Heute in den Feuilletons

Weder Zigaretten noch Alkohol

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.12.2011. Christopher Hitchens ist tot. Wir verlinken auf Dossiers in Slate und Vanity Fair und Nachrufe im Guardian und der New York Times. In der Welt hält Daniel Johnson vom Standpoint-Magazin den Deutschen eine Standpauke. Im Tagesspiegel erklärt Joachim Sartorius von der Berliner Festspielen, warum er "Richard III." mit Kevin Spacey nicht nach Berlin holte. Die SZ fragt nach der Wechselwirkung zwischen Avantgarde und Pop.

Weitere Medien, 16.12.2011

Seine Stimme wird fehlen! "Christopher Hitchens 1949 - 2011" heißt die schlichte Überschrift in Slate. Der Autor ist im Alter von 62 Jahren gestorben, noch am Dienstag haben wir auf seinen letzten Artikel in Vanity Fair verlinkt. Hier der Nachruf von Josh Vorhees in Slate, und hier ein Dossier mit Hitchens' besten Texten aus Slate.



Auch Vanity Fair bringt ein Dossier mit einem Nachruf des Herausgebers Graydon Carter und einigen Videos. Außerdem werden einige Texte online gestellt unter anderem sein Artikel über die Beziehung zu seinem Bruder Peter. In der New York Times schreibt William Grimes. Und hier der Nachruf im Guardian mit einem wunderschönen späten Foto.

So leitet Gawker sein Dossier ein: "Christopher Hitchens, the Clinton-loathing, religion-mocking, Kurd-loving, war-mongering, ball-waxing British drunk who contained multitudes and seemed to be insulting you somehow even when you agreed with him, which was precisely 59% of the time, has died of complications from esophageal cancer..." Hier seine Artikel im Atlantic. Und hier Christopher Buckley im New Yorker. The Daily Beast verlinkt auf Hitchens' versammelte Kampfansagen gegen die Religion, die Folter, George Bush oder unlustige Frauen.

Die Meldung von Hitchens Tod ist noch ganz neu. Auf Twitter werden sich die interessantesten Links finden. Hier verabschiedet sich auch Salman Rushdie.

Tagesspiegel, 16.12.2011

Im Interview Frederik Hanssen und Christiane Peitz erklärt der scheidende Intendant der Berliner Festspiele, Joachim Sartorius, warum er die Londoner "Richard III."-Inszenierung mit Kevin Spacey nicht nach Berlin einlud: "Es ist langweilig, über Geld zu reden, also nur kurz: Wir haben mit rund zehn Millionen Euro Bundeszuschuss für die gesamte Festivalfamilie ein auskömmliches Budget für normale Gastproduktionen. 'Richard III.' hätten wir gerne gezeigt, es gab auch Vorgespräche, aber sollen wir für den Mainstream, der die Kunst nicht vorantreibt, so viele Gelder binden?"

NZZ, 16.12.2011

Den Formenzauber einer zukunftsgläubigen Epoche bewundert Roman Hollenstein in einer Ausstellung über Nachkriegsarchitektur in Italien im aut in Innsbruck. Gabriele Detterer besichtigt die große Schau zum Bankwesen in der Renaissance "Geld und Schönheit" im Florentiner Palazzo Strozzi. Christoph W. Bauer erinnert an den vor 500 Jahren geborenen niederländische Dichter Johannes Secundus, dem wir den Gedichtzyklus "Basia" (Die Küsse) verdanken. Heiko Hantscher erzählt, wie sich Kubas Rapper gegen die Gängelungsversuche der Staatsmacht behaupten.
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Welt, 16.12.2011

Der britische Journalist Daniel Johnson vom Standpoint-Magazin hält den Deutschen eine Standpauke. Hinter dem Konflikt mit David Cameron lauert der gute alte deutsche Antikapitalismus, meint er: "In Berlin scheint die Ansicht vorzuherrschen, dass Freiheit, Demokratie und Souveränität Luxusgüter seien, die sich Europa - oder doch wenigstens seine schwächeren Geschwister - in einem Zeitalter von Knappheit und Sparen nicht leisten könne. Das geht in dieselbe Richtung wie die verstohlene Bewunderung für Wladimir Putin: einstmals KGB-Offizier im kommunistischen Dresden, jetzt Deutschlands (und Europas) Energie-Zar. Nur in Deutschland konnte ein ehemaliger Regierungschef vom Kanzleramt aus direkt auf Putins Gehaltsliste wechseln, so wie Gerhard Schröder im Jahr 2005."

Weitere Artikel: Wie tief lässt ein so biederes Eigenheim wie das von Christian Wulff blicken, fragt Clemens Tissi. Manuel Brug ist eigentlich ganz froh, dass das Musical "One a Clear Day", dessen Hauptrolle einst von Barbra Streisand gespielt wurde und jetzt für eine Neuaufführung in die eines schwulen Friseurs umoperiert wurde, floppte - denn sonst hätte es lauter schwule Versionen von Musicals gegeben. Christina Hoffmann wandelt über einen alternativen Weihnachtsmarkt in Berlin mit selbstgestickten Taschen für das Macbook Air. Marc Reichwein sinniert in seiner Feuilletonkolumne über das Laptop. Und im Interview mit Iris Alanyali erklärt Luzia Braun von Aspekte, die mit 57 Jahren die älteste Moderatorin des ZDF ist, warum sie sich lieber hinter die Kamera zurückziehen will.

Besprochen werden eine Ausstellung über den Eichmann-Prozess in Jerusalem und eine Ausstellung über die Düsseldorfer Malerschule des 19. jahrhunderts ebendort.

FR/Berliner, 16.12.2011

Im Interview mit Martin Hesse prangert der Historiker Hans-Ulrich Wehler die soziale Ungleichheit in Deutschland an, die laut neuer OECD-Studie hier so stark zunehme wie in kaum einem anderen Land: "Ein Beispiel: Während der großen Finanzkrise von 2008 sind in der Bundesrepublik 50 000 neue Millionäre registriert worden, während seit etwa acht Jahren die Realeinkommen der Berufstätigen schrumpfen."

In Paris hat Lulu Gainsbourg sein Debüt gegeben, Sohn des großen Serge und der Stalingradgeneralsenkelin Caroline Paulus. Achtbar habe sich Lulu geschlagen, findet Uwe Killing, aber ein geborener Sänger sei er nicht: "Gainsbourg junior greift weder zu Zigaretten noch Alkohol. Er ist eher der Typ Musterstudent, er hat renommierte Musikschulen in London und Boston absolviert."

TAZ, 16.12.2011

Kunst wird nicht nach Aufwand, sondern nach Nachfrage vergütet, meint der Musiker und Labelbetreiber Stefan Goldmann in einem Gespräch mit Julian Weber und will von einer Lockerung des Urheberrechts nichts wissen: "Die Frage des freien Zugangs ist dadurch letztlich nur ein Feigenblatt für parasitäre Gewinne einer Internet- und Computerindustrie. Das Ganze als gesellschaftlichen Fortschritt und Freiheitsgewinn zu verkaufen, ist ein geniales Geschäftsmodell. Das ist aber nur eine Momentaufnahme. Erstens, weil die rechtssystematischen Folgen zu gravierend wären, als dass es dabei bleiben könnte, und zweitens weil irgendwann bestimmte neue Inhalte überhaupt nicht mehr ins Netz gelangen werden - weder legal noch illegal."

Weiteres: Michael Brake unterhält sich mit Dirk Rehm und Michael Groenewald, den Machern des Comicverlags Reprodukt, der nun seit 20 Jahre besteht, über die Erfolgsgeschichte von Comics, Mangas und neuerdings der Graphic Novels. Andreas Fanizadeh resümiert eine Veranstaltung in der Berliner Akademie der Künste, bei der Rechtsextremismus-Experte Bernd Wagner, Regisseur Andres Veiel und Uwe-Karsten Heye über das Verhältnis des Staats zum Rechtsterrorismus diskutierten.

Besprochen wird das Album "Own The Night" von Lady Antebellum.

Und Tom.

Aus den Blogs, 16.12.2011

Adieu Daimler und VW. Google hat ein Patent für fahrerlose Autos eingereicht, meldet Mashable.

Und ein hübsches Tweet:
Stichwörter: Fahrerlose Autos, Google, VW

SZ, 16.12.2011

Der Kultursoziologe Lutz Hieber skizziert die Geschichte der Wechselwirkung zwischen Avantgarde und Popkultur und kommt, beim heutigen Deutschland angekommen, zu einem niederschmetternden Ergebnis: So seien die "kulturellen Wertmaßstäbe in Deutschland noch immer oft altväterlich", was sich schon im unterschiedlichen Mehrwertsteuersatz für Gemälde auf der einen, Fotografien auf der anderen Seite zeige. "Auch die öffentlich-rechtlichen Medien, durch Gebührenpflicht finanziert (und damit Zwangs-Pay-TV/Radio), bilden sie ab, sofern sie alte Klassik in speziellen Kanälen pflegen, die sich strikt gegen Popmusik abgrenzen. Solche starren Grenzziehungen behindern fruchtbare Legierungen von Populärkultur und freier Kunst. Damit ist das Feld der deutschen Kulturindustrie von seinen Kraftquellen abgeschnitten."

Weiteres: Voll des Lobes auch für die "fabelhaften neuen Lichtverhältnisse" streift Gottfried Knapp durch das wiedereröffnete Städel-Museum in Frankfurt. Werner Bartens sieht in dem offenbar direkten Zusammenhang zwischen Wohlstand und Lebenserwartung "ein Armutszeugnis für ein immer noch reiches Land, das es von politischer Seite offenbar schnell hinwegzuwischen gilt." Zwischen all der europäischen Kunst in den aktuellen Ausstellungen im Museum Europäischer Kulturen in Berlin-Dahlem fühlt sich Kia Vahland recht beengt. Stephanie Drees hat sich beim Nordwind-Festival in Berlin skandinavisches Theater "von enormer künstlerischer Diversität" angesehen. Franka Nagel seufzt erleichert auf, dass sich Amazon in Deutschland dank Buchpreisbindung keinen Preisunterbietungskampf mit den Buchläden liefert wie im Ausland.

Besprochen werden der "an manchen Stellen ein wenig holprig" wirkende Film "Sarahs Schlüssel" und Bücher, darunter die erstmals auf Deutsch veröffentlichte Studie über Amerika des Kulturhistorikers Johan Huizinga (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 16.12.2011

Jakob Biazza sammelt in Tunis Stimmen zum Wahlerfolg der islamistischen En-Nahda-Partei, deren Chef Rachid Ghannouchi sich betont entspannt gibt. Ganz überzeugt ist Biazza dennoch nicht: "Seit der Revolution hat eine Art Gegenzensur eingesetzt. Der frühere Machthaber wurde aus Schulbüchern getilgt. ... Demokratische Vergangenheitsbewältigung sieht anders aus."

Weiteres: Gina Thomas berichtet aus London von den Diskussionen um den Maggie-Thatcher-Film mit Meryl Streep, der für sie "eine historische Wende in der Einschätzung" der Politikerin kennzeichne. Arnold Bartetzky würdigt den neuen Hochschulcampus in Dresden als Stadtreparatur für die "trotz aller Aufbauleistung in weiten Teilen noch immer so amorphen wie unwirtlichen" Stadt. Raphael Gross gratuliert der Zeitschrift "Tribüne" zum fünfzigjährigen Bestehen.

Und wer mehr über Hannover lernen will, ist heute mit Seite 3 der FAZ gut beraten.

Besprochen werden eine Ausstellung über den Briefwechsel zwischen Franz Kafka und Grete Bloch im Deutschen Literaturarchiv in Marbach, die "schön(e), aber auweglos(e)" Aufführung von Verdis "Orfeo" am Theater an der Wien, der Vampirthriller "Let Me In", die Ausstellung "Asterix und die Kelten" in der Völklinger Hütte und Bücher, darunter eine neue, in Frankreich erschienene Celine-Biografie (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).