Heute in den Feuilletons

Da war aber vor allem: die Stimme

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.02.2012. Christian Petzolds "Barbara" stößt auf die Begeisterung sämtlicher Filmkritiker. Überhaupt, so die Welt, ist die Bilanz des Berlinale-Wettbewerbs in den ersten Tagen erstaunlich positiv. Im Tagesspiegel denkt der bald achtzigjärige Alexander Kluge über Lebensläufe nach. In der taz erklärt Friedrich Küppersbusch, wie teuer es werden kann, sich selbst zu zitieren. In der NZZ kritisiert Abraham B. Jehoschua die religiösen Fundamentalisten in Israel. Spiegel Online und einige Blogs erzählen die Geschichte des saudischen Journalisten Hamsa Kaschgari, dem wegen eines Tweets die Todesstrafe droht. Alle sind bestürzt über den frühen Tod Whitney Houstons.

Spiegel Online, 13.02.2012

Spiegel Online erzählt (unter Zuhilfenahme der Agenturen) die Geschichte des jungen Journalisten Hamsa Kaschgari aus Saudi-Arabien, der per Twitter seine religiösen Zweifel an Mohammed geäußert hat: "Ich habe Sachen an dir geliebt und ich habe Sachen an dir gehasst und es gibt viel, was ich über dich nicht verstehe." Nun hat ihn Malaysia, wohin er nach einem Sturm der Entrüstung gefohen war, ausgeliefert - und ihm droht die Todesstrafe.

(Via Gawker) Den saudi-arabischen Kleriker Sheikh Nasser Al Omar brachte Kaschgari mit seinen Tweets zum Weinen. Dieses Video ist für Atheisten nicht geeignet.



Aus den Blogs, 13.02.2012

The Daily Beast zitiert den saudischen Blogger Fouad al-Farhan zum Fall des Journalisten Hamza Kaschgari: "'I think it's because this is an extremely unique case. We've never had our own Salman Rushdie before. We've never had a case as extreme as this one of someone crossing the line,' al-Farhan says." auch mit Kaschgari selbst konnte das Blog vor seiner Auslieferung sprechen: "He was raised as a religious conservative in a traditional Salafi community, becoming more liberal and 'humanist', in the words of one friend, as he grew older and embraced the Web."
Stichwörter: Salman Rushdie

Weitere Medien, 13.02.2012

Tatjana Rauth bringt im Standard ein höchst interessantes Interview mit Christoph Keese, dem Chef-Lobbyisten der Springer-Verlags, der gleichzeitig neue Unternehmensbereiche entwickelt. Er erklärt, was NewsRights ist - ein Zusammenschluss von Medienunternehmern, der Texte zur Instantlizenzierung anbietet. Gleichzeitig klingt das Interview aber auch so, als sollte bloße Verlinkung (mit Überschrift und Unterzeile) bereits kostenpflichtig werden: "Der Anteil der Leser, die sich mit Snippets bei Aggregatoren wie Google zufriedengeben, ist höher als erwartet. Entsprechend ist die Klickrate niedriger als früher gedacht. Der traditionelle Tausch 'Content gegen Traffic' erscheint zunehmend aus der Balance zu geraten. Damit besteht Anlass, die kostenlose Bereitstellung von Inhalten in Frage zu stellen."
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NZZ, 13.02.2012

Der Schriftsteller Abraham B. Jehoschua beobachtet besorgt einen Rückfall in religiösen Fundamentalismus in Israel und eine Annäherung von Ultraorthodoxen und Nationalreligiösen: "Beide Gruppen handeln nach demselben Grundsatz: Israel ist keine Nation außer in seiner Thora. Nur dass jeder 'seine Thora' auf eigene Weise interpretiert. Anders ausgedrückt: Die Nation hat nur dann Sinn, Bedeutung und Inhalt, wenn sie ihr Handeln an den Gesetzen der Thora ausrichtet."

Werner Huber freut sich über die gelungene Sanierung des heruntergekommenen Warschauer Bahnhofs Centralna: "Die Befreiung der Hallen und Passagen von allen Einbauten, die Reinigung der Granit- und Marmoroberflächen, die neuen Decken und die helle Beleuchtung gaben dem Bauwerk seine Kraft zurück."

Ueli Bernays erinnert in seinem Nachruf auf Whitney Houston, dass die Diva nicht nur Freunde hatte: "Für den namhaften afroamerikanischen Kulturtheoretiker Nelson George besiegelte ihr Erfolg 'den Tod des R'n'B' - mithin das Ende einer eigenständigen afroamerikanischen Musikkultur."

TAZ, 13.02.2012

In seinem Montagsinterview erklärt Friedrich Küppersbusch, warum er so wenig von Acta hält: "Weil es kein Urheber-, sondern ein Verwertungsrechtsabkommen ist. Ein Beispiel: Die Süddeutsche Zeitung druckte Interviews und Texte über Produktionen meiner Firma. Wir stellten es - stolz, na klar - auf unsere Homepage. Eine Anwaltskanzlei mahnt uns ab, und wir zahlen der Süddeutschen jedes Mal 500 Euro für Content, der auf unserer Urheberei beruht."

Katja Huber hat sich das neue Kursbuch angesehen, das nach vier jahren Pause nun vom Soziologen Armin Nassehi herausgegeben wird: "Das neue Kursbuch vereint Ökonomen, Philosophen, Psychologen, bildende Künstler, Literaten und Soziologen. Internationale Perspektiven finden sich noch wenige." Steffen Vogel berichtet von einer Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung zur Demokratie in der EU.

Und Julian Weber schreibt den Nachruf auf Whitney Houston, deren Tod so tragisch war wie ihr Leben: "Das ewige Verlangen nach mehr 'Authentizität'. Die Horror-Ehe mit dem minderbegabten Rapper Bobby Brown, seine Gewaltexzesse, der Weg in die Drogen, die Entziehungskuren, die Magersucht. Das Scheitern, an dem auch keine posthume Grammy-Verleihung, keine ungebrochene Beliebtheit mehr etwas ändern werden können. In Wahrheit war 'I will always love you' der Anfang vom Ende."

Jede Menge Berichte zur Berlinale gibt es hier.

Und Tom.

Tagesspiegel, 13.02.2012

Alexander Kluge, der morgen 80 Jahre alt wird, erklärt im Interview, was genau ein Lebenslauf ist und warum man gut daran tut, sich mit seinen Vergangenheiten - "vier Generationen hängen zusammen als ein Erzählraum" - vertraut zu machen: "Das Berlin von 1936 ist für mich stärker als jeder Gegenwartseindruck. Ich verwechsle das Berlin des Jahres 2012 nicht mit dem Berlin von 1936. Ich bin ein nüchterner Mensch. Aber ich glaube, dass wir – jeder anders – eine ganze Menge von diesen Wirklichkeiten mit uns herumtragen. Verblüffend ist, dass diese Eindrücke sich untereinander vertragen. Das ist kein romantischer Irrationalismus, sondern eine Beobachtung. Diese unterschiedlichen Wirklichkeiten in uns befinden sich in einem Austauschverhältnis. Das trägt uns. Das 21. Jahrhundert ist überkomplex. Eine Masse von Objektivität stürmt auf uns ein, von Problemen und nicht bearbeiteten Konflikten. Deshalb sollte man sich so stark verankern, wie man nur kann. Deshalb beschäftigten mich jetzt auch meine Vorfahren sehr stark."

Na bitte, es gibt sie wieder, die deutschen Stars, freut sich Patrick Wildermann: "Das Facebook des deutschen Films kann sich sehen lassen, das zeigt sich auch in diesem Wettbewerbsjahr wieder. Nina Hoss spielt eine weitere starke Titelfrau in Christian Petzolds 'Barbara'. Lars Eidinger glänzt in Hans-Christian Schmids 'Was bleibt'. Birgit Minichmayr und Jürgen Vogel gehen in Matthias Glasners 'Gnade' an die Grenze. Alles Schauspieler, die das Potenzial haben, im Zweifel auch eine mittelmäßige Geschichte leuchten zu lassen. Die das deutsche Kino aufregend machen."

Besprochen werden eine Aufführung von Brahms' Requiem mit dem Rundfunkchor im Berliner Radialsystem, einige Berlinalefilme, nämlich James Marshs IRA-Psychothriller "Shadow Dancer", den griechischen Wettbewerbsfilm "Meteora", Brillante Mendozas Wettbewerbsfilm "Captive", Werner Herzogs Doku "Death Row" und die Doku "Ai Weiwei: Never Sorry", außerdem Bücher, nämlich Ernst von Waldenfels' Biografie des Esoterikers Nikolai Roerich und Karl Heinz Metz' "Geschichte der Gewalt".

Welt, 13.02.2012

Der Bioethik-Professor Peter Singer plädiert in einem Project-Syndicate-Artikel im Forum für ein neuartiges Urheberrecht: "Australien, Kanada, Israel, Neuseeland und viele europäische Länder haben heute ein öffentliches Verleihrecht, das darauf ausgelegt ist, Autoren und Verleger für die ihnen durch die Möglichkeit zur Entleihe ihrer Bücher in öffentlichen Büchereien entgangenen Umsätze zu entschädigen. Wir brauchen etwas Ähnliches für das Internet. Es könnte über eine Nutzungsgebühr finanziert werden, und wenn die Gebühr niedrig genug wäre, würde dies den Anreiz zur Nutzung von Raubkopien verringern."

Im Feuilleton erinnert sich Dirk Peitz an Whitney Houstons Ballade "I Will Always Love You" aus dem Film "Bodyguard": "Eigentlich ist dieses Lied eine Frechheit, eine Beleidigung, weil es so offensichtlich ist, wie es mit den Gefühlen der Zuhörer spielt. Dass man sich dennoch nicht gegen seine Wirkung wehren kann, darin liegt die wahre Kunst der Sängerin." Auch Mathias Döpfner höchstselbst schreibt einen kleinen Nachruf und diagnostiziert als Todesursache Liebesentzug.

Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek freut sich über die "erstaunlich positive" Bilanz der ersten Berlinale-Wettbewerbstage und und ist wie alle Kollegen begeistert von Christian Petzolds neuem Film "Barbara". Anne Waak folgte Angelina Jolie auf Schritt und Tritt. Wolf Lepenies bespricht die Ausstellung "Roads of Arabia" in Berlin, die auch den Jahrhunderten vor dem Islam Platz widmet. Und Sarah Elsing lauschte den Frankfurter Poetikvorlesungen Thomas Meineckes.

SZ, 13.02.2012

Ausnahmen bestätigen die Regel. Heribert Prantl argumentiert für die Besitzenden und klopft im Leitartikel zu den Anti-Acta-Demos fest, "dass das geistige Eigentum ein richtiges Eigentum ist, seinen Wert hat und Schutz braucht." (Zum Beispiel vor den Total-Buy-Out-Verträgen der Medienhäuser?)

Andrian Kreye und Jörg Häntzschel sind angesichts des traurigen Endes von Whitney Houston dafür, "an jenes Frühjahr 1985 zu erinnern. Da platzte vermeintlich aus dem Nichts eine junge Sängerin aus New Jersey in die erste Liga der Superstars. Da war aber vor allem: die Stimme." Und damit war sie stilbildend: "Wer die extremen Spannungsbögen, halsbrecherischen Soul-Koloraturen und kontrollierten Emotionsstöße heute nicht beherrscht, hat kaum Chancen, ein Massenpublikum oder eine Jury zu packen."

Ihre erste Platte hat sie erstaunlicherweise mit Bill Laswell gemacht, "Memories" von 1982:



Susan Vahabzadeh ist ganz aus dem Häuschen über Christian Petzolds Berlinale-Wettbewerbsbeitrag: "'Barbara' ist ein makelloser Film. Der fünfte, den Christian Petzold mit Nina Hoss gedreht hat, sie hat ihre besten Auftritte bei ihm - sie traumwandelt durch seine Filme, die Rollen, die er ihr schreibt, scheint sie überzustreifen wie eine zweite Haut."

Eine ganze Seite ist der Berlinale gewidmet, unter anderem geht es um Dokumentarfilme der Regisseurin Pamela Yates über den Völkermord an der Maya-Bevölkerung in Guatemala vor dreißig Jahren. In den "Nachrichten aus dem Netz" verweist Niklas Hofmann auf einen Artikel des Corriere, in dem der junge italienische Autor Vincenzo Latronico bekennt, seine Ebooks schwarz herunter zu laden. Auf der Medienseite zerpflückt Johannes Boie eine ARD-Reportage über Facebook, für die der Sender zwei Seiten davor dick und schick geworben hatte.

Besprochen werden ein Requiem der jungern Komponistin Lera Auerbach, das iDresden zum Gedenken an die Bombenacht aufgeführt wurde und Bücher, darunter ein Essayband des chinesischen Autors Yu Hua, der bisher nur auf englisch erschienen ist

FAZ, 13.02.2012

Der Deutsch-Libanese Fouad Hamdan, ehemals Greenpeace-Sprecher in Deutschland, setzt seine ganze Hoffnung auf ein Wanken des Assad-Regimes durch die dauerhaften Proteste und die Sanktionen von außen: "Für Assad gibt es keinen Weg zurück, er ist seit dem Moment verloren, da er den Teufelskreis der Gewalt in Gang setzte. Jede ernsthafte Reform müsste zu Assads Verhaftung, zu der seiner Familie und Helfershelfer führen."

Weitere Artikel: Dietmar Dath erinnert an die "bis kurz vor dem Zerbersten zu Pathostrümmerhaufen angespannten Arien" der verstorbenen Whitney Houston. Gerhard Stadelmaier erklärt in der Leitglosse, warum im Theater die Eingeführten die Angschmierten sind. Fridtjof Küchemann beobachte die fröhlichen Anti-Acta-Demos in Berlin am Samstag. Paul Ingendaay berichtet, dass Baltasar Garzón, der berühmteste Ermittlungsrichter Spaniens, mit elf Jahren Berufsverbot belegt wurde, weil er in einem Korruptionsfall "die Gespräche von Verdächtigen mit ihren Anwälten abhören ließ" - auch seine Forderung, die Verbrechen des Franco-Regimes juristisch aufzuarbeiten, stößt er auf großes Ungemach. Verena Lueken lässt die Filme des Berlinale–Wochenendes Revue passieren (und zuerst natürlich "Barbara": "Petzold zeigt in großen Kinobildern mit der großen Geste, wie wir sie aus amerikanischen Filmen kennen: Dies ist unser Land. Mit leeren Straßen, misstrauischen Menschen und jeder Menge Krach.") Und Johanna Adorjan fand Angelina Jolies Film (und sie selbst sowieso) bemerkenswert.

Besprochen werden die große Claude Lorrain-Ausstellung im Frankfurter Städel-Museum, Lucian Freuds Porträts in der Londoner National Portrait Gallery, Konzerte der Salzburger Mozartwoche, eine Choreografie Christian Spucks in Stuttgart und die Uraufführung von Tine Rahel Völckers' Stück "Kein Science-Fiction" in Düsseldorf.

Die FAZ am Sonntag fragte: Wer ist eigentlich dieser Filmproduzent David Groeneweld, der Christian Wulff so gerne Geld auslegte? Und Christian Krachts Roman "Imperium" ist gleich eine Doppelseite gewidmet.