Heute in den Feuilletons

Kraftpaket aus Gedankenwucht

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.11.2011. Mit Entsetzen betrachtet die FAZ das Bekennervideo der braunen Terroristen aus Zwickau. Der Tagesspiegel hat herausgefunden, dass die Autorin einer sehr anschwärzenden Biografie über Heinz Berggruen Mitarbeiterin des Auktionshauses Villa Grisebach war, deren Chef gar nicht gut auf Berggruen zu sprechen war...  Die New York Times meldet: Ahmed Rushdie ist sauer und schimpft auf Twitter über Facebook: Er hätte gern seinen Namen zurück. Die SZ liest eine Studie Gilles Kepels über den Islam in französischen Banlieues.

Tagesspiegel, 15.11.2011

Gerrit Bartels und Rüdiger Schaper haben einiges über die Autorin einer in einem abgelegenen Verlag erschienenen Heinz-Berggruen-Biografie in Erfahrung gebracht, die von der SZ am Samstag ganz groß gepusht worden war: "Die Verfasserin ist Vivien Reuter. Sie schreibt unter ihrem Mädchennamen Vivien Stein und lebte bis 1994 in Berlin, war freie Mitarbeiterin des Auktionshauses Villa Grisebach. Dem Grisebach-Chef Bernd Schultz wirft der damalige Kulturstaatsminister Michael Naumann nun vor, er habe Berggruen in einem üblen Brief der Geschäftemacherei bezichtigt, wohl wegen entgangener Geschäfte für das Auktionshaus. Ein schwerer Vorwurf, zu dem sich Schultz gegenüber dem Tagesspiegel nicht äußern möchte. Mittlerweile lebt die Autorin in Paris und arbeitet bei der International Astronomical Union."
Stichwörter: Heinz Berggruen, Paris

TAZ, 15.11.2011

Die vorderen Seiten widmen sich ausführlich den Enthüllungen um die rechtsextreme Terrorgruppe aus Zwickau, unter anderem schreibt Paul Wrusch über den früheren Präsidenten des Thüringer Verfassungsschutzes Helmut Roewer, der, einst Panzeroffizier, etlichen V-Leuten in der Naziszene das Geld nur so hinterher warf und mittlerweile als Autor in obskuren Verlagen veröffentlicht.

Im Kulturteil empfiehlt Dirk Knipphals Wolfgang Herndorfs "Sand" als "Roman der schlimmstmöglichen Ausgänge" und verweist auch auf das Blog "Arbeit und Struktur" des Autor, der gegen einen lebensbedrohlichen Gehirntumor kämpft. Bettina Allamoda stellt das Großprojekt "Pacific Standard Time" vor, das der Kunstmetropole Los Angeles Tribut zollt. Konrad Melcher erinnert in einem Nachruf an den ugandischen Politiker und Panafrikanisten Dani Wadada Nabudere. In ihrer Kolumne sinniert Julia Grosse über die Mode politischer Symbole. Silvia Hallensleben berichtet von der Duisburger Filmwoche.

Und Tom.

Weitere Medien, 15.11.2011

Salman Rushdie ist sauer, und schimpft auf Twitter über Facebook, berichtet Somini Sengputa in der New York Times. Dort hat man ihn, nachdem er eine Kopie seines Ausweises einreichte, als Ahmed Rushdie geführt - so steht es zwar im Ausweis, aber alle Welt kennt ihn als Salman: "'Where are you hiding, Mark?' he demanded of Mark Zuckerberg, Facebook's chief executive, in one post. 'Come out here and give me back my name!'"
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FR/Berliner, 15.11.2011

Dimiter Gottscheffs Heiner-Müller-Abend am Deutschen Theater Berlin geht Ulrich Seidler ein bisschen auf die Nerven. Aber die Schauspieler! "Gepriesen sei Wolfram Koch − ein Kraftpaket aus Gedankenwucht, Testosteron und Spiel-Listigkeit! Er nagt die Flüche mit Rattenzähnen aus der Finsternis und lässt sein Bewusstsein einmal durch alle Abgründe sacken, bevor ihm das Wort 'Gott' wieder einfällt."

Außerdem gratuliert Christian Schlüter Wolf Biermann zum 75. Manfred Schwarz feiert die Ausstellung über die Kunst der Dogon in der Bundeskunsthalle. Und Ulrike Simon begibt sich auf die Spuren des Hannoveraner Madsack-Konzerns, der durch den Kauf der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ, bisher zur FAZ gehörig) zu einem der größten Zeitungshäuser wird.

NZZ, 15.11.2011

Durchaus überzeugend findet Uwe Justus Wenzels Jürgen Habermas' Essay "Zur Verfassung Europas", in dem dieser den "Exekutivföderalismus" anprangert, der die Regierungen in die Zwickmühle zwischen Großbanken und Rating-Agenturen einerseits und frustrierten Bevölkerungen andererseits geführt habe. Autor Alain Claude Sulzer geht der Frage nach, ob man eigentlich eine selbstgemachte terrine de foie gras beim Fliegen mit ins Handgepäck nehmen darf. Urs Hafner besucht den Friedensforscher Johan Galtung. Sieglinde Geisel war bei der Gedenkfeier für Thomas Brasch am Berliner Ensemble.

Besprochen werden die Konzerte bei den Tagen für neue Musik in Zürich und Petur Gunnarssons Roman "punkt punkt komma strich".

Welt, 15.11.2011

Die Berggruen-Biografie, mit der Vivian Stein den Kunstsammler Heinz Berggruen zum Steuer vermeidenden, die "Judenkarte" ausspielenden windigen Geschäftsmann stempelt, ist für Jacques Schuster "nur ein Skandälchen. Der Skandal ist, dass ein seriöser Journalist [Stephan Speicher am Samstag in der SZ] die Vorwürfe ohne hinreichende Prüfung übernimmt, auf einer Zeitungsseite ausbreitet und Steins Kampfschrift damit eine Verbreitung verschafft, die sie nicht verdient." Im Hintergrund dieses Skandals sieht Schuster den Leiter der Villa Griesebach, Bernd Schultz, die Fäden spinnen.

Eckhard Fuhr berichtet gerührt über eine polnisch-deutsche Initiative, die Johann Gottfried Schadows während des Zweiten Weltkriegs verloren gegangenes Standbild Friedrichs II. gerettet und restauriert hat: "Man muss sich an den Gedanken erst gewöhnen: Polen setzt das in Deutschland verloren geglaubte Denkmal jenes Preußenkönigs wieder instand, der im Verein mit der russischen Zarin Katharina die staatliche Existenz der polnischen Nation für lange Zeit beendete. Es ist ein Beispiel dafür, dass es entgegen allen Unkenrufen ein gemeinsames europäisches Geschichtsbewusstsein geben kann."

Weitere Artikel: Angesichts der rechtsradikalen Zwickauer Terrorbande wird Christina Hoffmann ziemlich unbehaglich bei Rammsteins neuem Song "Mein Land": "Es gibt in unserem Land eine Subkultur, die sich auf solche Texte ihren eigenen Reim macht." Hartmut Regitz porträtiert die russische Komponistin und Literatin Lera Auerbach, deren Oper "Gogol" heute in Wien uraufgeführt wird (hier bloggt sie). Alan Posener gratuliert Wolf Biermann zum 75sten.

Besprochen werden eine Perugino-Ausstellung in der Alten Pinakothek in München, Dimiter Gotscheffs Heiner-Müller-Abend am Deutschen Theater in Berlin und Clint Eastwoods Film "J. Edgar".

FAZ, 15.11.2011

Lorenz Jäger hat auf Spiegel TV Ausschnitte des Bekennervideos der Zwickauer Mörderbande gesehen, in dem - recht professionell aufbereitet - ein launiger rosaroter Panther in neckischen Versen die Morde präsentiert: "Es ist ein Dokument des kichernden Irrsinns, der mordlustigen Albernheit, der infantilen Grausamkeit von ganz Erwachsenen." In einem zweiten Artikel resümiert Karen Krüger die entsetzten Reaktionen der türkischen Presse auf die Mordserie.

Weitere Artikel: Paul Ingendaay kommentiert den trotz allem anhaltenden Immobilienwahnsinn in Spanien ("Spanien hat sich in der Hässlichkeit eingerichtet"). Oliver G. Hamm inspiziert die sanierte Neue Galerie in Kassel. Andreas Kilb fragt, wie die notwendige Digitalisierung des deutschen Filmerbes angegangen werden kann.

Besprochen werden ein Konzert des Philharmonia Orchestras unter Esa-Pekka Salonnen in Dortmund, eine Heiner-Müller-Abend in der Regie Dimiter Gottscheffs am Deutschen Theater Berlin ("Wozu das, bitteschön?", fragt Irene Bazinger), eine Ausstellung aus dem Archiv Peter Hacks" in Marbach, eine Ausstellung des Videokünstlers Omer Fast im Kunstverein Köln und Bücher, darunter Dagmar von Gersdorffs Biografie über Caroline von Humboldt (mehr hier und in unsrer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 15.11.2011

Jeanne Rubner fasst die Ergebnisse von Gilles Kepels Studie "Les Banlieues de la Republique" (Leseprobe) zusammen, derzufolge sich immer mehr Jugendliche in den Banlieues von der Gesellschaft ab- und dem Islam zuwenden. Der Streit tobt nicht mehr um das Kopftuch, sondern um halal, also um das "ungeschriebene Regelwerk für Dinge und Taten, die nach islamischem Recht erlaubt sind. Viele muslimische Kinder gehen nicht mehr in die Kantine, weil das Essen nicht halal ist, und bleiben während der Mittagspause sich selbst überlassen, mit den bekannten sozialen Folgen. Kepel sieht in der Betonung des strengen halal einen Machtkampf zwischen konservativen Muslimen und dem Staat, dessen Opfer die Kinder sind."

Weiteres: Willibald Sauerländer feiert den spätmittelalterlichen Bildhauer Niclaus Gerhaert von Leyen, dessen Werk derzeit im Frankfurter Liebieghaus ausgestellt wird. Burkhard Müller berichtet von einem offenbar recht gereizten Kongress in Essen über Deutsch als Wissenschaftssprache. Eva-Elisabeth Fischer unterhält sich mit Wolf Biermann, der heute 75 Jahre alt wird. "Ehepaaren in der Krise" möchte Peter Laudenbach von Dimiter Gotscheffs Heiner-Müller-Abend am Deutschen Theater Berlin eher abraten. Christoph Haas freut sich über die Veröffentlichung von "Stuck Rubber Baby", Howard Cruses Graphic Novel über die schwarzen und schwulen Protestbewegungen der späten 60er (daneben gibt es ein Interview mit dem Autor).

Nur ganz kurz, weil die Meldung zu spät kam: der Nachruf auf Franz-Josef Degenhardt.

Besprochen werden die Ausstellung "Running Direction - Regisseure im Zeitraum" in der Potsdamer Sperl Galerie, einige Aufführungen im Wiener Schauspielhaus und Bücher, darunter Winfried Menninghaus' Schrift "Wozu Kunst? Ästhetik nach Darwin" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).