Heute in den Feuilletons

So schrill also schallt es

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.06.2010. Das Blog Little Green Footballs zeigt zwei Versionen eines Reuters-Fotos von der Mavi Marmara und fragt: Erkennen Sie den Unterschied? Tayyip Erdogan ist kein Islamist, sondern ein Populist, meint die SZ. Die taz bringt ein Gespräch mit dem amerikanischen Krimi-Autor Martin Cruz Smith. Der haitianische Autor Franketienne plädiert in der FR für Voodoo. Ausgerechnet die westliche Linke demontiert den Begriff der universellen Menschenrechte, schreibt Caroline Fourest im Perlentaucher. Und die NZZ demontiert Henning Mankell.

NZZ, 09.06.2010

Andreas Breitenstein geht den Motiven von Henning Mankells Einsatz auf der "Solidaritätsflotte" für Gaza nach und findet nichts als "selbstgefälligen linken Moralismus" und Hass auf Israel, der sich schon in einem Bericht Mankells 2009 artikulierte: "Immer weiter treibt Mankell die Anklagen, die, frivol im Vergleich und infam in ihren Nazi-Allusionen, zuletzt in Zerstörungsphantasien münden. Die Israeli würden 'Leben vernichten', so Mankell, und für den Staat Israel in seiner jetzigen Form gebe es keine Zukunft: 'Der Untergang dieses verächtlichen Apartheidsystems ist das einzig denkbare Resultat, da er notwendig ist. Die Frage lautet also nicht, ob, sondern wann es geschieht.' Selbst eine Zwei-Staaten-Lösung würde die 'historische Besatzung' nicht rückgängig machen, denn Mankell sieht 'keinerlei Gründe dafür, dass (die israelische Staatsgründung) eine völkerrechtlich legitime Handlung war'. (...) Von der Charta der extremistischen Hamas, in der die Zerstörung des jüdischen Staates postuliert wird, unterscheidet sich seine Position allenfalls in Nuancen."

Besprochen werden die Ausstellung "Die Türken in Wien" im Jüdischen Museum Wien, die die Geschichte sephardischer Juden nachzeichnet, die Ausstellung "Quali cose siamo?" im Triennale Design Museum in Mailand, in der Alessandro Mendini edles Design und hässlichen Kitsch lustvoll-spielerisch arrangiert und Bücher, darunter Javier Marias' Trilogie "Dein Gesicht morgen". (Mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr.)

Aus den Blogs, 09.06.2010

Erkennen Sie den Unterschied?, fragt Little Green Footballs:
Bild 1:



Bild2:


Genau: Die Agentur Reuters hat ein kleines Accessoire in der Hand eines der mit israelischen Soldaten diskutierenden Friedensfreunde an Bord der "Mavi Marmara" am rechten Rand des Bildes herausgeschnitten:



Außerdem fehlen, so die Footballs, eine Blutlache des israelischen Soldaten sowie ein weiterer am Boden liegender verletzter Soldat der in der abgedunkelten Zone rechts im Bild zu sehen wäre. Ein Höhepunkt des Nachrichtenjournalismus!

140 Zeichen Platz! Links bei Twitter werden ab Sommer nicht mehr mitgezählt, meldet das Blog Mashable.

Und noch ein Artikel aus Mashable: Hängt Facebook Google ab?, fragt Jolie O'Dell: "Now, we've learned that in the UK, people are visiting social networks more than they're visiting search engines."

Interessant bei der Präsentation des neuen Iphones war nicht das hübsche neue Gerät, sondern eine technische Schwäche, schreibt Matthias Schwenk in Carta: "In iBooks, dem digitalen Buchladen, kann man künftig E-Books kaufen und für einmal Bezahlen diese dreimal herunterladen, nämlich auf ein iPhone, ein iPad und einen iPod Touch. Was generös aussieht, verdeckt in Wirklichkeit das Problem, dass Apple noch nicht in der Lage ist, hier einen cloudbasierten Dienst anzubieten, der es ermöglichen würde, eine Bibliothek digitaler Werke vollständig im Netz zu führen und je nach Bedarf über unterschiedliche Endgeräte abzurufen. So sehr Apple also bei der Hardware brilliert, so sehr hängt man beim cloud computing hinterher."

Das eigentliche ist doch nicht das Stadtschloss, sondern die Debatte über das Stadtschloss, meint Burkhard Müller-Ullrich im Deutschlandfunk (nachgedruckt in achgut): "Nun drohte diesem erhabenen Zustand der Virtualität die baldige Beendigung durch Bauarbeiter und Betonfahrzeuge - oder anders gesagt: Vernichtung durch Verwirklichung. Die ganze postmoderne Irrealität dieses grotesken Architekturvorhabens wäre völlig zerstört worden, wenn nicht unsere Regierung zufällig keine halbe Milliarde Euro übrig gehabt hätte."

(Via BoingBoing) In The Daily Beast berichtet Philip Shenon über die Ängste in der amerikanischen Regierung, der verhaftete Soldat Bradley Manning (mehr hier), der das Videomaterial für 'collateral murder' an Wikileaks geschickt haben soll, könnte auch 260.000 diplomatische Regierungstelegramme kopiert haben: "'If he really had access to these cables, we've got a terrible situation on our hands,' said an American diplomat." Auf Wired berichten Kim Zetter und Kevin Poulsen ausführlicher.

TAZ, 09.06.2010

Katharina Granzin unterhält sich mit dem amerikanischen Krimi-Autor Martin Cruz Smith über seine in Russland spielenden Arkadi-Renko-Krimis, über Profikiller und die Säulen der guten Gesellschaft. "Ich fühle mich generell sehr viel wohler mit einer Außenseiterperspektive. Als ich das erste Mal in Moskau war, wurde ich mit großem Misstrauen beobachtet. Später wurde ich eingeladen ins Innenministerium, in ihre Clubs, zu Grillfesten. Die Generäle wetteiferten geradezu darin, Videos zu drehen, auf denen sie Arm in Arm mit mir zu sehen waren. Das war äußerst unangenehm."

Ekkehard Knörer hadert mit der gekürzten deutschen Fassung von Karan Johars eigentlich bestechender Politpikareske "My Name is Khan": "Das Problem mit dem Höhepunkt des Films, dem in seinem Irrwitz sehr zu Herzen gehenden 'We Shall Overcome'-Solidaritätsgesang, ist nun dies: Er existiert nicht mehr."

Besprochen werden Hans Neuenfels' und Ivor Boltons Inszenierung von Simon Mayrs beinaher vergessener "Medea in Corinto" in München.

Und noch Tom.
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Perlentaucher, 09.06.2010

Die Idee der universalen Menschenrechte scheint immer obsoleter, und eine der treibenden Kräfte bei der Demontage dieses Begriffs ist ausgerechnet die westliche Linke, schreibt Caroline Fourest im Perlentaucher: "In den Vereinten Nationen berufen sich Staaten auf 'nationale Umstände', um die Allgemeine Menschenrechtserklärung nicht in vollem Umfang anzuwenden. Und auf den Respekt für Religionen, um die Meinungsfreiheit einzuschränken. Im Namen des Antiimperialismus diffamieren linke Aktivisten den Universalismus als Neokolonialismus."

FR, 09.06.2010

Andrea Pollmeier spricht mit dem haitianischen Schriftsteller Franketienne über die Folgen des Erdbebens und den Wiederaufbau, der seiner Ansicht nach nicht genug die spirituellen Besonderheiten der Insel berücksichtigt. "Mit der Feder kann man jedoch niemanden zwingen, sein Verhalten zu ändern. Was kann der Satz eines Schriftstellers zum Beispiel gegen die Amerikaner ausrichten, wenn gleichzeitig das eigene Volk unter Zelten ausharrt und auf Trinkwasser wartet! Dieses Volk richtet heute seine Hilferufe nicht mehr an Legba (Vodou-Gott, Hüter des Weges) und Ogoun-Ferraille (Kriegsgott), sondern an Jesus. Es löst sich damit von den eigenen Wurzeln."

Weitere Artikel: Der Philosoph Markus Tiedemann möchte die aufklärerische Religionskritik wieder stark machen, ruft kräftig "Ecrasez l'infame!", empört sich dann aber doch nur über den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche. Harry Nutt denkt über das Schuldenmachen nach. In Times mager widmet sich Daland Segler Fragen der modischen Individualität. Daniel Kothenschulte berichtet vom Fund eines frühen Chaplin-Films.

Besprochen wird Hans Neufels' effektvoller Wiederentdeckung von Simon Mayrs "Medea in Corinto" in München.

Weitere Medien, 09.06.2010

Unter dem Titel "It's time to stop demonizing Israel" schreibt Bernard-Henri Levy in Ha'aretz: "The catchphrase being trotted out ad nauseum refers to the blockade imposed 'by Israel'. The most elementary honesty, however, requires one to make clear that this blockade has been undertaken by both Israel and Egypt, conjointly..."
Stichwörter: Israel, Bernard-Henri Levy

Welt, 09.06.2010

Ein Berggruen rettet Karstadt (oder versucht es wenigstens) - die Welt zeigt in zwei Artikeln ihr Entzücken. Johnny Erling berichtet von den Tagebüchern des chinesischen Ex-Premiers Li Peng (ganz sicher ist nicht, dass es seine sind) über das Massaker auf dem Tienanmen-Platz, die im Internet aufgetaucht sind: Li Peng war der Hauptverantwortliche für den Armeeeinsatz. Für Andreas Rosenfelder geht der Rasen auf dem Schlossplatz okay. Paul Jandl freut sich, dass Mies van der Rohes Haus Tugendhat in Brünn restauriert wird. Fritz J. Raddatz schreibt den Nachruf auf den Grafiker Paul Wunderlich.

SZ, 09.06.2010

Türkei-Korrespondent Kai Strittmatter glaubt im Feuilletonaufmacher nicht, dass Tayyip Erdogan (trotz seiner jüngsten, hier nicht erwähnten Solidarisierung mit der Hamas) ins radikalislamistische Lager übergelaufen sei: "So schrill also schallt es aus dem Land, von rechts bis links, von fromm bis säkular. Das muss man wissen, um Erdogans Attacken einzuordnen. Der Mann ist längst kein Islamist mehr. Er ist jedoch durch und durch Populist, und er versucht nun offensichtlich, den Volkszorn auch in politische Münze umzuwandeln."

Weitere Artikel: Tschechien-Korrespondent Klaus Brill schriebt zum Tod des Schauspielers Ladislav Smoljak, eines der Schöpfer der beliebten nationalen Kunstfigur Jara Cimrman ("Eigentlich war ja Cimrman, nicht Edison der Erfinder der Glühbirne, aber zum Patentamt kam er leider zu spät. Eigentlich hat ja Cimrman den Joghurt und den Bikini erfunden und in den Hochalpen die moderne Hebammenkunst eingeführt"). Richard Fleming schreibt über die Krisenpoesie leerer Anzeigentafeln an amerikanischen Highways. Laura Weißmüller glaubt nicht, dass durch die Entscheidung, das Berliner Stadtschloss vorerst nicht wieder aufzubauen, viel Geld gespart wird. Till Briegleb war dabei, als Christoph Schlingensief in Hannover seine afrikanischen Festspielhauspläne vorstellte und verfolgte den Afrika-Schwerpunkt bei den Braunschweiger Theatertagen.

Besprochen werden J. S. Mayrs Oper "Medea in Corinto", dirigiert von Ivor Bolton in München. Ein neues Stück Christoph Nußbaumeders in Köln, Installationen der in Berlin lebenden iranischen Künstlerin Nairy Baghramian und Bücher, darunter der Sammelband "Strukturierte Verantwortungslosigkeit - Berichte aus der Bankenwelt".

Auf der Medienseite führt Chefredakteur Hans Werner Kilz ein stinklangweiliges Gespräch mit Theo Sommer über hundert Jahre Wichtigsein bei der Zeit.

FAZ, 09.06.2010

Einerseits ist die wirtschaftliche Lage in Spanien schlimmer, als sie oft dargestellt wird, meint Paul Ingendaay. Denn nicht nur der Staat, sondern auch Privatleute, Banken und Unternehmen sind katastrophal verschuldet. Andererseits kann aber von Katastrophenstimmung in der Bevölkerung nicht wirklich die Rede sein: "Man flucht über das Unglück, aber man jammert nicht. Sichtbarer als bei Nordeuropäern rücken die Familien jetzt noch enger zusammen und versuchen, die Arbeitslosen und Bedürftigen irgendwie durchzuschleppen."

Weitere Artikel: Wie der russische "Konflikt zwischen Kirche und Kunst" sich kurz vor Ende des Prozesses gegen den entlassenen Leiter der Moskauer Tretjakow-Galerie noch einmal zuspitzt, schildert Kerstin Holm. Regina Mönch kommentiert gebremst unfreundlich die Ernennung Luc Jochimsens zur Zählkandidatin der Linkspartei für die Bundespräsidentenwahl. Wolfgang Sandner schreibt den Nachruf auf den norwegischen Komponisten Arne Nordheim. Die DVD-Seite empfiehlt aus aktuellem Anlass die DVD "Referees at Work", aber auch eine sieben Filme umfassende französische Abbas-Kiarostami-Edition und den Kriegsfilmklassiker "Overlord" zur Ansicht. Auf der Medienseite gratuliert Michael Hanfeld den öffentlich-rechtlichen Sendern, die mit der neuen Haushaltsgebühr für alle Ewigkeit abgesichert werden.

Besprochen werden Hans Neuenfels' Münchner Inszenierung von Giovanni Simone Mayrs Oper "Medea in Corinto", ein Konzert von Marina & The Diamonds in Köln, die Ausstellung "Vodou. Kunst und Kult aus Haiti" im ethnografischen Museum Dahlem, Lukas Moodyssons Film "Mammut" (mehr) und Bücher, darunter die neue Übersetzung von Willa Cathers letztem Roman "Sapphira und das Sklavenmädchen" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).