Heute in den Feuilletons

Der Unterarm war jetzt fast gar

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.07.2010. Die Zeit hat eine schlimme Meldung: Die rund 250 Jahre währende Epoche, als Deutsch die Sprache der besten Köpfe war, nähert sich dem Ende. Außerdem bringt sie eine Doppelseite zu 150 Jahren Gustav Mahler. Die SZ beklagt den Zustand des Deutschen Museums in München. Die FAZ zeichnet ein trauriges Bild Spaniens in der Schuldenkrise. Die FR porträtiert den neuen Chefredakteur der SZ. In der NZZ erklärt der Voodoo-Priester Max Beauvoir, dass es im Voodoo manchmal auch ziemlich schlechte Vibrations gibt.

NZZ, 01.07.2010

Erwin Dettling versucht im Gespräch mit dem haitianischen Voodoo-Priester Max Beauvoir die Erdbebenkatastrophe ins Bild seiner Religion einzuordnen. Das Erdbeben sei Teil der Vibration, um die sich im Voodoo alles drehe; die eigentliche Katastrophe sei eine andere: "'Wir sind es gewohnt, dass Politiker und Präsidenten in diesem Land stehlen und die geraubten Schätze in ausländischen Banken deponieren. Wir sind schockiert, dass sich jetzt die gleichen Cliquen an den Hilfsgütern erneut bereichern.' Diese Leute hätten vergessen, dass Haiti ein spezielles Land sei, ein Land, das eine Revolution erlebt habe. Die Haitianer strebten nach einer Ordnung, wo jeder an dem Lebensort glücklich sein könne, der ihm beschieden sei. Das sei eine Voodoo-Ordnung, eine afrikanische Ordnung, insistiert Max Beauvoir. 'Die Franzosen sagen in einem ihrer programmatischen philosophischen Sätze: Ich denke, also bin ich. Wir Voodooisants sagen: Ich bin, also sind wir.'"

Außerdem: Ursula Schnyder und Palo Alto entdecken Mumblecore-Filme für sich, die mit niedrigstem Budget authentische Bilder der Probleme 20- bis 30-jähriger weißer Akademiker zeichnen wollen: "Anstelle eines anstrengenden, ja möglicherweise geisttötenden Broterwerbs vertreiben sich Mumblecore-Charaktere die Zeit lieber mit abenteuerlichem Sex, mäandrierenden Beziehungskisten und uferlosen Diskursen."
Andrea Winkelbauer schreibt zum Tod Rudolf Leopolds.

Besprochen werden die Matthew Barney Ausstellung "Prayer sheet with the wound and the nail" im Schaulager Basel und Bücher, darunter Nicholson Bakers "Der Anthologist" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 01.07.2010

Anke Leweke unterhält sich mit der der exiliranischen Künstlerin Shirin Neshat über ihr Spielfilmdebüt "Women Without Men" und den vergessenen Beginn einer Demokratie im Iran. Neshat korrigiert darin auch den westlichen Blick auf ihre Arbeit: "Es mag sich banal anhören, aber Islam ist nicht gleich Islam! Man sagt immer wieder, dass sich meine Arbeiten mit der Situation der Frau in der islamischen Welt auseinandersetzen. Auch dagegen muss ich mich verwahren. Es gibt nicht die eine islamische Welt. Ich würde mir doch nicht anmaßen, über türkische oder ägyptische Frauen zu sprechen. In Ägypten tragen viele Frauen den Schleier freiwillig, im Iran werden sie dazu gezwungen".

Wie political correctness mäandern kann, erlebt man in einem Interview mit der berühmten Kulturwissenschaftlerin Judith Butler, die kürzlich einen Antirassismuspreis des Christopher Street Day in Berlin abgelehnt hat, weil dieser auf Homophobie mit Migrationshintergrund aufmerksam gemacht hatte. Sie schlägt statt solcher Benennungen vor, mit "farbigen Queers" zusammenzuarbeiten, die "immer mit der Frage von Rassismus innerhalb der 'queer community' umgehen müssen sowie mit der Frage von Homophobie innerhalb und außerhalb der Minderheitencommunitys. Nur dann können wir ein echtes Bild sich überschneidender Unterdrückungen bekommen und eine weitreichende und wirksame Koalition gegen Gewalt ermöglichen."

Außerdem sind hier zum 60. Geburtstag von Suhrkamp dreizehn schlaue Sätze zum Mitredenkönnen über den Verlag zu lesen, z.B. "S. hat ja die Bachmann entdeckt". Auf der Medienseite kommentiert Steffen Grimberg die Ernennung der neuen Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung - der bisherige Vize Kurt Kister als Chef, Wolfgang Krach als Stellvertreter, Leitartikler und Politikchef Heribert Prantl als Mitglied der Chefredaktion - und bezeichnet sie als "Durchsetzung der Kulturhoheit".

Besprochen werden drei DVDs mit den Filmen "Engel aus Eisen", "Domino" und "Der Passagier" von Thomas Brasch und eine Ausstellung des britischen Künstlers David Tremlett, der ein Geschoss der Hamburger Galerie der Gegenwart bemalt hat.

Und Tom.

FR, 01.07.2010

Ulrike Simon porträtiert auf der Medienseite den designierten Chefredakteur der SZ, Kurt Kister, als untypischen Journalisten: "Er ist ein Grantler, der ebenso intelligent wie pointiert seine Beobachtungsgabe in ironische, bisweilen zynische Worte zu fassen vermag und die Nähe zum Politikbetrieb ebenso meidet wie Veranstaltungen, auf denen sich die Eitlen der eigenen Branche zur Schau stellen."

Besprochen werden die Ausstellung "Teotihuacan - Mexikos geheimnisvolle Pyramidenstadt" im Martin Gropius Bau in Berlin, Luc Bondys Inszenierung der "Tosca" bei den Münchner Festspielen, Shirin Neshats Film "Women without Men", Tom DiCillos Film über die Doors und Richard Eyres Verfilmung der Schlink-Erzählung "Der Andere" mit Antonio Banderas.
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Welt, 01.07.2010

Alan Posener erklärt die Waffenliebe der Amerikaner aus einem urprotestantischen Impuls der Revolte, der sich wohl kaum je wird abschalten lassen. Thomas Lindemann interviewt den DJ Matthew Herbert, der im Auftrag der Deutschen Grammophon Mahlers Zehnte elektronisch verfremdet hat. Auf der Forumsseite erweist der amerikanische Autor Peter Wortsman der Stadt Berlin, die gestern in der SZ so böse gebasht wurde, seine Reverenz.

Besprochen werden die Ausstellung "Stadt Grün" über Landschaftsarchitektur des 21. Jahrhunderts im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt und Filme, darunter Shirin Neshats Film "Women Without Men" und die neueste "Shrek"-Folge.

Aus den Blogs, 01.07.2010

Öffentlich-rechtliche und private Qualitätsjournalisten sind in der gestrigen Aufregung um die Bundespräsidentenwahl ein paar getwitterten Falschmeldungen aufgesessen. Thomas Knüwer kommentiert in Indiskretion Ehrensache: "Fröhliches Dilettieren auch bei FAZ.net. 'Twitter: Wulff im 1. Wahlgang gewählt', schrie sie heraus und das Reizzentrum hat dankenswerterweise einen Screenshot der Peinlichkeit gemacht. 'Unbestätigte Gerüchte' nennen die Frankfurter als Quelle. Hier präsentiert sich ein weiterer Handwerksfehler. Denn im Internet kann man - das wird viele Online-Nachrichtenseiten überraschen - auf Quellen verlinken." Die falschen Tweets kamen übrigens von Titanic, berichtet Ole Reißmann in Spiegel Online.

(Via sixtus) Florian Meimberg ist der erste Twitter-Autor mit Grimme Online Award. Eine seiner kurzen Erzählungen: "'... und bringt ordentlich Hunger mit. Bis gleich!' Jana legte auf und wandte sich wieder der Pfanne zu. Der Unterarm war jetzt fast gar."

SZ, 01.07.2010

Sebastian Beck beklagt den teils desolaten Zustand des Deutschen Museums in München: "Derzeit können sich die jährlich 934.000 Besucher im Münchner Haupthaus einen Eindruck davon machen, was dabei herauskommt, wenn ein Kulturgut von Weltrang von der Politik kaputt gespart und ideenlos verwaltet wurde: Das Deutsche Museum ist zum Museum seiner selbst geworden, gleichermaßen grandios wie in vielen Teilen peinlich veraltet - etwa, wenn es seine Besucher mit der Frage konfrontiert: 'Wo steht die Solarzellenforschung 1996?'"

Weitere Artikel: Über den Ärger der Tate mit dem Sponsor BP (mehr hier) berichtet Alexander Menden. Eine Tutzinger Tagung, auf der über die kulturellen Grundlagen der Wirtschaft nachgedacht wurde, hat Alexander Kissler besucht. Reinhard J. Brembeck spekuliert über den möglichen Abschied Kent Naganos als Dirigent der Bayerischen Staatsoper. Auf dem Münchner Filmfest sieht Fritz Göttler Apichatpong Weerasethakuls Cannes-Gewinner "Uncle Boonmee". Patrick Roth unterhält sich mit dem Regisseur Richard Linklater, dessen neuer Film "Me & Orson Welles" ebenfalls in München läuft. Andrian Kreye schreibt zum Tod des Künstlers, Rappers und Performancekünstlers Rammellzee.

Besprochen werden die Ausstellung "A Star is born - Fotografie und Rock seit Elvis" im Museum Folkwang in Essen, der neue Disney-Animationsfilm "Für immer Shrek" und Bücher, darunter eine Sammlung früher Reportagen von Ryszard Kapuscinski mit dem Titel "Ein Paradies für Ethnographen" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 01.07.2010

Aus einem Spanien, das dem Ende der Fahnenstange nahe scheint, berichtet Paul Ingendaay: "Was ist schiefgegangen? Das Land ist in den Immobilienboom gerollt und hat Teile der Mittelschicht wohlhabend werden sehen, ohne den Arbeitsmarkt zu modernisieren und Strukturreformen umzusetzen. Jetzt spottet die Opposition, man habe sowohl die schönsten Gehsteige als auch die höchste Arbeitslosigkeit der Euro-Zone. Wenn es an der Börse rappelt wie gerade am Dienstag, dann vor allem in Spanien, wo der Ibex 5,45 Prozent verlor und Bankaktien bis zu acht Prozent nachgaben. Man hangelt sich von einem Tilgungstermin zum nächsten, und ein Ende der Zitterpartie ist nicht abzusehen."

Weitere Artikel: Gerhard Stadelmaier blickt voraus auf die kommende Theatersaison und sieht wie üblich viel zu viel Kinoadaptionen und viel zu wenig Theater. Den deutschen Denkmalschutz sieht Arnold Bartetzky nach Etatkürzungen in großer Not, in Sachsen mehr noch als anderswo. In der Glosse staunt Johannes Warda, dass die Post per Online-Schreibcenter jetzt schon Briefe für uns schreibt. Auf der Kinoseite schildert Rüdiger Suchsland den kuriosen Fall eines Films, der nach einem Streit zwischen Regisseur und Produktion von einem Unbekannten, der nur maskiert auftrat, zuende gedreht wurde. Michael Althen schreibt über die deutschen Filme "Unter dir die Stadt" von Christoph Hochhäusler und "Morgen das Leben" von Alexander Riedel, die er beim Filmfest in München gesehen hat. Auf der Medienseite gratuliert ein begeisterter Claudius Seidl seinem Kollegen Kurt Kister, der Chefredakteur der Süddeutschen wird.

Besprochen werden eine von Thomas Hengelbrock dirigierte "Norma" mit Cecilia Bartoli in Dortmund, die Ausstellung "A Star Is Born - Fotografie und Rock seit Elvis" im Folkwang Museum Essen, die Ausstellung "Ein Traum, was sonst?" im Züricher Museum Strauhof, das neue Album der Fantastischen Vier "Für dich immer noch Fanta Sie", Shirin Neshats erster Kinofilm "Women without Men" und Bücher, darunter Björn Kerns Roman "Das erotische Talent meines Vaters" und ein Band von Manthia Diawara über "Neues afrikanisches Kino" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Zeit, 01.07.2010

Ulrich Greiner sorgt sich um die deutsche Sprache, die im unten verlernt und oben vom Englischen abgelöst wird. Bemerkenswert die historische Perspektive: "Es wird auf Dauer wohl nicht ohne Folgen bleiben, wenn alles, was als modern, schick oder innovativ gilt und den Ton angibt, anglofon geprägt ist: ob 'unten' auf der Straße, in den Diskotheken oder im Netz, ob oben in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Es scheint, dahin zu kommen, dass sich eine rund 250 Jahre währende Epoche, als Deutsch die Sprache der besten Köpfe war, dem Ende nähert."

Der amerikanische Autor Joey Goebel huldigt seinen deutschen Lieblingswortmonstern von Krankenschwester bis Geschirrspülmaschine.

Eine Doppelseite gibt's zu Gustav Mahler, dessen 150. Geburtstag in diesem Jahr von seinem 100. Todestag im nächsten Jahr abgelöst wird. Der Dirigent Riccardo Chailly erklärt im Interview: "Mahlers Sprache ist superdirekt. Was er zum Ausdruck bringt, attackiert den Hörer geradezu körperlich. Du hast das Gefühl, die Musik springt dir an die Kehle, um dir den Atem zu rauben." Und Volker Hagedorn erinnert daran, wie lange Mahler von Avantgarde und Tradition gleichermaßen verschmäht wurde: "Noch 1960 sah Adorno den Komponisten vom 'Hass' einer Mehrheit geadelt."

Weitere Artikel: Adam Soboczynski fürchtet im Aufmacher, dass die Politik eines Tages tatsächlich so schlecht werden könnte, wie sie in den Medien beschrieben wird. Florian Illies möchte weiter über das Stadtschloss und seine Nutzung debattieren. Nina Pauer erzählt, wie es sich so lebt mit einem offenbar eher undeutsch aussehenden Gesicht.

Besprochen werden der erste Kinofilm der iranischen Künstlerin Shirin Neshat "Women Without Men", Tom DiCillos Doku über The Doors "When You're Strange", die Ausstellung zu Marianne Breslauer in der Berlinischen Galerie und Bücher, darunter der Abschluss von Javier Marias' Romantrilogie "Dein Gesicht morgen" und Robert Skidelskys Keynes-Hommage "Die Rückkehr des Meisters".

Außerdem: Alexander Sambuk stellt auf der Glauben-und-Zweifel-Seite klar, dass es beim Blasphemie-Prozess gegen die Moskauer Ausstellung "Verbotene Kunst" nie um Glaube und Zweifel ging. Auf den vorderen Seiten erzählt Jörg Lau, wie Autonome in Neukölln Deutschlandfahnen von den Häusern reißen, und zwar das Kommando Kevin-Prince Boateng. Und der Antimafia-Autor Roberto Saviano versucht den im Gefängnis sitzenden Camorra-Boss Francesco Schiavone, genannt Sandokan, per offenem Brief zu packen.