spielt, aber mit viel künstlerischem Ernst und ansteckender Spielfreude, wie Stäbler versichert: "Ein echtes Wagnis bei Werken in großer Besetzung. 'Es ist natürlich extrem zeitaufwendig, wenn eine Interpretation von vierzig Musikern gemeinsam geformt wird. Zu Anfang war es auch teilweise ziemlich chaotisch. Aber wir lernen jeden Tag dazu. Damit nicht mehrere Diskussionen zur gleichen Zeit ablaufen, haben wir zum Beispiel die Regel eingeführt, dass jeder, der etwas sagen möchte, aufstehen muss. Da überlegt man sich schon genau, ob es wirklich wichtig ist', erklärt die 27-jährige Cellistin Luise Buchberger."

Weiteres: Paul Andreas begutatchtet die neue Architektur in Graz. Thomas Schacher bespricht Hector Berlioz' "La damnation de Faust" bei den St. Galler Festspielen. Markus Bauer berichtet von der Tagung zu Oskar Pastiors Tätigkeit für die Securitate (mehr dazu hier).

SZ, 25.06.2012

Cathrin Kahlweit bringt einen bedrückenden Lagebericht zum grassierenden Nationalismus und Antisemitismus in Ungarn, gegen den sich nur punktuell Widerstand bildet: "Im heutigen Ungarn ist Antisemitismus auf dem Vormarsch, auch wenn Mitglieder der jüdischen Gemeinde dieses Thema lieber kleinhalten würden - aus Angst vor Nachahmern und weiteren Übergriffen. Doch die Schändung der Statue von Raoul Wallenberg in Budapest (dem Judenretter wurden Schweinefüße um den Hals gehängt) wie auch der verbale Angriff auf den ehemaligen Oberrabbiner Joszef Schweitzer auf offener Straße schüren die Nervosität unter jenen, die das neue Klima der historischen Ignoranz zum Fürchten finden."

Weitere Artikel: Voller Unbehagen beobachtet Burkhard Müller eine Renaissance des Philosophen Max Stirner bei "Wutbürgern und Selbstoptimierern, Piraten und Politikverdrossenen", die nur den "entfesselten modernen Individualismus" im Sinn hätten. Beim Berliner Kongress "Social Mania" offenbart sich Niklas Hofmann die "Parzellierung der Öffentlichkeit durch Social Media". Michael Moorstedt stellt das aufwändige Wikipedia-Visualierungsprojekt von Kalev H. Leetaru vor.

Besprochen werden eine Yoko-Ono-Ausstellung in der Serpentine Gallery in London, eine Ausstellung über die Kunst der 80er Jahre in der DDR im Museum der bildenden Kunst in Leipzig, die in Hamburg aufgeführte Choreografie "Renku", über deren mangelnde Originalität Dorion Weickmann arg stöhnt, Elfriede Jelineks Text "Schatten (Eurydike sagt)" in der Philharmonie Essen und Bücher, darunter ein Band mit Erzählungen von Richard Swartz (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 25.06.2012

Wolfgang Sandner ist recht begeistert davon, dass sich Elfriede Jelinek in der Essener Philharmonie (wo Jelineks Text "Schatten" zusammen mit Monteverdi gegeben wurde) auch mal um die andere Seite des Orpheus-Mythos kümmert, die Eurydike: "Naturgemäß dreht sich Jelineks Orpheus am Ende nicht nur mythologisch schlicht zu Eurydike um, auf dass sie ihm für immer und ewig abhanden kommt. Er zückt sein Handy, um sie als neueste App herunter zu laden."

Weitere Artikel: Swantje Karich findet es nach Besuch einer aus einer Privatsammlung bestückten Anselm-Kiefer-Ausstellung skandalös, dass ein Museum wie die Bundeskunsthalle einzelnen Sammlern Renommierauftritte gewährt, statt deren Kollektionen "sorgsam in einen kunsthistorischen Zusammenhang einzugliedern". Jürg Altwegg stellt ein französisches Buch über deutsche Kriegsgefangene vor, die in Frankreich nach dem Krieg Reparationsleistungen erbringen mussten. Laura Sophie Dornheim von der Piratenpartei wendet sich in einem längeren Artikel gegen die Idee des Betreuungsgeldes. Joachim Müller-Jung kommentiert die Ergebnisse des Umweltgipfels von Rio. Olivier Guez porträtiert den linken französischen Bankier Matthieu Pigasse, der gern aufregende Diktatoren in Venezuela und anderen "aufstrebenden, kraftvollen, wachstumsstarken Ländern" berät (hier ein Porträt im Wall Street Journal).

Besprochen werden außerdem Enrico Lübbes Inszenierung von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" am Berliner Ensemble und ein "Don Giovanni" in Düsseldorf.