Heute in den Feuilletons

Das Spanien des ewigen Zorns

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.10.2010. Die NZZ stellt fest: Die Romandie gehört ganz eindeutig zum Stammgebiet der französischen Sprache. Die FR setzt ihre erschöpfende Berichterstattung vom Soziologentag fort. Die FAZ erinnert an die Palastrevolte "dritter Personen" bei Suhrkamp im wilden Jahr 1968. Für die SZ erkundet Georg Klein das Arno-Schmidtsche Wortgelände und erschauert vor dem  Oben-Ohne-Bikini.

NZZ, 16.10.2010

In Montreux wird Ende des Monats der "Sommet de la francophonie" stattfinden, Christophe Büchi erklärt, dass die Schweiz allen Frustrationen der Romands zum Trotz ein Land der Frankofonie ist und bleibt. "Die Eidgenossenschaft gehört jedenfalls zu den wenigen Ländern, die am Stammgebiet der französischen Sprache Anteil haben. Allerdings muss gleich präzisiert werden, dass in der heutigen Romandie ursprünglich - das heißt: zu Beginn des Mittelalters - nicht Französisch, sondern eine Vielzahl von galloromanischen Dialekten gesprochen wurden, die mit dem Französischen der Franken nur entfernt verwandt waren."

Weiteres: Markus Bauer berichtet, wie Herta Müller gerade die rumänischen Literaten mit Äußerungen gegen sich aufbringt, das Land habe unter Ceausescu keine intellektuelle Opposition aufgebracht. Besprochen werden eine Ausstellung des Architekten Frank O. Gehry im Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein, die "Maldoror" als Oper am Theater Basel.

In Literatur und Kunst porträtiert Peter Hamm den spanischen Dichter Antonio Machado, dessen Werkausgabe im Ammann Verlag nun abgeschlossen ist: "Wer Antonio Machado nicht kennt, kennt Spanien nicht. Nicht das Spanien der ewigen Einsamkeit und Stille und nicht das Spanien des ewigen Zorns, das Kainsland." Kersten Knipp stellt Machados Schriften aus dem Bürgerkrieg "La Guerra" vor.

Außerdem: Ludger Lütkehaus blickt zurück auf die Geschichte der Thermodynamik, der wir die Aussicht auf immer größere Unordnung und den kosmischen Kältetod verdanken. Der Sinologe Henrik Jäger spürt den chinesischen Einflüssen auf die europäische Aufklärung nach. Christoph Lüthy stöbert in den Archiven des Vatikans.

Welt, 16.10.2010

Richard Wagner kommt in einem Essay auf die Spitzel-Enthüllungen über Oskar Pastior zurück. Pastior sei ein unpolitischer Dichter gewesen, schreibt Wagner, und über das Ausmaß seiner Spitzelberichte lässt sich nichts Abschließendes sagen: "Bleibt, als Problem, das Schweigen. Die Geschichte kann man nicht ändern, die eigene Option darin auch nicht, nur Sprechen und Schweigen liegen im eigenen Ermessen. Warum hat er nie etwas gesagt? Weder zu Ernest Wichner, immerhin der Herausgeber seiner Werke, noch zu Herta Müller. Im Kreis der rumäniendeutschen Autoren wurde schließlich nicht selten über die Securitate gesprochen..."

Weitere Artikel in der Literaturbeilage: Jacques Schuster trifft die Brecht-Erbin Barbara Schall. Cora Stephan bespricht die Memoiren von Clara Malraux. Vorabgedruckt wird ein Auszug aus Paul Lendvais Buch "Mein verspieltes Land - Ungarn im Umbruch".

Im Feuilleton unterhält sich Manuel Brug mit Franz Welser-Möst und Dominique Meyer, dem Führungstandem der Wiener Staatsoper. Und Werner Hoffmann, einst Chef der Hamburger Kunsthalle, bescheinigt der aktuellen Kulturpolitik der Stadt zugleich Größenwahn und Dilettantismus.

Auf der Forumsseite fragt Hellmuth Karasek, warum sich das deutsche Bürgertum allüberall gegen Modernisierungsprojekte wehrt. Und auf der Magazinseite porträtiert Sonja Vukovic fünf Frauen, die trotz muslimischem Kopftuch in Deutschland Karriere gemacht haben (hier, hier, hier, hier und hier).

FR, 16.10.2010

Auf dem Frankfurter Soziologentag muss Christian Schlüter feststellen, dass sich die einstige linke Leitwissenschaft Soziologie inzwischen in eine völlig unübersichtliche Vielfalt der "Religions-, Wissens-, Rechts-, Arbeits-, Familien-, Marken-, Elite-, Musik-, Raum- und Zeit- und haste-nicht-gesehen-Soziologie" aufgesplittert hat. Faszinierende Vorträge gab es dabei aber schon: "Mit seiner 'Soziologie der Zahlen' spürte Herbert Kalthoff (Mainz) dem 'Sinn des ökonomischen Rechnens' nach, so wie er sich in Befragungen von Finanzmathematikern und Fondsmanagern ermitteln ließ. Ja, in welchem Zimmer arbeitet eigentlich der Cashflow einer Bank? Warum vertrauen wir dem, was nur als Zahl existiert? Und was, wenn der Sinn des unternehmerischen Rechnens das Nicht-Rechnen wäre? Kalthoffs Vortrag war eine Einführung in die paradoxen Denk-, Zahlen- und Wertesysteme neoliberaler Akteursherrlichkeit."

Weitere Artikel: Georg Imdahl ist in London unterwegs, das während der "Frieze Art Fair" (Website) ganz im Zeichen der Kunst steht. In einer Times Mager begeht Judith von Sternburg den heute USA-weit ausgerufenen "Tag des Chefs" ("Boss's Day").Mit redaktionsgemeinschaftlicher Verspätung wird Arno Widmanns in der Berliner Zeitung vor drei Tagen schon veröffentlichtes Interview mit Fritz J. Raddatz nun auch in der FR abgedruckt.

Besprochen werden ein Tanzabend des Balletts am Rhein mit Schubert, Balanchine und Mats Ek, eine DVD, die Paavo Järvis "Beethoven-Projekt" dokumentiert und Lucy Frickes Roman "Ich habe Freunde mitgebracht" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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TAZ, 16.10.2010

Julia Macher porträtiert den spanischen Filmproduzenten Luis Minarro, der nichts so wenig mag wie den Kompromiss. Was ihm nicht nur Freunde eingebracht hat: "'Ich kann mir keine schlimmere Folter vorstellen, als gefesselt mit offenen Augen die gesammelte Filmografie dieses Produzenten ansehen zu müssen', schrieb [der Filmkritiker Carlos] Boyero in der Tageszeitung El Pais. 'Das Einzige, was mich an ihm fasziniert, ist seine Fähigkeit, im Namen der betrogenen Kultur ewig Fördermittel zu bekommen.' Polarisieren gehört für Minarro zum Konzept. Aut ama aut mite, liebe es oder lass es bleiben, steht auf seiner Visitenkarte."

Weitere Artikel: York Schaefer diagnostiziert zum einen die Wiederkehr des - allerdings meist aus Soundbibliotheken geholten - Händeklatschens in der Popmusik und bietet zum anderen eine kurze Phänomenologie an sehr unterschiedlichen Beispielen aus der Klatschgeschichte. In der "Leuchten der Menschheit"-Kolumne sieht Tania Martini George Perecs "Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen" als Vorbild für das Interesse am in der Regel übertönten Alltäglichen.

Besprochen werden die Ausstellung "Hitler und die Deutschen" im Deutschen Historischen Museum Berlin und Bücher, darunter die überarbeitete Übersetzung von William Gaddis' Wirtschaftsroman-Klassiker "JR" und die Wiederauflage von Ante Ciligas Stalinismus-Erfahrungsbericht aus dem Jahr 1938 "Im Land der verwirrenden Lüge" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

Tagesspiegel, 16.10.2010

Ein großartiges Konzert hat Ulrich Amling in Berlin gehört, Andris Nelsons gab sein Debüt bei den Philharmonikern: "So blühend hat Bergs Violinkonzert selten geklungen, so leuchtend und dabei stets auch grundiert mit Bässen, die voller Leben stecken. Ein Requiem, das die Schönheit des Daseins feiert und den feinherben Geigenton Baiba Skrides zärtlich umfängt...Dann dieser gewaltige Schostakowitsch. Nelsons nimmt sich die Freiheit, die Achte nicht von vornherein als auskomponierte Kriegsgreuel zu interpretieren, sondern in erster Linie als Musik. Kalte Gestirne ziehen auf über den Menschen und kopflose Treibjagden beginnen unter bitterem Lachen. Doch selbst im erbarmungslosen Fortissimo bricht die Klanglichkeit dieser Musik nicht. Schönheit, das zeigt Nelsons bewegend, kann etwas ungemein Unbeugsames haben."

FAZ, 16.10.2010

1968 zettelten einige Lektoren des Suhrkamp Verlags eine Palastrevolte gegen den Verleger Siegfried Unseld an. Sandra Kegel liest in Bilder und Zeiten eine neu erschienene Chronik des Aufstands, in der sich herausstellt, dass Unseld im Konflikt fleißig Notizen machte. Besiegt hat er die Lektoren letztlich, indem er die Unterstützung der Autoren suchte: "Genüsslich zitiert Unseld die Reaktionen seiner Großen im Portfolio. Da kann es Adorno kaum glauben, dass 'die Kinder', wie er die um die dreißig Jahre alten Lektoren nennt, jegliches Maß verloren hätten. Die Lektoratsversammlung hält der Philosoph für einen 'Rückfall in den primitivsten Sozialismus'. Anders als Autoren und Verleger seien nämlich Lektoren im Marxschen Sinne 'dritte Personen'. Unseld versteht nicht, und Adorno erklärt noch einmal: Sie sind Parasiten 'wie Zuhälter und Dirnen'."

Weitere Artikel in der Samstagsbeilage: Zu lesen sind Auszüge aus einem langen Radiogespräch von 1972, in dem sich Carl Schmitt über sein Verhältnis zu den Nazis äußert. Auf der letzten Seite unterhält sich Alexandra Kemmerer mit der einstigen Haager Chefanklägerin Carla Del Ponte.

Im Aufmacher des Feuilletons fürchtet Dieter Bartetzko um die Solidität des Stuttgarter Baugrunds, der sich für die Tunnelröhren des S21-Projektes mit "Salzschwellungen" rächen und ganze Gebäude in den Abgrund reißen könnte. Jürg Altwegg glossiert den Fall eines muslimischen Paschas, dessen Vielehe ganz Frankreich umtreibt. Jürgen Dollase inspizierte für seine Gastrokolumne das Salzburger Restaurant "Ikarus", das von avantgardistischen Gastköchen bespielt wurde, und erlebte das "ziemlich realistische Gefühl eines Bisses in das Gartenbeet" (wenn auch nicht ins Gras!). Manfred Lindinger berichtet, dass Mona Lisa geröntgt wurde und Aufschlüsse über die Techniken Leonardos gab. Niklas Maak meldet, dass die einstige Getty-Kuratorin Marion True freigesprochen wurde, obwohl sie nachgewiesenermaßen geraubte Kunst gekauft hatte - die Delikte sind verjährt. Richard Wagner berichtet von der ersten Reise Herta Müllers nach Rumänien nach ihrem Nobelpreis. Ralf Forsbach verfolgte eine anthropologische Tagung über "Gewalterfahrung und Prophetie" (Programm) in Duisburg. Auf der letzten Seite erinnert Alard von Kittlitz an Jörg Haider, der vor zwei Jahren im Suff in den Tod raste.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Ad Reinhardts letzten, ganz im Schwarzen verschwindenden Bildern in Bottrop, eine Ausstellung mit Bildern der zerstörten Stadt Karlsruhe nach dem Zweiten Weltkrieg (mehr hier), Dirk Lauckes Stück "Bakunin auf dem Rücksitz" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters, neue CDs, darunter eine Einspielung mit den Streichquartetten Georg Katzers und eine CD der Rockband Kings of Leon, sowie Bücher, darunter Haruki Murakamis neuer Roman "IQ84" und Wolfgang Herrndorfs Roman "Tschick" (mehr hier).

Für die Frankfurter Anthologie liest Peter von Matt "eines der herrlichsten Gedichte in deutscher Sprache", Heinrich von Moorungens "Owe, sol aber mir iemer me:

Owe, sol aber mir iemer me
geliuhten dur die naht
moch wizer danne ein sne
ir lip vil wol geslaht? (...)"

(Hier das ganze Gedicht mit Übersetzung)

SZ, 16.10.2010

Der Schriftsteller Georg Klein begibt sich erst mit Arno Schmidt und dann in der eigenen Erinnerung ins Wortgelände und stößt dort auf Schauerfelder, Sexbomben und andere halb vergessene Wortdinge: "Zum atemstockenden Staunen aller Anwesenden, vor Alt und Jung, vor den damals noch getrennt sitzenden Geschlechtern, vor Frau und Mann, vor Bub und Mädchen hob unser Stadtpfarrer im Jahr des Herren 1963 an, mit wuchtigem Pathos gegen den Oben-Ohne-Bikini zu predigen. Das Wort 'Oben-Ohne-Bikini', das sich in seinen drei Bestandteilen selbst widerspricht - denn ein Bikini ohne Oberteil kann eigentlich kein Bikini sein! -, ist längst im Strom der Zeit versunken. Aber damals schwamm es auf brisant hoher Welle, in der Schaumkrone medialer Aktualität."

Weitere Artikel: Tobias Kniebe fragt sich, ob das, was man im in der kommenden Woche anlaufenden Banksy-Film "Exit Through the Gift Shop" sieht, für bare Münze zu nehmen ist - und glaubt nach längerem Nachdenken: ja. Im konspirativen Kurzinterview erläutert Banksy seine Kunstauffassung: "Ich gehe einfach zur Arbeit und nehme meinen Job, nicht erwachsen zu sein, sehr ernst." In einem Abgesang auf die alte Undergroundstadt Austin, Texas, beweist Pat Blashill, dass auch einstige Punks zu nostalgischen Kulturkritikern werden können. Roman Deininger informiert über die Empfehlung des Bayerischen Rechnungshofs Richtung Bayreuth, in Zukunft mehr Karten in den Freiverkauf zu geben. Im Aufmacher ruft Alex Rühle angesichts der überwältigenden Vielzahl von Ratgebern und Tipps für Eltern um "Hilfe!". Anlässlich der Filme "The Social Network" und "Scott Pilgrim" diagnostiziert Doris Kuhn Aufwind für Loser und Nerds. In Paris hat Rebecca Casati die Schauspielerin/das Model Laetitia Casta getroffen. Auf der Literaturseite fantasiert Jochen Jung unter dem Titel "Der Friedhof der Erzengel" über das Sterben des Fidel Castro. Marie Pohl unterhält sich mit dem Kunst-Restaurator Christian Scheidemann über "Material".

Besprochen werden ein Konzert mit Mahler und Berio der von Riccardo Chailly dirigierten br-Symphoniker, die Ausstellung "Venedig. Canaletto und seine Rivalen" in der Londoner National GalleryJoanna Michnas Einspielung von Chopins Werken für Klavier und Orchester in Chopins eigener Fassung für Soloklavier, das neue Kings-of-Leon-Album "Come Around Sundown", Philipp Stölzls Ausrufezeichen-Version von "Goethe!" (Gustav Seibt beklagt die "Verspießerung des Stoffs in der Ökonomie der Gefühle") und kurz, aber enthusiastisch das Büchlein "Twitter - das Leben in 140 Zeichen".