Heute in den Feuilletons

Nicht allesamt blond und christlich

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.10.2010. Slate porträtiert den Risikokapitalisten Peter Thiel, der früh in Facebook investierte und nun die besten Geschäftsideen von Teenagern mit 100.000 Dollar belohnen will - auch wenn sie ihr Studium abbrechen müssen. In der Welt beklagt der Medientheoretiker Peter Weibel, dass heute niemand mehr an Bildung als  Aufstiegsmedium glaubt. Die FAZ am Sonntag hat die gleiche Datenschutzlücke bei Facebook entdeckt wie neulich Techcrunch. Auch evangelikale Eltern verprügeln häufig ihre Kinder, berichtet die SZ. Aber wieso "auch"?

Welt, 18.10.2010

Auf der Forumsseite beklagt der Medientheoretiker Peter Weibel im Interview, dass heute niemand mehr an Bildung als Aufstiegsmedium glaubt. Grund dafür sind auch die "Systemschaltungen" in der Politik, die ein Ethos der Leistung nur noch vorgaukeln: "Wir konnten bisher eine Reihe von gewaltigen Systemumschaltungen beobachten, in der Hauptsache macht man dadurch aus minus plus. Im Sport, in der Finanzwirtschaft, in der Justiz werden Schulden, Schuld und Sühne abgeschafft. (...) Die Systeme heute, im Finanzwesen, in der Justiz, im Sport erlauben Schulden ohne Schuld, Vergehen ohne Sühne, in vielen Fällen sogar Belohnung durch Boni. Systeme funktionieren als Täterschutz und dienen der Strafvereitelung. Die Opfer werden zur eigentlichen Bedrohung. Systemschutz und -stabilisierung ist das oberste Anliegen der Politik."

Im Feuilleton wüsste die Publizistin Güner Yasemin Balci gern von Feridun Zaimoglu und Fatih Akin, warum sie sich als Muslime in Deutschland diskriminiert fühlen. Sie hatte die beiden eigentlich immer als Aufklärer gesehen: "Ich meine zum Beispiel den Film 'Gegen die Wand', in dem die Protagonistin sich dem Kampf gegen ihre Familie stellt, weil sie selber entscheiden will, mit wem sie ins Bett geht. Oder den Roman 'Leyla', der die schockierenden Gewaltexzesse eines anatolischen Tyrannen gegen seine Frau und Kinder zeigt. Waren die Geschichten der muslimischen Frauen, die der Unterdrückung durch ihre Familien ausgesetzt sind, nun ernst gemeint - oder waren das etwa die von euch beklagten 'stereotypen Bilder'"?

Weiteres: Thomas Kielinger berichtet über eine Vortragsreihe am Londoner Globe Theatre, die sich der Behauptung stellt, Shakespeare sei ein deutscher Dichter. Besprochen werden eine Platte und ein Buch von Till Brönner und Stephan Kimmigs Inszenierung von Gorkis "Kinder der Sonne" am Deutschen Theater in Berlin, ein "Don Giovanni" an der Deutschen Oper (jetzt, wo sie geht, gibt's auch ein paar freundliche Worte für Intendantin Kirsten Harms, die die "Auslastung "fast zwanzig Prozent gesteigert" und "die Einnahmen verdoppelt" hat.)

NZZ, 18.10.2010

Der in Nijmegen Philosophie lehrende Christoph Lüthy versucht sich im Rückblick auf die Einwanderungsdebatten in den Niederlanden das Phänomen Geert Wilders und seinen rabiaten Anti-Islam zu erklären: "Ob die Angstmacherei, die bisher Wilders' Markenzeichen gewesen ist, in eine konstruktive Regierungspolitik umgelenkt werden kann, ist eher zweifelhaft. Klar ist hingegen, dass die von Wilders geforderten und bereits ins Regierungsprogramm aufgenommenen zusätzlichen 12.000 Krankenschwestern und Pfleger nicht allesamt blond und christlich sein werden."

Außerdem: Marco Frei besichtigt die finanziell etwas kriselnde, künstlerisch aber blühende Konzert- und Opernszene Lettlands. Besprochen werden Marilyn Monroes Notate "Tapfer lieben" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Stichwörter: Geert Wilders

TAZ, 18.10.2010

In Indonesien wurde der ehemalige Chefredakteur des Playboy, Erwin Arnada, wegen "Sittlichkeitsvergehen" zu zwei Jahren Haft verurteilt, obwohl es in der indonesischen Ausgabe kein einziges Aktfoto gab, berichtet Anett Keller auf der Medienseite. "Die Klage hatte die radikalislamische Front zur Verteidigung des Islam (FPI) angestrengt, die immer wieder mit gewalttätigen Übergriffen Schlagzeilen macht. Schon unmittelbar nach Erscheinen des Magazins bedrohte sie die Redaktion derart, dass diese es vorzog, auf die hinduistische Urlauberinsel Bali umzusiedeln. Inzwischen ist das Magazin eingestellt."

Außerdem: Der Medienforscher Daniel Müller kritisiert im Interview, dass Journalisten nichtdeutscher Herkunft es in Deutschland besonders schwer haben. Im Kulturteil findet Jörg Magenau den Widerstand gegen "Stuttgart21" kein bisschen konservativ: "Denn es gibt nichts Älteres als das Konzept des Fortschritts, für das sie damit fechten. Wer im 21. Jahrhundert den Fortschritt verteidigt, der im 19. Jahrhundert erfunden wurde, muss ein wahrhaft Konservativer sein."

Besprochen werden Stefan Bachmanns Inszenierung von Kathrin Rögglas Stück "Die Beteiligten" in Wien, ein Konzert der Hamburger Künstler-Kollektiv HGich.T, ein Konzert und ein Buch der Band Erdmöbel.

Und Tom.
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FR, 18.10.2010

Robert Kaltenbrunner bemerkt, dass die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem verschwinden, und zwar nicht im Internet, sondern in der Realität, zumindet in Deutschland: "Nicht nur in vielen Berliner Bezirken ist es für die Altersgruppe zwischen 15 und 50 augenscheinlich unverzichtbar, ab nachmittags eine halbvolle Flasche Bier in der Hand zu halten. Die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem ist unscharf geworden in einer Zeit, die ungeniert nach Selbstverwirklichung drängt."

Weiteres: In reinste Verzückung gerät Jürgen Otten über die Sopranistin Nuria Rial und den Countertenor Philippe Jaroussky: "So singen Engel. Dabei sind es Menschen." Besprochen werden Stephan Kimmigs Inszenierung von Gorkis "Kinder der Sonne" am Berliner Gorki Theater, ein Abend des Projektensemble Tanzlabor im Frankfurter Mousonturm, Annette Mingels' Roman "Tontauben" und Alan Bradleys Krimi "Flavia de Luce" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Weitere Medien, 18.10.2010

Wer den Film "The social network" gesehen hat, erinnert sich vielleicht an die zwei Sekunden, als Mark Zuckerberg und Sean Parker von einem Mann begrüßt werden, der ihnen ihre erste halbe Million Kapital für Facebook zur Verfügung stellt: Peter Thiel. Den gibt's wirklich. Er ist ein deutsch-amerikanischer Investor, der u.a. PayPal mitbegründet hat und sehr früh an Facebook glaubte. Außerdem ist er ein Libertärer der schlimmsten Sorte, wie Jacob Weisberg bei Slate schreibt, der Demokratie für nicht vereinbar mit unternehmischer Freiheit hält, was er bei Cato näher erläuterte, und deshalb auch an diesem irren Seasteading-Projekt beteiligt ist. Seine neueste Initiative: Thiel will die Geschäftsideen von 20 Menschen unter 20! mit je 100.000 Dollar unterstützen und sie so ermutigen, Unternehmer zu werden, statt an der Uni rumzuhängen. "Our world needs more breakthrough technologies. From Facebook to SpaceX to Halcyon Molecular, some of the world's most transformational technologies were created by people who stopped out of school because they had ideas that couldn't wait until graduation. This fellowship will encourage the most brilliant and promising young people not to wait on their ideas, either. The Thiel Fellows will change the world and call it a senior thesis", so Thiel in einer Presseerklärung. Klingt ziemlich gaga - bis einem einfällt, wer sein Studium in letzter Zeit alles nicht beendet hat: Bill Gates, Sean Parker, Mark Zuckerberg, Steve Jobs, Steve Wozniak, Shawn Fanning (Napster), Evan Williams (Twitter), Kevin Rose (digg.com), Theodore Waitt (Gateway), Sergei Brin und Larry Page (legten ihre Promotion auf Eis, weil sie zu beschäftigt mit Google waren).

FAZ, 18.10.2010

Sechzehn Jahr nach seinem letzten Besuch ist der Politologe Claus Leggewie nach Sarajewo zurückgekehrt. Er erlebt eine Stadt kurz vor der - inzwischen stattgefundenen - Wahl und sieht wenige Zeichen der Erinnerung an den Krieg. Rolf Dobelli warnt in seiner "Klar denken"-Kolumne diesmal vor dem "Vater aller Denkfehler": dem confirmation bias, also der Bevorzugung von Hypothesen, die einem in den Kram passen. In der Glosse geht es um die Stillosigkeit weißer Protestformen der Gegenwart und die Eleganz afroamerikanischer Bürgerrechtsdemonstranten in den Sechzigern. Jürg Altwegg liest in französischen Zeitschriften manches über neue und alte, gefährdete (Le monde) und gefährliche (Wikileaks) Medien. Über Herr (Putin) und Hund (Labrador Koni) denkt Kerstin Holm nach.

Besprochen werden Christian Thielemanns mit den Münchner Philharmonikern unternommener Annäherungsversuchan Gustav Mahlers "Achte" (da bleibt noch viel Luft nach oben, konstatiert Christian Wildhagen), ein von Roland Schwab inszenierter und von Robert Abbado dirigierter "Don Giovanni" an der Deutschen Oper Berlin ("trostlos", urteilt Julia Spinola), Stephan Kimmigs Inszenierung von Maxim Gorkis "Kinder der Sonne" am Deutschen Theater Berlin ("dubiose Bauchnabelschau", findet Irene Bazinger), Armin Petras' "Hermannschlacht"-Inszenierung an den Münchner Kammerspielten (Gerhard Stadelmaier macht kürzesten Prozess mit der Arbeit des "Berliner Simpelspielvogts"), die Ausstellung "Courbet - Ein Traum von der Moderne" und Bücher, darunter gleich zwei Studien zum Thema Schwarmintelligenz (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Letzte Woche eröffnete Techcrunch ein Facebook-Konto mit der realen E-Mail-Adresse von Google-Chef Eric Schmidt und wurde daraufhin gleich mit einer Menge E-Mail-Kontakten als potenzieller "Freunde" beliefert (mehr hier, wir berichteten). An diesem Sonntag machte die FAZ am Sonntag mit E-Mail-Adressen einiger Bekannter das gleiche, kam zum gleichen Ergebnis wie Techcrunch und ließ das ganze über die Agenturen laufen, die dann auch brav von der "neuen Datenschutzlücke" berichteten. Techcrunch wird in dem Artikel der FAS nicht erwähnt. Darauf ein Leistungsschutzrecht! (Nachtrag um 9.23 h: In der Online-Version des FAS-Artikels wird Techcrunch erwähnt, anders als in der Printversion.)

Aus den Blogs, 18.10.2010

Martin Weigert kritisiert den FAS-Artikel zu Facebook in seinem Blog Netzwertig: "Was im FAS-Artikel genau wie in den meisten anderen Beiträgen rund um Datenschutzfragen im Social Web fehlt, ist eine Reflexion zum Thema. Dass man als Autor einen eventuell vorhandenen persönlichen Anspruch auf den weitreichenden Schutz der eigenen Daten nicht einfach so ablegt, ist verständlich. Eine Gegenüberstellung von Vor- und Nachteilen sowie von vergleichbaren Situationen aus der Offline-Welt erwarte ich von einem Qualitätsmedium aber trotzdem."
Stichwörter: Facebook

SZ, 18.10.2010

Kinder evangelikaler Eltern werden häufiger geschlagen als die anderer christlicher Oberservanzen, berichtet Florian Götz unter Berufung auf eine Studie des Kriminologen Christian Pfeiffer. Wichtig ist Götz an der Erkenntnis vor allem eins: "Probleme mit der Anpassung haben in Deutschland demnach nicht nur Angehörige nicht-christlicher Religionen, wie manchmal der Eindruck erweckt wird. Auch manche Christen sind offenbar aus religiösen Gründen nicht bereit, die deutschen Gesetze zu akzeptieren, denen zufolge die Züchtigung von Kindern verboten ist. Der Hinweis darauf, so Pfeiffer, könne die Diskussion über die Integrationsfähigkeit von Muslimen erheblich entschärfen." Ob in der Studie auch etwas über mögliche Gewalt in muslimischen Haushalten gesagt wird, sagt Götz nicht.

Dabei lesen wir in der Studie (hier als pdf-Dokument) : "Nichtdeutsche Kinder berichten insgesamt häufiger davon, elterliche Gewalt erfahren zu haben: Während deutsche Kinder zu 21,8 Prozent irgendeine Form der elterlichen Gewalt erlebt zu haben, sind es bei den nichtdeutschen Kindern 30,5 Prozent. Insbesondere von schwerer Gewalt berichten nichtdeutsche Kinder doppelt so häufig wie deutsche Kinder (2,7 zu 5,6 Prozent). Türkische und arabische/nordafrikanische Kinder gaben dabei am häufigsten an, von ihren Eltern Gewalt zu erfahren. Die Quote der Kinder, die schwere Übergriffe erlebt haben, liegt circa dreimal so hoch wie bei den deutschen Kindern."

Weitere Artikel: Harald Eggebrecht ist beeindruckt von der Aufführung von Mahlers Achter unter Christian Thielemann in München. Willi Winkler liest einen Artikel des Mainzer Zeithistorikers Felix Römer in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte, in dem W.G. Sebalds Kritik an Alfred Anderschs leicht beschönigendem Verhältnis zur eigenen Vergangenheit teilweise recht gegegeben wird. Burkhard Müller verfolgte die Jahrestagung der Nietzsche-Stiftung im neueröffneten Dokumentationszentrum in Naumburg an der Saale. In den "Nachrichten aus dem Netz" berichtet Niklas Hofmann, dass Liu Xia, die Frau von Liu Xiaobo twittert und dass Chinesen auf alle möglichen Arten die Internetzensur umgehen, um sich über Liu auszutauschen. Willi Winkler schreibt zum Tod des Filmemachers und Autors Thomas Harlan.

Auf der Medienseite berichten Johannes Boie und Roman Deininger, dass ein 61-jähriger Mann, der von der von Stephanie zu Guttenberg komoderierten Sendung "Tatort Internet" als angeblicher Kinderschänder geoutet worden war, verschwunden ist und dass die Sendung die Information über diesen Mann gegenüber seinem Arbeitgeber monatelang zurückgehalten habe.

Besprochen werden neue DVDs, Kleists "Hermannsschlacht" in der Regie Armin Petras' in München, Alban Bergs "Lulu" in Kopenhagen, die große Ausstellung mit Michelangelo-Zeichnungen in Wien.