Heute in den Feuilletons

Der, der uns fehlt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.06.2010. Gauck soll Präsident werden!, ruft Katja Lange-Müller in der FAZ. Schumann ist für die Musikwelt verloren, ruft die SZ. Die FR verteidigt Tilman Jens. Im Blog der New York Review of Books schreibt Ahmed Rashid über das Massaker an Betenden der Ahmadiyya-Sekte in Pakistan. In der Welt will Paul Scheffer in Integrationsfragen beides: Konfrontation und Selbstkritik. Wir bringen viele Informationen zur Verhaftung eines angeblichen Wikileaks-Informanten.

Weitere Medien, 08.06.2010

Der amerikanische Soldat Bradley Manning wurde verhaftet, weil er das Videomaterial über den Einsatz eines Kampfhubschraubers in Bagdad an Wikileaks gegeben haben soll. Bei dem Einsatz waren unter anderem zwei Journalisten von Reuters getötet worden. Am Sonntag berichteten (Ex-Hacker) Kevin Poulsen und Kim Zetter in Wired über die Verhaftung Mannings, ohne eine offizielle Bestätigung zu haben. Gestern jedoch bestätigte das Pentagon die Verhaftung. Eine knappe, aber informative Zusammenfassung des Wired-Artikels findet man in der Zeit. Der New Yorker beschrieb letzte Woche in einem großen Porträt von Wikileaks-Gründer Julian Assange, wie dieser das Bagdad-Video auf Island zusammenschnitt. Manning hatte dem Ex-Hacker Adrian Lamo offenbart, er habe das Material entwendet und außerdem 260.000 interne Dokumente aus Kreisen von US-Diplomaten, berichtet Wired. Lamo, der vor einigen Jahren unter anderem wegen eines Hacks in die Datenbank der OpEd-Kolumnisten der NYT verhaftet wurde (mehr hier), verriet Manning an das FBI. Laut Spiegel widersprechen die WikiLeaks-Betreiber "dieser Darstellung allerdings vehement. Zumindest die Angabe, sie hätten eine solche Zahl geheimer Botschaftsdokumente zugespielt bekommen, sei 'inkorrekt', teilen sie über das Twitter-Konto von WikiLeaks mit. Auch die Identität desjenigen, der ihnen das Video überspielt hat, könnten sie nicht bestätigen. 'Wir speichern nie persönliche Daten unserer Quellen', heißt es im Twitter-Feed."

TAZ, 08.06.2010

Uh-Young Kim unterhält sich mit dem Rapper Nas über dessen Album "Distant Relatives" mit Damien Marley, Jam-Sessions auf Jamaica und die immer neuen Herausforderungen: "Ich habe mich in meiner Musik schon immer auf Bewusstmachung, Ungerechtigkeit und diesen Scheiß bezogen. Und als größter MC muss ich eben Sachen machen, die an die Grenzen gehen."

Weiteres: Julia Gwendolyn Schneider berichtet von der Drawing Biennial im norwegischen Moss. Aram Lintzel meldet den Zerfall der antideutschen Szene: "Ein Indiz: Auf dem neuen Album von Egotronic seien keine Hymnen für israelisch beflaggte Raves nach der Bauart ihres Hits 'Raven gegen Deutschland' mehr zu hören." Oliver Ristau stellte beim Erlanger Comic-Salon eine gewisse Weiterentwicklung der deutschen Szene fest.

Besprochen wird Jochen Voits Ernst-Busch-Biografie "Er rührte an den Schlaf der Welt".

Und Tom.

Welt, 08.06.2010

Ein Hollywoodunterrnehmen hat den neuesten Film mit dem Bollywood-Star Shah Rukh Khan finanziert, um in neuen Sphären Fuß zu fassen. Im Gespräch mit Hanns-Georg Rodek erklärt Karan Johar, der Regisseur des Films, die Mentalitätsunterschiede zwischen Hollywood und Bollywood: "Bei einem der ersten Treffen habe ich denen gesagt: 'Seht her, Indiens Kinoszene wird von Familien beherrscht. Verträge bedeuten uns nichts.' Nehmen Sie Amitabh Bachchan, den Superstar. Seine Familie kennt meine Familie. Ich bin unter seinen Augen aufgewachsen. Ich werde ihm nicht mit einem 30-seitigen Vertrag unter der Nase herumwedeln. Ich gebe ihm ein Blatt Papier, das unterschreibt er, und das genügt uns beiden." "Mein Name ist Khan" läuft diese Woche in Deutschland an, im Aufmacher bespricht Rodek den Film.

Weitere Artikel: Manuel Brug schreibt zum 200. Geburtstag Robert Schumanns. Thomas Kielinger berichtet, dass die Labour-Politiker Blair und Mandelson ihre Memoiren vorlegen.

Auf der Debattenseite unterhält sich Rainer Haubrich mit dem niederländischen Soziologen Paul Scheffer, der trotz Fortschritten in der Integration von anhaltenden Problemen berichtet: "In Antwerpen sagten mir die Lehrer, es sei schwierig geworden, im Unterricht über den Holocaust zu sprechen, 80 Prozent der Schüler sind aus muslimischen Familien. Es ist schwierig geworden, in Biologie über die Evolutionslehre zu reden oder im Literaturunterricht über einen 'perversen' Schriftsteller wie Oscar Wilde. Da muss man, finde ich, die Konfrontation suchen. Aber das geht nur, wenn man eigene Vorurteile in der Mehrheitsgesellschaft anspricht."
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Twitterfeed der Verlage

FR, 08.06.2010

In seinem neuen Buch "Vatermord" verteidigt sich Tilman Jens gegen Vorwürfe, im Vorgänger "Demenz" seinen Vater Walter Jens auf üble Weise zu erledigen. Diese Kritik fand Arno Widmann schon damals falsch und tut es heute wieder: "An den Reaktionen auf das Buch kann man sehen, wie selbstgefällig und dumm Konventionen machen. Keinen der Rezensenten hat interessiert, wie unser Verstand zerfallen kann, wie der Körper ihm dabei mal folgt, mal voran geht. Keiner hat sich bedankt bei Tilman Jens, dass er ihm gezeigt hat, was jedem von uns passieren kann, was Tilman Jens aber nun einmal an seinem Vater hatte beobachten können."

Weitere Artikel: In Times mager kommentiert Harry Nutt die Verschiebung des Schlossaufbaus: "2014 ist nicht zuletzt ein Datum politischer Kleinmut. Man spart sich was ab, aber am Ende kaum etwas ein." Jens Balzer berichtet vom Comic-Salon Erlangen. Marin Majica hat jetzt auch ein iPad in die Hände bekommen, und gibt auf der Medienseite erste Erfahrungen zu Protokoll.

Besprochen werden Christina Aguileras neues Album "Bionic", eine Theaterfassung des Films "Meeresfrüchte" am Staatstheater Wiesbaden, Michael Jarrells Musiktheater "Le Pere" in Schwetzingen, Neuerscheinungen zum zweihundertsten Geburtstag Robert Schumanns und Alice Munros frühe Erzählungen "Tanz der seligen Geister" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Aus den Blogs, 08.06.2010

In der NYRB schreibt Ahmed Rashid über das Massaker am 28. Mai in Lahore an Betenden der Ahmadiyya-Sekte. Mehrere Bewaffnete schossen in zwei Moscheen und warfen Handgranaten. Dabei starben mindestens 74 Menschen und 108 wurden verletzt. Die Ahmadiyya ist eine islamische Glaubensgemeinschaft, die 1889 in Indien gegründet worden war und für eine friedliche Verbreitung des Islam eintritt. In Pakistan wurde sie in den Siebzigern zu einer "nicht-muslimischen Minderheit" erklärt. "On Friday some of the local TV channels even refused to name their sect, calling them instead 'a religious minority'", schreibt Rashid. "Senior government officials declined to meet with Ahmadi representatives or visit hospitals where the wounded were being treated. Pakistan has taken an awfully long time to understand that it faces an unprecedented terrorist threat that is not a result of conspiracies hatched in Washington, New Delhi or Tel-Aviv, as many in the public believe, but that is the result of the Pakistani state's nurturing of extremist groups since the 1970s. Part of the problem is the refusal of the army and the government to accept the fact that Pakistan faces a serious terrorist threat in its populated heartland of Punjab."

Das Musikblog laut.de meldet: "Elvis Costello, Gorillaz, Gil-Scott Heron, Klaxons, Carlos Santana und nun auch Pixies: Sie alle sagten kurzfristig ihre Konzerte in Israel ab. Obwohl die Bands nicht immer genaue Gründe dafür angeben, spekulieren nicht nur Fans über Zusammenhänge mit der derzeitigen politischen Situation."

NZZ, 08.06.2010

Peter Bürger denkt über einen Verfall der Kritik nach und beklagt den Mangel an "selbstsicheren Kritiker-Subjekten". Auf der Medienseite fragt sich Rainer Stadler, wie die Schweizerische Rundfunkgesellschaft ihre Finanzlöcher stopfen kann. In einem zweiten Text denkt er über die Wirkmacht der Bilder und Israel nach. Im Feuilleton radelt Sieglinde Geisel mit Velotouristen durch Berlin.

Besprochen werden das Intellektuellenfestival "Dialoghi sull'uomo" im idyllischen Pistoia, die Ausstellung "Maler des Lichts" des Barockkünstlers Johann Evangelist Holzer im Schaezlerpalais und im Diözesanmuseum und Bücher, darunter Alice Munros endlich ins Deutsche übersetzter Debütband "Tanz der seligen Geister" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14Uhr).
Stichwörter: Peter Bürger, Israel

FAZ, 08.06.2010

So eine Art Messias scheint der Schriftstellerin Katja Lange-Müller im SPD- und Grünen-Kandidaten fürs Präsidentenamt Joachim Gauck erschienen, und Tatsache, das macht seinen Vorgänger dann zum veritablen Johannes: "Joachim Gauck ist der, der uns fehlt, richtiger der, den wir benötigen, nicht nur, aber wenigstens in diesem Amt, das beschädigt wurde, nicht nur, aber auch von einem Dünnhäutigen, der schlicht die Nerven verlor und der dem Land, dem zu dienen er zweimal geschworen hatte, nun doch einen letzten 'Dienst' erwies, indirekt, indem er einen Kandidaten wie Gauck ermöglichte." Na, dann Hallelujah! Wer Gaucks Kandidatur unterstützen möchte, kann hier eine Petition unterzeichnen.

Weitere Artikel: Vom diesmal jedenfalls noch nicht kleinzusparenden Erlanger Comicsalon berichtet Andreas Platthaus, der die ganze Branche in Deutschland derzeit "im Aufwind" sieht wie noch nie. Nicht anders denn als "epochale Niederlage der Kulturpolitik" kann Andreas Kilb den Stadtschlosswiederaufbauaufschubentscheid der Berliner Sparkoalition begreifen. Die ersten der Frankfurter Poetikvorlesungen, die der ausdrücklich multiidentitäre Navid Kermani unter dem Titel "Jean Paul, Hölderlin und der Roman, den ich schreibe" hält, hat Karen Krüger gehört. Patrick Bahners glossiert die Verteidigung des Horst Köhler durch Oskar Lafontaine bei Anne Will. Frank Pergande referiert recht kurz, was auf einer Uwe-Johnson-Tagung in Rostock geschah. Auf die Eröffnung des Pyramidenfelds im ägyptischen Abusir freut sich Karin Iwanczuk - allerdings beklagt sie, dass die Fertigstellung des neuen Ägyptischen Museums bei Kairo nach wie vor nicht in Sicht ist. Swantje Karich schreibt zum Tod des Grafikers Paul Wunderlich.

Auf der Medienseite schildert Detlef Borchers, wie die geheime Wikileaks-Quelle des Videos, das die Tötung von Zivilisten in Bagdad zeigte, jetzt (möglicherweise) aufflog.

Besprochen werden die Uraufführung von Christoph Nussbaumeders Stück "Die Kunst des Fallens" in Köln, Andre Wilms' Inszenierung von Michael Jarrells Musiktheater "Le Pere" nach Heiner Müller bei den Schwetzinger Festspielen, die Ausstellung "Horace Walpole's Strawberry Hill" im Victoria and Albert Museum in London und Bücher, darunter Thomas Langs Roman "Bodenlos" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 08.06.2010

"Schumann ist für die Musikwelt verloren", lautet der recht kräftige Einstiegssatz in einem lesenswerten kleinen Essay Reinhard Brembecks zur Aktualität des Komponisten (der natürlich pünktlich zum 200. Geburtstag präsentiert wird). Und weiter: "Die Vertreibung aus dem Paradies hat bei Schumann eine Erinnerung an dasselbe hinterlassen, das er in der bei ihm allgegenwärtigen Sehnsucht nach der Idylle immer wieder komponiert. Doch der Trost dieser so beschworenen Idylle ist bitter, weil ihre Klänge sie stets als unerreichbar, als Chimäre formulieren."

Wilhelm Kempf spielt hier das Schlussstück aus den Kreisleriana, auch wenn seine Interpretation nicht die Approbation des Kritikers findet (Giesekings Aufnahme ist bei Youtube nicht verzeichnet):



Mit Notaten zu Einzelaspekten des Werks vervollständigen Kollegen die Schumann-Seite.

Weitere Artikel: Laura Weißmüller schreibt über die beschlossene Verschiebung des Baus der Schlossattrappe in Berlin. Thomas Steinfeld resümiert eine im TLS ausgetragene und durch Martha Nussbaums neues Buch "Not For Profit: Why Democracy Needs the Humanities" (Auszug) ausgelöste Debatte um die Zukunft der Geisteswissenschaften.

Auf der Medienseite stellt Moritz Baumstieger die auf einem Spendenmodell basierende journalistische Website VJMovement.com, vor. Außerdem berichtet Claudia Tieschky, dass die eigentlich beschlossene Werbefreiheit der öffentlich-rechtlichen Sender nicht kommen wird - um die neue Haushaltsgebühr nicht teurer werden zu lassen als die bisherige GEZ-Gebühr.

Besprochen werden die Ausstellung "Newspeak: British Art Now, Part I" in der Saatchi Gallery, London (die nicht an vergangene Skandale anschließen kann, meint Alexander Menden) und Schillers 'Verschwörung des Fiesco zu Genua' am Nationaltheater Weimar.