Heute in den Feuilletons

Die Zeit der wiederholten Einmaligkeit

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.09.2011. In der NZZ erklärt Oleg Jurjew, warum die Blockade Leningrads nur in der Sprache der Leningrader Avantgarde beschrieben werden konnte. Die taz lernt in Montreal, dass nichts so elitär ist wie die Ökostadt. In der Welt liest Ralph Giordano Arno Lustigers Buch über den "Rettungswiderstand" in den von den Nazis besetzten Ländern. In der SZ bekundet Khaled al-Khamissi seine Freude darüber, dass die Ägypter nun endlich gegen Israel protestieren. Die Jerusalem Post meldet, dass Deutschland die Durban 3-Konferenz boykottiert. Die FAZ berichtet über Todesdrohungen gegen französische Journalisten, die in der Affäre Bettencourt recherchierten.

NZZ, 03.09.2011

In der Beilage Literatur und Kunst erinnert Oleg Jurjew an die Blockade Leningrads vor siebzig Jahren. Dabei starben etwa eine Million Menschen. Literatur war damals nicht so wichtig, aber es gab sie natürlich. Und es war ausgerechnet die von den Sowjets verpönte Sprache der Leningrader Avantgarde, mit der Gennadi Gor und Pawel Salzmann den Leser "direkt in die Hölle" versetzten: "Besonders wichtig ist das paradoxe Zeitempfinden während der Blockade (ihm gelten die Arbeiten der russisch-amerikanischen Forscherin Polina Barskowa) - die Zeit wiederholt sich immer wieder in Routinevorgängen und endet gleichzeitig mit jeder Sekunde. Sie ist unendlich und endlich zugleich, sie dauert an, aber schreitet nicht voran. Das ist die Zeit der wiederholten Einmaligkeit. Alle Versuche, die Wirklichkeit der Blockade in einer normalen literarischen, auch lyrischen Erzählzeit nachzubilden, scheiterten eben an dieser gegenläufig erfahrenen Qualität der Blockadezeit."

Weitere Artikel: Uwe Stolzmann stellt den slowenischen Poeten Franjo Francic vor, dessen Werke auf Deutsch im Klagenfurter Drava-Verlag erschienen sind. Die Kunsthistorikerin Marianne Burki erklärt anhand mehrerer Beispiele, was digitale Kunst ist. Rudolf Suter beschreibt Hans Arps 1961 für die Schule für Gestaltung Basel geschaffene Skulpturen als vorbildliche Kunst im öffentlichen Raum. Besprochen wird die Ausstellung "Höhenrausch 2 - Brücken im Himmel" im Offenen Kulturhaus (OK) in Linz.

Im Feuilleton denkt Martin Meyer anlässlich von Karl Heinz Bohrers Essay "Projekt Kleinstaat" über Krise und Selbstbewusstsein nach. Ilija Trojanow erinnert sich, wie er die Doors auf dem Mount Kenya hörte. Christian Saehrendt stellt uns das Museum als Single-Treff vor. Susanne Ostwald berichtet vom Filmfestival Venedig.

Besprochen werden zwei Konzerte der Berliner Philharmoniker mit Simon Rattle beim Lucerne Festival und Bücher, darunter Leif Randts Roman "Schimmernder Dunst über Coby County" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 03.09.2011

Michael Wuliger kommentiert in der Jüdischen Allgemeinen Günter Grass' Behauptung, in Russland seien sechs Millionen Kriegsgefangene liquidiert worden: "Ist der sozialdemokratische Schriftsteller auf einem Horst-Mahler-Trip? Was der Literaturnobelpreisträger in einem Interview mit Tom Segev in Ha'aretz am 26. August sagte, liest sich jedenfalls wie klassische Aufrechnungsmythen aus der neonazistischen und rechtsextremen Ecke."

Deutschland wird nicht an der Durban 3-Konferenz teilnehmen, berichtet Benjamin Weinthal in der Jerusalem Post (mehr zum Thema hier). Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes hat es der Zeitung mitgeteilt: "In a statement to The Jerusalem Post on Friday, a spokesman wrote, 'Germany will not participate in the commemoration event for the 10th year anniversary of the Durban conference.' He added that Germany 'cannot rule out that the Durban commemoration event in New York will be misused for anti-Semitic statements, as was the case in previous conferences.'"

TAZ, 03.09.2011

Für das künstlerische Begleitprogramm zum Ecocity-Kongress hat das Goethe-Institut nach Montreal eingeladen. Die von der Theatergruppe Turbo Pascal angebotenen "Schlender Studies" in abgelegenen Gegenden der Stadt hat Katrin Bettina Müller mitgemacht: "Was in der Sprache der Planer von Ecocity positiv besetzt ist und auf eine möglichst großen Teilhabe aller sozialen Milieus und aller Generationen am urbanen Leben zielt, verkehrte sich in 'Talking the walk in Griffintown' in das Gespenst einer elitären und ausschließenden Welt, durch die allein der Wohlhabende sicher schlendert. Die Angst vor Gentrifizierung geht um, auch in Montreal."

Weitere Artikel: In Venedig findet Cristina Nord Gefallen an David Cronenbergs Freud-Film "A Dangerous Method", aber ein bisschen hat sie die "Weichtiere" des Cronenbergschen Frühwerks dann doch vermisst. Die Schoah soll in Frankreich zukünftig "Vernichtung" heißen - Rudolf Walther kommentiert das mit Verweis um seiner Meinung nach überholte Diskussionen um die "Einzigartikeit" dieses Verbrechens. In Mexiko wurden, wie Toni Keppeler berichtet, erneut zwei Journalisten ermordet. Abgedruckt wird Sebastian Polmans' "Open Mike"-Gewinnererzählung "Mein Name ist Kobe Bryant, wohnen Sie in der Stadt?".

Vorabgedruckt wird ein Ausschnitt aus Karim al-Ghawarys "Tagebuch der arabischen Revolution".

Besprochen werden diverse Berliner Aktionen (Ausstellung, Retrospektive) um die Filmemacherin Ulrike OttingerYael Ronens neues Stück "The Day Before the Last Day" an der Berliner Schaubühne und Bücher, darunter Jan Peter Bremers Roman "Der amerikanische Investor" (Leseprobe hier).

Und Tom.
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FR/Berliner, 03.09.2011

Fast ganzseitig schreibt Dirk Pilz über Yael Ronens neues Stück "The Day Before the Last" an der Berliner Schaubühne, in dem es im engeren und weiteren Sinn um Religion geht. Von Begeisterung für David Cronenbergs Freud-Film "A Dangerous Method" und von Buhs für Philippe Garrel weiß Anke Westphal in ihrem Bericht aus Venedig. Volker Müller ist zur Wiedereröffnung der romanischen Mikwe - also des jüdischen Ritualbads - nach Erfurt gereist. Arno Widmann gratuliert dem Publizisten Fritz J. Raddatz zum Achtzigsten: "Ein erregbarer Erreger ist er. Sicher der beste in diesem Fach." Ingeborg Ruthe schreibt zum Tod des Fotokünstlers Bernhard Blume.

Besprochen werden ein Konzert des Amsterdamer Concertgebouw Amsterdam unter Andris Nelsons in der Frankfurter Alten Oper und die dem Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt zu seinem Achtzigsten gewidmete Ausstellung "Die Regel und die Ausnahme" im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt.

Welt, 03.09.2011

Ralph Giordano liest Arno Lustigers Buch über den "Rettungswiderstand" - also über Leute in Deutschland und allen besetzten Ländern im Zweiten Weltkrieg, die Juden halfen: "Durch das ganze Buch zieht sich, wie ein strukturierendes Rückgrat, die akribische Aufzählung, wie viele Angehörige des jeweiligen Landes in Yad Vashem... als 'Gerechte unter den Völkern' geehrt worden sind - mit dem Stichdatum Januar 2011... In dieser Liste der Ehre und Schande steht Dänemark durch eine gloriose Kollektivaktion (und dank der Hilfe des Deutschen Schifffahrtsbeauftragten Georg Ferdinand Duckwitz) mit 98 Prozent geretteter Juden an der Spitze, die Niederlande mit einer Vernichtungsziffer von 95 Prozent aber an letzter Stelle." Es ist auch ein Kapitel aus Lustigers Buch abgedruckt.

Weitere Artikel in der Literarischen Welt: Cora Stephan findet es zwar legitim, sich den Fall Fritzl literarisch zu vergegenwärtigen, wie es Emma Donoghue in ihrem Roman "Raum" tut, aber sie ist nicht zufrieden mit dem Ergebnis. Elke Heidenreich liest in ihrer Kolumne Berlin- und China-Bücher. Jacques Schuster gehörte zu den Eingeladenen im ersten Salon Ulla Unseld-Berkewicz' in ihrer frisch bezogenen Berliner Villa. Tilman Krause erfährt von dem gerade achtzigjährigen Fritz J. Raddatz, dass er seine Kritik mit einem Parker-Füller auf geriffeltes Papier schreibt ("Ich will den Widerstand des Papiers spüren"). Besprochen wird außerdem Jan Brandts Romandebüt "Gegen die Welt".

Im Feuilleton empfiehlt Alan Posener, wenn auch mit Einschränkungen, Stefan Austs Dokumentation "Die Falle 9/11", die morgen im Ersten läuft. Holger Kreitling beschwert sich über George Lucas, der in jeder neuen DVD-Edition des "Kriegs der Sterne" an seiner Saga herumdoktort. Hannes Stein geht in New York mit dem amerikanischen Reporter Mark Jacobson zum Chinesen. Und Werner Bloch porträtiert den tunesischen Theatermann Fadhel Jaibi, der eine der wichtigsten Figuren der tunesischen Opposition war - und nun bei den Berliner Festspielen gastiert.

Besprochen wird eine Ausstellung über Voodoo im Pariser Museum der "ersten Kunste".

FAZ, 03.09.2011

Jürg Altwegg berichtet von neuen Enthüllungen über die geradezu atemberaubende Bedrohung von französischen Journalisten (mehr hier), die in der Affäre Bettencourt recherchiert haben: "Fabrice Arfi, Journalist bei Mediapart, hat Klage wegen Todesdrohungen eingereicht. Sie wurden nicht einmal anonym geäußert: der Anruf kam von Pierre Sellier, der einen wirtschaftlichen Nachrichtendienst betreibt. Sellier gehört laut Mediapart zu den Kreisen um Sarkozy und war an den Geschäften mit einem Waffenhändler beteiligt, aus denen der Wahlkampf von 1995 mitfinanziert worden war. Sein Anruf wurde mitgeschnitten und ins Netz gestellt: 'Ich werde ihn töten. Service Action. Drei Kugeln in den Kopf.'" Hier erzählt Arfi, was ihm widerfahren ist.

Weitere Artikel: Marcel Reich-Ranicki schickt einen kurzen Geburtstagsgruß an Fritz J. Raddatz: "Nur eines: Der Bessere von uns beiden war immer der Andere." Hubert Spiegel erinnert an Fadhel Jaibis ein Jahr vor der Revolution uraufgeführtes Stück "Yahia Yaich Amnesia" über den Sturz der tunesischen Diktatur. Jürgen Dollase widmet seine Kolumne diesmal Nathan Myhrvolds Buch "Modernist Cuisine". Nils Minkmar stellt Stefan Austs Film "Die Falle 9/11" vor, der am Sonntag in der ARD gezeigt wird. Camilla Blechen freut sich über die Rettung altdeutscher Meisterzeichnungen der Spätgotik und Renaissance aus der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau durch die Getty-Stiftung. Dieter Bartetzko fürchtet den Abriss eines Mietshauses aus der Biedermeierzeit in Frankfurt. Marcus Jauer experimentiert mit dem Google Translator. Freddy Langer schreibt zum Tod des Fotokünstlers Bernhard Blume.

Auf der Schallplatten- und Phono-Seite geht's um die neu aufgelegten EMI-Aufnahmen Claudio Arraus sowie neue Alben der Dead Trees und der Jayhawks (hier). Besprochen werden weiter die Ausstellung "Stylectrical - Von Elektrodesign, das Geschichte schreibt" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe und Bücher, darunter Jochen Schimmangs Roman "Neue Mitte" und Thomas Glavinics Reportage "Unterwegs im Namen des Herrn" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Bilder und Zeiten druckt einen Auszug aus Paul Ingendaays zweitem Roman "Die romantischen Jahre". Mark Siemons beschreibt die wachsende Unzufriedenheit der chinesischen Mittelschicht mit dem herrschenden System. Volker Weidermann blättert durch Fritz J. Raddatz' gerade erschienene "Tagebücher in Bildern". Jan Drees unerhält sich mit Ferdinand von Schirach über dessen neuen Roman "Der Fall Collini" (mehr in der Welt) und das 1968 verabschiedete EGOWiG, das "Einführungsgesetz zum Ordnungswidrigkeitengesetz", mit dem auf einen Schlag "alle NS-Taten rückwirkend zum 8. Mai 1960" verjährten.

In der Frankfurter Anthologie stellt Jörg Schuster ein Gedicht von Hugo von Hofmannsthal vor:

"Herrn Stefan George

du hast mich an dinge gemahnet
die heimlich in mir sind
du warst für die saiten der seele
der nächtige flüsternde wind
..."

SZ, 03.09.2011

Große Rührung bei Khaled al-Khamissi über eine Demonstration der Ägypter gegen Israel: "Und alle Umstehenden, obwohl im Stau gefangen, waren begeistert. In der ersten Krise zwischen Ägypten und Israel seit Mubaraks Sturz beantwortete die Bevölkerung eine Frage, die immer wieder gestellt worden war: Wie steht die ägyptische Revolution zu den Beziehungen mit Israel? Die Ägypter, die immer geschwiegen hatten wie die Sphinx von Gizeh, haben plötzlich eine Stimme und wollen in der Politik mitspielen. Sie sagen, was sie auf dem Herzen haben. Die Politiker müssen ihrem Volk ab jetzt Gewicht geben."

Weitere Artikel: Thomas Steinfeld klärt seinen Zeit-Kollegen Jens Jessen, der Staat und Finanzmarkt für gegnerische Kräfte hält, über den innigen Zusammenhang der beiden auf. In Venedig kann Tobias Kniebe mit David Cronenbergs Freud-Jung-Spielrein-Film "A Dangerous Method" viel, mit dem jüngsten Werk Philippe Garrels dagegen wenig anfangen. Laura Weissmüller besucht das Museum für Meereskunde und Surfgeschichte in Biarritz. Willi Winklert gratuliert Fritz J. Raddatz ("das bewunderte Vorbild für Krawalleros wie Frank Schirrmacher und Matthias Matussek") und Traugott Jänichen dem Theologen und Zeithistoriker Günter Brakelmann zum Achtzigsten. Herbert Molderings schreibt zum Tod des Fotografen Bernhard Blume.

Im Aufmacher der SZ am Wochenende nimmt Hilmar Klute Abschied von der Institution Rotlichtviertel. Auf der Historienseite erzählt Cord Aschenbrenner die Wahrheit über die Musketiere. Im Interview spricht Marie Pohl mit dem feminin anmutenden Rapper Big Freedia (ein Eindruck) über "Geschlechter".

Besprochen werden das Gastspiel von Fadhel Jaibis Inszenierung seines Theaterstücks "Yahia Yaich - Amnesia" in Berlin, die Hollywoodkomödie "Kill the Boss" und Bücher, darunter Jan Brandts Roman "Gegen die Welt" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).