Heute in den Feuilletons

Sie haben heimlich Wasser abgezweigt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.12.2011. Günter Grass' scharfe Kritik an der Rolle der Journalisten in der Debatte um Christa Wolf nach der Wende stößt in den Feuilletons auf eher laue Reaktionen. Die taz findet sie unliterarisch, die Welt geschmacklos. Die SZ erwähnt sie halb und verschweigt sie halb. Der Tagesspiegel wirft immerhin das Problem der "intellektuellen Moral" auf. Die FAZ spricht lieber über Wulff als über Wolf. In der Zeit feiert Viktor Jerofejew die Geburt der russischen Zivilgesellschaft. Und die Glaubensseite verabschiedet den Kapitalismus.

Welt, 15.12.2011

Heimo Schwilk geht in der Leitglosse kurz auf den Eklat bei der Trauerfeier für Christa Wolf am Dienstagabend ein. Günter Grass hatte in seiner in der FR abgedruckten Rede - Frank Schirrmacher und Ulrich Greiner vorgeworfen, die Schriftstellerin nach 1990 regelrecht "hingerichtet" zu haben. Schwilk sieht Grass als Anführer einer "Phalanx der Erinnerungsabwehr, die gegen einen Feind nachträglich mobil machte: den 'West-Journalismus'." Und Grass "verwandelte den Gedenkraum in ein Tribunal, die Grenze des Geschmacklosen streifend am Tag der Trauer."

Besprochen werden die Neupräsentation der volkskundlichen Sammlung in Berlin-Dahlem, Detlev Bucks Travestiekomödie "Rubbeldiekatz", die Neupräsentation des Frankfurter Städelmuseums und eine in Berlin gastierende Aufführung der "Wolokolamsker Chaussee" in der Inszenierung der jungen polnischen Regisseurin Barbara Wysocka.

Tagesspiegel, 15.12.2011

Gregor Dotzauer knüpft immerhin ein paar Gedanken an Grass' Attacke gegen den "West-Journalismus": "Dennoch bleibt das Problem der 'intellektuellen Moral', das Ulrich Greiner als Kern der Auseinandersetzung ausmachte und die jede Generation neu auszutragen hat. Wenn man den Literaturstreit als Neuauflage der Kontroversen über innere und äußere Emigration betrachtet, die etwa Thomas Mann und Frank Thieß führten, dann berührt er das innerste Selbstverständnis der Nation."
Stichwörter: Emigration, Thomas Mann

Zeit, 15.12.2011

Viktor Jerofejew kann kaum glauben, was am 10. Dezember auf dem Bolotnaja-Platz in Moskau geschah. Von der Opposition in Russland hält er nichts, aber hier forderten zehntausende Demonstranten neue und freie Wahlen: "Was man auf dem Bolotnaja-Platz sah, ist die Geburt der russischen Zivilgesellschaft, die, kaum geboren, bereits ihren Sieg feiert. Anstatt es bei allgemeinen Freiheitsappellen und Protesten gegen das Regime zu belassen, widmet sie sich ihrer eigentlichen Bestimmung - die Staatsmacht dazu zu bringen, ihr gegenüber Rechenschaft abzulegen."

Überall auf der Welt ist was los, nur Deutschland ist "von beneidenswerter Stabilität". Darum sagt man hierzulande auch so gern den Untergang voraus - aus schierer Langeweile, glaubt Ijoma Mangold. Dabei sind wir doch gerade dabei, die EU als politischen Staatskörper auszubauen! "Wem so viel Weltgeschichte um die Nase weht und wer dann immer noch mäkelt über das Klein-Klein der Politik, dem ist möglicherweise auf Erden nicht zu helfen."

Weiteres im Feuilleton: Peter Kümmel mokiert sich über Pläne des Hamburger Thalia Theaters, vier Aufführungen der Spielzeit 2012/13 vom Publikum bestimmen zu lassen (mehr dazu in der Nachtkritik). Abgedruckt ist Volker Brauns Totenrede für Christa Wolf. Alexander Cammann fand die Beerdigung Wolfs "wohltuend unpathetisch". Besprochen werden der vierte "Mission: Impossible"-Film, Detlev Bucks Komödie "Rubbeldiekatz", eine Ausstellung zur Entwicklung des Tierstilllebens von der Renaissance bis zur Moderne in der Kunsthalle Karlsruhe, die Uraufführung von Manfred Trojahns Oper "Orest" in Amsterdam und Bücher, darunter Albrecht Selges Debütroman "Wach" und Dantes "Göttliche Komödie" in der Übersetzung von Kurt Flasch (die Karlheinz Stierle zu prosaisch ist, mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr)

Auf der Glauben-und-Zweifeln-Seite sind sich Heiner Geißler und Sahra Wagenknecht vollkommen einig, dass das kapitalistische System abgeschafft gehört. Im politischen Teil sieht Arundhati Roy das ganz genauso. Der Pekinger Historiker Wu Si (mehr hier) möchte dagegen seine Erfahrungen als 18jähriger Rotgardist in der Kulturrevolution nicht wiederholen: "Ich habe die Bauern zum Beispiel gezwungen, in Trockenperioden zuerst die kommunalen Felder zu bewässern. Aber daran haben sie sich nicht gehalten. Sie haben heimlich Wasser abgezweigt. Auf ihren eigenen Feldern waren sie unglaublich fleißig, während auf den kollektiv bewirtschafteten bald der Schlendrian einkehrte. Ich selbst habe wie besessen gearbeitet und wollte die Bauern zwingen, es mir gleichzutun. Vergeblich! Ich habe gesehen: Das funktioniert nicht, dieses System funktioniert nicht, es ist falsch."
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NZZ, 15.12.2011

Anette Selg stellt Mohamed Hashem und seinen verdienstvollen Kairoer Merit Verlag vor, der unter anderem Alaa al-Aswanis Roman "Der Jakubijan-Bau" herausbrachte, aber auch Übersetzungen von Nabokov, Duras und Jelinek: "Bis heute ist Merit für Autorinnen und Autoren, die sich um die drei literarischen Tabus - Sex, Religion, Politik - nicht scheren, die einzige Chance, in Ägypten überhaupt verlegt zu werden."

Barbara Villiger Heilig besucht die Bühnenbildnerin Anna Viebrock, die zuverlässig Vexierbilder fürs deutsche Theater produziert: "Auch ganze Hausteile baut Anna Viebrock nach, allerdings gemäß einer Traumnarratologie mit verzerrten Proportionen und absurden Verdrehungen im produktiven Widerspruch zur Verstandeslogik."

Besprochen werden unter anderem Miranda Julys neuer Film "The Future", eine neue Folge aus der "Mission: Impossible"-Reihe und Monique Schwitters Erzählungen "Goldfischgedächtnis" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

TAZ, 15.12.2011

Dirk Knipphals berichtet über die Trauerfeier in der Berliner Akademie der Künste, bei der Weggefährten und Freunde Abschied von Christa Wolf nahmen und Günter Grass ihm mit einem "infamem" Auftritt unangenehm auffiel, nämlich mit der Art und Weise, wie er auf den Literaturstreit der frühen Neunziger zurückkam und Frank Schirrmacher von der FAZ und Ulrich Greiner von der Zeit dazu aufforderte, sich öffentlich für ihre damalige "Hinrichtung" und "Niedertracht" gegenüber Wolf zu entschuldigen. "Dieser Polterauftritt von Günter Grass wirkte auch der eigentlichen Hauptfigur des Abends gegenüber unangemessen. Journalistenbashing mag immer gehen, aber: So unliterarisch, so wenig auf ihr Werk Bezug nehmend verabschiedet sich doch kein bedeutender Schriftsteller von einer bedeutenden Schrifstellerin!"

Weiteres: Frank Brendle porträtiert Efraim Zuroff vom Jerusalemer Simon Wiesenthal Center, der seit 25 Jahren als sogenannter Nazijäger arbeitet und in Berlin sein Buch "Operation Last Chance II" vorstellte.

Besprochen werden der Dokumentarfilm "Black Power Mixtape 1967-1975" von Göran Olsson, der offizielle und nichtoffizelle Geschichtsschreibung der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung mit zum Teil "ganz erstaunlichen Aufnahmen" zusammenführt, der Vampirfilm "Let Me In", die Verfilmung des Jugendromans "So finster die Nacht" von Matt Reeves und Detlev Bucks Komödie "Rubbeldiekatz", die Birgit Glombitza einerseits "strunzdumm", andererseits aber dort gut findet, wo sie "einfach nur hysterisch und nur Klamotte sein will".

Und Tom.

Freitag, 15.12.2011

Georg Seeßlen denkt über das Verhältnis von Pop und Terror nach, das bei uns so selbstverständlich als Erklärung herhalten müsse wie anderswo die Religion. Also auch bei den Taten des Zwickauer Mördertrios: "Die Beziehung zwischen Terrorismus und Pop-Kultur ist stets zugleich strategisch, mythisch und (wechselseitig) "entlarvend". Das Repertoire und die Form der wechselseitigen Bedienung hat sich auch deswegen erweitert, weil die Ordnung innerhalb der Sprache der populären Kultur ihre Reste von Verlässlichkeit verloren hat. Pop als "Avantgarde" der populären Kultur (und Schnittstelle zu Kunst und Politik) ist längst nicht mehr verlässlich links, liberal und offen; ob im Turbofolk in Ex-Jugoslawien, im Hate Radio in Afrika oder im Nazi-Rock hierzulande, überall haben nationalistische, rassistische und faschistische Gruppierungen ihre Sprachen im Pop gefunden und dabei auch die Phantasmen für den nächsten Terrorismus geschaffen."

Zum zehnten Todestag von W.G. Sebald begibt sich Tobias Hering auf die Spuren des Schriftstellers nach Suffolk, wo das Umherstreifen ein verbrieftes recht ist. "Das "Rambling", das lustvolle Streunen und richtungslose Herumwandern, hat seine sprachliche Entsprechung im freien Assoziieren und sinnfreien Reden. Es ist wohl kaum verwunderlich, dass der Erzähler in "Die Ringe des Saturn" zu Beginn seiner Wanderung "gleich einem Strauchdieb über die Mauer klettern und sich durch das Dickicht kämpfen" muss, um den Park des Adelssitzes von Somerleyton zu erreichen. Das Ignorieren von als Zierde getarnten Barrieren gehört zum Temperament eines Ramblers ebenso wie eines freien Geistes."

SZ, 15.12.2011

Helmut Böttiger erwähnt in seinem Bericht von der Trauerfeier für Christa Wolf zwar Grass' Attacke auf Frank Schirrmacher und Ulrich Greiner, aber nach Art einer Zeitung, die selbst entscheiden will, wieviel Information sie ihrem Publikum zumutet: "Es wurde an diesem Abend mehrmals beschrieben, wie die plötzlichen Attacken aus dem Westen, die erst kamen, als die Mauer gefallen war, der Autorin große Verletzungen zufügten. Bei Günter Grass indes wurde es zum Zentrum. Ob die Namen der Journalisten, die damals die Rede führten, im Rahmen dieser Gedenkfeier aber so aufgewertet werden mussten, wie Grass es tat, fragte sich wohl so mancher."

Weitere Artikel: Kia Vahland berichtet in einer Reportage aus Brasilien von religiösen Ausdifferenzierungen und den damit einhergehenden Herausforderungen, die unter anderem im Bau einer neuen Kathedrale durch den separat Interview befragten Oscar Niemeyer bestehen. Johan Schloemann berichtet von Fachdiskussionen über die Kapitolinische Wölfin, das Wahrzeichen Roms, die laut jüngeren Analysen nicht antiken, sondern mittelalterlichen Ursprungs sein soll. Susan Vahabzadeh schreibt den Nachruf auf den Filmproduzent Bert Schneider, einem Architekt "New Hollywoods", und Christine Dössel den auf die Theaterschauspielerin Lola Müthel. Reinhard Brembeck meldet, dass der "legendäre Cembalist Gustav Leonhardt" sich von der Bühne zurückzieht.

Besprochen werden das Vampirdrama "Let Me In", Detlev Bucks Travestiekomödie "Rubbeldiekatz" und die Liedermacher-Doku "Wader Wecker Vater Land", Rene Polleschs "Die Liebe zum Nochniedagewesenen" und Anja Hillings "Garten" am Wiener Akademietheater, Thorsten Lensings und Jan Heins Tschechow-Inszenierung "Kirschgarten" in den Berliner Sophiensälen, sowie kurz und knapp Steinar Bragis Roman "Frauen" und ein neuer, sehr privater Bildband über Klaus Kinski (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 15.12.2011

Kein Wort zu Grass!

Swantje Karich trifft in Teheran auf den oppositionellen Studenten Basim, der ein Vierteljahr vor den Parlamentswahlen mit wenig Zuversicht in die Zukunft des arabischen Frühlings blickt: "[Z]u sehr erinnert ihn die Entwicklung an die Revolution von 1979. Chomeini hatte damals auch versprochen, er werde den Frauen ihre Rechte lassen. Zwei Jahre später begann in Iran die Diktatur. Basim hält den Islam, der hinter der Muslimbruderschaft steht, für in manchen Nuancen radikaler als schiitische Strömungen und wundert sich über die westlichen Islamwissenschaftler, die davor die Augen verschließen."

Frank Schirrmacher fragt sich aus Anlass der Kreditmauschelei um Christian Wulffs Hauserwerb: "Wie will er, der bislang wenig zur Krise zu sagen hatte, jetzt eigentlich überhaupt noch etwas sagen?" Für Dieter Bartetzko hat des Bundespräsidenten Eigenheim indessen eher ernüchternden Wert: "Etwas mehr als solchen Durchschnittsgeschmack hätte man schon von einem Amtsträger erwartet, der Vorbild für alle Deutschen sein soll."

Weiteres: Hans-Christian Rössler besucht das auch mit Mitteln des Auswärtigen Amts unterstützte, 2010 öffentlichkeitswirksam eröffnete Kino in Dschenin im Westjordanland, wo seit Wochen keine Veranstaltung mehr stattfand (immerhin: bei ausreichend Interesse lädt der Kinodirektor auch einen Wunschfilm aus dem Internet herunter). Marco Schmitt berichtet vom Länderschwerpunkt "Deutschland" des Filmfestivals in Dubai. Hannes Hintermeier freut sich, dass in München die künftige Nutzung des Kongresssaals des Deutschen Museums als Konzertsaal immer wahrscheinlicher wird. Ingeborg Harms wirft einen Blick in neue Ausgaben der Zeitschriften WestEnd (hier) und Edit (der aus letzterer vorgestellte Text von David Foster Wallace steht auszugsweise online).

Besprochen werden der Film "Sarahs Schlüssel", die Ausstellung "Popmusik und Pillenknick" über Popkultur in der Provinz im Museumsdorf Cloppenburg, die Ausstellung der Sammlung Alte Meister im wiedereröffneten Frankfurter Städel-Museum und Bücher, darunter eine Kulturgeschichte des frühen Kinos von Klaus Kreimeier (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).