Heute in den Feuilletons

Von allen Seiten umzingelt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.09.2010. In der FAZ beschreibt Ernest Wichner detailliert, wie Oskar Pastior als IM in die Fänge der Securitate geriet. Herta Müller empfindet vor allem Trauer: "Aus dem Lager heimgekehrt wurde er statt frei vogelfrei." Die FR erkennt in der Sache einen klassischen Fall von schuldloser Schuld. Außerdem nennt Thilo Sarrazin in der FAZ Sigmar Gabriels Vorwürfe gegen ihn "ehrabschneidend". Absurd findet die taz die Idee der Unesco, im Iran einen Philosophentag abzuhalten. In der NZZ spricht Luk Perceval über die verschleierte Depression in seinem Theater. Und die SZ fragt sich, wann das Fernsehen besser wurde als das Kino - in den USA.

FAZ, 18.09.2010

Im Interview mit Felicitas von Lovenberg spricht die Nobelpreisträgerin Herta Müller über ihre ersten Reaktionen auf die Nachricht, dass Oskar Pastior in den sechziger Jahren in Rumänien für die Securitate gearbeitet hat: "Die Akte zeigt wie ein finsteres Gemälde das Rumänien der fünfziger und sechziger Jahre. Die Gefängnisse waren voll. Der aus dem Lager heimgekehrte Pastior, Kistennagler und Bauarbeiter, konnte endlich in Bukarest studieren. Er wollte wieder in die Normalität, mit einem müden, sturen Eigensinn sein Leben selbst in die Hand nehmen. Aber es wurde ihm wieder konfisziert. Die Akte zeigt ihn von allen Seiten umzingelt... Aus dem Lager heimgekehrt wurde er statt frei vogelfrei. Meine zweite Reaktion auf den IM Pastior war Anteilnahme. Und je länger ich die Details hin und her drehe, umso mehr wird es Trauer."

Der Autor Ernest Wichner hat Pastiors Akte offenbar schon vor einiger Zeit gelesen, darin aber keine Spitzelberichte entdeckt, allenfalls Material, aus dem die Securitate Pastior einen Strick drehen konnte. Und natürlich die Verpflichtungserklärung: "Unterzeichneter Pastior Capesius Oskar Walter... habe im Rahmen der Untersuchung zugegeben, Gedichte feindlichen Inhalts geschrieben und diese bei verschiedenen Personen verbreitet zu haben. Mir ist bewusst, dass diese meine Tätigkeit strafbar ist, und ich bitte die Organe der Securitate um die Möglichkeit, mich zu rehabilitieren und durch konkrete Taten meine Aufrichtigkeit und Loyalität gegenüber dem demokratischen Regime in der RVR zu beweisen." Verleger Michael Krüger versichert: "Er bleibt mein Freund Oskar."

Thilo Sarrazin reagiert auf Sigmar Gabriels Vorwurf in der Zeit, eine "Anleitung zur Menschenzucht" geliefert zu haben. Er fasst seine wichtigsten Thesen und Vorschläge zusammen und erklärt dann: "Mich mit dem Hinweis, ich sei 'Eugeniker', politisch stigmatisieren zu wollen und mir vorzuwerfen, ich bereitete 'den Boden für Hassprediger im eigenen Volk', ist unzulässig und ehrabschneidend. Wer heute über die Zukunft nachdenkt und dabei auch Fragen der Intelligenz, der Genetik und der Evolutionsbiologie anschneidet, dem darf nicht reflexhaft unterstellt werden, er wolle Menschen diskriminieren oder sie in ihren Rechten, Freiheiten und ihrer Würde beschränken."

Weitere Artikel: Michael Hanfeld moniert die unrühmliche Rolle der Medien in der Sarrazin-Debatte. Elke Heidenreich setzt ihre Ring-Berichte aus China fort: "Beinahe hätten die Arbeiter, die die Container auspacken, die Bühnenrequisiten zu Rheingold weggeschmissen. Alles Schrott! Alles kaputt!" Als "alten Wilden" preist Jürgen Dollase Jean-Claude Bourgueil, in dessen Düsseldorfer Restaurant "Im Schiffchen" sogar die Miso-Suppe a la creme vollkommen erscheine.

Auf der Medienseite meldet Matthias Rüb, dass der jemenitisch-amerikanische Imam Anwar al Aulaqi zur Ermordung der Karikaturistin Molly Norris aufgerufen hat, die im Mai zum "Everybody Draw Mohammed Day" aufgerufen hatte (mehr bei Gawker).

Besprochen werden Barbara Freys Inszenierung von Marieluise Fleißers Stück "Fegefeuer in Ingolstadt" in Zürich, Händels Oratorium "Semele" mit Cecilia Bartoli am Theater an der Wien, die Ausstellung "Intoleranz" des Künstlers Willem de Rooij in der Neuen Nationalgalerie in Berlin, Anton Corbijns Thriller "The American", eine CD-Box mit Aufnahmen von Fritz Wunderlich, das neue Album "Krokus" von Erdmöbel und Bücher, darunter Frederic Beigbeders "Französischer Roman" und Ingo Schulzes "Italienische Skizzen" und Thomas Höllmanns Geschichte der chinesischen Küche "Schlafender Lotos, trunkenes Huhn" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

In Bilder und Zeiten unterhält sich Hansgeorg Hermann mit dem großen Zeichner Jacques Tardi über Luc Bessons Verfilmung seiner Adele-Comics. Rainer Rother erinnert daran, dass vor siebzig Jahren Veit Harlans "Jud Süß" in die Kinos kam. Eberhard König beschreibt eine Neuerwerbung des Louvre: einen Bildteppich aus dem Thronbaldachin von Karl VII.

In der Frankfurter Anthologie stellt Ulrich Greiner Adelbert von Chamissos "Lebe wohl" vor:

"Wer sollte fragen: wie's geschah?
Es geht auch andern eben so.
Ich freute mich, als ich dich sah,
Du warst, als du mich sahst, auch froh
..."

FR, 18.09.2010

Mit viel Verständnis für Oskar Pastior kommentiert Hans-Jürgen Linke dessen postume Enttarnung als Securitate-IM: "Pastiors Verbindung zum Geheimdienst ist ein klassisch tragischer Fall von schuldloser Schuld. Das Entsetzen darüber kann allein einer Diktatur gelten, die sich tief im Leben und im Geist der Gesellschaft und ihrer Mitglieder einnistet. Die Allgegenwart der Securitate in Rumänien nach dem Zweiten Weltkrieg gibt reichlich Anlass zu der bangen Frage, wie lange es dauern mag, bis eine Gesellschaft ihren Stoffwechsel geändert und die Diktatur verdaut und ausgeschieden hat. In Rumänien scheint dieser schmerzhafte Prozess gerade zu beginnen."

Besprochen werden ein Konzertabend des Sängers Mark Padmore und des Pianisten Christian Zacharias mit Schuberts "Schöner Müllerin", die "Mythos Burg"-Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg und Bücher, darunter Thomas Pynchons neuer Roman "Natürliche Mängel" und Winsor McKays Comic-Klassiker "Little Sammy Sneeze" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 18.09.2010

(via Jezebel) Wir protestieren energisch dagegen, dass diese Werbung für Eiskrem in Großbritannien verboten wurde, weil sie sich über den katholischen Glauben lustig macht. Auch wenn die Vorstellung, man könne vom Eis essen schwanger werden, leicht verstörend ist.
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Stichwörter: Großbritannien

Berliner Zeitung, 18.09.2010

Im Feuilleton fragt Dirk Pilz, warum Ernest Wichner, Leiter des Literaturhauses Berlin und Mitkurator einer gestern eröffneten Herta-Müller-Ausstellung, dort keinen Hinweis auf Oskar Pastiors gestern bekannt gewordene Geheimdienstarbeit gibt, obwohl er die Geschichte schon einige Zeit kannte. "Einen Tag vor der Eröffnung jedenfalls führte Wichner die geladene Presseschar durch die Ausstellung. Er sprach warme, einfühlsame Worte über den vor vier Jahren verstorbenen Pastior, ohne die Sache auch nur anzudeuten. Tags darauf war er für Stellungnahmen nicht zu sprechen."

TAZ, 18.09.2010

Ausgerechnet im Iran lässt die Unesco den World Philosophy Day in diesem Jahr ausrichten. Nachdem vor wenigen Tagen die FAZ schon halb Entwarnung gab - weil die UNESCO die Veranstaltung zum Provinztermin degradiert habe -, schildert Katajun Amirpur noch einmal die Absurdität einer solchen Konferenz in einem Land, dessen Philosophen um ihre Freiheit fürchten müssen: "Mohammad Shabestari, ein Gadamer- und Wittgenstein-Spezialist, ist zwangsemeritiert worden. Mohsen Kadivar, der zurzeit in den USA lebt, wurde zum Ketzer erklärt und kann nicht zurück nach Iran. Auch Abdolkarim Soroush müsste in Iran um sein Leben fürchten, und Ramin Jahanbegloo dürfte vermutlich erneut erleben, was Einzelhaft im Evin-Gefängnis bedeutet, kehrte er zurück. 2006 bei seiner ersten Inhaftierung war ihm der Austausch mit westlichen Philosophen vorgeworfen worden. Er hatte Jürgen Habermas, Richard Rorty und Antonio Negri nach Iran gebracht."

Weitere Artikel: Bertelsmann hatte am Berliner Gendarmenmarkt zur Feier des 175. Geburtstags geladen. Verona Pooth und Angela Merkel durften rein, die taz und andere berichterstattende Presse allerdings nicht - Steffen Grimberg nutzt die Gelegenheit, noch einmal auf das Stiftungsgebaren des Unternehmens hinzuweisen. In einem kurzen Kommentar zur Causa Pastior wünscht sich Dirk Knipphals, dass sich "alle weiteren, bislang noch unenttarnten IMs von sich aus melden". Christian Semler erzählt die Geschichte des Pol-Pot-Bewunderers Malcolm Caldwell, der in Phnom Penh den Tod fand. Kirsten Küppers und Thomas Winkler unterhalten sich mit der "Wir sind Helden"-Frontfrau Judith Holofernes unter anderem über das Rockstar-mit-Kind-Dasein. Wolfgang Gast war dabei, als der prominenteste Stasi-Überläufer Werner Stiller in der ehemaligen MfS-Zentrale in Berlin-Lichtenberg seine Memoiren vorstellte. Auf den vorderen Seiten gibt es ein Pro und Contra zur taz-eigenen Streitsache der Auslandskorrespondenten-Pauschalhonorare.

Besprochen werden Bilals neues Album "Airtight's Reveng" und Bücher, darunter Peter Wawerzineks Roman "Rabenliebe" und Erwin In Het Panhuis' Studie "Aufklärung und Aufregung" zu Schwulen und Lesben in der Bravo (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom.

NZZ, 18.09.2010

In Literatur und Kunst unterhält sich Thomas David mit dem am Hamburger Thalia antretenden flämischen Regisseur Luk Perceval über dessen Theater: "Ich glaube, dass meine Stücke sehr oft einen Zustand der Depression zeigen - einer verschleierten Depression. Das spielt bei 'Othello' ebenso eine Rolle wie bei 'Tod eines Handlungsreisenden', aber zum Beispiel auch in 'L. King of Pain', der Version von 'König Lear', die ich vor ein paar Jahren - in Zürich und anderswo - gezeigt habe. Dort hat die Depression zur Demenz geführt. Es geht mir um das ständige Ringen des Menschen mit seiner Sehnsucht; ein Ringen, aus dem der Mensch eigentlich nie einen Weg in die Befreiung findet."

Außerdem lobt Roman Hollenstein das von Manuel Herz entworfene jüdische Gemeindezentrum in Mainz als einen Meilenstein der Synagogenarchitektur. Sam Tanenhaus, Chef der NY Times Book Review, wirft einen Blick in die Archive von John Updike.

Im Feuilleton resümiert Peter Hagmann das diesjährige Lucerne Festival. Bahman Nirumand schildert seinen digitalen Alltag. Dass Oskar Pastior IM der Securitate war, wird gemeldet. Victor Conzemius beschreibt den der Seligsprechung harrenden John Henry Newman als "Mann für alle Jahreszeiten".

Besprochen werden Barbara Freys Inszenierung von Marieluise Fleißers "Fegefeuer in Ingolstadt" am Zürcher Schauspielhaus (deren Funke bei Barbara Villiger Heilig aber nicht recht zünden wollte), eine Ausstellung des Bildhauers und Zeichners Rene Zäch im Kunstmuseum Solothurn und Alan Bennetts Monologe "Ein Kräcker unterm Kanapee" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 18.09.2010

Mit großem "Respekt" stellt Friedrich Merz im Aufmacher der Literarischen Welt Peer Steinbrücks Buch "Unterm Strich": "Auf einen Nenner gebracht lautet seine Schlussfolgerung: 'Wir sind nicht ausreichend auf die Zukunft vorbereitet. Unser Fundament hat Risse. Die schlechteren Tage der letzten Jahre könnten auf lange Sicht die besseren gewesen sein.' Für diese eher düsteren Vorahnungen bleibt Steinbrück den Beweis aus seiner Sicht nicht schuldig."

Außerdem: John Grisham spricht im Interview über Geld und über seinen ersten Kurzgeschichtenband "Das Gesetz". Heinz Schlaffer schreibt zum 150. Geburtstag von Schopenhauer. Besprochen werden unter anderem Thomas Lehrs Roman "September" und Timothy Garton Ashs Essayband "Jahrhundertwende".

Im Feuilleton erzählt Sascha Lehnartz von der Trauerfeier für Claude Chabrol in Paris. Besprochen werden zwei Theaterinszenierungen in Leipzig: Schillers "Räuber" und Arnolt Bronnens "Vatermord".

SZ, 18.09.2010

Es ist ein Fernsehserien-Projekt der Superlative. 20 Millionen hat sich der US-Sender HBO die Auftaktfolge von "Boardwalk Empire" kosten lassen, kein Geringerer als Martin Scorsese führte Regie. Erzählt wird aus dem New Jersey der Prohibitionszeit. Inzwischen wird in den USA angesichts von Projekten wie diesen, berichtet Jörg Häntzschel, längst die Grundsatzfrage gestellt: "'Sind Filme schlecht, oder ist das Fernsehen einfach nur besser?', hat A. O. Scott vor einigen Tagen in der New York Times die entscheidende Frage gestellt, als er einen durchwachsenen Kinosommer und einen nicht sehr vielversprechenden Kinoherbst skizzierte. Ein Paradigmenwechsel auf dem Terrain der Massenkommunikation ist unverkennbar - die Leute reden kaum noch über den neuen Film in den Kinos, der meistens sowieso eine Fortsetzung zweiten, dritten, vierten Grades ist, sondern bevorzugt über die aktuellen Fernsehserien."

Weitere Artikel: Sehr milde kommentiert Lothar Müller die Enttarnung Oskar Pastiors als - allerdings wohl wenig aktiver - Securitate-"IM Otto Stein" und zitiert die vor allem von "Trauer" erfassten Securitate-Opfer Herta Müller und Mircea Dinescu. Kommende Woche läuft Oskar Roehlers schon viel gescholtener "Jud Suess"-Film an, in dem es um die Entstehung des gleichnamigen Nazi-Machwerks geht: Willi Winkler rollt die Geschichte noch einmal auf und schilt heftig Ingrid Buchlohs neue Harlan-Biografie, die ihm zu positiv ist. In Hamburg wird in Zeiten knappster Kassen auch für die Kultur und nach dem Rücktritt des Schauspielhausintendanten Friedrich Schirmer über mögliche Einsparungen durch Fusionen nachgedacht - Till Briegleb vernimmt hier sehr deutlich den "forschen Jargon von Unternehmensberatern".

In der SZ am Wochenende besucht Harald Hordych die Jazzsängerin und Songwriterin Melody Gardot in Lissabon. Aus einem Hotelzimmer-Interview mit John Grisham strickt Claudia Fromme ihr Porträt eines Schriftstellers, der kein schmutziges Wort in den Mund nimmt. Aus aktuellem Anlass erzählt Heiner Geißler eine "kleine Geschichte des rechten Randes". Michael Frank unterhält sich mit Jürgen Flimm, dem neuen Intendanten der Berliner Staatsoper, über "Intrigen" - und die üble Nachrede, die ihm in Salzburg widerfuhr: "Mich hat man auch versucht, als 'Biertrinker' abzustempeln. Einfach immer nur sagen: Biertrinker."

Besprochen werden die Aufführung von Robert Schumanns morgenländischem Stück "Das Paradies und die Peri" durch Chor und Symphoniker des Bayerischen Rundfunks unter Simon Rattle, die Ausstellung "Die Staufer und Italien" in Mannheim, die Takashi-Murakami-Ausstellung im Schloss von Versailles und Fritz J. Raddatz' Tagebücher aus den Jahren 1982 bis 2001 (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).