Heute in den Feuilletons

Wir befinden uns in einer Explosion, ihr Ficker

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.03.2011. Einen Einbruch der Wirklichkeit in Fiktion erlebt die FR mit dem Dramatiker Wolfram Lotz. In der Welt schreibt Necla Kelek dem türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan eine Rede. In der NZZ schildert Fakhri Saleh die Vertreibung der Intellektuellen aus Libyen. Die taz hält den Doktortitel für überschätzt: Doktoranden sind gemeinhin rechthaberisch und kleinlich. Die Universität Bayreuth hat keinen Fehler gemacht, behauptet in der SZ der Bayreuther Juraprofessor Diethelm Klippel. Das summa cum laude erwähnt er nicht.

FR, 02.03.2011

Dirk Pilz porträtiert den jungen Dramatiker Wolfram Lotz, dessen Stück "Einige Nachrichten an das All" jetzt in Weimar uraufgeführt wird: "Wer das Motto kennt, weiß schon viel von diesem komplizierten, nicht auf Handlung angelegten Stück: 'Wir befinden uns in einer Explosion, ihr Ficker.' Am Kraftwort muss man sich nicht stören, entscheidend ist das Präsens: Lotz schreibt Sätze, Szenen und Verse, die aus dem Inneren einer Explosion kommen, einer Explosion der Wirklichkeit in Fiktion."

Weitere Artikel: Christian Schlüter gratuliert der Wissenschaft, der es gelang, die deutsche Politik von der "totalitären Versuchung" zu heilen, welche sonst in Form des Berlusconismus-Guttenbergismus gedroht hätte. Hans-Martin Lohmann kritisiert in einem zweiten Artikel, dass Guttenberg in seiner gestrigen Rede "den wahren Grund für seinen Amtsverzicht nicht in eigenem Fehlverhalten und schlechtem Krisenmanagement sucht, sondern in anderen Umständen" suchte. Michael Kohler schreibt zum Tod von Annie Girardot.

Besprochen werden eine Nancy-Holt-Ausstellung in Karlsruhe, Wagners "Parsifal" in der Regie von Claus Guth in Barcelona und die Dramatisierung des Romans "They Shoot Horses, Don't They?" durch Susanne Kennedy in München.

Auf der Medienseite erklärt Markus Beckedahl von netzpolitik.org, welche Rolle das Netz, wo die Plagiate schließlich kollektiv und anonym recherchiert wurden, im Casus Guttenberg spielte. Das Interview steht nicht online, aber verweisen wir auf Beckedahls Artikel in netzpolitik, in dem er seine Freude über die Facebook-Seite "Wir wollen Guttenberg zurück" bekennt.

Welt, 02.03.2011

Necla Kelek entwirft für die Meinungsseite die Rede, die Tayyip Erdogan eigentlich hätte halten sollen - er würde sich darin nicht als der "große Bruder" der Türken aufführen und wäre aufgeklärt religiös: "Wir müssen unsere Religion so leben, dass sie für die Menschen da ist und Trost spendet. Dabei müssen wir auch überprüfen, ob im Namen der Religion überholte Traditionen und Gebräuche legitimiert werden. Denn Religion ist ein Teil unserer Freiheit und die Sache jedes Einzelnen."

Im Feuilleton bespricht Hans-Joachim Müller eine große Thomas-Struth-Ausstellung in der Kunstsammlung NRW. Mara Delius kommentiert Guttenbergs Abgang. Die ehemalige Kulturministerin Christina Weiss unterhält sich mit der Fotografin und Verlegerin Inge Feltrinelli. Peter Praschl schreibt den Nachruf auf Jane Russell.

Besprochen werden Bellinis "Norma" in der Regie von Robert Wilson in Zürich und eine amerikanische Habermas-Biografie.

NZZ, 02.03.2011

Fakhri Saleh, Kulturredakteur der jordanischen Tageszeitung Al-Dustour, beschreibt, wie Gaddafi das geistige und kulturelle Leben in Libyen zerstörte: "Ghadhafi hat in Libyen nicht nur jede zivilgesellschaftliche Entwicklung blockiert, sondern er hat auch die herausragenden Intellektuellen, Künstler, Wissenschafter und Politiker aus dem Land getrieben. Diejenigen, die blieben, wurden zu Claqueuren in der Komödiantentruppe des Landesherrn. Um den zum Gott erhobenen 'Bruder Führer' hochzujubeln, analysierte man in Gesprächsrunden und Podiumsdiskussionen seine Philosophie, die geistigen Errungenschaften des 'Grünen Buches' und Ghadhafis so zahl- wie endlose Reden, die das Volk mit bewundernswerter Geduld über sich ergehen ließ."

Weiteres: "Solide, nützlich und schön" findet Roman Hollenstein den Neubau eines Tessiner Ausbildungszentrum der Architekten Pia Durisch und Aldo Nolli. Besprochen werden eine Inszenierung von Massenets "Herodiade" an der Flämischen Oper in Antwerpen, Michael Howards Studie "Der Krieg in der europäischen Geschichte" und Kinderbücher (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)..
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Stichwörter: Antwerpen, Libyen, Oper, Tessin

TAZ, 02.03.2011

Auf der Meinungsseite fragt sich Dr. Kerstin Decker, ob echte Bildung nicht vielleicht mit akademischer Abstinenz zunimmt (Thomas Mann hatte nicht mal Abitur!) und hält zum Typus des Doktoranden fest: "Die Haupttätigkeit eines Doktoranden ist das Widerlegen. Doktoranden sind gemeinhin rechthaberisch und kleinlich. Sie erklären alle Tatbestände der Welt von ihrer Fragestellung aus und finden kein Thema weit und breit, das nicht von dem ihren her erschöpfend zu behandeln wäre."

Im Kulturteil verabschiedet Bert Rebhandl Jane Russell, Barbara Schweizerhof schreibt den Nachruf auf Annie Girardot. Besprochen werden ein Theaterabend der Regisseure Simon Solberg und Armin Petras in Dresden sowie der Tourstart von Kylie Minogue in Hamburg.

Und Tom.

Aus den Blogs, 02.03.2011

(via Gawker) Unbekannte haben in Pakistan den Minister für religiöse Minderheiten, Schahbaz Bhatti, ermordet. Shahbaz, Katholik und der einzige Christ im Kabinett, hatte sich für eine Änderung der strengen Blasphemiegesetze eingesetzt. Vor Wochen hatte die Allianz der pakistanischen Minderheiten APMA gewarnt, Bhatti sei "in Lebensgefahr", weil er auf politischer Ebene "völlig alleingelassen" werde und völlig unzureichend geschützt sei. Im Januar war der Gouverneur der Provinz Punjab, Salman Taseer, ermordet worden, der ebenfalls ein Gegner des Blasphemiegesetzes war.

(via Gawker) Während Muammar al-Gaddafi die libysche Bevölkerung bombardierte, nahm Hugo Chavez seinen Amtskollegen bei einer Rede vor Studenten in Caracas in Schutz, meldet AFP (hier) und AP (hier). "'Since everybody is going around saying Kadhafi is a murderer, is Chavez going to say it?' the president said in a meeting with students in the capital. 'Well, I do not know that to be the case. And from this distance, I am not going to condemn him. That would make me a coward, and he has been a friend for a long time.' ... 'The United States has said it is ready to invade Libya,' Chavez said. 'And almost all the European countries have condemned Libya. What do they want? Libya's oil,' Chavez insisted."

Das Nieman Jornalism Lab bringt ein Gespräch zwischen den Journalisten Gerald Marzorati und Mark Danner über etwas in Deutschland selten Praktiziertes, den "long form journalism", also sehr lange Artikel. Marzorati sieht ihn in der Krise, aber wegen der Finanzierung, nicht wegen der angeblich kürzeren Konzentrationsspannen im Internet: "We have metrics at The New York Times that show that people absolutely click the 23 clicks through to the end of the story. When I was at the magazine, the longest pieces in the magazine were the best-read, the most-read, the most-emailed. The pieces also tended to be, at the end of the year, the pieces that got the most pageviews of anything the Times ran..."

Facebook frisst sich immer tiefer hinein ins Netz, zum Beispiel durch eine neue Kommentarfunktion, die Jason Kincaid in Techcrunch so erklärt: "Let's say I leave a comment on TechCrunch and opt to have that comment shared to Facebook, too. Then, if one of my Facebook friends comes along and leaves a comment on Facebook about my comment, their comment will be posted back to TechCrunch. In other words, any discussion that my comment sparks between my Facebook friends will be seen on TechCrunch as well. That's very powerful, and it's something that nobody else can do."

Außerdem meldet Gawker, dass Dior seinen Chefdesigner John Galliano nach dessen antisemitischem Ausfall endgültig gefeuert hat. Galliano ist inzwischen laut einem Bericht von Suzy Menkes in der NYT in einer Entzugsklinik. Er will die Kündigung anfechten. Mehr über die Reaktionen in der Modewelt bei Jezebel.

FAZ, 02.03.2011

Patrick Bahners liefert einige vor allem historische Fußnoten zum vorläufigen Karriereende des "Tunichtguts" KT zu Guttenberg. In der Glosse geht Dirk Schümer Fragen politischer Bildung in Österreich nach. Auf die extreme Gefährdung der Kunst- und Kulturschätze in Libyen macht Joachim Willeitner aufmerksam. Regina Mönch porträtiert die designierte neue Hamburger Kultursenatorin Barbara Kisseler. Verena Lueken schreibt zum Tod der Schauspielerin Jane Russell. Die DVD-Seite ist mit dem Verweis auf bereits erhältliche Editionen ausgezeichneter Filme und Tom Hoopers ("The King's Speech") vorletzten Film "The Damned United" (nach David Peace) recht oscarlastig. Felicitas von Lovenberg schwärmt aber auch für die BBC-Historienserie "Downtown Abbey" und Andreas Platthaus findet Raul Ruiz' Proust-Verfilmung "Die wiedergefundene Zeit" gleichfalls gelungen.

Besprochen werden Jan Philipp Glogers Inszenierung von Albert Camus' "Das Missverständnis" am Cuvilliers-Theater in München, Kevin Macdonalds Sandalenfilm "Der Adler der Neunten Legion" und Bücher darunter Ivan Nagels "Schriften zum Drama" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 02.03.2011

Der Bayreuther Juraprofessor Diethelm Klippel lehnt eine Verantwortung der Uni Bayreuth für Karl-Theodor zu Guttenbergs Doktor rundweg ab: "Es kann nicht genug betont werden: Der Doktorand zu Guttenberg hat ein Vertrauensverhältnis ausgenutzt. Das hat zur Aberkennung des Doktorgrades geführt - nicht ein Fehlverhalten der Gutachter, der Fakultät, der Universität oder unseres Wissenschaftssystems."

Dieses schöne Werbevideo mit dem summa cum laude durchgewinkten und von dem Lehrinstitut sehr begeisterten Karl-Theodor zu Guttenberg wird die Uni Bayreuth nun auch überarbeiten müssen:



Johan Schloemann verteidigt schon mal vorsorglich die akademische Welt gegen den Vorwurf, sie habe "den Kopf eines Ministers" erbeutet und "die Spaltung zwischen akademischen Eliten und populistischen Stimmungen" vertieft. Abgedruckt ist die vom Bonner Mathematik-Professor initiierte und von mehr als 3000 Wissenschaftlern unterschriebene "Erklärung zu den Standards akademischer Prüfungen", in der die Universität Bayreuth kritisiert wird, weil sie eine vorsätzliche Täuschung Guttenbergs noch nicht geprüft hat: "Wir sind überrascht, dass die Klärung der Täuschungsfrage im vorliegenden Fall nicht innerhalb weniger Tage erfolgen kann."

Weitere Artikel: Alexander Menden hörte in London einen Vortrag von Wolfgang Tillmans über dessen Fotokunst. Laura Weißmüller begutachtet Zaha Hadids erstes Gebäude in China, eine Oper in Guangzhou, "die es so wahrscheinlich nur in China geben kann. Der Größenvergleich lässt Hadids Entwurf für das Operngebäude und das daneben gesetzte Veranstaltungshaus tatsächlich zu zwei kleinen Steinchen schrumpfen". Willi Winkler schreibt zum Achtzigsten von Tom Wolfe. Fritz Göttler schreibt den Nachruf auf Jane Russell ("warum sollen Christen keinen Busen haben, fragte die wiedergeborene Christin, engagierte sich für Waisenkinder, sang, weil's Spaß machte, in kleinen Bands").

Besprochen werden Robert Wilsons Inszenierung von Bellinis "Norma" an der Zürcher Oper, Katie Mitchells Inszenierung von Virginia Woolfs "Die Wellen" am Schauspiel Köln, ein Liederabend mit Christine Schäfer (Bach, Wolf, Mahler und Webern) in München und Alon Hilus Roman "Das Haus der Rajanis" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).