Heute in den Feuilletons

Die Unbändigkeit eines afrikanischen Morgens

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.06.2010. Der Tagesspiegel geht zielstrebige Umwege mit Max und Marcel Ophüls. Die SZ spricht mit der Künstlerin Shirin Neshat über ihren ersten Spielfilm "Women Without Men" und die Vorzüge von Raubkopien. Die FAZ kommentert Googles kompliziertes Spiel mit dem chinesischen Regime. Google wird in China wahrscheinlich abgestellt, meldet Gizmodo.Viele Zeitungen erinnern an die Unabhängigkeit des Kongo vor fünfzig Jahren und die traurige Rolle Belgiens in der finsteren Geschichte des Landes.

Welt, 30.06.2010

Stefan Koldehoff hat wenig Zweifel, dass wenigstens ein Teil der über 60 Gemälde aus der 1933 "arisierten" Galerie Alfred Flechtheim an die Erben zurückgegeben werden muss. Die betroffenen Museen haben sich bereits zu einem "Krisenstab Flechtheim" zusammengeschlossen. Man kann nur hoffen, dass der Kölner Kulturdezernent Georg Quander nicht repräsentativ ist für die Haltung gegenüber den Erben: "Gegenüber dem Anwalt der betagten Erben, Markus Stoetzel, verstieg sich Quander 77 Jahre nach der Plünderung der Sammlung Alfred Flechtheim und nach zahlreichen Fristverschiebungen und angeblichen Missverständnissen in den vergangenen zwei Jahren sogar zu der Behauptung: 'Gerade im vorliegenden Fall zeigt sich, dass Ungeduld der Sache nicht förderlich sein kann.'"

Weitere Artikel: Hermann Parzinger, Präsident der SPK, rechnet im Interview leicht verbittert all die Millionen vor, die man während der "Denkpause" über das Humboldt-Forum in den Erhalt Dahlemer Museen investieren muss statt in den Schlossneubau. Elmar Krekeler besucht die Jörg-Haider-Gedächtnisausstellung im Klagenfurter Bergmuseum und sieht nur "eine einzige, seltsam verdruckste, unangenehme, extrem provinzielle Form von Vorwärtsverteidigung". Ulf Poschardt fürchtet die "Idealisten" (ist das jetzt das neue Pfui-Wort?), die für Gauck sind. Josef Engels ist total beeindruckt, dass er die Tochter von Serge Gainsbourg und Jane Birkin leibhaftig auf der Bühne sah, auch wenn sie kaum zu verstehen war.

Besprochen werden eine Ausstellung über die Welt des ägyptischen Pharaonen Sahure im Frankfurter Liebieghaus, eine sehr schlechte "Tosca" in München und Robert Wilsons Inszenierung von Janaceks Oper "Katja Kabanova" in Prag.

TAZ, 30.06.2010

Luc Leysen blickt auf fünfzig Jahre Unabhängigkeit im Kongo zurück und bemerkt neben vielen enttäuschten Hoffnungen bei den Afrikanern Genugtuung bei den ehemaligen belgischen Kolonialherren: "In ihren Villen, im Bridgeklub oder in trostlosen belgischen Altersheimen trauern sie dem verlorenen Idyll nach. Von den Negern halten sie nicht viel, aber ihren Kongo, den lieben sie über alles. Die Unbändigkeit eines afrikanischen Morgens! Das tropische Gewitter, bewundert von der sicheren barza aus, mit Whisky-Cola in der Hand! Die brutale Farbenpracht eines afrikanischen Sonnenuntergangs! Das 'Heimweh nach den Tropen' sei ihnen auf ihre alten Tage gegönnt. Sie empfinden ein wenig Genugtuung darüber, dass das einstige Paradies ohne sie vor die Hunde ging."

Außerdem: York Schaefer berichtet von dem US-Folksänger Sixto Rodriguez, der in Detroit als Handwerker arbeitet und erst jetzt vom großen Erfolg seiner Musik in Südafrika erfuhr. Besprochen werden die Larry Sultan Retrospektive "Katherine Avenue" in der Hannoveraner Kestnergesellschaft und Mike Mitchells "grandioses" Finale der Shrek-Serie "Für immer Shrek".

In tazzwei berichtet Karim El-Gawhary vom Fall des Ägypters Khaled Said, der von zwei Polizisten wegen Drogenbesitzes totgeprügelt wurde und nun bei Facebook und ägyptischen Bloggern diskutiert wird. Dies zeigt den Vorteil der Blogs gegenüber den traditionellen Medien.

Und Tom.

FR, 30.06.2010

An die Stelle der Fakten, Fakten, Fakten will der neue Focus-Chef Wolfram Weimar Relevanz setzen, wie er im Interview mit Joachim Frank und Daland Segler erklärt. Schön fände er generell etwas mehr wirtschaftliche Vernunft, auch bei Verlegern: "Wie viel Geld haben Verlage in den vergangenen 15 Jahren in wirrste Online-Portale investiert? Und woher stammte das Kapital dafür? Stellen Sie sich vor, die Autoindustrie hätte auf Branchenkrise und Existenzbedrohung mit der Entscheidung reagiert: Wir machen keine neuen Modelle mehr, und in den Sparwellen nehmen wir erst das Navi raus, dann die Klimaanlage oder die Ledersitze. Wer hätte sich da noch über ein Einbrechen der Absatzzahlen gewundert?"

Weiteres: Die Kulturwissenschaftlerin Claudia Schmölders notiert einige Gedankenansätze zum nach allen Seiten offenen Themenfeld Gesichter, Fernsehen, WM und Leni Riefenstahl: "Faziale Cluster, wie sie hier ins Bild kommen, sind ein faszinierendes Korrektiv für jenes Übergesicht, das wir seit 2008 als mediale, politische, soziale Leitfigur akzeptiert und installiert haben: das Gesicht von Facebook." Über für und wider des Fraktionszwang bei der Bundespräsidentenwahl sinnieren Christian Thomas hier und Christian Schlüter hier. In Times mager meldet Judith von Sternburg eine Reihe von Kunstaktionen gegen den Hauptsponsor der Tate Gallery, den BP Konzern. Sandra Danicke resümiert die Pressekonferenz, auf der Christoph Schlingensief sein Konzept für den deutschen Pavillon in Venedig nicht präsentierte. Krankheitsbedingt.

Besprochen werden Christopher Andrews offizielle Geheimdienstgeschichte "MI5", Johannes Willms Stendhal-Biografie und Raymond Federmans Roman "Eine Liebesgeschichte oder so was" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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Tagesspiegel, 30.06.2010

Der Tagesspiegel druckt den Vortrag des Filmwissenschaftlers Ralph Eue zur Eröffnung einer Reihe mit Filmen von Max und von Marcel Ophüls im Berliner Zeughaus: "Beide sind Meister des zielstrebigen Umweges. Und den gingen sie, auf völlig unterschiedliche Weise, beide mit einem untrüglichen Gespür für die Form oder sagen wir einem inneren Radar, der sie leitete. So sehr sie auch die Komplexität des Gewebes ihrer Filme steigerten, so sehr sie auch die Handlungsbögen dehnten, so waren sie doch immer auch eins: mustergültig im Hinblick auf dramatische oder erzählerische Effizienz."
Stichwörter: Ralph Eue, Marcel Ophüls

Aus den Blogs, 30.06.2010

Google wird nun wohl doch in China abgestellt, meldet, ganz frisch, Gizmodo: "As a result of Google standing up to cafeteria-manager China, demanding they serve pie every day of the week, China's revoked their Internet Content Provider license, meaning in 24 - 48 hours the Chinese people can't access Google at all."

Das Time Magazine hat seine Lieblingsblogs gekürt. Zu den Essentials rechnet Time The Daily Wh.at, TechCrunch, Gawker, Politico und BoingBoing, ansonsten wartet die Liste mit einem kunterbunten Mix auf, zum Beispiel Zenhabits, Apartment Therapy, Pitchfork und Information is Beautiful.

In Netzpolitik wundert sich Markus Beckedahl, wie umstandslos das Swift-Abkommen durchgewinkt wurde. Und dass die europäischen Sozialdemokraten die von ihnen ausgehandelten Veränderugen als Sieg verbuchen: "Die Rolle von Europol ist auf mehreren Ebenen ein großes Chaos: a) Europol soll die Anfragen von Daten von Seiten der US autorisieren. Dies weicht von der Forderung des Europäischen Parlaments im Beschluss vom Mai 2010 ab, dass die juristische Autorität in den Händen des EP liegen solle. b) Europol hat jetzt auch die Möglichkeit, Daten der USA zu durchsuchen, was jeglichen Anreiz, die Menge an Datenaustausch möglichst niedrig zu halten, von vorne herein eliminiert." Auf den gestrigen Artikel in der taz dazu haben wir versäumt hinzuweisen.

Ein Fehler in Klagenfurt, aufgespießt von Failblog.

NZZ, 30.06.2010

Roman Hollenstein taucht in der Ausstellung "Dreamlands" im Pariser Centre Pompidou in rekonstruierte Idealwelten von Freizeitparks ein und stellt fest, wie sie unsere Wahrnehmung beeinflussen: "Diese Befreiung von der oft unbequemen Wirklichkeit mag mit ein Grund dafür sein, dass manche Gäste der 'Venetian'-Hotels in Las Vegas oder in Macau dem Mondscheinzauber der Kanäle, Rialtobrücken, Dogenpaläste und Souvenirshops erliegen, beim Besuch des wirklichen Venedig sich aber über 'stinkendes Wasser' und 'schmutzige Gassen' beklagen."

Besprochen werden die Frida Kahlo Retrospektive im Martin Gropius Bau Berlin, Luc Bondys wenig überzeugende "Tosca"-Inszenierung bei den Münchner Opernfestspielen und Bücher, darunter Schlomo Sands Studie "Erfindung des jüdischen Volkes". (Mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr.)

SZ, 30.06.2010

Alex Rühle erinnert an die Unabhängigkeit des Kongo vor fünfzig Jahren und an die finstere Rolle, die Belgien - wo heute in Ausstellungen trauergearbeitet wird - bei der Zurichtung des Landes spielte: "Belgien zumindest hatte nichts dafür getan, dass der Kongo auf eigenen Füßen stehen konnte. Es gab für ein Land von der Größe Westeuropas 30 diplomierte Gymnasiallehrer, keinen einzigen Arzt, keinen Juristen, keinen Offizier."

Eine Seite ist dem Filmfest München gewidmet. Jörg Häntzschel unterhält sich mit der exiliranischen Künstlerin Shirin Neshat, die in München ihren ersten Spielfilm "Women Without Men" vorstellte. Das Gespräch unterstreicht nebenbei den Wert, den Raubkopien haben können. Frage SZ: "Ihr Film ist ebenso wie das Buch im Iran verboten. Wie findet er zu den Zuschauern?" Antwort Neshat: "Es ist sehr leicht, ihn auf dem schwarzen Markt zu finden. Auch meine eigene Familie hat dort die DVD gekauft." Der Film wird gleichzeitig von Rainer Gansera besprochen. Susan Vahabzadeh stellt außerdem neue Filme von Scorsese und Soderbergh vor.

Weitere Artikel: Rudolf Neumaier erklärt die Besonderheiten des Streits um das Rauchen und Rauchverbote in Bayern. Volker Breidecker berichtet von der Pressekonferenz der argentinischen Botschaft, in der das Programm für den Gastlandauftritt bei der Buchmesse vorgestellt wurde. Dokumentiert wird die Eröffnungsrede Jutta Limbachs zu den Münchner Osterfestspielen, die die feine Münchner Gesellschaft mit dem Thema "Zorn" gegen soziale Ungerechtigkeit (und manches andere) traktierte.

Besprochen werden eine "Tosca" in New York und Bücher, darunter neue Essay von Dzevad Karahasan (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Auf Seite 3 schreibt Thorsten Schmitz für die Zeitung aus der Stadt, die nach dem Krieg Siemens und die Allianz geerbt hat, über die wirtschaftlichen Probleme der Hauptstadt Berlin: "Seit Jahrzehnten hält man hier völlig selbstverständlich die Hand auf."

FAZ, 30.06.2010

In der Glosse kommentiert Mark Siemons den der Angst vor Lizenzverlust geschuldeten Verzicht Googles auf die automatische Umleitung chinesischer Besucher nach Hongkong. Er bezweifelt, dass die Aktion den gewünschten Erfolg haben wird, denn der chinesischen Zensur beuge sich Google damit keineswegs: "Wer google.cn heute aufruft, landet auf einer Seite, die so ähnlich aussieht wie die frühere chinesische Google-Suchmaschinenseite, aber es ist eine Täuschung: In Wirklichkeit kann man auf dieser Seite weder einen Suchbefehl eingeben noch sonst etwas machen. Sobald man nur den Versuch unternimmt und die Seite anklickt, wird man schon zur Hongkonger Suchmaschine umgeleitet, die man dann unter den gleichen Bedingungen wie bisher benutzen kann."

Weitere Artikel: In Nablus hat Hans-Christian Rössler sich mit Matt Rees getroffen, dem Autor sehr erfolgreicher, in Palästina spielender Kriminalromane. Swantje Karich war dabei, als Susanne Gaensheimer erläuterte, warum ihre Wahl zur Bespielung des deutschen Pavillons in Venedig auf Christoph Schlingensief - der wegen Krankheit abwesend war - fiel. Überzeugend fand Karich die Erklärungen ("Überwältigung", "Provokation") aber nicht. Die Lieblingsbücher der Bundespräsidentschaftskandidaten kennt Hubert Spiegel: bei Christian Wulff ist es "Der kleine Prinz", bei Joachim Gauck Ernest Hemingways Roman "Wem die Stunde schlägt". Für die Medienseite trifft Josef Oehrlein in Buenos Aires Sebastian Marroquin, Sohn des Drogenbosses Pablo Escobar - Anlass ist ein beim Münchner Filmfest gezeigter Dokumentarfilm über die (erfolgreichen) Versuche Marroquins zur Aussöhnung mit Opfern seines Vaters.

Besprochen werden ein Konzert von Charlotte Gainsbourg in Berlin ("wie ein Kitz im Fernlicht" meint Jan Wiele), Luc Bondys aus New York importierte "Tosca"-Inszenierung zur Eröffnung der Münchner Opernfestspiele (Gerhard Rohde ist sehr ungnädig), die Ausstellung "Le grand geste!" im Düsseldorfer Museum Kunst Palast, die Ausstellung "Das Gesicht des Ghettos" in der Berliner Topographie des Terrors, der nunmehr schon vierte Film der Animationsreihe "Für immer Shrek" und Bücher, darunter Gerd Fuchs' Erinnerungen "Heimwege" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).