Heute in den Feuilletons

Vergeblich sucht man in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.11.2011. Was treibt die SZ zur posthumen Attacke auf den Kunstsammler Heinz Berggruen?, fragt entgeistert der Tagesspiegel. Die Bild veröffentlicht den Bericht einer Untersuchungskommission zu den Umtrieben beim MDR: Da gibt's noch viel zu entdecken! In der taz analysiert der Schriftsteller Rafik Schami die Lage in Syrien. Die FAZ hat von einem Vordenker der Occupy-Bewegung gelernt, dass es "alternative marktwirtschaftliche Gesellschaften geben kann, die funktionsfähig sein können, ohne klassenkämpferisch zu sein".  In Newsweek spricht Ai Weiwei über die Zeit seiner Isolation.

Tagesspiegel, 14.11.2011

Rüdiger Schaper hat das in einem obskuren Verlag erschienene Buch "Heinz Berggruen" der Autorin Vivien Stein gelesen, das den Kunstsammler als Geschäftemacher darstellt - und dem die SZ am Samstag erstaunlicherweise die ganze Seite 1 des Feuilletons widmete. So richtig etwas anhängen kann die Autorin Berggruen offenbar nicht: "Letztlich wirft Stein Berggruen seinen Erfolg, sein Geschick vor, sein Glück auch, sein Leben. Welche persönlichen Rechnungen und Verletzungen werden da behandelt?" Und zu Stephan Speichers Artikel in der SZ: "Berggruen habe, urteilt Speicher, 'das Gefühl der Deutschen für ihre Schuld an den Juden' genutzt. Der Vorwurf des Antisemitismus wird oft schnell und unüberlegt aus der Moralkiste geholt - aber wie ist das hier? Merkt dieser Journalist nicht, wie er ekelhafte Vorurteile breitklopft und die alte Story vom halbseidenen, erfolgs- und listenreichen jüdischen Geschäftsmann nacherzählt?" Lesenswert auch ein wütender Kommentar des damaligen Staatsminister für Kultur, Michael Naumann, zu dem Buch und dem Artikel in der SZ.

FR/Berliner, 14.11.2011

Die EMI, einst der größte Plattenkonzern der Welt, wird zerlegt und stückeweise verkauft. Wer ist schuld? Nicht nur unfähige Manager, weiß Jens Balzer: "1976 brachte die EMI auch die erste Sex-Pistols-Single 'Anarchy in the U.K.' heraus, zog sie aber wegen des unmanierlichen Auftretens der Band gleich wieder zurück - wofür die Sex Pistols sie in dem gern zitierten Hasslied 'E.M.I.' verfluchten. Der Fluch hat gewirkt! Denn seit damals geht es für die EMI vor allem bergab."



Außerdem: Werner Girgert beklagt die Ökonomisierung der Stadtentwicklung.

Welt, 14.11.2011

Am Wochenende fand in Berlin die vom deutsch-iranischen Regisseur Ali Samadi Ahadi organisierte Konferenz "Inside Iran" statt, berichtet Andrea Backhaus. Iranische Geistliche, Künstler und Intellektuelle diskutierten dort über die Lage im Iran: "Auf die zwiespältige Rolle der schiitischen Geistlichkeit verwies der geistliche Reformer Hassan Yousefi Eshekvari. Ihm zufolge lieferte der Klerus dem sich neu bildenden Machtapparat zwar immer schon die übergeordnete Legitimität. Zugleich war und ist er der größte Rivale der politischen Akteure; beiden Seiten gehe es um die Monopolstellung. Und: 'Die Demokratiefähigkeit des Islam hängt am Deutenden', sagte Eshekvari".

Weitere Artikel: Andrea Hanna Hünniger steht gewissermaßen noch der Mund offen nach dem Berliner Konzert von Lana Del Rey (Video): "Es ist, als wäre man beim ersten Konzert von Amy Winehouse oder Britney Spears gewesen." Huberta von Voss plaudert in den Hamptons mit dem Autor Louis Begley, dessen Roman "Schmidts Einsicht" gerade auf Deutsch erschienen ist. Eckhard Fuhr annonciert Lutz Hachmeisters Dokumentarfilm über Peter Hartz, der heute im Ersten gezeigt wird.
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Weitere Medien, 14.11.2011

(Via turi2) Bild.de präsentierte am Samstag den Bericht (hier als pdf-Dokument) einer Untersuchungskommission zu den Finanzskandalen beim MDR. Demnach hat man nach dem Kika-Skandal noch mit weiteren Affären zu rechnen - viele Aufträge wurden ohne Ausschreibung vergeben. Und es gibt andere Merkwürdigkeiten: "Laut Bericht hält der MDR Wertpapiere (Aktien, Anleihen) in Höhe von 390 Millionen Euro. Das seien mehr als 40 (!) Prozent der Bilanzsumme. Wie risikoreich diese Wertpapiere sind, sei bislang nicht überprüft worden."

Isaac Stone Fish scheint für Newsweek mit Ai Weiwei gesprochen zu haben, gibt allerdings keine Auskünfte über die Umstände des Gespräches. Ai spricht auch über die Zeit seiner Verschleppung und Isolierung durch die Behörden: "Determined to maintain his wits, Ai tried to memorize every detail of his detention. 'But after 20 days, my brain became completely empty,' he says, disclosing the fullest account yet of the grim conditions of his confinement. Cut off from the outside world, in a featureless cell, his mind began to panic. 'I realized you need information to stay alive. When there's no information, you're already dead. It's a very, very strong test-I think more severe than any physical punishment,' Ai says."
Stichwörter: Ai Weiwei, Mdr

NZZ, 14.11.2011

Nicht nur wirtschaftlich, sondern vor allem moralisch hat Italien abgewirtschaft, stellt Franz Haas nach Berlusconis Abgang fest und belegt dies auch mit: einfallslosen Feuilletons. Es herrsche "auf den Kulturseiten der führenden Zeitungen eine unheimlich selbstgenügsame Leere, die in normalen Zeiten eine Atmosphäre von gelangweilter Kultiviertheit vermitteln würde: hier ein Bericht über den Fund einer unbekannten Zeichnung von Leonardo da Vinci, da die Besprechung einer Ausstellung von Opernkostümen. Vergeblich sucht man in den Feuilletons dieser Tage und Wochen nach der Meinung von Schriftstellern und Philosophen zur Lage der geplagten Nation."

Abgedruckt ist eine Poetikvorlesung Sibylle Lewitscharoffs, die Einspruch dagegen erhebt, den Begriff des Helden bis zur Albernheit auszudehnen und auch für Männer, Frauen und Kinder zu gebrauchen, die sich durch den Alltag wursteln: "Ein Held, ein richtiger, der solche Zuschreibung verdient, befindet sich in einer Welt, die ihm zuflüstert: Alles ist vergebens! Er besitzt Lebenserfahrung, Realitätssinn, weiß, dass man die Menschen nicht ändern kann, und wagt in einem entscheidenden Moment dennoch alles."

Besprochen wird die Uraufführung der Oper "Die Stadt der Blinden" von Anno Schreier und Kerstin Maria Pöhler in Zürich.

Weitere Medien, 14.11.2011

Katzenjammer: Der Name der Band passt einfach zum Wochentag. Und das Video ist ein schönes Beispiel für die überlegenen Multitaskingfähigkeiten von Frauen.


TAZ, 14.11.2011

Im Interview mit Andreas Fanizadeh spricht der Schriftsteller Rafik Schami über die Lage in Syrien, den plötzlichen Mut der Menschen, die sich jahrzehntelang vor Geheimdienstlern fürchteten, jetzt aber nicht vor Panzern zurückweichen. Und er attackiert den Großmufti Scheich Hassun, der den Demonstranten eine Nähe zum Dschihadismus unterstellte: "Der Großmufti ist ein charakterloser Mann. Ein korrupter Opportunist. Er ist es gewesen, der vor kurzem noch dem Westen mit seinen 'Schläfern' gedroht hat, die er in Europa platziert habe. Er steht für die unheilige Allianz der Kirche mit dem Herrscher. Gotteskrieger wie Hisbollah sind Verbündete des Regimes und nicht der Demonstranten. Die Proteste sind ungeheuer mutig und zumeist friedlich."

Weiteres: Carla Baum berichtet vom Berliner Festival "Translating HipHop". Klaus Irler besucht die Ausstellung "Photography Calling!" im Sprengel Museum in Hannover.

Die vorderen Seiten befassen sich ausführlich mit den unfassbaren Vorgängen um die thüringische Neonazi-Terrortruppe.

Und Tom.

SZ, 14.11.2011

Hans Woller, Chefredakteur der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, zeichnet kein positiv stimmendes Bild eines sozial und politisch fragmentierten Italiens nach Berlusconi: "Die Opposition ist in ihrer jetzigen Verfassung weder regierungs- noch politikfähig. Sie hat kein Gesicht, kein Programm und schon gar keinen Willen zur Macht. In einigen Ländern Europas schlägt in der Finanz- und Währungskrise die Stunde der Opposition, in Italien duckt sie sich weg und baut für den Fall der Fälle bereits furchtsam vor: Auch sie fordert eine Regierung unabhängiger Fachleute, in der sie selbst nicht einmal eine Nebenrolle spielt."

Weitere Artikel: Schon beim Anblick der Lesesessel in der neuen Stuttgarter Stadtbibliothek, dem ersten fertiggestellten Gebäude von Stuttgart 21, hat Gottfried Knapp Rückenschmerzen bekommen (auch der Bau an sich stimmt ihn eher griesgrämig). Viele jüngere britische Theatermacher inszenieren derzeit Werke, "die irgendwie wütend und kritisch sind, aber nicht zu ausdrücklich auf Gegenwärtiges Bezug nehmen", schreibt Alexander Menden in einem Überblicksartikel zur britischen Theaterszene. In den "Nachrichten aus dem Netz" stellt Michael Moorstedt Versuche vor, das Internet historisch zu archivieren, darunter etwa den Film "The Deleted City", der Websites des Pionier-Online-Services Geocities collagenhaft verdichtet. Antje Weber berichtet von der Diskussionveranstaltung des Münchner Literaturfests, bei der junge Schriftsteller stichpunktartig ihre Positionen zur deutschen Gegenwartsliteratur vorstellten. Anlässlich des Franz-Liszt-Jubiläumsjahrs hat sich Michael Stallknecht durch satte zehn Biografien des Komponisten gefressen, die im Laufe der letzten zwei Jahren erschienen sind. Volker Breidecker berichtet von den Auseinandersetzungen rund um die organisatorische Neuordnung des Deutschen Literaturarchivs in Marbach.

Besprochen werden neue DVDs (darunter, man höre und staune, eine mit Filmen des Avantgardefilmemachers James Benning), eine Ausstellung mit historischen Kinderstühlen im Neuen Museum Nürnberg, die Ausstellung "Die Kunst der Entschleunigung" im Kunstmuseum Wolfsburg, sowie Viriginia Woolfs "Orlando" und Albert Camus' "Der Fremde" am Thalia in Hamburg.

FAZ, 14.11.2011

Mit Rührung verfolgte Jordan Mejias einen New Yorker Auftritt Hans Magnus Enzensbergers, der zusammen mit der amerikanischen Lyrikerin Tracy K. Smith neue Gedichte vortrug. Oliver Jungen hörte einer Gedenkrede Berthold von Stauffenbergs zu. Martin Otto resümiert eine Potsdamer Tagung über den Verleger Alfred Hermann Fried.

Besprochen werden eine Ausstellungsreihe über "Arte povera" in verschiedenen italienischen Städten (mehr hier), Genets "Balkon" in der Regie Thomas Dannemanns in Stuttgart und Bücher, darunter Marco Stiers Studie "Verantwortung und Strafe ohne Freiheit", die von dem Verfassungsrechtler Winfried Hassemer in ihre Schranken verwiesen wird.

In der FAZ am Sonntag hat Frank Schirrmacher durch die Lektüre des Buchs "Debt" des Occupy-Vordenkers David Graeber gelernt, "dass es alternative marktwirtschaftliche Gesellschaften geben kann, die funktionsfähig sein können, ohne klassenkämpferisch zu sein". Hier ein Porträt über Graeber aus der Business Week.