Heute in den Feuilletons

Überreife Früchte, Moder und Benzin

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.03.2011. In der Welt sondiert Bernard-Henri Levy die politischen Kräfteverhältnisse in Ägypten. Levys Blog La regle du jeu meldet, dass die iranischen Oppositionsführer Mir Mussawi und Mehdi Karubi ins Gefängnis gesteckt wurden. Für die NZZ hat Marko Martin das Museo militar in San Salvador besucht und sich gegruselt. In Spiegel Online bekennt sich Richard Dawkins als Romantiker des Darwinismus. Die SZ ist ganz einverstanden mit Judith Butlers Kritik an der kulturzionistischen Vereinnahmung Kafkas, aber nicht mit ihrer Kritik am Literaturarchiv Marbach, das ebenfalls scharf ist auf den verbleibenden Nachlass des Autors.

NZZ, 01.03.2011

Der Autor Marko Martin schickt eine Reportage aus San Salvador, wo er das recht gruselige Museo Militar besucht hat: "Hier ist alles ganz simpel: Gestrenge Obristen-Augen schauen dich an. Während durch die weit offenen Türen von draußen eine tropische Geruchsmischung aus überreifen Früchten, Moder und Benzin dringt, sind die kalkweißen Wände nur so übersät mit den gerahmten Bildern Schärpen tragender, mit Orden behängter Potentaten und schnauzbärtiger Generäle, die in ihrer machistisch-bärbeißigen Physiognomie direkt dem Personal lateinamerikanischer Diktatoren-Romane entsprungen zu sein scheinen."

Weiteres: Uwe Justus Wenzel hält es für ein generelles Problem, dass Doktorgrade immer häufiger nicht der Wissenschaft dienen sollen, sondern der Karriere anderswo "Glanz und Schwung" verleihen: "Wenn die Universitäten immer mehr Discount-Doktoren durchwinken, untergraben sie ihre Existenzgrundlage und das System der Zertifizierung wissenschaftlichen Wissens." Daniela Tan unterweist uns in der japanische Kunst des Platzsparens.

Besprochen werden die Norma-Inszenierung des Theatermagiers Robert Wilson in Zürich, Khaled al-Khamissis Ägypten-Roman "Im Taxi", Eleonore Freys Roman "Aus der Luft gegriffen" und Hermann Brochs Briefwechsel mit seinem Sohn (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Welt, 01.03.2011

Die Welt übernimmt Bernard-Henri Levys Ägypten-Reportage aus seinem Blog La regle du jeu (hier das Original). Er sondiert die politischen Kräfteverhältnisse und die Frage, ob sich Islamisten oder das Militär den Aufstand unter den Nagel reißen können und welche Rolle der Antisemitismus noch spielt. Am Ende zieht er einen vorsichtig optimistischen Schluss: "Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Aktivisten vom Tahrir-Platz sich ihre Begeisterung für liberal-libertäre Werte, ihre Leidenschaft für das Recht und die freie Rede, sowie ihr Gefühl, jenen Funken entfacht zu haben, der auch das Narrenregime von Tripolis in die Luft jagen wird, von den Anhängern der Scharia nehmen lassen werden. Doch die Wahrheit lautet: Ägypten befindet sich in einem Wettlauf gegen die Zeit."

Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek resümiert die Oscar-Verleihung. Peter Beddies unterhält sich mit dem Regisseur Tom Hooper, der ein paar "Fucks" und "Fuckings" aus "The King's Speech" schneiden muss, um ihn in den USA laufen lassen zu können. Stefan Kirschner porträtiert die Kulturpolitikerin Barbara Kisseler, die von Berlin nach Hamburg geht.

Besprochen werden Ravel- und Zemlinsky-Einakter unter Kent Nagano in München und György Dalos' Gorbatschow-Biografie (mehr hier).

Aus den Blogs, 01.03.2011

In feierlichen Worten verabschiedet sich Andrew Sullivan, einer der berühmtesten Blogger der USA von The Atlantic. Er zieht mit seinem Blog zum Daily Beast, einem anderen Alphablog (hier Tina Browns Willkommensgruß an Sullivan), das wiederum eine Allianz mit Newsweek eingegangen ist: "We remain committed to the same principles from the very beginning: in no-one's ideological grip, in search of the truth through data and open, honest debate, in love with the new media's variety and immediacy, committed to accountability and empiricism and resistant to any single category of subject or form"

Die iranischen Oppsitionsführer Mir Mussawi und Mehdi Karubi scheinen ins Gefängnis gesteckt worden zu sein - zusammen mit Familienangehörigen, berichtet Armin Arefi in La regle du jeu. Beide hatten für den 20. Februar zu Demonstrationen aufgerufen, an denen Zehntausende teilnahmen. "Dieser neue Protesttag hat die Behörden veranlasst, die beiden völlig von ihrer Umwelt zu isolieren, indem sie ihre Wohnungen stürmten und alle Menschen ihrer Umgebung, besonders aber die Bodyguards entfernten."

Ganz und gar nicht ist Robin Meyer-Lucht in Carta vom Spiegel-Titel überzeugt, der der Bild-Zeitung Rechtspopulismus vorwirft: "Der Artikel besteht leider aus einer enttäuschenden Spiegel-Melange aus Geschichtchen, Befindlichkeiten, Analyse-Fragmenten und irgendwelchem Füllstoff: Wie genau passt die zu Guttenberg-Protektion durch Bild mit dem Rechtspopulismus-Vorwurf zusammen? Wie genau lief die diskursive Inszenierung der zu Guttenberg-Verteidigung in Bild? Wie lautet die rechtspopulistische Agenda von Bild? Wie hat sich die Medienlandschaft um Bild verändert, so dass Bild derart hervorsticht?"
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FR, 01.03.2011

Daniel Kothenschulte resümiert im Aufmacher eine schwache Oscar-Show. Joachim Lange sah die ersten Opernaufführungen beim Kurt-Weill-Fest in Dessau. Matthias Becker berichtet von vier Buchhandlungen in Berlin, denen der Prozess gemacht wird, weil sie das Autonomenblatt Interim verkauften, in der es Tipps zum Abfackeln von Geldautomaten und ähnliche Scherze gab. "Religiöse Gefühle" der Deutschen Bischofskonferenz werden "verletzt" durch eine Satiresendung des ZDF, die den Papst als Topmanager zeigt, meldet mi. Inge Günther singt ein Loblied auf den arabischen Nachrichtenkanal Al Dschasira.

Besprochen werden die Ausstellung "Die Kultur der Kulturrevolution" im Museum für Völkerkunde Wien, Ragna Kircks Inszenierung von Anne Rabes "Ohne Netz" in Gießen und Silke Scheuermanns Kunstszene-Roman "Shanghai Performance".

Spiegel Online, 01.03.2011

Der Atheist und Darwinist Richard Dawkins erklärt Markus Becker und Frank Patalong im Interview, dass er eine "fast romantische Sicht der Schöpfung als etwas Schönes und Erklärbares" verbreiten will, "als etwas, das schön ist, weil es erklärbar ist".
Stichwörter: Richard Dawkins

TAZ, 01.03.2011

Auf einer Tagesthemenseite berichtet Renate Fisseler vom Kampf der Frauen in Tunesien: "Sichtbar mischen sich Feministinnen ins revolutionäre Geschehen ein, bei Diskussionen über Islam und Laizität, über Verfassung und Politik, sie schreiben Manifeste, die junge Generation ist im Netz unterwegs, informiert, diskutiert, verbreitet Petitionen."

Im Kulturteil weiß Bert Rebhandl auch nicht so recht, was er von der langweiligen Oscar-Verleihung berichten soll. In seiner Kolumne sieht Micha Brumlik in Karl Theodor zu Guttenberg und Thilo Sarrazin (einschließlich seines von Hartz IV lebenden Sohns) die zwei Seiten des "Traums vom anstrengungslosen Glück".

Besprochen werden eine Ausstellung des kanadischen Fotografen Edward Burtynsky im Sinclair-Haus in Bad Homburg, das Album "Drei" der Augsburger Band Anajo und die Guttenberg-Biografie der beiden FAZ-Redakteure Eckart Lohse und Markus Wehner, die allerdings noch von der Echtheit der Guttenberg'schen Leistungen ausgehen.

Und Tom.

SZ, 01.03.2011

Lothar Müller hat einen Aufsatz von Judith Butler in der London Review of Books gelesen. Sie protestiert darin aus Anlass des Streits um Max Brods Kafka-Nachlass gegen die Aneignung Franz Kafkas durch einen israelischen Kulturzionismus, der sich als Vertreter des Jüdischen auf Erden begreife. Das ist aber nur das eine: Denn der Verdacht, so Müller, "richtet sich auch gegen das Kafka-Bild der Deutschen. Mit ihren überfeinen Ohren hört Judith Butler schon aus der Bereitschaft des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, den Nachlass Max Brods anzukaufen, eine politische Instrumentalisierung des Kerns der Autorschaft Franz Kafkas heraus." Das wiederum will Müller freilich anders sehen, der Marbach für einen guten Kafka-Studienort hält.

Auf einer ganzen Seite geht es um den "Aufstand der Wissenschaften" gegen den Copy-&-Paste-Doktor KT zu Guttenberg. Rudolf Neumaier informiert über den Stand der Dinge, und AkademikerInnen von Gewicht erklären, was in der Angelegenheit Sache ist, und warum die Wissenschaft am Ende durchaus gestärkt aus der Affäre hervorgehen könnte. Gegen Angela Merkel gerichtet, stellt etwa Frank Schneider, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Universitätsklinikum Aachen, fest: "Die Differenzierung 'Politiker versus wissenschaftlicher Mitarbeiter', hier erfolgreich, dort betrügend, ist mir als Psychiater und Psychologe zutiefst wesensfremd. Die Einheit der Persönlichkeit ist eine der wichtigen Grundlagen meines Faches." 

Weitere Artikel: Über eine altbackene Oscar-Verleihung, bei der dann auch noch der unfrische Film "The King's Speech" groß rauskam, berichtet Susan Vahabzadeh. Reinhard J. Brembeck verweist auf einen Artikel der Londoner Kritikerin Fiona Maddocks, die die Berliner Philharmoniker nach vier Auftritten in London als "the world's best orchestra" gefeiert hat. Über die Kölner Theaterintendantenstreitereien berichtet Martin Krumbholz. Gottfried Knapp denkt über die um sich greifende verzierungsfreudige "jungreiche Küche" nach. Fritz Göttler schreibt den Nachruf auf die Schauspielerin Annie Girardot.

Besprochen werden Susanne Kennedys Theaterfassung von Horace McCoys Tanzmarathon-Roman "They shoot horses, don't they?" an den Münchner Kammerspielen, zwei von Kent Nagano dirigierte Kurzopern von Ravel und Zemlinsky an der Bayerischen Staatsoper, die Max-Frisch-Ausstellung zu seinem ersten Tagebuch im Literaturarchiv Marbach und Angelika Neuwirths Studie "Der Koran als Text der Spätantike" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 01.03.2011

Nachgerade für "Hohn" hält Karen Krüger die von Tayyip Erdogan bei seinem Auftritt in Deutschland ausgesprochene Verurteilung der "Islamophobie" hierzulande. Und seine Warnung vor "Assimilation" sei ja wohl ein schlechter Witz angesichts der Verweigerung von Minderheitenrechten in der Türkei. Sie nennt nicht zuletzt die Glaubensgemeinde der Aleviten: "Aus Protest war kein Vertreter der alevitischen Gemeinde Deutschland in Düsseldorf anwesend. Stattdessen schrieb sie Erdogan einen offenen Brief: 'Sie, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lassen keine Gelegenheit aus, Ihre Landsleute vor einer Assimilation und Vereinnahmung durch den Staat, in dem sie leben, zu warnen. Doch Ihre eigene Politik verharrt mit zunehmender Tendenz in ihrer menschenrechtsverletzenden Haltung gegenüber ethnischen und religiösen Minderheiten', heißt es darin."

Weitere Artikel: Mark Siemons sieht die Empfindlichkeit, mit der die chinesischen Staatsautoritäten derzeit auf ausländische Korrespondenten reagieren, als Anzeichen für eine große Angst vor den Medien als wichtigen Akteuren im Protestzusammenhang. Ganz und gar kein Verständnis zeigt Christian Geyer für die "Politbüro-Funktionärs"-Reaktionen von CSU-Größen auf die Kritik an Karl Theodor zu Guttenberg. In einem hochdiplomatischen Text plädiert Hermann Parzinger, Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, dafür, am deutsch-türkischen Streit um die Sphinx von Hattuscha ein Exempel der Einvernehmlichkeit zu statuieren. Peter Hohenberg, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, zeigt sich im Gespräch sehr offen für eine weite Akzeptanz der "Komplementärmedizin" in der Krebsbehandlung. Von einem "Komik Kolloquium" in Kassel berichtet Oliver Jungen. Was vorletzte Nacht bei Oscar's geschah, fasst Verena Lueken zusammen. Andreas Platthaus stellt Reinhard Kleists "Der Boxer" als neuen FAZ-Fortsetzungscomic vor. Andreas Kilb schreibt zum Tod der Schauspielerin Annie Girardot.

Besprochen werden ein Doppelabend mit Musik von Ravel und Zemlinsky an der Bayerischen Staatsoper, ein Konzert von The National in Berlin, und Bücher, darunter Jürg Amanns Novelle "Die Reise zum Horizont" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).